Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

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VI. Ausbildung: Sehen lernen, was man veranlaßt


Interkulturelles Lernen im oben beschriebenen Sinn wie auch das Erlernen der Gestaltung dieser Lernprozesse ist, wie bereits ausgeführt wurde, ein Lernen in realen mehrkulturellen Begegnungssituationen, in Situationen also, in denen Teilnehmer aus mindestens zwei Nationen, z. B. Franzosen und Deutsche, gemeinsam anwesend sind.

Es wird gelegentlich behauptet, die Begegnungssituationen mit Jugendlichen z. B. im Alter von 16 Jahren seien nicht vergleichbar mit denen in einem Ausbildungsprogramm, in dem in der Regel mindestens 18jährige nicht selten aber auch bis zu 30jährige und ältere Teilnehmer zusammentreffen. Aus diesem Grund seien auch die in Ausbildungsprogrammen gemachten Erfahrungen im Zusammenleben von Deutschen und Franzosen nicht übertragbar auf Begegnungssituationen mit Jugendlichen.

Diesen Bedenken liegt die Vorstellung einer mechanischen Übertragung des in der Ausbildung Gelernten auf die anderen Begegnungssituationen zugrunde.

Ausbildung für interkulturelles Lernen ist nicht das Erlernen von "Rezepten" - wie in Kapitel IX gezeigt werden wird, gibt es ohnehin kaum geeignete Methoden für das interkulturelle Lernen - sie ist vielmehr vor allem anderen das Erlernen einer Haltung, einer bestimmten Art, mit sich selbst und mit anderen umzugehen.

In unserer eigenen Kultur haben wir von Klein auf Erfahrungen mit den Wirkungen unseres Verhaltens gemacht, so daß wir immer auch prinzipiell voraussagen können, wie unser Verhalten ankommt, wie es aufgefaßt werden und welche Wirkungen es haben wird. Dies erlaubt uns in der Regel, sozusagen automatisch und spontan zu handeln.

Dies ist im Kontakt mit anderen Kulturen anders und oft um so schwieriger, je "ferner" diese anderen Kulturen sind.

Während man sich an eine andere Kultur annähert, unterläuft besonders häufig der Irrtum, vorschnell Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede auf den Gebieten des Verhaltens, des Wissens oder gewisser Gedankengänge zu postulieren, dies aus der Absicht heraus, besonders schnell Klarheit darüber herzustellen, was man zu tun und zu lassen habe - um zu dem erleichternden Automatismus des Handelns zu kommen, den wir aus unserer Ursprungskultur kennen.

Um die unterschiedlichen kulturellen Codes kennenzulernen, sollte ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung darin bestehen, daß sich die Teilnehmer gegenseitig mitteilen, was sie in bestimmten Situationen über das Verhalten der anderen Teilnehmer, speziell derjenigen aus anderen Kulturen empfunden, also gedacht und gefühlt haben und so konkret die nicht selten auseinander liegenden Absichten und Wirkungen vorführen.

Die Ausbildung zum interkulturellen Lernen ist ein exemplarisches Lernen und deshalb auch unter anderen Umständen anwendbar als denen in der Ausbildungssituation.

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