7. Nicht reduzierende und nicht nivellierende Entscheidungsprozesse
In bi- oder internationalen Gruppenprogrammen werden Entscheidungen nicht selten "parlamentarisch" getroffen, d. h. per Abstimmung. Dies scheint für Prozesse interkulturellen Lernens kein geeigneter Weg zu sein, denn hier wird der Meinung der Mehrheit ein höherer Wert und auch eine größere Berechtigung eingeräumt als der Meinung der Minderheit - ohne daß in der Regel geprüft wurde, ob für das "Funktionieren" des Programms überhaupt eine Abstimmung notwendig war.
Oft bringen Leitungsteams ungewollt Gruppen in solche Situationen, wenn sie in guter Absicht, die Wünsche der Teilnehmer zu verwirklichen, diesen mehrere Alternativen zur Auswahl anbieten, gleichzeitig aber davon ausgehen, daß schließlich alle zusammen an ein- und derselben Aktivität teilnehmen.
So kommt es dann dazu, daß Teilnehmer, die sich sehr für einen bestimmten Vorschlag interessieren, solche Teilnehmer, die andere Präferenzen haben, als Verhinderer ihrer Interessensverwirklichung sehen, als Spielverderber, ja als Gegner, den es zu bekämpfen gilt.
Eine Pädagogik des interkulturellen Lernens, die soweit wie möglich Vielfalt fördern möchte, oder aber die zumindest - und dies ist schon viel - nicht ignoriert, nivelliert oder marginalisiert, was an Unterschieden in einer Gruppe bereits vorhanden ist, sollte von vornherein in der Programmanlage dafür sorgen, daß viele unterschiedliche und freiwillige Angebote vorhanden sind, die parallel und nicht alternativ durchgeführt werden können bzw. müssen, so daß die Entscheidung nicht über die Interessen der anderen getroffen werden muß, sondern über die eigenen, und dies sollte sowohl für die individuelle als auch die kollektive Ebene gelten.
Die Erfahrung zeigt, daß jemand, der sicher sein kann, einen Platz für seine eigenen Interessen zu finden, auch bereit ist, anderen ihren Platz zu lassen. So könnten z. B. Projekte hintereinander stattfinden, anstatt eine Alternative darzustellen, wenn dies aus praktischen Gründen nicht anders geht. In das Entscheidungsdilemma geraten vor allem solche Begegnungsprogramme, deren Verantwortliche sehr stark verinnerlicht haben, daß ein Programm dann "gut läuft", wenn alle möglichst viel zusammen sind und zusammen etwas unternehmen und das dazu gegebenenfalls auch noch immer in national gemischten Gruppen. Eine solche vorweg arrangierte Gemeinsamkeit führt oft zu einer demonstrativen oder durch passiven Widerstand ausgedrückten Betonung der Unterschiede. Sich begegnen zu wollen, hat mit gegenseitigen Interessen und Wünschen zu tun. So etwas kann man nicht verordnen, höchstens vorsichtig unterstützen durch günstige Rahmenbedingungen, vor allem durch Platz für Entwicklungen.
Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Das Plädoyer für nicht reduzierende und nicht nivellierende Entscheidungsprozesse ist nicht gleichzusetzen mit dem Eintreten für überwiegendes oder häufiges Aufteilen der Begegnungsgruppe in kleine Untergruppen. Das Plenum, also die Versammlung aller Teilnehmer an einer Begegnung, ist nämlich ein wichtiger Ort für das Erfahren und das Einüben des Umgangs mit kollektiver Identität. Zu erfahren, was es z. B. mit "den" Franzosen, Italienern, Deutschen auf sich hat, setzt voraus, daß man mehrere Repräsentanten dieser Kulturen (zusammen) handeln sieht. So werden vorschnelle Verallgemeinerungen vermieden, vor allem, weil die Binnendifferenzierung der Kulturen deutlich wird. Es werden aber auch jene Besonderheiten deutlicher, die uns kulturell unterscheiden.
Es sollten deshalb von den Verantwortlichen für Ausbildungsprogramme die für die Arbeit an den Identitäten jeweils geeignetsten Arbeitsformen vorgeschlagen werden.