Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

Inhaltsverzeichnis


IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens


3. Warum sind wir alle so gleich - warum sind wir alle so verschieden?

Gerade im Kontakt mit anderen Kulturen kommt ein Phänomen zum Tragen, dessen wir uns bewußter werden sollten: Unsere Einstellungen und unser Verhalten werden nämlich in erheblichem Maße von unseren Gefühlen und nicht von unserem Verstand gesteuert.

Um dies zu erklären, ist ein Exkurs notwendig: Beim Menschen stehen ständig zwei Welten miteinander in Verbindung, die äußere Welt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen und die innere Welt, unsere Gefühle. Wir erleben, daß auf das, was von der äußeren Welt wahrgenommen und aufgenommen wird, die innere Welt mit Lust oder Unlust reagiert, wobei aber auch die innere Befindlichkeit die Wahrnehmung des "Außen" prägt. Äußere und innere Welt sind so, weitgehend untrennbar, verbunden, wessen wir uns oft nicht bewußt sind. Entwicklungsgeschichtlich existierten die Gefühlszentren beim Menschen, die sich im Zwischenhirn befinden, viel eher als die Denkzentren, die im Großhirn angesiedelt sind. Auch in der individuellen Entwicklung findet sich dies wieder, und zwar insoweit, als beim Neugeborenen das Großhirn im Gegensatz zu den anderen Hirnteilen nur teilweise ausgebildet ist. Menschen lernen deshalb vor der Geburt und in der ersten nachgeburtlichen Lebensphase vorwiegend über ihr Fühlen, und dies beeinflußt erheblich das ganze weitere Leben. Hinzu kommt, daß Menschen offenbar dazu tendieren, ihre Gefühle und ihr Denken über andere Menschen in Übereinstimmung zu bringen, d. h. dazwischen bestehende Widersprüche, Dissonanzen zu reduzieren. Dies und die erwähnte Priorität der Gefühle führt zu der Schlußfolgerung, daß wir wohl oft weniger rationale als rationalisierende Wesen sind, die ihren Verstand oft dazu gebrauchen, für ihre Gefühle Begründungen zu liefern.

Es scheint dies eine Erklärung dafür zu sein, daß im interkulturellen Kontakt Fremde je nach gefühlsmäßiger Ausgangslage entweder eher zu positiv oder zu negativ, auf jeden Fall emotional eingefärbt gesehen werden.

Wir machen uns also gleicher oder verschiedener als wir in Wirklichkeit sind. Dies ist vor allem dann von Bedeutung, wenn aus der Geschichte zwischen Ländern oder Völkern herrührende Gefühle, Ängste in uns verwurzelt sind, die in Form eines Halo-Effektes in persönliche, private Beziehungen hineinstrahlen.

Andererseits: Es brauchen wohl alle Menschen unabhängig von ihrer Kultur Anerkennung durch ihresgleichen, und sie suchen nach Zeichen dafür, daß ihre Nähe geschätzt wird und entsprechende Signale überspringen leicht kulturelle Barrieren, zumindest zu Anfang. Deshalb ist es auch durchaus wichtig, sich als Veranstalter einer internationalen Begegnung Gedanken darüber zu machen, wie für eine freundliche Aufnahme der Beteiligten gesorgt werden kann, so daß sich diese willkommen fühlen können.

Der Wunsch, sich dem anderen zu nähern, führt aber nicht selten dazu, vorhandene Unterschiede herunterzuspielen und Identität auf das "allgemein menschliche" zu beschränken. Jeder hat aber auch eine kollektive, kulturelle, nationale Identität, die die Frage danach beantwortet, wer ich bin, d. h. wodurch ich mich von anderen unterscheide bzw. mit wem ich gleich bin und wie ich die Welt um mich herum zu interpretieren habe. In interkulturellen Situationen führt dies nicht selten zu Identitätskonflikten, da sich der Wunsch nach individueller Nähe zu einem Angehörigen einer anderen Kultur und der Wunsch nach Beibehaltung der Zugehörigkeit zur kulturellen Ursprungsgruppe gegenüberstehen.

In der Kurzzeitpädagogik treten diese Fragestellungen seltener auf. Dies führt dann oft zu der Illusion, man habe sich gut verstanden, oder man habe sogar eine Verständigung erreicht, während in Wirklichkeit ein gelungenes Nebeneinander stattgefunden hat, das hier keinesfalls nur negativ bewertet werden soll. Dennoch stellt sich die Frage danach, wieviel Zeit erforderlich ist, damit vorhandene Unterschiede einerseits hervortreten und andererseits bearbeitet werden können, und ob nicht vielleicht manchmal nicht unabsichtlich Begegnungen so kurz gehalten werden, daß kulturelle Verschiedenheiten einschließlich der Schwierigkeit, damit umzugehen, erst gar nicht deutlich werden.

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