|
|
IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens
5. I d e n t i t ä t e n und U n t e r s c h i e d e
Kulturelle bzw. nationale Identität soll nicht nur durch gemeinsame Zugehörigkeit zu einem bestimmten Werte- und Normensystem Sicherheit vermitteln, sondern stellt auch Regeln für das Verhalten gegenüber Fremden auf.
Dies führt zu dem Vorschlag, daß zu der sicherlich wichtigen Beschäftigung mit der Entstehung nationaler oder kultureller Identität, also mit der Frage, warum die Franzosen oder die Deutschen oder die Engländer so sind wie sie sind - natürlich jeweils mehrseitig gesehen, d. h. mit ihren Augen und mit den Augen der anderen - hinzutreten sollte eine Arbeit darüber, wie mit "Identität" auf der Verhaltensebene umgegangen wird, denn dies scheint für das Verstehen von Gruppenprozessen, vielleicht sogar der "großen" Politik von erheblicher Bedeutung zu sein. Dieser Umgang mit der eigenen Identität, ihr "Einsatz" läßt auf ihre Struktur oft bessere Rückschlüsse zu als manche historischen Analysen.
Hier bietet sich in besonderer Weise die Analyse der Gruppenprozesse in den Ausbildungsprogrammen an.
Mögliche Fragen könnten in diesem Zusammenhang z. B. sein:
- Wer (Person oder Gruppe) zeigt bewußt seine nationale Identität vor? Warum? Möchte er sich bemerkbar machen, auffallen, Kontakt bekommen, Kontakt vermeiden, die Interaktion lenken, für Überraschungseffekte sorgen, die Führung übernehmen?
Dient das Herausstellen der nationalen Identität dazu, die Gemeinsamkeit der Mitglieder einer nationalen Gruppe zu betonen mit der Folge emotionaler Geborgenheit? Dient es dazu, sich vor Überforderung zu schützen, d. h. dazu, sich nicht auf andere einstellen zu müssen? Dient es dazu, abzublocken aus Angst vor Identitätsverlust? Dient es dazu, Interesse zu erwecken, zu werben - immerhin hat ja das Fremde auch seine Reize - oder dient es dazu, Verbündete zu gewinnen, Koalitionen vorzubereiten?
Könnte eventuell die Anwesenheit von Ausländern dazu ermuntern, Anteile der eigenen Identität, die im rein nationalen Kontext nicht zu Sprache kommen, zu thematisieren, oder dazu, daß intrakulturelle Unterschiede, die oft tabuisiert werden, deutlich gemacht oder daß Minoritäten, die sonst ignoriert oder verleugnet werden, sich repräsentieren?
Was bedeutet schließlich, wenn jemand seine kollektive Identität relativiert, herunterspielt, verleugnet oder ablehnt, also z. B. sich, anstelle eine deutsche oder französische Identität zu leben, zum "Europäer" erklärt?
|
|