Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
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Der "psychologische Preis" des Austauschs und der Rückzug in die eigene nationale Gruppe Der Rückzug in die nationale Gruppe ist bezeichnend. Ein solches Verhalten weist eindeutig darauf hin, daß die Begegnung beiden Seiten einen psychologischen Preis abverlangt: Der Umgang mit dem fremden sozialen Umfeld erfordert Anpassungsbereitschaft und übt einen gewissen Druck aus. Daß sich die Jugendlichen diesen Anforderungen mit einiger Regelmäßigkeit entziehen, zeigen eine Reihe von Beobachtungen (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen): "Einige der Deutschen und Franzosen suchten gleichsam Schutz bei ihren jeweiligen Klassenkameraden, um sich nicht zu schnell wieder der Einzelsituation mit dem Part ner auszusetzen." "Notamment dans les moments informels (comme les repas, les promenades...), l''homophilie" reprend ses droits: Lors des déplacements, dans le car, ils s'asseyaient souvent à côté de leurs correspondants, même si, après, ils se déplaçaient pour discuter avec leurs camarades habituels." (Vor allem die informellen Situationen (Mahlzeiten, Ausflüge...) werden von den Jugendlichen genutzt, um sich zu "ihresgleichen" zu gesellen. Während der Busfahrten beispielsweise setzen sie sich zwar oft erst einmal neben ihre Korresponden ten, doch schon bald verlassen sie ihren Platz, um sich mit ihren gewohnten Freunden zu unterhalten.) Gewiß, der Rückzug in die nationale Gruppe entspricht nicht nur einer psychologischen Entlastung für die Wiedergewinnung neuer Energien, um anschließend mit der neuen Umgebung und dem damit verbundenen Streß besser fertigzuwerden; sie kann hin und wieder auch anderen Erfordernissen dienen, die mit dem Alter der Jugendlichen zusammenhängen: "L'échange avait été le moment déclencheur d'une amitié pour l'une des jeunes filles françaises. Solitaire et sans amies, fréquemment victime de syncopes, le séjour en Allemagne lui avait permis de se faire une amie fran çaise. Inséparable depuis de son amie et apparemment guérie de ses attaques, elle a participé à presque toutes les sorties et activités communes." (Der Austausch war für eine der französischen Teilnehmerinnen das auslösende Moment für eine Freundschaft gewesen: Während sie bis dahin als Einzelgängerin bekannt war und häufig ohnmächtig wurde, hatte ihr der Aufenthalt in Deutschland ermöglicht, sich mit einer anderen Fran zösin anzufreunden. Seither sind die beiden unzertrenn lich, und unser Sorgenkind scheint sogar von seinen Be schwerden geheilt. Jedenfalls konnte das Mädchen künf tig an fast allen Ausflügen und sonstigen gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen.) War diese Rückzugsreaktion - zumindest dem Anschein nach - auf französischer Seite stärker ausgeprägt? Einige Arbeitstexte scheinen dies zu bestätigen (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen): "Die französische Gruppe inszenierte ihr Gemeinschafts erlebnis: "Wir im fremden Land". Mir fiel auf, daß auch die französischen Lehrerinnen vollkommen in dieser Gruppe untergetaucht schienen und an diesem Abend fast überhaupt keinen Kontakt mit ihren deutschen Part nerinnen hatten." "Abschlußfete: Im Ganzen war es eindeutig der Abend der Franzosen; sie beherrschten die Tanzfläche! Sie sorgten für Dunkelheit, die immer wieder durch flackerndes Licht unterbrochen wurde. Sie tanzten, zuweilen in Gestalt einer stampfenden Schlange, die einen passenden Videoclip imitierte, zum Teil als Gesamtgruppe eng umschlungen, dann wieder in aggressiven Pogotänzen. Nur einzelne Deutsche mischten sich darunter..."
