4. V o r u r t e i l e
Man hat lange Zeit angenommen, Gruppen oder, allgemeiner ausgedrückt, "Systeme" würden sich vor allem dadurch definieren, daß ihre Mitglieder sich auf einen Komplex von gemeinsamen, im Mittelpunkt stehenden Zielen, Ideen, Weltanschauungen, Werten beziehen (Identitätshypothese). In der Soziologie scheint in letzter Zeit eine andere Sicht in den Vordergrund zu treten. Danach konstituieren und erhalten sich Systeme durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz. So ist Grenzerhaltung Systemerhaltung (nach N. Luhmann). Dieser Ansatz wird als Differenzhypothese bezeichnet.
Eine derartige Annäherung an die soziale Realität kann auch für die internationale Bildungsarbeit nicht folgenlos sein: Wenn für den Bestand sozialer Gebilde nicht in erster Linie oder zumindest nicht nur die Benennung der Gemeinsamkeiten sondern ebenso die Feststellung der Unterschiede maßgebend ist, müßten einige vertraute Ansätze überdacht werden. Dies sei am Beispiel der "Vorurteile" kurz erläutert.
Der "Abbau von Vorurteilen" ist nach wie vor ein verbreitetes Ziel internationalen Austauschs, wobei weitgehend unbestritten ist, daß "richtige" Vorurteile durch die kurzzeitpädagogischen internationalen Begegnungen wohl ohnehin nicht abgebaut werden können, da sie Persönlichkeitsbestandteil sind.
In der Differenzhypothese erscheinen auch Vorurteile als Mittel, um die eigene Identität über eine Abgrenzung gegenüber den anderen herzustellen bzw. zu erfahren, d.h., in dieser Perspektive besteht die Funktion von Vorurteilen nicht nur darin, wirkliche oder eingebildete Unterschiede gegenüber Fremden herauszustellen und die Fremden dadurch zu beschreiben, sondern ebenso darin, die eigene Identität zu bestimmen. Aus diesem Grunde wäre sinnvollerweise eher ein "Leben mit Vorurteilen", d.h. das Erlernen, sie zu entschlüsseln und sie mit denen anderer zu konfrontieren, als ein "Abbau" und vor allem ein viel gelassenerer, mit weniger Schuldgefühlen belasteter Umgang damit anzustreben. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Es soll hier nicht für eine Bestärkung von Vorurteilen plädiert werden, sondern dafür, sich mit den Gegenständen und Aussagen, die mit sogenannten Vorurteilen zusammenhängen, inhaltlich zu beschäftigen. So ist ja in "Vorurteilen" oft auch ein wahrer Kern enthalten, den man nicht einfach ableugnen sollte dadurch, daß man pauschal von einem Vorurteil spricht. Vorurteile haben aber auch die Funktion, Wirklichkeit zu verdecken, vor allem solche Bereiche dieser Wirklichkeit, die widersprüchlich sind.
Keinesfalls sollte der Wille, Vorurteile zu beseitigen, dazu führen, jede Art von Verallgemeinerung hinsichtlich der Angehörigen verschiedener Kulturen zu untersagen. Es ist legitim, zu verallgemeinern, um die Komplexität der Wirklichkeit soweit zu reduzieren, daß man sich damit intersubjektiv auseinandersetzen kann und nicht in einem totalen Subjektivismus gefangen bleibt.
Verdeutlichen wir uns in diesem Zusammenhang, daß eine Kultur ein sich selbst regulierendes System ist, das von eigenen Gesetzen regiert wird, die durch kollektive Arbeit in einem historischen Prozess durch Versuch und Irrtum entstanden sind. Wie jedes andere lebende System ist auch eine Kultur durch zwei sich scheinbar widersprechende Tendenzen gekennzeichnet, die der Homöostase, also der Beharrung, und die der Veränderung. Diese beiden Tendenzen spielen zusammen und halten dabei ein allerdings immer nur vorläufiges Gleichgewicht aufrecht, das den Fortbestand von Systemen in geschichtlichen Abläufen sichert.
Dieser Fortbestand ist dann nicht mehr gesichert, wenn Systeme sich gegen alles Fremde wehren, also immunisieren
müssen, oder wenn sie nur noch dank des Fremden existieren können.
Auf diesem Hintergrund gewinnt eine Beschäftigung mit den "Grenzen" eine neue Aktualität, wobei unter "Grenzen" hier sowohl die konkreten als auch die abstrakten Bewußtseinsgrenzen zu verstehen sind. Grenzen haben danach für die Differenzierung und Entwicklung von Strukturen eine zentrale Bedeutung und Zusammenleben und Zusammenarbeit zwischen Völkern setzen dementsprechend Grenzen voraus, die weder zu rigide und undurchlässig noch zu durchlässig sind.
Eine solidarische Entwicklung miteinander stellt diese Grenzen in Rechnung und respektiert sie - dies, da die abstrakten Grenzen nicht sichtbar sind, vor allem dadurch, daß in den Kontakten der Kulturen die Begegnungen mit der notwendigen Sensibilität und Zurückhaltung erfolgen, um sich an die Grenzen herantasten zu können. Wichtig ist dabei, daß die Befindlichkeit und die Annäherungs- und Distanzierungswünsche der Beteiligten thematisiert werden. So etwas kann auch in Begegnungsprogrammen durchaus geschehen.
Die Schwierigkeit liegt dabei in der Tatsache, daß die erwähnten abstrakten Grenzen dynamisch und insofern einem ständigen Aushandlungsprozess unterworfen sind, was aber die Kommunikation und die Behutsamkeit im Umgang miteinander nur noch wichtiger macht.