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3. Sozio-Pädagogische Forschungen zur Alltäglichkeit in Deutschland und Frankreich
Der Alltag als soziales, philosophisches und pädagogisches Problem wurde zunächst in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders intensiv von Henri Lefèbvre thematisiert. In Lefèbvres Beschreibung des Alltagslebens schwingt eine Hoffnung mit, durch die Veränderung des Alltags gesellschaftliche Änderungen initiieren zu können, die zur Realisierung von mehr Freiheit nötig sind. Wo tritt er (der Begriff des Alltagslebens) auf? In der Arbeit oder in der Freizeit? Im Familienleben und in den "erlebten" Momenten außerhalb der Kultur? Die erste Antwort auf diese Frage, die sich aufdrängt, lautet: Das Alltagsleben umfaßt alle genannten Elemente, alle drei Aspekte. Es ist ihre Einheit und ihre Totalität, und als diese bestimmt es das konkrete Individuum. Diese Antwort allein kann jedoch nicht befriedigen. Wo trägt sich der lebendige Kontakt des konkreten Menschen mit den anderen menschlichen Wesen zu? In der geteilten Arbeit? Im Familienleben? In der Freizeit? Wo verwirklicht er sich in der konkretesten Weise? Gibt es mehrere Formen, in denen sich die Beziehung herstellt? Bilden sie Schemata, die als Modelle zu begreifen sind? Oder als festgelegte Verhaltensweisen? Ergänzen sich diese oder widersprechen sie sich? Welche Beziehungen bestehen wiederum zwischen ihnen? Welcher Bereich ist der entscheidende? Wo finden sich Armut und Reichtum dieses Alltagslebens, von dem wir wissen, daß es zugleich unendlich reich (wenigstens potentiell) und unendlich arm, nüchtern und entfremdet ist, daß man es entschleiern und verändern muß, damit sein Reichtum sich aktualisiert und in einer erneuerten Kultur entwickelt. Die Äußerlichkeit der Elemente der Alltäglichkeit (Arbeit - familiäres und privates Leben - freie Zeit) bedeutet eine Entfremdung. Vielleicht beinhaltet sie aber auch eine Differenzierung, fruchtbare Widersprüche. Auf jeden Fall sind wir auf die Untersuchung eines Ganzen (Totalität) im Verhältnis seiner Elemente verwiesen." 5) Zehn Jahre später ist Lefèbvre skeptisch geworden, was die Möglichkeiten der Anknüpfung an die Elemente der Unmittelbarkeit im Alltagsleben angeht. Es haben sich in der gesellschaftlichen Entwicklung Veränderungen ergehen; auch der Alltag ist immer stärker einbezogen worden in die Zwänge des gesellschaftlichen Systems. Die versteckten Reichtümer, die "Ressourcen" des Alltags sind aufgezehrt worden durch die Manipulation des Alltagslebens. 6) Lefèbvre konstatiert nunmehr die Veränderung des Alltagslehens: Aber trotz aller Veränderungen ist festzuhalten an der Potentialität des Alltags - freilich ist sie jetzt schwieriger zu realisieren als je zuvor. In der Bundesrepublik hat Thomas Leithäuser die Überlegungen zum Alltag aufgenommen und fortgeführt. Sein Interesse gilt vor allem dem Alltagsbewußtsein., also dem Bewußtseinsmodus, der unsere gesellschaftliche Wirklichkeit in sehr spezifischen Figuren verarbeitet und repräsentiert. 8) Seine Frage ist, in welcher Form wir die Erfahrungen, die wir in der Alltäglichkeit machen, verarbeiten. Diese Frage ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Regeln des Alltagsbewußtseins nicht nur unser Selbstbild und unsere Wahrnehmung der Umwelt bestimmen, sondern auch unser Handeln. Das Alltagsbewußtsein konstituiert sich als Unterscheidung, als Einordnung von Erfahrung in dichotomische Raster. Ronald Laing, der solche Erfahrungskonstitutionen in familialen Prozessen untersucht hat, gibt folgende Charakterisierung: Regeln, so Laing, steuern alle Aspekte der Erfahrung: was wir zu erfahren haben und was wir nicht erfahren dürfen; die Operationen, die wir durchführen müssen und die wir nicht durchführen dürfen, damit wir ein erlaubtes Bild von uns selbst und von anderen in der Welt erhalten. 