Die Sprachkompetenz der Jugendlichen Die Frage ist berechtigt, ob sich größere Sprachkompetenz auch positiv auf die Akzeptanz der Merkmale einer anderen Kultur und damit auf interkulturelles Lernen schlechthin auswirkt. Einer der Forscher bemerkt hierzu: Diese Beobachtung wird jedoch durch folgende Feststellung eines anderen Forschers relativiert: Häufig sieht man, daß Sprachkompetenz nicht unbedingt Kommunikationsfähigkeit bedeutet: "L'une des jeunes filles françaises, peu aimée de ses camarades de classe, élève plutôt médiocre, a néanmoins réussi à s'imposer auprès des Allemands; elle s'entendait à merveille avec plusieurs filles et garçons allemands." (Eines der französischen Mädchen - in seiner Klasse nicht sehr beliebt und eine eher mittelmäßige Schülerin - hat es trotz allem geschafft, sich bei den Deutschen zu behaupten: Sie verstand sich fabelhaft mit einigen deutschen Mädchen und Jungen.) "L'une des élèves allemandes, particulièrement faible en français et déçue en arrivant parce que sa correspon dante française n'avait jamais répondu à ses lettres, avait réussi à s'intégrer dans tous les groupes en passant allègrement des élèves français aux copines allemandes et vice-versa." (Einer der deutschen Schülerinnen, deren Leistungen in Französisch besonders dürftig waren und die sich bei der Ankunft beklagte, daß ihre französische Korrespondentin ihr nie zurückgeschrieben habe, war es gelungen, sich in alle Gruppen zu integrieren, wobei sie ganz unbefangen zwischen den französischen Schülern und ihren deutschen Freundinnen hin- und her wechselte.) "La langue n'est pas un obstacle principal pour s'enten dre. Des élèves très médiocres à l'école (du moins selon les appréciations de leurs professeurs français), plusieurs fois redoublants, se sont liés aux élèves alle mands avec aisance, tandis que quelques très bons élèves sont restés plutôt à l'écart ou repliés au sein du groupe français." (Die Sprache ist kein entscheidendes Hindernis bei der Verständigung. Einige (ihren französischen Lehrern zufolge) sehr mittelmäßige Schüler, die sogar mehrmals sitzengeblieben waren, schlossen sich den deutschen Schülern problemlos an, während einige sehr gute Schüler sich eher abseits hielten oder in der französischen Gruppe verschanzten.) "Il est intéressant de constater que certains monolingues, très sociables, ont réussi à entretenir des relations ami cales avec des participants d'autres nationalités en utili sant un bagage linguistique minimal." (Es ist interessant festzustellen, daß einige einsprachige Schüler sehr leicht Anschluß fanden und trotz ihrer verschwindend geringen Kenntnis der anderen Sprache mit Teilnehmern anderer Nationalitäten freundschaftliche Beziehungen unterhalten konnten.) "Agés de 14 ans en moyenne, les élèves font du français ou de l'allemand comme langue étrangère depuis 2 à 3 ans, pendant 4 heures par semaine. Leurs connaissances de l'autre langue sont encore limitées, et il arrive que l'échange se fait plus facilement en anglais qu'en alle mand ou en français." (Die Schüler sind durchschnittlich 14 Jahre alt und lernen seit zwei bis drei Jahren Französisch bzw. Deutsch in der Schule (4 Wochenstunden). Ihre Sprachkenntnisse sind also noch sehr begrenzt, und so kommt es vor, daß sie sich leichter auf englisch verständigen können als auf deutsch oder französisch.)
Schlußfolgerungen Aus der thematischen Analyse der 16 Arbeitstexte über den deutsch-französischen Schulaustausch ergeben sich eine Reihe vorläufiger, interpretativer Feststellungen: Die Austausch programme beruhen fast immer auf dem Enthusiasmus und der franco- bzw. germanophilen Einstellung einiger deutscher und französischer LehrerInnen, deren Initiativen die Verantwortlichen der Schulverwaltung in der Regel folgen (ohne ihnen vorzugreifen), vorausgesetzt, daß ihnen kein persönlicher Beitrag zur Durchführung des Austauschs abverlangt wird. Was die Schüler betrifft, so nehmen sie vorbehaltlos an den Begegnungen teil. Im Kontakt mit der Gastfamilie, der ausländischen Schule und den Partnern des Austauschs bilden sie sich von den Anderen und ihrer jeweiligen nationalen Gruppe eigene Vorstellungen, welche dann erstaunliche