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ALLTAG, VORURTEILE UND INTERKULTURELLES LERNEN
1. Was heißt Alltag und wie steht die Begegnungssituation zum Alltag? Die Kurssituation in den deutsch-französischen Begegnungsprogrammen und der Alltag stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Dieses Verhältnis kann man positiv und negativ beschreiben: Die positive Beschreibung spiegelt in der Regel die Erwartungen wider, mit denen die Teilnehmer zum Kurs kommen. In der Begegnung mit jungen Menschen aus dem anderen Land wird die Chance des Erlebens von Neuem gesehen, eine Unterbrechung des Alltags, der Pflichten und der Konventionen. Der Kurs scheint die Möglichkeit zu bieten, dem Leistungsdruck und den Zwängen der Arbeit zu entgehen, eine neue Erfahrung von Zeit machen zu können, nicht in einem starr geregelten Tageslauf funktionieren zu müssen, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufheben zu können. Weitere erwartete positive Aspekte sind oft die neuen Kontakte, die Erfahrung von Kollektivität und Selbstorganisation, die Möglichkeit des affektiven Auslebens und die Hoffnung, sich als ganze Person einbringen zu können. Die negative Beschreibung der Begegnungssituation in ihrem Verhältnis zum Alltag stellt oft zugleich die Erfahrung dar, die die Teilnehmer im Kurs machen. Einerseits zeigt es sich, daß im Kurs das erhoffte Neue ausbleibt, daß die Teilnehmer nicht fähig sind oder daß ihnen die Kraft fehlt, die Spontaneität aufzubringen, die notwendig wäre, den Alltag zu durchbrechen, daß er wiederkehrt als Kursalltag. Andererseits stellt der Kurs zuweilen eine Fluchtposition vor dem Alltag dar, der Alltag wird für die Dauer des Kurses vergessen, verdrängt; es fehlt die fruchtbare Spannung zum Alltag. So wird der Kurs zur Kehrseite des Alltags, ist nichts qualitativ anderes, er erhält (lediglich) eine Reproduktionsfunktion für das alltägliche Leben, Regeneration für die Arbeit, die die Teilnehmer nach Kursende wiederum erwartet. Gemeinsame und gegenseitige Erfahrungen von Menschen sind nur möglich, wenn sie deren Alltag einbeziehen. Der Bereich, in dem wir alle die unmittelbarsten und am nachhaltigsten wirkenden Erfahrungen machen, ist unser tägliches Leben. Hier erwerben wir die Wahrnehmungsmuster, mit denen wir die Welt interpretieren. Hier eignen wir uns die Verhaltensregeln an, mit denen wir dem anderen begegnen. Genau diese Uberlegung spielte eine wichtige Rolle bei der Errichtung des Deutsch-Französischen Jugendwerks: Junge Menschen in Alltagssituationen zusammenzubringen, ihnen für die Dauer der Begegnung ein gemeinsames Leben zu ermöglichen. Freilich stellt sich die angestrebte Wirkung - die Verstärkung der Gemeinsamkeit- nicht selbsttätig her. Zahlreiche Untersuchungen haben dies gezeigt.1) Es ist ein behutsames pädagogisches Szenario notwendig, das es möglich macht, daß die Teilnehmer alle die hemmenden Faktoren, die neuer Erfahrung entgegenstehen, wie Blockierungen, Projektionen, selektive Wahrnehmung, Abwehr und Flucht vor dem Anderen, Fremden produktiv bearbeiten zu können. In jedem Fall aber müssen solche Versuche ausgehen von den alltäglichen Erfahrungen der Teilnehmer; nur dann sind gemeinsame Lernprozesse möglich, die zu neuen Verhaltensqualitäten führen. Auch Vorurteile wurzeln im alltäglichen Leben. Sie sind keine bloßen Meinungen oder Auffassungen der Menschen, sondern eingebunden in deren Alltagspraxis. Deshalb können Vorurteile auch nicht nur auf der rational-argumentativen Ebene widerlegt und beseitigt werden, sondern sie müssen im Alltagszusammenhang aufgearbeitet werden.
