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5. Fragen und Probleme einer "Pädagogik des Alltags"
Wenn man versucht, die theoretischen Überlegungen zum Alltagsbewußtsein und zur Vorurteilsbildung auf die Situation deutsch-französischer Begegnungen zu übertragen und ein Szenario für einen Kurs zu entwickeln, so ergibt sich eine Reihe von Fragen und Problemen: 1. Wie kann der "Alltag" in den Kurs eingebracht werden? 2. Wie kann Alltag überarbeitet werden? 3. Wie können die Differenzen von Alltagserfahrungen von Deutschen und Franzosen für den Kurs fruchtbar gemacht werden? 4. Wie könnten Lernprozesse aussehen, die zum Ziel haben, die Alltagssituationen und das Alltagsbewußtsein - und damit Vorurteile - in Frage zu stellen? 5. Welche Konsequenzen hat diese Aufgabenstellung für die Kursstruktur?
Unser Alltagsverhalten ist so stark in der Struktur unserer Person verankert, daß wir uns nur unter großen Schwierigkeiten nicht alltäglich" verhalten können. In Kurssituationen zeigt sich dies auf die Weise, daß die Gruppen sehr rasch versuchen, durch formelle und informelle Regeln die durch die neue Situation zunächst entstandene Verhaltensunsicherheit wieder zu beseitigen. Bei der Anreise und Ankunft sind wohl bei jedem Teilnehmer neben dem prickelnden Gefühl der Erwartung des Neuen immer zugleich auch Gefühle der Beklemmung, Angst und Unsicherheit vorhanden. Eine erste Beschwichtigung dieser Gefühle ergibt sich daraus, daß man andere anreisende Teilnehmer kennt und auf gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen zurückgreifen kann. Bei der Verteilung der Zimmer stellt sich zunächst die gleiche Ambivalenz der Gefühle und ihre Beschwichtigung ein: Mit der Inbesitznahme des Zimmers, des Bettes, dem Auspacken des Koffers wird ein eigener Bereich abgesteckt, ein Teil der eigenen Alltäglichkeit etabliert. Die erste Gruppensitzung: Ein vorsichtiges wechselseitiges Abtasten der Teilnehmer mit dem Ziel der Einordnung der anderen. Auch hier ist das Ziel, durch das Einsortieren der Teilnehmer in die Kategorien des Alltagsrasters: Deutscher/Franzose, sympathisch/unsympathisch, politisch/pädagogisch, etc.) gleicher Meinung/anderer Meinung usw. Verhaltenssicherheit herzustellen. Sehr bald werden dann explizite und implizite Gruppenregeln und -normen aufgestellt. Zunächst gibt es die äußeren Regeln des Hauses, dann die Regeln des Kurses und schließlich - als wichtigste Normen - die der Gruppe.
Möglich ist es, daß sich zwei oder mehrere Untergruppen bilden mit differierenden in-group-Normen. Gerade diese Gruppen tragen für den einzelnen Teilnehmer sehr viel dazu bei, daß sich bei ihm des Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit einstellt. Alle diese Prozesse lassen sich interpretieren als Herstellung von Alltäglichkeit: Man will wissen, wie die Sache läuft, wo man Freunde und wo man Feinde hat. Diese Abwehr von Unsicherheit - man will vor Überraschungen sicher sein - hat immer zugleich auch die Wirkung, neue Erfahrungs- und Verhaltensmöglichkeiten abzuschneiden. Gelingt in einer Gruppe der Prozeß zur Etablierung von "Kursalltag" nicht, so besteht die Gefahr des Chaos. Der Eindruck des Chaos entsteht aus der Diskrepanz zwischen der Erwartung an den Kurs (dem "imaginaire") und der Realität der ablaufenden Gruppenprozesse. Diese Diskrepanz wird umso chaotischer empfunden, je unbekannter bestimmte Situationen sind, d.h. je weniger Vergleichspunkte und Anhaltspunkte aus der eigenen Alltagserfahrung zur Verfügung stehen, anhand derer diese Situation verstanden werden könnte. Der Eindruck des Chaos wird dann verstärkt, wenn eine - vor dem Kurs institutionalisierte - Autorität (das Team) ihre Funktion nur per Negationen wahrnimmt, so daß eine aus dem Alltagsleben gewohnte, Sicherheit bietende, hierarchische Struktur noch nicht sichtbar wird oder aber erst neu ausgehandelt werden muß. Der Eindruck des Chaos ist Ausdruck unserer (sozialisations- und enkulturationsbedingten) Unfähigkeit, unbekannte Situationen anders als mit althergebrachten Denk- und Verhaltensmustern zu beschreiben, zu analysieren, zu leben und zu verändern und damit letztlich Ausdruck des Widerspruchs zwischen Reproduktion und Antizipation. Je unbekannter eine Situation im Kurs empfunden wird, desto größer wird die Verhaltensunsicherheit, desto stärker wird die Neigung, auf bewährte Verhaltensmuster zurückzugreifen oder nach außen zu fliehen, wodurch die Bewältigung dieser unbekannten Situation erschwert oder gar unmöglich wird. Dieses Chaos ist für einen Kurs gefährlich, weil es mögliche Lernprozesse blockiert und Aggressionen, Vorurteile und nationale Stereotypen aktiviert Diese Formen der Lernpathologie sind letztlich Konsequenz der durch die Verunsicherung produzierten Angst. Auf der anderen Seite ist die Verunsicherung Voraussetzung dafür, daß überhaupt Lernprozesse in Gang kommen. Das "Chaos bietet die Chance einer produktiven Verarbeitung des Neuen, Beängstigenden." Freilich darf die Verunsicherung nicht so stark werden, daß sie von den Teilnehmern als Bedrohung empfunden wird.
Eine binationale Begegnung kann - wenn diese Bedingungen erfüllt werden - der ideale Ort werden für interkulturelles Lernen, das weder starre Alltagsregeln reproduziert, noch bei den Teilnehmern Angst und Unsicherheit vor dem Neuen erzeugt. ENDE |