Übereinstimmungen aufweisen. Wenn gleich man hier von "prädominierenden Repräsentationen" sprechen kann, darf nicht vergessen werden, daß sich Schüler, Lehrer und Veranstalter nicht etwa gleichsam "im Chor", sondern jeweils auf sehr unterschiedliche Weise äußern, so daß sich die vorherrschenden Tendenzen jeweils sehr global abzeichnen. So berufen sich beispielsweise die deutschen Schüler auf ihre persönlichen Erfahrungen im eigenen Land, um in Frankreich beobachtete Phänomene wie Autoritarismus, mangelnde Flexibi lität, Strenge und die Einschränkung der Freiheit im Schoße der Familie und vor allem in der Schule zu kritisieren, während die französischen Schüler das, was sie in den deutschen Schulen und Familien sehen, eher mit Verwunderung bzw. Sympathie auf nehmen, jedoch ohne ihre Ansicht über die Verhältnisse im eige nen Land grundlegend abzuwerten. Eine Schülerin sagt: "In Frankreich geht es nur mit Autorität." Auch beklagen die deutschen Schüler das Laisser-aller der Franzosen in Bezug auf Umwelt, während die französischen Schüler bei den Deutschen einen größeren Bürgersinn auf diesem Gebiet feststellen. Beide Seiten bezeugen gleiches Interesse für die quantitativen Merk male des Wohlstands (zwei Autos pro Familie, Wohnkomfort...) und kommen zu dem gemeinsamen Schluß, daß die Deutschen und Deutschland wirtschaftlich besser gestellt seien als Frankreich und die Franzosen. All dies begünstigt die Wahr nehmung einer statusmäßigen Asymmetrie zwischen den beiden Gruppen und Systemen, wobei die eine der beiden Gruppen von der anderen stärker valorisiert und damit in deren Augen wirtschaftlich sowie in Bezug auf Fortschrittswerte wie Demokratie, Liberalismus, individuelle Autonomie und gemein schaftliches Verantwortungs bewußtsein (Beispiel Umwelt) in der sozialen Hierarchie eher oben rangiert. Die Asymmetrie zwischen den beiden nationalen Gruppen besteht, weil sie von deren Mitglie dern als Tatsache anerkannt wird. Die Asymmetrie nimmt jedoch ganz andere Formen an, wenn die Mitglieder dieser beiden Gruppen sich als Teilnehmer am Aus tausch evaluieren und damit selbst zum Gegenstand der Bewer tung werden. Dann bedauern die jungen Deutschen beispiels weise, daß sich ihre französischen Kameraden nicht genug in die Begegnung einbringen (diese Ansicht wird ja, wie wir gesehen haben, bis zu einem gewissen Grade von den Lehrern und den Veranstaltern des Austauschs geteilt); sie werfen ihnen vor, daß sie nicht am Programm und den geplanten Aktivitäten teil nehmen, sich nicht bemühen, deutsch zu sprechen, zu sehr unter sich bleiben und als Mitglieder einer nationalen Gruppe in Erscheinung treten. Damit gelangen sie - die Deutschen - zu der Ansicht, die Franzosen seien weniger "tauglich", weniger interes siert und weniger aktiv als sie selbst, und übertragen die zwischen beiden nationalen Gruppen beobachtete Asymmetrie - welche zu ihren Gunsten ausfällt, auf die Mitglieder dieser Gruppen, im vorliegenden Fall auf die Schüler, die am Austausch teilnehmen. Auf dieser Ebene der Repräsentationen ist interessant, daß die deutschen Jugendlichen diesen Standpunkt allein vertreten: keiner der Arbeitstexte enthält entsprechende Äußerungen aus den Reihen der französischen Teilnehmer. Im Gegenteil: Wenn diese aufgefordert werden, sich selbst und ihre Korrespondenten in ihrer Eigenschaft als Teilnehmer des Austauschs zu evaluieren, neigen sie dazu, die zuvor anerkannte Asymmetrie quasi aufzu heben, um sie sogleich durch eine neue Asymmetrie zu ersetzen, diesmal zu ihren Gunsten und aufgrund völlig anderer Kriterien. Dabei berufen sie sich nicht, wie die jungen Deutschen, auf instrumentelle Kompetenzen, sondern auf kennzeichnende Merkmale eines "Savoir-faire" bzw. "Savoir-être" unter Einbezug einer Perspektive des Beziehungsgeflechtes (Beziehungen zum anderen Geschlecht, zur Musik oder zum Tanz....) und greifen somit, ohne die auf einer globaleren Ebene angesiedelten Überle genheit der anderen nationalen Gruppe ausdrücklich abzuleugnen, zu Strategien, die es ihnen ermöglichen, unter den Teilnehmern die Angehörigen ihrer eigenen nationalen Gruppe aufzuwerten.
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