Eine Arbeit im Bereich des interkulturellen Lernens wird um so eher zu einem vertieften Verständnis der gerade geschilderten Zusammenhänge führen, desto mehr sich die Gruppenbetreuer (unter diesem Begriff sollen ab jetzt die verschiedenen Funktionsbezeichnungen zusammengefaßt werden) bereits in diese Fragestellungen eingearbeitet haben und sich damit identifizieren. Das klingt so banal, daß vermutlich jeder dem leicht zustimmen kann.
Aber es hat Auswirkungen: Solche Gruppenbetreuer haben dann ein Projekt, also eine bestimmte Absicht, die sie mit den Programmen verbinden, nämlich diejenige, die Teilnehmer ebenfalls für diese Sichtweise zu gewinnen und sie verstecken diese Absicht auch nicht. Denjenigen, denen hierzu gleich das Stichwort "Manipulation" einfällt, sei die Frage gestellt, ob die versteckte Zielsetzung mancher "neutraler" Gruppenbetreuer - und jeder hat ein oder mehrere Ziele - die Teilnehmer eher zu eigenen und auch durchaus entgegengesetzten Positionen befähigt als eine offen ausgesprochene Position.
Interkulturelles Lernen als ein Lernen im Umgang miteinander läßt in besonderer Weise einen Aspekt des sozialen Lernens hervortreten, daß nämlich nur das vermittelt wird, was gelebt wird. Niemand wird einen anderen vom Sinn und von der Wichtigkeit der Beschäftigung mit fremden und eigenen Kulturen überzeugen, der in seinem Verhalten zu einer fremden und zur eigenen Kultur, konkretisiert im Verhalten zu anderen Menschen, ausgesprochen unsensibel ist.
Es kann und soll natürlich niemand zu dieser Haltung gezwungen werden, ohne sie kann jedoch kein Gruppenbetreuer interkulturelles Lernen anregen.
Aus diesem Grund besteht eine wichtige Funktion von Aus- und Fortbildungsprogrammen für Gruppenbetreuer darin, ihnen zu ermöglichen, sich daraufhin zu überprüfen, ob sie für diese interkulturelle Arbeit eine "Ader" haben, ob sie sich angerührt, betroffen fühlen von ihren Zielen und Fragestellungen.
Dies alles bedeutet, daß natürlich auch die Ausbilder, d. h. die Leiter dieser Ausbildungsprogramme vor derselben Frage nach der Identifizierung mit diesem Lernfeld stehen, also danach, ob sie das, was dort über die eigene und die fremde Kultur verhandelt wird, als wichtig ansehen.
Um ein mögliches Mißverständnis zu vermeiden: Es wird hier keinesfalls ein Plädoyer dafür gehalten, daß jemand, der keine Lust hat, sich mit dem interkulturellen Lernen zu beschäftigen, nicht als Gruppenbetreuer an internationalen Programmen teilnehmen sollte. Er sollte nur nicht sich selbst und anderen das Leben dadurch schwer machen, daß er Funktionen wahrnimmt, die er in Wirklichkeit nicht ausfüllen will oder kann. Interkulturelles Lernen ist eine bestimmte und nicht jede beliebige Art des Kontaktes mit dem Ausland und Ausländern, d. h. Programme, die interkulturelles Lernen anstreben, unterscheiden sich von anderen u. a. dadurch, daß ihre Themen, Inhalte und Formen bewußt gewählt und die Lernprozesse nicht dem Zufall überlassen werden - wie meistens beim Auslandstourismus.