Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
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Das Zutagetreten asymmetrischer Beziehungen In den obigen Schilderungen und Aussagen zeichnet sich die Tendenz ab, daß für viele junge Deutsche die Begegnung mit Frankreich und seinen Bürgern eine Quelle des Unverständnisses ist und mitunter zur persönlichen Distanzierung führen kann. Doch kann man aus ihren Reaktionen ableiten, daß sie "von oben herab" betrachten, was sich "dort unten" abspielt, und daß die jungen Franzosen mit Bewunderung zu den Deutschen aufblicken? Wenngleich man a priori meinen könnte, daß die Partner einer Austauschbegegnung in diesem Rahmen einen gleich wertigen Status besitzen, läßt das oben Gesagte doch womöglich auf eine Asymmetrie zwischen beiden Partnern schließen. Von dieser vorläufigen Annahme geleitet, haben wir die in den 16 Arbeitstexten zusammengetragenen (198 deutschen und 200 französischen) Aussagen einer umfassenden quantitati ven Analyse unterzogen. Diese (im Rahmen eines zweiten, in psychosoziologischer Hinsicht weitaus fachspezifischeren Textes ausgeführte) Analyse befaßt sich insbesondere mit der Art, wie die jeweiligen Partner einander wahrnehmen, mit dem Austausch, mit dem anderen Land und ganz allgemein mit den einzelnen Aspekten, die bei der Begegnung eine Rolle spielen (Familie, Schule, Kontakt mit den Partnern...). Es wurde - um es kurz zusammenzufassen - in der Tat erkennbar, daß die deutschen Schüler von einer Überlegenheit der Deutschen in Bezug auf wesentliche "Fortschrittswerte" (individuelle Freiheit und Demokratie in den familiären Beziehungen und in der Schule, Verantwortungsbewußtsein der Bürger - zum Beispiel in Sachen Umweltschutz -...) überzeugt sind. Die französischen Schüler betrachten das deutsche Modell ihrerseits mit einiger Bewunde rung und scheinen insofern, diese Wahrnehmung zu teilen. Ins gesamt spiegeln die Äußerungen der Schüler ein von Überlegenheit geprägtes Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland wider. Anhand verschiedener Kriterien der materiellen Lebens qualität sowie kultureller Werte (Umweltschutz, Sauberkeit...) werden beide Länder in ein differenzierendes, hierarchisierendes Bezugssystem gepaßt, in dem Frankreich und die Franzosen eher unten, die Deutschen und Deutschland eher oben stehen. Gemes sen anhand dieser Werteskala, wird die statusmäßig zugeschrie bene Ungleichheit nicht nur von einem Großteil der jungen Deutschen, sondern auch von den am Austausch beteiligten Franzosen als Tatsache angesehen und als solche verinnerlicht. Indem sie die gleichen wirtschaftlichen und kulturellen Kriterien aufwerten, erkennen die Franzosen gleichsam ihre Unterlegenheit gegenüber den Deutschen an. Diese Differenzierung zugunsten der Deutschen gilt in ähnlicher Weise für die Familie und ins besondere für die Schule: Das deutsche Schulsystem gilt als überlegen, und die deutschen Schüler werden im Vergleich zu ihren französischen Kameraden als freier angesehen. Doch zurück zur Analyse in diesem Text: Die Einführung bestimmter kennzeichnender, aber peripherer (weil nur von einer der beiden Gruppen bzw. von einzelnen Mitgliedern einer der beiden Gruppen geteilter) Unterscheidungskriterien läßt eine Aufwertung der "abgewerteten" Gruppe zu, ohne jedoch die ursprüngliche Hierarchisierung in Frage zu stellen. So enthalten mehrere Arbeitstexte eine Reihe von Aussagen junger Deutscher über die "soziale Wärme" in den französischen Familien, aber auch unter den Franzosen ganz allgemein: "Was ich ganz toll finde, ist die Gemeinschaft: Da stehst Du auf dem Schulhof, und da kommt jemand, den Du nicht kennst, und der küßt Dich ab! Ich mag's zwar nicht, aber ich finde es witzig." Was die jungen Franzosen angeht, so weicht ihre Sympathie für das deutsche Modell einer Art mißbilligender Verwunde rung, nämlich wenn sie sich über den Umgang "der" Deutschen (d.h. sowohl ihrer deutschen Partner als auch der Deutschen insgesamt) mit dem anderen Geschlecht oder mit ausländischen Arbeit nehmern bzw. mit den Bürgern der ehemaligen DDR äußern. Die im vorliegenden Text durchscheinende Asymmetrie in den Beziehungen zwischen den deutschen und französischen Partnern - die wir, wie bereits erwähnt, anhand einer spezialisierteren Analyse nachweisen konnten - läßt sich auch an dem Anspruch beider Seiten ablesen, den sie mit der Erfüllung der an die Begegnung geknüpften Erwartungen verbinden, sowie an der Art, wie jede Seite den Beitrag der anderen bewertet. Zahlreiche Kommentare