2. Das doppelte Gesicht des Alltags An dieser Stelle ist eine Verständigung über das, was Alltag, Alltäglichkeit heißt, notwendig. Das Immergleiche, das Wiederkehrende in seiner Monotonie ist offensichtlich das Charakteristische für den Alltag. Georg Büchner läßt Danton sprechen: Leben im "Werkeltag" (Marx) vollzieht sich in stereotypen Formen. Wir handeln, ohne ein Bewußtsein davon zu haben, was wir eigentlich tun. Die Frage nach dem Verlassen des Hauses: Habe ich des Licht ausgeschaltet? Ist die Kochplatte abgestellt? signalisiert diese Bewußtlosigkeit des Tuns. Diese Automatisierung des Handelns und der Abläufe hat eine entlastende Funktion, sie ist die Technik, mit immer wiederkehrenden Verrichtungen fertig zu werden. Auch die Interaktion mit Menschen vollzieht sich im Alltag nach solchen eingeschliffenen Mustern. Wir wissen genau, was auf eine bestimmte Frage zu antworten ist, wie in einer bestimmten Situation zu reagieren ist. Ein Experiment: Wir grüßen auf der Straße im Vorübergehen einen fremden Menschen mit allen Zeichen des Erkennens und der Freundlichkeit. Die Gedanken, die im Kopf des Gegrüßten ablaufen,sind präzis zu rekonstruieren: "Wer ist das wohl? Er hat mich so freundlich gegrüßt, als seien wir alte Bekannte. Aber ich kenne ihn nicht. Ich kann ihn beim besten Willen nicht einordnen... Er wird mich wohl verwechselt haben." Erst wenn diese Stufe der Erklärung erreicht ist, kehrt wieder Ruhe bei dem Gegrüßten ein, die Welt ist wieder für ihn in Ordnung. Das Alltagsbewußtsein umfaßt die Regeln, nach denen wir uns mit unserer Umwelt arrangieren. Sie reduzieren die Komplexität der Realität auf das Faßbare, das Machbare. Sie sind die Schneisen durch den Dschungel der Gesellschaft. Die Bewußtlosigkeit des Alltagshandelns bedeutet aber zugleich ein Abschneiden der Möglichkeit neuer Erfahrung. Die Formen der Verarbeitung von Alltagserfahrung setzen sich an die Stelle von Erfahrung, sie kann zu einem Käfig werden, der dem Menschen den Zugang zur unverstellten Realität unmöglich macht. Die Inhalte von Alltagsbewußtsein und seine Verarbeitungsformen stammen aus zwei Quellen: zunächst aus der Sozialisation der Menschen, ihrer individuellen und sozialen Lebensgeschichte, dann aus den aktuellen Situationen in Beruf und Alltag. In beidem artikuliert sich Gesellschaftliches: In der Sozialisation tritt das spezifisch Individuelle der Lebensgeschichte immer stärker zurück, und schicht- oder gruppenspezifische Einübungsprozesse in Gesellschaftliches erzeugen stereotype Formen des Sozialcharakters. Die gesellschaftlichen Agenturen der Sozialisation wie die Ausbildungsinstitutionen und die Massenmedien übernehmen immer größere Bereiche der Sozialisation, während der Bereich, in dem der Mensch unterschiedliche, individuelle Erfahrungen machen könnte, schwindet. Die Möglichkeit, neue Erfahrungen machen zu können, setzt zweierlei voraus: die Erfahrungsfähigkeit, die Offenheit des Subjekts, aber auch eine bestimmte Struktur und Reaktion des Erfahrungsfeldes. Zwischen beiden besteht eine Wechselwirkung: Erfahrungsfähigkeit kann sich nur herausbilden, wenn das Feld der Erfahrung sich dem Subjekt als ein anzueignendes darbietet. Dies bedeutet, daß das Erfahrungsfeld als sinnvoll und vernünftig und durch Handeln als veränderbar begriffen werden kann. Beide Voraussetzungen können beim heutigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr ohne weiteres angenommen werden. Viele Menschen haben den Eindruck, daß die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr durchschaubar und schon gar nicht veränderbar seien. Insbesondere fehlt für viele Menschen der begreifbare Zusammenhang zwischen individuellem Handeln und den Konsequenzen dieses Handelns. Die Apathie, aber auch die politische Radikalität von Teilen der Jugend hat ihre Ursache in diesen Ohnmachtsgefühlen. Die Undurchschaubarkeit der gesellschaftlichen Zusammenhänge und die Ohnmacht des Individuums produzieren Angst, die freilich nicht in Zusammenhang mit der sie erzeugenden Situation gesehen wird, sondern durch Verschiebungs- und Projektionsmechanismen anderen Situationen und Objekten zugeschrieben wird. So werden beispielsweise die Ausländer zu Sündenböcken für ökonomische Schwierigkeiten. Im Alltagsbewußtsein wurzeln auch die Freund-Feind-Schemata, die Einteilung von Dingen und Menschen als freundlich und feindlich. Der Mensch - und zwar das Kind ebenso wie der primitive und der zivilisierte Erwachsene in seinem Alltagsleben - will zunächst wissen, was die Dinge für ihn bedeuten, was er von ihnen zu erwarten hat und wie er sich gegen sie verhalten soll. Er fühlt sich von ihnen angemutet oder abgestoßen, geschützt oder bedroht; sie sind ihm heimatlich vertraut oder unheimlich fremd. 3) Roland Barthes spricht zu Recht von den Mythen des Alltags, denn die Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster des Alltags sind eng verbunden mit den mythischen Denkformen, deren man sich zur Welterklärung bedient. 4) Der Alltag bietet sich uns also weitgehend als eine Form entfremdeten Lebens dar. Dies darf uns jedoch nicht blind machen dafür, daß der Alltag zugleich der Ort ist, an dem der Reichtum des Lebens wiedergewonnen werden kann. So verstellt auch heute die Möglichkeit unmittelbarer Erfahrung des gesellschaftlichen Zusammenhangs in der Alltäglichkeit sein mag - es gibt doch keinen Zweifel darüber, daß alle Versuche, die Entfremdung des Lebens aufzubrechen, anknüpfen müssen an die Potentialität von Unmittelbarkeit im alltäglichen Lehenszusammenhang.
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