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III. Interkulturelles Lernen und Erfahrung
Es wird später noch auf den engen Zusammenhang von Inhalten und Formen interkulturellen Lernens (wie jeglicher Pädagogik) eingegangen. Hier nur soviel: Das beschriebene Miteinander - Voneinander - Übereinander - Über-sich-selbst-Lernen ist vor allem ein Lernen in konkreten Begegnungssituationen, ist also ein Lernen aus der Erfahrung, vor allem aus wiederholter Erfahrung, das aber begleitet wird durch eine gedankliche Arbeit des Verstehens und der Aneignung von Kenntnissen.
Lernen, wie z. B. Franzosen und Deutsche sich zueinander verhalten und auch herauszubekommen, warum das so ist oder zumindest sein könnte, und besonders ein Lernen, das auch die oft außer Acht gelassenen Gefühle als wichtigen Teil des Verhaltens mit einbezieht, ist schlechterdings nur dann möglich, wenn Franzosen und Deutsche anwesend sind mit dem gemeinsamen Ziel, ihre Kenntnisse übereinander zu vertiefen.
Diese Lernprozesse zu gestalten, ihnen einen günstigen Rahmen zu geben, ist Aufgabe der Gruppenleiter, Lehrer, Animateure, Betreuer, Moniteure und wie sie sonst noch heißen mögen, und diesen dabei zu helfen, dies zu tun, ist die Aufgabe der Ausbildungsprogramme.
Erfahrung setzt voraus, daß man dafür innerlich frei ist. Oft sind die Teilnehmer in den ersten Tagen eines Ausbildungsprogramms noch damit beschäftigt, sich auf die neue Umgebung einzustellen, sich gegenseitig kennenzulernen. Bereits einige Tage vor Ende des Programms beginnen sie zunehmend, ihre Gedanken wieder in Richtung auf ihr Alltagsleben zu lenken. Damit dazwischen noch Raum ist, um sich gegenseitig zu erfahren, sollten die Ausbildungsprogramme lang genug sein, mindestens acht bis zehn Tage.
Besonders gute Erfahrungen konnten übrigens mit sogenannten Ausbildungszyklen gemacht werden, d. h. Projekten, in denen sich die zukünftigen Gruppenleiter mehrmals hintereinander zu ca. acht- bis zehntägigen Phasen treffen, was zu besonders intensiven Lernprozessen führt. An solchen Ausbildungsprogrammen teilzunehmen, ist natürlich nicht immer möglich, da viele ehrenamtliche Gruppenleiter, vor allem jene, die schon berufstätig sind, dafür nicht freigestellt werden können bzw. auch nicht ihren Urlaub, der z. T. oft auch schon für ein Begegnungsprogramm im anderen Land verwandt wird, dafür verwenden wollen. Ist dies der Fall, sollte wenigstens angestrebt werden, daß das eine oder andere Mitglied eines Leitungsteams an einer vertieften Ausbildung teilnimmt, um die dort gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen in die Begegnungsarbeit einzubringen. Es gibt mittlerweile von einer ganzen Reihe von Veranstaltern offen ausgeschriebene Aus- und Fortbildungsprogramme für den deutsch-französischen Austausch. Einzelheiten sind beim Deutsch-Französischen Jugendwerk zu erfahren.
Gelegentlich ist der Kontakt mit einer anderen Kultur besonders schwierig, weil diese insgesamt oder in Teilbereichen äußerst fremdartig ist. Die starke Reaktion, die dabei manchmal ausgelöst wird, wird oft als ein Kulturschock bezeichnet. Dieser Kulturschock führt teilweise zum Abblocken gegenüber der fremden Kultur, also zum genauen Gegenteil jener Offenheit, die interkulturelles Lernen anstrebt, motiviert gelegentlich aber auch besonders für eine intensivere Beschäftigung mit dem "Fremden". Selbst wenn wir uns auf den Kontakt mit "nahen" Kulturen beschränken, gelingt es oft nicht gleich, sich in ihnen zufriedenstellend zu bewegen, es gibt Reibungen, Konflikte. Auch hier sind deshalb wiederholte Begegnungen mit denselben Teilnehmern (und nicht nur für Ausbildungs-, sondern auch für andere Projekte) hilfreich, um hier durch zwischenzeitlichen Abstand, durch Wiederannäherung, durch gedankliches Probehandeln und durch Regulationsprozesse mit dem "Fremden" "besser" umgehen zu können, nicht zuletzt dadurch, daß genügend Platz für Erfahrungen mit dem eigenen Verhalten vorhanden ist.
