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II. Interkulturelles Lernen: ein Versuch, hinter die Kulissen zu schauen
Es soll hier nicht der Versuch unternommen werden, eine (neue) wissenschaftlich abgesicherte Definition des Begriffs "interkulturelles Lernen" zu formulieren. Es sollen lediglich einige Chancen benannt werden, die deutsch-französische und andere internationale Begegnungsprogramme bieten - wenn sie entsprechend angelegt werden.
- Solche Programme bieten die Chance, einen tiefen Einblick in eine andere Kultur zu erhalten - wenn man dazu Lust hat, wenn man sich die Zeit dazu nimmt, wenn man auf Leute in der fremden und eigenen Kultur stößt, die dabei behilflich sind.
- Sie bieten ebenfalls die Chance, zu verstehen, daß es außerordentlich schwierig ist, diesen Einblick in eine andere Kultur zu erhalten, daß man sich oft täuscht in dem, was man wahrnimmt und/oder zu verstehen glaubt. Wer die Gelegenheit hat, sich einer anderen Kultur zu nähern und diesen Annäherungsprozess zu überdenken, der wird ahnen, daß das, was er von der "anderen" Kultur aufzunehmen glaubt, in Wirklichkeit vor allem seine eigenen Vorstellungen sind, also das, was er durch die Brille seiner eigenen Kultur wahrnimmt und interpretiert. Er wird auch sehen, und dies macht die Sache nicht einfacher, daß "Kultur" in der Regel etwas mehr oder weniger Inhomogenes ist, auf jeden Fall eine Mischung vielfältiger Einflüsse, die sich als Spuren der Geschichte niederschlagen z. B. in der Existenz regionaler Kulturen, die sich mehr oder weniger von der "nationalen" Kultur unterscheiden, oder weiterhin gesprochener regionaler Sprachen.
- Die Programme ermöglichen schließlich, zu verstehen, daß Kulturen nichts Zufälliges sind, sondern vielmehr das Ergebnis historischer Prozesse, vielfältiger Einflüsse, nicht zuletzt von Machtverhältnissen und daß sich in der Art, wie eine Kultur gestaltet ist oder wie man glaubt, daß sie gestaltet werden sollte, jeweils eine besondere Vorstellung davon, wie die Welt, wie unser Leben beschaffen zu sein habe, ausdrückt.
Oft wird über den Umweg einer Beschäftigung mit einer anderen Kultur erst deutlich, daß auch unsere eigene Kultur nicht einfach "da" ist, sondern "gemacht" worden, "entstanden" ist als Folge historischer Entwicklungen und auch nur eine von vielen denkbaren Arten der Organisation menschlichen Lebens ist.
Eine solche Beschäftigung mit Kulturen kann auch den Blick schärfen für mögliche Entwicklungen oder für Bedingungen oder Chancen von gewünschten Entwicklungen. Dies ist in unserer heutigen Zeit von großer Bedeutung, da durch die immer enger werdende internationale Verflechtung Verhältnisse oder Entscheidungen in einer Kultur oft unmittelbare Auswirkungen auf andere Kulturen haben.
Deutsch-französischer Austausch, als interkulturelles Lernen verstanden, würde sein Ziel verfehlen, wenn er nur einen Blick hätte für die im Vergleich zu manchen Phasen der Vergangenheit fast idyllische Gegenwart der deutsch-französischen Beziehungen. Er sollte die Geschichte der Franzosen und der Deutschen einbeziehen, jene Geschichte, die unter anderem zeigt, daß auf beiden Seiten sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart die Staatsgebilde mehrere Ethnien gleichzeitig umfass(t)en und der Begriff "Volk" vermutlich nicht selten mehr einer instituierten Realität als dem Bewußtsein der Bewohner der beiden Länder entspricht. Der Austausch sollte sich auf dieser Basis auch mit der gemeinsamen Geschichte Deutschlands und Frankreichs befassen und schließlich mit der Geschichte der Beziehungen unserer beiden Völker und Kulturen zu anderen Völkern und Kulturen einschließlich der aktuellen globalen Entwicklung, auf die wir in gewissem Rahmen Einfluß nehmen und die uns beeinflußt.
Es ist davon auszugehen, daß ein a-historisch angelegter deutsch-französischer Austausch, der eine abstrakte "Freundschaft" propagiert, keine Chance hat, gesellschaftliche Wirkungen zu erzielen.
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