10) Das Alltagsbewußtsein stellt ein System von bestimmten Verfahrensregeln dar, nach dem wir unsere Alltagserfahrungen verarbeiten, es stellt eine Form der Reduktion dar "auf das Diffuse und Verschwommene, das als bekannt gilt und daher nicht befragt zu werden braucht. Diese Reduktion von Neuem, Unbekanntem auf das allerdings nur vermeintlich Bekannte ist die Erkenntnispraxis des Alltagsbewußtseins." 11) Dies bedeutet "die Stereotypisierung der Inhalte". "Alltagsbewußtsein ist der Modus des Bewußtseins der Individuen, der ihre Bewußtlosigkeit von den gesellschaftlichen Verhältnissen und deren Entstehungsgeschichte ausdrückt. Wie in einer Art Zerrspiegel reflektieren sich in dieser Bewußtseinsfigur Verhaltens- und Handlungsdeterminationen. So entschärft das Alltagsbewußtsein Widersprüche zu Konflikten, die nicht aufhebbar, aber auflösbar, harmonisierbar und auch schlicht vergeßbar sind." 12) Leithäuser formuliert die Kritik am Alltagsbewußtsein sehr viel radikaler als Lefèbvre - als Folge der veränderten historischen Situation. Aber auch er hält letztlich fest an der Potentialität der wie auch immer verschütteten unmittelbaren Erfahrung, die Menschen in ihrem Alltagshandeln machen können. Solche Überlegungen sind nur scheinbar von den Problemen deutsch-französischer Begegnungsprogramme entfernt. Eine Pädagogik interkulturellen Lernens muß an Alltagssituationen ansetzen, wenn sie Unterschiede nicht nur verbal aufdecken sondern verständlich machen will. Die offizielle Ideologie, wie sie in Sonntagsreden gefeiert wird, und die Alltagserfahrungen von Deutschen und Franzosen klaffen auseinander. Die Ebene der "großen" Politik, die personalisierte Szene auf der Bühne der Politik ist eine Sache, die Erfahrungen der Menschen in ihrem Alltag eine andere. Es wäre naiv, von den Menschen zu verlangen, sie sollten sich mehr für Politik interessieren. Die Spaltung läßt sich nicht durch einen voluntaristischen Akt beseitigen, weil sie gesellschaftliche Widersprüche spiegelt. Würde der Bürger versuchen, sich aktiv am Spiel der etablierten Politik zu beteiligen, so würde er nur zweierlei erfahren, was er eh schon weiß: einmal, daß die ritualisierte Politik 13) nur wenig mit seinen Bedürfnissen, Ängsten und Alltagserfahrungen zu tun hat, zum anderen, daß er in der Regel machtlos ist, eine Änderung herbeizuführen. Es kann aber keinen Zweifel darüber geben, daß in einer demokratischen Gesellschaft diese Kluft geschlossen werden sollte. Es gibt heute in Deutschland und Frankreich auf unterschiedliche Weise zahlreiche Anzeichen dafür, daß bei Gruppen der Gesellschaft die Bereitschaft wächst, die Dimension des Politischen in den Bereich des Alltagshandelns einzubeziehen. Bürgerinitiativen, Basisgruppen, Stadtteilarbeit sind Beispiele für diesen Versuch. Diesen Aktivitäten liegt die Auffassung zugrunde, daß Menschen für politische und gesellschaftliche Aktionen nur gewonnen werden können, wenn man anknüpft an ihre konkreten Leiden, Ängste und Bedürfnisse. Die unmittelbare Bedrohung durch den Atomreaktor, der fehlende Kindergarten oder die Zerstörung des Waldes durch eine neue Straße sind solche unmittelbaren Ereignisse, die Kristallisationskern für ein politisches Handeln werden können. Städteverbrüderungen könnten Modelle für ein solches Verbinden von Politik und Alltag sein, wenn sie nicht, wie des leider häufig in der Vergangenheit üblich war, als Kopien der "großen Politik" mißverstanden werden, mit "Delegationen", Grußadressen und ritualisierten Programmen, sondern Menschen in konkreten Alltagssituationen zusammenbringen.
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