Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

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IV. Interkulturelles Lernen und Friedens- und Konfliktforschung


Dem interkulturellen Lernen, wie es hier vorgestellt wird, liegt die Überzeugung zugrunde, daß die bisher dominierende Form der Konfliktregelung zwischen Gruppen, Kulturen, Völkern, die in der Gewaltanwendung immer ein, wenn oft auch letztes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen gesehen hat, nicht zuletzt angesichts der heute vorhandenen Massenvernichtungsmittel, unbedingt von anderen Formen abgelöst werden muß.

Die Menschheit muß sich, wenn sie überleben will, bewußt werden, daß letztlich entweder niemand oder aber alle überleben werden, daß also selektive Ausschaltungsstrategien, zumindest unmittelbar zwischen den großen Machtblöcken, nicht mehr möglich sind, und sie muß sich bewußt werden, daß die Kriegsgefahr um so größer wird, je mehr man selektive Strategien wieder für möglich hält, denen dann vermeintlich nur wenige bei einem Konflikt geopfert werden müßten.

Was bedeutet dies? Solange daran gearbeitet werden muß und wird, Krieg mit kriegerischen Mitteln zu verhindern, ist der Krieg immer noch Bestandteil des Denkens, und man bereitet sich auf ihn vor oder stellt sich zumindest darauf ein. Das Zusammenspiel von Krieg und Interessenverwirklichung, Interessenwahrung oder -verteidigung bleibt. Der einzige Ausweg besteht darin, daß die Beziehungen der "Gegner" insgesamt geändert werden. Keiner darf mehr sein Konzept von Sicherheit (vor dem anderen) so gestalten, daß eigene Überlegenheit und eigene Sicherheit identisch gesetzt werden. Immer danach streben zu müssen, stärker als der andere zu sein, führt zu einer Spirale ohne Ende - mit Ende.

Hat der deutsch-französische Jugendaustausch im Rahmen dieser Überlegungen einen Beitrag zu leisten - trotz der Tatsache, daß er auf die erwähnte Weltlage wohl keinerlei Einfluß hat? Vertreter von zwei etwa gleich starken Ländern zusammenzubringen, die dazu noch Kulturen aufweisen, die in der Geschichte eher gewohnt waren, zu dominieren als unterdrückt zu werden, kann dazu führen, daß ein besonders interessantes und fruchtbares experimentelles Feld entsteht, in dem ein Zusammenleben von Personen erprobt werden kann, das nicht reduzierend wirkt, ein Zusammenleben also, das nicht zur Voraussetzung hat, daß einer wie der andere wird, sondern ermöglicht, daß jeder so wird wie er ist. Wie schwierig das allerdings ist, wissen viele aus dem privaten Bereich.

In einem beschränkten Rahmen könnte so möglich werden, eine Ahnung, vielleicht sogar ein Verständnis bezüglich der politischen Verhältnisse auf diesem Planeten zu erlangen, wobei natürlich kein direkter Transfer des Verständnisses auf der Gruppenebene auf geopolitische und geostrategische Verhältnisse angestrebt wird, aber das Nachdenken über den Transfer führt möglicherweise dazu, daß die Beteiligten sich die Frage nach einem institutionellen Einklinken ihrer Arbeit stellen.

An einem Konzept der Entwicklung miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten - in diesem Sinne ist interkulturelles Lernen ein bescheidener Beitrag zur Friedens- und Konfliktforschung.

Entwicklung miteinander in dieser Perspektive geht also davon aus, daß die Verschiedenartigkeit der Kulturen nicht nur die zufällige Folge bestimmter und jeweils anderer politischer, wirtschaftlicher, sozialer, biologischer, klimatischer usw. Verhältnisse ist, sondern auch des bewußten und unbewußten Umgangs der Menschen mit sich selbst und ihrer Umgebung im weitesten Sinne des Begriffs, wobei sicherlich noch intensive Untersuchungen über Quellen und Motive unseres Handelns notwendig sind, vor allem um die destruktiven Anteile unserer Handlungen besser zu verstehen.

Aus dem Blickwinkel der Entwicklung erscheint eine genügend große Anzahl unterschiedlicher Weltentwürfe als wichtig, wenn es darum geht, sich an die sich ja ständig und z. T. durchaus unvorhersehbar ändernden Rahmenbedingungen für unser Leben anzupassen. Hierbei jeweils auf viele verschiedene Erfahrungen, Konzepte, Forschungsergebnisse zurückgreifen zu können, ist sicher erstrebenswerter als gegebenenfalls über eine zu schmale Basis zu verfügen.

Unterschiede zwischen den Kulturen stellen deshalb in gewissem Rahmen einen Reichtum für die Menschheit dar, den es zu erhalten gilt, in gewissem Rahmen, weil Unterschiede zwischen den Kulturen immer auch Quellen für Konflikte sein können.

Deshalb ist auch gegenüber Akten der Grausamkeit, rassischer oder sexueller Diskriminierung, Verletzung der Menschenrechte unter dem Vorwand, daß dies authentische kulturelle Handlungen gewisser ethnischer Gruppen seien, Indifferenz fehl am Platze.

Abschließend nochmals: Interkulturelles Lernen im Sinne des Lernens, mit konfliktuellen Strukturen zu leben, ohne die Konflikte auf die Spitze zu treiben, kann sich nicht an den heutigen Konzepten von Krieg und Frieden orientieren. Was heute vielfach als Frieden ausgegeben wird, enthält noch weitgehend polarisierendes Denken und die Auseinandersetzung als Leitkategorien und ist somit durchaus auch eine Art von Krieg, vor allem, wenn unter der Prämisse friedlicher oder freundschaftlicher Beziehungen in Wirklichkeit die Herrschaft der Einen über die Anderen ausgeübt wird.

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