6. D i s t a n z r e g u l i e r u n g
Ein zentraler Punkt beim interkulturellen Lernen ist die Frage, wie die kulturellen Unterschiede Eingang in gemeinsame Projekte finden können, so, daß man miteinander etwas planen und durchführen kann, aber dabei nicht die Gefahr läuft, sich soweit verändern, anpassen zu müssen, daß man sich verliert. Die Angst, sich zu verlieren, fremdbestimmt zu werden, sich aufgeben zu müssen, erzeugt nämlich Zentrifugalkräfte, also Fluchtverhalten, ebenso Aggressionen und schließlich auch Rückzugsbewegungen und stellt die Zusammenarbeit in Frage.
Interkulturelle Zusammenarbeit kann nur gelingen, wenn die "Parteien" das Ziel im Blick haben, sich nicht gegenseitig ihre Projekte aufzuzwingen, wobei "Projekt" ja nicht nur Ziel, sondern auch Methode, Arbeitsform, Arbeitstempo usw. bedeuten kann. Es ist hochgradig unwahrscheinlich, daß bei Angehörigen unterschiedlicher Kulturen in all diesen Punkten Übereinstimmung erzielt werden kann.
Erfolgreiche interkulturelle Projekte (auch in Begegnungsprogrammen) können deshalb vermutlich zunächst nur solche sein, die lediglich einen Rahmen angeben, in dem unterschiedliche Schwerpunkte, Wege und Methoden möglich sind, in denen sich das unterschiedliche Vorgehen konkretisiert. Das führt dann in manchen Teilbereichen zur unmittelbaren interkulturellen Zusammenarbeit, in anderen zu Parallelarbeit in nationalen Gruppen und in wieder anderen vielleicht dazu, daß nur eine der beteiligten Seiten sich damit beschäftigt. Hinzu sollten Gelegenheiten kommen, gemeinsam über die Art und Weise der Zusammenarbeit nachzudenken, sie von "außen" zu betrachten und dabei z. B. über den Umgang mit Macht z. B. Machtlust und Machtdrang oder die Angst vor Macht, nachzudenken und nach Wegen zu suchen, wie man so etwas bewältigt.
Oft wird es als Scheitern deutsch-französischer Begegnungen oder Zusammenarbeit angesehen, wenn nicht alle zur gleichen Zeit dasselbe machen. Eine solche Einstellung ist ein schwerwiegendes Hindernis auf dem Weg zur Zusammenarbeit und verkennt die Unterschiede zwischen den Kulturen - Unterschiede, die ja oft, und das wird im konkreten Verhalten merkwürdigerweise nicht selten "vergessen", gerade den Anreiz für Begegnung bilden.
Auch in Begegnungsprogrammen kann nicht die Fusion, die Bildung "einer großen Familie" das Ziel sein, sondern, um im Bild zu bleiben, eher die Organisation von Nachbarschaftsbeziehungen mit mal mehr Nähe und mal mehr Distanz.
Die Pädagogik der "Distanzregulierung" richtet sich in keiner Weise gegen das Entstehen persönlicher freundschaftlicher Beziehungen. Sie möchte dazu beitragen, bei den Teilnehmern den Blick für die Unterschiede zwischen der Ebene der individuellen Teilnahme an einer Begegnung und den Ebenen der kollektiven Begegnungen zwischen Gesellschaften und Staaten zu schärfen.