Oft wird gefragt, ob "Begegnung" denn nicht auch ohne den beschriebenen Zusammenstoß der verschiedenen Kulturen möglich sei. Wenn man unter Begegnung ein Nebeneinander-Herleben versteht oder ein Zusammentreffen auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners, dann ja. Wenn aber Begegnung in Richtung des eingangs beschriebenen interkulturellen Lernens gehen soll, ist der Zusammenstoß unvermeidbar. Unsere Art, wahrzunehmen und zu interpretieren, die in der Regel durch unsere nationale Erziehung zustande gekommen ist, besetzt das gesamte Terrain, und wir machen freiwillig keinen Platz für ein anderes Schema (s. hierzu auch Kapitel VII), nicht zuletzt deshalb, weil auch das andere Schema einen Universalitätsanspruch hat und für mein eigenes keinen Platz läßt.
Veranstalter, die lediglich Kurzzeitbegegnungen durchführen, zu denen dazu auch oft noch jedesmal andere Teilnehmer kommen, sagen häufig, bei ihnen gäbe es solche Zusammenstöße nicht und sie seien auch nicht unvermeidbar. Das ist aus ihrer Sicht sicher richtig, und dies aus folgendem Grund: Bei einem kurzen Kontakt mit einer anderen Kultur, vor allem wenn er unter der Rubrik "Freundschaftsbesuch" läuft, werden beide Seiten ein Ausnahmeverhalten an den Tag legen. Man wird höflich, zuvorkommend sein, sich Mühe geben, man wird über manches hinwegsehen, manches nicht ansprechen. Man weiß ja, daß man in wenigen Tagen wieder zu Hause ist bzw. der Besuch wieder abgefahren sein wird, und wer will schon die Harmonie aufs Spiel setzen.
Beziehungen zwischen Staaten - und der offiziell geförderte deutsch-französische Jugendaustausch ist Teil dieser Beziehungen - hängen nun aber nicht nur von persönlichen Entscheidungen ab, wie etwa die Beantwortung der Frage, ob sich jemand für den deutsch-französischen Austausch engagiert. Diese Beziehungen zwischen Staaten sind da, unauflösbar, die gegenseitige Abhängigkeit, die gegenseitige Verschränkung sind nicht abzuschütteln, man kann nicht aus ihnen aussteigen, und deshalb hat man auch nicht die Wahl, wie bei einem individuellen Austausch mit einem anderen Land, ob man sich einem Problem stellt oder nicht.
Wenn der deutsch-französische Austausch den Anspruch hat, gesellschaftlich nützlich zu sein, muß er die Realitäten in den beiden Ländern und darüber hinaus einbeziehen, und das heißt, er muß sich den Unterschieden und Konflikten stellen. Die große Chance des deutsch-französischen Austauschs besteht darin, dies in einem präpolitischen Raum tun zu können, wo die Unterschiede vermutlich nicht so hart aufeinanderprallen wie bei den unmittelbar Verantwortlichen bzw. Handelnden.
Die Pädagogik des interkulturellen Lernens besteht vor diesem Hintergrund darin,
- darauf vorzubereiten, daß Unterschiede vorhanden sind, damit die Beteiligten den Ausdruck dieser Unterschiede als normal und nicht als "böse Überraschung" erleben können;
- darauf vorzubereiten, diesen Unterschieden ihren Platz zu geben, so daß sie nicht unterdrückt werden müssen. Dies bedeutet sowohl, Informationen über die beiden Kulturen zu geben, d. h. ein Verstehen der Ursache dieser Unterschiede zu fördern, als auch sich mit pädagogischen Methoden zu ihrer Bearbeitung zu befassen;
- dem Zusammenstoß mit der "anderen Welt" nicht auszuweichen, wobei vieles erleichtert wird, wenn die Teilnehmer schon wissen, daß ihre Art zu leben zwar einzigartig, aber nur eine von vielen möglichen ist.
Diese Pädagogik ist aber auch eine "Stoßdämpferpädagogik", weil man weiß, daß eine überfordernde Konfrontation mit Fremdem oft zu einer gänzlichen Abwehr, also zu einer Flucht vor neuer Erfahrung führt. Hier so zu dosieren, daß die Erfahrung mit der anderen Kultur genug "durchschüttelt", aber nicht zur Blockierung führt, ist die Aufgabe der für die Begegnungen Verantwortlichen.
Hier zeigt sich auch der Vorteil des Prinzips, Ausbildung für interkulturelles Lernen mit einem konkreten Begegnungsprozess zu verbinden und die Ausbildung von einem bi- bzw. multinationalen Leitungsteam betreuen zu lassen. Die Ausbilder können gemeinsam dafür eintreten, die Erfahrungen auf jene Bereiche zu konzentrieren, die besonders klar die Besonderheiten der verschiedenen Kulturen hervortreten lassen, sie können Informationen bereithalten, Interpretationen geben und so einen Weg mittlerer Schwierigkeit in der Annäherung an eine andere Kultur zu gehen helfen.
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