Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

Inhaltsverzeichnis


IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens


2. Wie nähert man sich einer " K u l t u r " ?

Eine fremde Kultur begegnet uns zunächst als verwirrendes Knäuel vielfältigster Eindrücke, Informationen, Gefühle, Fragen, und dies vermutlich um so mehr, je kontinuierlicher und intensiver sich jemand mit ihr beschäftigt. Eine zentrale Aufgabe der Gestaltung von interkulturellen Lernprozessen ist, hier Vorgehensweisen vorzuschlagen, die zu einer Reduktion von Komplexität führen, was hauptsächlich dadurch geschehen kann, daß Wege gewiesen werden, die helfen, möglichst viele zentrale Momente anderer Kulturen, die dementsprechend repräsentativ für die jeweiligen Weltverständnisse sind, zu erfassen. Das Zusammenspiel von Ursachen und Folgen, das einem so deutlich wird, und das oft erheblich abweicht von der Art von Zusammenhängen, wie wir sie gewohnt sind, stellt nicht selten eine erhebliche Herausforderung an unsere Verständnisfähigkeit dar.

Es gibt hier nützliche Vorarbeiten, z. B. von E. T. Hall, der gezeigt hat, wie sehr der Umgang von Kulturen z. B. mit "Zeit" und "Raum" diese kennzeichnet und bis hin zu individuellem Verhalten durchschlägt.

Die Einführung solcher Kategorien in die Kulturanalyse erlaubt ein für interkulturelles Lernen wichtiges Verhalten, nämlich das der kulturellen Relativierung oder der Dezentrierung. Man kann z. B. mit Hilfe dieser Metakategorien, also der Frage danach, wie Kulturen mit "Zeit" und "Raum" umgehen, auch die eigene Kultur von außen betrachten, wie man es sonst mit anderen Kulturen tut und man kann lernen, daß die eigene Kultur auch "nur" ein denkbarer Weltentwurf ist.

Man kann sich neben "Zeit" und "Raum" sicher auch noch andere Kategorien denken, die einen relativierenden Blick auf Kulturen erlauben. Generell ist auch die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß bei Verwendung solcher Kategorien die Wirklichkeit zu sehr vereinfacht wird, um sie in bestimmten Schemata unterbringen zu können. Dennoch ist dieses Vorgehen von großer Hilfe für das interkulturelle Lernen und Kritik sollte zur Weiterentwicklung ermuntern.

Anhand der Kategorien "Zeit" und "Raum" soll nun kurz zusammengefaßt dieser Ansatz des Kulturverständnisses verdeutlicht werden.

Nach Hall hat jede Kultur ihre "Zeitsprache", ein Zeitsystem.

Der Umgang mit Zeit widerspiegelt den Lebensrhythmus. Es gibt Kulturen, in denen dieser Rhythmus als langsam erscheint, in anderen erscheint er als schneller. Menschen mit einem scheinbar langsamen Lebensrhythmus fühlen sich von Menschen mit einem scheinbar schnellen Lebensrhythmus unter Druck gesetzt, die "Schnellen" fühlen sich von den "Langsamen" gebremst. Die Unterschiede "schnell" - "langsam" existieren natürlich auch zwischen Personen ein und derselben Kultur, dies meinen wir hier nicht, sondern eine kollektive Norm, die dem Funktionieren einer ganzen Gesellschaft ihren Stempel aufdrückt.

  • "Zeit" bedeutet auch Zeitpläne und damit eine Regelung von Prioritäten und beinhaltet ebenfalls eine Regel dafür, wie flexibel der Umgang mit Zeit, mit Zeitplänen und mit Prioritäten ist.

  • "Zeit" bedeutet auch Einstellung zur Pünktlichkeit, also Länder, in denen Pünktlichkeit wichtig und anderen, in denen sie mehr die Ausnahme ist.

  • "Zeit" heißt Vorlaufzeit, d. h. wie lange vor einem Vorhaben oder Termin sich darauf eingestellt werden muß.

  • "Zeit" heißt auch ganz allgemein "zeitliche Perspektive" und fragt, ob also Länder eher vergangenheits-, gegenwarts- oder zukunftsorientiert sind.

Hall unterscheidet in Bezug auf die Zeit grundsätzlich zwei kulturelle Muster:

a) polychrones Verhalten (eher mehrere Dinge gleichzeitig tun)
b) monochrones Verhalten (eher eins nach dem anderen tun)

Und hier gibt es ja gerade im deutsch-französischen Kontext eine Reihe interessanter Erfahrungen.

Nach Hall hat jede Kultur auch ihre "Raumsprache", also ein System des Umgangs mit dem Raum:

  • "Raum" bedeutet ganz allgemein die kulturspezifische Regelung der Raum- und damit der sozialen Beziehungen.

  • "Raum" bedeutet die Art der Abgrenzung "eigenen" Territoriums, wobei dies ganz wörtlich in Bezug auf Häuser oder Grundstücke zu nehmen ist, aber auch im übertragenen Sinne dafür gilt, wie der Zusammenhang zwischen körperlicher Distanz z. B. in Gesprächssituationen und Sicherheitsgefühl beschaffen ist.

  • "Raum" bedeutet auch die Struktur des Raumes, z. B. von Büros oder auch Städten. Es gibt Kulturen, die die Zentren von Macht oder von Bedeutung in den Mittelpunkt des Raumes z. B. von Gebäuden tun, während in anderen die Zentren der Macht z. B. in einem Gebäude ganz oben oder am weitesten vom Eingang entfernt liegen, was natürlich auf die Kommunikation erhebliche Einflüsse hat.

  • "Raum" unterscheidet auch zwischen individuell und kollektiv genutztem Raum, also privatem und öffentlichem Raum. Gerade die Nutzung des öffentlichen Raumes als Kommunikations- oder lediglich Transferraum läßt auch wiederum auf gesellschaftliche Kommunikationsstrukturen Rückschlüsse zu: Erfolgt wichtige Kommunikation in der Öffentlichkeit oder abgeschirmt, verborgen?

  • Oder, was den privaten Raum betrifft: Welcher Grad an Vertrautheit muß vorhanden sein, damit man zu jemandem nach Hause eingeladen wird?

Um es noch einmal zu betonen, es gibt sicher auch andere denkbare Klassifizierungssysteme. Grundsätzlich kommt interkulturelles Lernen ohne kulturübergreifende Kategorien aber nicht aus, weshalb eine wichtige Aufgabe darin besteht, diesen Ansatz weiterzuentwickeln.

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