Die bisher beschriebene Orientierung des interkulturellen Lernens hat deutlich gemacht, daß es sich dabei nicht um eine Ergänzung oder geringfügige Modifizierung unseres auf Reproduktion unserer eigenen Kultur angelegten Verhaltens handelt, bei der das kulturelle Erbe grundsätzlich eher nicht in Frage gestellt wird und dementsprechend auch unser eigener uns mehr oder weniger bewußter Weltentwurf immer Bezugspunkt von Wahrnehmungen und Deutungen im Kontakt mit Fremden bleibt, sondern gerade darum, sich der eigenen Kultur gegenüber relativierend verhalten, sie also auch von außen betrachten und anderen Kulturen gegenüberstellen zu können. Dies kann dann z. B. besonders interessant sein, wenn es dazu führt, jene Bereiche in anderen Kulturen zu erkennen, in denen diese viel differenziertere Konzepte des Umgangs mit der Welt, mit dem Leben entwickelt haben als wir selbst. So ist es sicherlich nicht zufällig und auch nicht ohne Konsequenzen, daß es in der französischen Umgangssprache sehr viel weniger Wörter gibt, die Geräusche bezeichnen, was wohl auf ein unterschiedliches Hörverhalten verweist.
Aufgrund unserer in der Regel nationalen bzw. monokulturellen, an der jeweiligen dominierenden Kultur orientierten Sozialisation verhalten wir uns alle soziozentristisch, sehen also alles "automatisch" durch unsere eigene national-kulturelle Brille. Bei dieser Voraussetzung dann z. B. im Jugendaustausch anderes Verhalten einzuüben, d. h. einen Automatismus bewußt zu machen, zu lernen, mit ihm umzugehen, an ihm zu arbeiten, ist äußerst schwierig, viel schwieriger, als von Anfang an eine Kultur anzueignen, es bedeutet nämlich, etwas zu ersetzen, das einen festen Platz in unserem Bewußtsein und Unterbewußtsein hat.
Von besonderer Wichtigkeit ist dabei der "Partner" aus einer anderen Kultur, wobei unter Partner sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen als auch institutionelle Partner, also z. B. Jugendorganisationen oder Städtepartnerschaftskomitees zu verstehen sind. Der Partner aus einer anderen Kultur kann mir widerspiegeln, wie mein Verhalten auf ihn wirkt, er kann mich fragen, warum ich mich so oder so verhalte, er kann auf meine Interpretationen reagieren und auf diese Weise dazu beitragen, daß meine in meinem kulturellen Kontext angesiedelten Deutungen der anderen Kultur, mein "Verstehen" des anderen zunächst einmal Platz macht der Einsicht, daß ich manches, vieles nur oberflächlich oder gar nicht verstehe und ich einzusehen beginne, daß meine herkömmlichen Interpretationsmuster unzulänglich bzw. untauglich sind. Im Gegenzug kann dies auch dazu beitragen, daß ich mir meiner eigenen Kultur bewußter werde und besser verstehe, wie sie von außen gesehen wird.
Es ist gelegentlich nicht auszuschließen, daß offiziell zu solchen erklärte "Partner" aus vielfältigen Gründen trotz bester Absicht nicht in der Lage sind, miteinander einen Prozeß interkulturellen Lernens zu gestalten. So etwas kann durchaus vorkommen, hat auch nichts mit "Scheitern" zu tun - auch im privaten Bereich kann nicht jeder mit jedem. Man sollte nur die Konsequenzen daraus ziehen.