aus den Reihen der deutschen Teilnehmer machen deutlich, daß sie sich ihrer Ansicht nach selbst mehr bemühen als die Franzosen, den Austausch erfolgreich zu gestalten. "Enttäuschung bei den deutschen Teilnehmern, die fühlen, daß das großartige erwartete Erlebnis ausbleibt und sie es mit ganz normalen Menschen, bzw. mit durch die fremde Umgebung eher leicht verschüchtert wirken den Judendlichen zu tun haben. Die Deutschen sind etwas genervt durch die Tatsache, daß (wohlgemerkt auf eigenen Wunsch) ein Großteil der Begegnung ihrer individuellen Gestaltung überlassen bleibt. Sie fühlen moralischen Druck, ihren Partnern irgendetwas zu bieten, und fürchten, dabei selbst womöglich nicht auf ihre Kosten zu kommen." "Wir langweilen uns und laufen in der Stadt rum. Die haben es mit uns schon ganz schön einfach. Als sie bei uns waren, mußten wir ab mittags immer etwas unter nehmen. Hier braucht sich niemand um so was zu küm mern: Bis fünf Uhr Schule, dann geht man heim, ißt zu abend, und der Tag ist rum. Auch am Wochenende wird kaum was organisiert. Wir zu Hause haben immer was organisiert..." "Was nützt es, wenn ich in der französischen Klasse bin und nichts verstehe? Das bringt mir doch nichts! Da gehe ich lieber in die Stadt. Im Geschichtsunterricht zum Beispiel vertehe ich überhaupt nichts. Die reden viel zu schnell. Außerdem sind die Klassen ziemlich voll." Die Ansicht, daß die Franzosen nicht richtig "mitspielen", wird auch anhand der Äußerungen einiger deutscher Lehrer deutlich (Diese Äußerungen wurden französischen Arbeitstexten entnommen): "Il n'y a pas de professeur français avec nous. On nous laisse tout faire nous-mêmes. En Allemagne, il y a tou jours un accompagnateur allemand. Ici, ce n'est pas bien." (Wir haben keinen französischen Lehrer, der mit uns geht. Die lassen uns alles selbst machen. In Deutschland ist immer ein deutscher Begleiter dabei.) "On aurait dû organiser bien plus de cours et d'activités en commun." (Man hätte viel mehr gemeinsame Unterrichtsstunden und andere Aktivitäten zusammen veran stalten sollen.) Es besteht der Eindruck, daß die Franzosen ihren Teil entweder nicht beitragen können oder es nicht wollen: "Einige der deutschen Jugendlichen äußerten Erleich terung, daß es jetzt zu Ende sei. Die Franzosen seien doch anders gewesen als damals bei ihrem Besuch: Von den Lehrerinnen höre ich, daß manche Deutsche immer wieder frustriert waren, daß die Franzosen das für sie arrangierte Programm nicht mitgemacht hätten. Auch in Hamburg war offenkundig viel in national getrennten Grüppchen gelaufen." "Das Interesse der französischen SchülerInnen an den deutschen Dingen war vorhanden, jedoch nicht so aus geprägt wie die Haltung auf der anderen Seite. Meinung eines deutschen Schülers: "Für die hört die Welt doch an der belgischen Grenze und der Côte d'Azur auf." "Die Deutschen trauen sich hier auch eher, mit den Franzosen zu quatschen. Die Franzosen sind schon schüchtern. Viele können auch ganz schlecht Deutsch. Ich kann auch nicht gut Französisch, aber ich traue mich eben. Ich glaube, Deutsch ist für Franzosen schwerer als umgekehrt." "Meine Französin spricht kein Wort Deutsch." So wurde auch die Aufmerksamkeit eines der neun Forscher auf die als geringer eingeschätzten Bemühungen "der" Franzosen gelenkt und auf das geringere Interesse, das sie an der anderen Kultur zeigen. "Auf deutscher Seite war die Fähigkeit, aktiv die konkrete Kommunikation anzugehen, deutlicher ausgeprägt. Die Gründe für diese Erscheinung konnten die französischen Lehrer aber erstaunlicherweise nicht nennen, und was mich weit mehr verwirrte: Sie hatten keinerlei Vorschläge, wie sie bei ihren SchülerInnen erreichen könnten, was zu vermissen war." Das Ausbleiben von Bemühungen bzw. die vermeintliche Unfähigkeit, das "Spiel mitzuspielen", irritiert mitunter auch die Veranstalter: Die den Franzosen zugesprochene Neigung, Verhaltensregeln zu durchbrechen, bestätigt sich ein neues Mal anhand abweichender Verhaltensweisen (Diese Aussagen wurden französischen Arbeitstexten entnommen): "...un autre incident survenu pendant le voyage d'avril à Göttingen, au cours duquel quelques jeunes Français s'étaient fait pincer par des commerçants en train de chaparder des babioles et s'étaient fait ramener au collège par la police." (Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich während des Aprilaufenhalts in Göttingen: Ein paar junge Franzosen waren in einem Laden beim "Klauen" erwischt und von der Polizei in der Gastschule abgeliefert worden.) |