Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

Inhaltsverzeichnis


IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens


1. Vorbemerkung

Oft wird davon ausgegangen, daß die beste Grundlage für eine Tätigkeit als Gruppenbetreuer im internationalen Bereich eine nationale Gruppenleiterausbildung bzw. eine Erfahrung in der nationalen Jugendarbeit ist, zu der dann nur noch eine kurze Zusatzausbildung für das "Internationale" hinzukommen müsse. Dies ist dann richtig, wenn internationale Arbeit darin besteht, mit einer nationalen Gruppe ins Ausland zu fahren, dort mehr oder weniger als nationale Delegation aufzutreten und sich Denkmäler, Museen, Betriebe usw. anzuschauen und angenehme Ferienkontakte zu knüpfen.

Interkulturelles Lernen zielt demgegenüber auch auf das Verhalten, auf das Zusammenleben, auf die Frage, wie Angehörige verschiedener Kulturen anders miteinander umgehen können als durch Rivalität, Konflikte, Unterdrückung, Kriege, und insofern sind nicht in erster Linie die Sehenswürdigkeiten, also die Umgebung, sondern ebenso die Menschen der anderen Kultur, die diese Umgebung geprägt haben und weiterhin prägen, das Zentrum des Interesses. Das Lernfeld steht mir nicht nur gegenüber wie eine Sehenswürdigkeit, eine Ferienbeschäftigung oder eine vorübergehende Bekanntschaft, sondern ich bin dessen Bestandteil, bin eingebunden in einen Prozeß des Miteinanderumgehens. Ferien- oder Reiseerlebnisse kann ich vergessen, sozusagen "abschalten". Aus einem Prozeß des Zusammenlebens kann ich aber nicht einfach "aussteigen", zumindest nicht ohne Folgen. Das interkulturelle Lernen begleitet mich bis in mein Alltagsleben, gibt mir Anstöße, manches zu überdenken.

Um interkulturelles Lernen in diesem Sinne zu unterstützen, ist eine eigenständige und nicht nur eine "Zusatz-"Ausbildung erforderlich. Ohne eine solche Ausbildung kommt man natürlich auch "über die Runden", das betreffende Begegnungsprogramm ist allerdings dann vermutlich eine Anhäufung verpaßter Chancen im Sinne des hier vertretenen Konzeptes des interkulturellen Lernens, was überhaupt nicht die Möglichkeit individuell bereichernder Erlebnisse ausschließt.

Im folgenden sollen jetzt einige Themenbereiche vorgestellt werden, deren Bearbeitung in Ausbildungsprogrammen für Gruppenbetreuer als sinnvoll angesehen wird, um mit dem Feld des interkulturellen Lernens besser umgehen zu können. Es sind zum Teil Themen, die in der nationalen Sozialisation nicht prioritär sind, weil sie vermeintlich "Selbstverständliches" betreffen, zum Teil ist gegenüber der nationalen Praxis der Blickwinkel verändert. Die meisten dieser Themen können mit der konkreten Erfahrung beim Zusammenleben im Ausbildungsprogramm in der Weise verbunden werden, daß dieses zum Ausgangspunkt der Überlegungen genommen wird. Es entsteht auf diese Weise nicht der Eindruck, sie seien "künstlich" von außen herangeführt worden. Wie diese Verbindung im einzelnen hergestellt wird, hängt natürlich von den jeweiligen konkreten Rahmenbedingungen und Zielen der Ausbildungsprogramme ab.

An manchen Stellen konnten, um diesen Text nicht zu überfrachten, sehr komplexe Fragen nur angerissen oder nur sehr verkürzt angesprochen werden. Es wird deshalb auch auf andere in der Reihe "Arbeitstexte" erschienene Veröffentlichungen hingewiesen (siehe Anhang).

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