8. Sprachliche Kommunikation
Nicht selten werden die Sprachprobleme als das größte Hindernis bei interkulturellen Begegnungen bezeichnet.
In der Tat ist der Umgang mit den verschiedenen Mutter- und Fremdsprachen der Teilnehmer an den Programmen, Teilnehmer, die vielfach nur einsprachig sind und es bleiben werden, mindestens sich nicht tiefgehend in einer Fremdsprache ausdrücken können, ein besonders komplexes Gebiet im Austausch. Wir - und andere - haben im übrigen die Erfahrung gemacht, daß der Zusammenhang zwischen der Fremdsprachenkenntnis von Teilnehmern und der Qualität von Begegnungsprozessen oft sehr viel weniger direkt ist als man häufig annimmt.
Diese Feststellung bedeutet nicht, daß Fremdsprachenkenntnisse für überflüssig gehalten werden - ganz im Gegenteil, dies schon deshalb nicht, weil die Autoren selbst vielfach anstrengende Übersetzerfunktionen in Programmen wahrnehmen mußten.
Sie bedeutet vielmehr, daß offenbar die Art und Weise, wie mit Sprache umgegangen wird, viel wichtiger für die Verständigung ist als das jeweilige Niveau der Fremdsprachenkenntnisse.
Im übrigen: Was nutzen z. B. gute Fremdsprachenkenntnisse, wenn es durch die Anlage des Programms gar nicht zu auch an sich möglichem Gedanken- und Informationsaustausch kommt bzw. kommen kann?
Wie könnte nun ein Rahmen aussehen, der den Teilnehmern an Begegnungen mit noch vertretbarem Aufwand auf dem Gebiet der Sprache des Nachbarn die Gelegenheit zu möglichst weitgehendem Gedankenaustausch gibt?
Soviel vorweg: Wirkliches gegenseitiges Kennenlernen ist nur dann möglich, wenn die Beteiligten sich umfassend darstellen und erklären können. Jeder, der eine Fremdsprache benutzt, weiß aus Erfahrung, daß er sich zunächst schon einmal auf das reduziert, was er in dieser Sprache auszudrücken in der Lage ist, und selbst wenn er sie perfekt beherrscht, er sagt nicht dasselbe oder nicht in derselben Weise wie in der Muttersprache.
Man kann diesem Problem z. T. dadurch begegnen, daß man solche Situationen schafft, daß sich grundsätzlich jeder in seiner Muttersprache äußern kann. Insoweit erscheint wichtig, beim Erlernen von Fremdsprachen im Hinblick auf Begegnungssituationen besonderen Wert auf das Trainieren des Hörverständnisses zu legen.
Optimal wäre also, wenn jeder in seiner Muttersprache sprechen und davon ausgehen könnte, daß er verstanden wird. Das ist allerdings meistens nicht der Fall und kann auch nicht gefordert werden, weil das DFJW sich aus gutem Grund an alle Jugendlichen in beiden Ländern wendet, und diese sind in Bezug auf die deutsche und die französische Sprache in der Mehrzahl einsprachig.
Gar nicht selten wird dann auf den Ausweg zurückgegriffen, daß die Teilnehmer eine gemeinsame Fremdsprache sprechen, also z. B. Englisch. Die Folge ist dann aber, daß sich alle auf das reduzieren, was sie in Englisch ausdrücken können.
Die übliche Antwort auf das Fehlen von ausreichenden Sprachkenntnissen ist aber der Einsatz von Dolmetschern.
Die Erfahrung zeigt, daß auch hier die Nachteile erheblich sind: Dies soll nachfolgend im Hinblick auf die unterschiedlichen Arten, zu dolmetschen, verdeutlicht werden:
Simultandolmetschen verlagert das Sprachproblem nach außen, entläßt die Teilnehmer und Gruppenleiter aus ihrer Verantwortung für die Kommunikation und dafür, sich verständlich zu machen, denn es sind ja Leute da, die dafür bezahlt werden. So wird eine Illusion des Gesprächs, vor allem eine Illusion des Verstehens geschaffen, denn weder kann überprüft werden, was der Dolmetscher selbst verstanden, noch was er übermittelt hat (das hat nichts mit dem guten Willen und auch nicht mit den Fähigkeiten der Dolmetscher zu tun). Hinzu kommt, daß in national gemischten Gruppen gelegentlich nicht nur ein Gespräch stattfindet, sondern sich mehrere Gespräche überlagern oder nebeneinander verlaufen, wobei nicht selten am intensivsten die Angehörigen der verschiedenen Kulturen untereinander diskutieren, weil, selbst wenn er übersetzt wird, ein fremder Diskurs irgendwie fremd bleibt, und weil man sich davon oft nicht so direkt betroffen fühlt, wie durch Beiträge aus dem eigenen kulturellen Umfeld. Die zur Bearbeitung dieser Phänomene notwendige Aufmerksamkeit wird unserer Erfahrung nach durch Simultandolmetschen (man vergesse auch nicht die Wirkung der notwendigen technischen Apparaturen) unterdrückt.
Es ist zu beobachten, daß sich die geschilderten Probleme etwas abschwächen, wenn sogenanntes Flüsterdolmetschen angewandt wird, wenn also der Simultandolmetscher in der Gruppe selbst und nicht in einer Kabine sitzt und leise in ein Mikrophon spricht. Er ist dann schon einmal physisch präsent, was für uns symbolisch wichtig ist, da er sichtbar das Problem der Verständigung verkörpert. Darüber hinaus hat er aber auch die Möglichkeit, konkret zu handeln. Er kann Redner unterbrechen, gegebenenfalls Fragen stellen und er kann sogar aus seiner Rolle des "Nur-Übersetzers" heraustreten und inhaltliche Beiträge leisten und sich auf diese Weise von einem Instrument in eine Person (zurück)verwandeln. Dies ist u. a. auch dann wichtig, wenn der Dolmetscher z. B. Schwierigkeiten hat, Dinge zu übersetzen, mit denen er inhaltlich nicht einverstanden ist - etwas, was gar nicht so selten vorkommt und woran oft nicht gedacht wird oder ein Tabu bleibt.
Ein weiterer Schritt in die Richtung, die Übersetzung nicht zu "verstecken" oder auf eine lediglich technische Angelegenheit zu reduzieren, sondern als normalen integralen Teil der Begegnung zu sehen, ist, konsekutiv zu übersetzen, also in der Gruppe nach dem Originalbeitrag für alle hörbar die Übersetzung(en) vorzunehmen, verbunden mit einer - soweit möglich - Entspezialisierung der Übersetzer, also mit einer Verteilung der "Verantwortung" für das Dolmetschen auf mehrere Schultern.
Der Vorteil dieser Form der Übersetzung sowohl im Hinblick auf ihre Qualität als auch auf ihre Unmittelbarkeit wiegt den Zeitverlust durch das Aufeinanderfolgen desselben Inhalts in mehreren Sprachen mindestens auf.
Bei dieser Art des Übersetzens können sich fast immer mehrere Personen gegenseitig helfen, z. B., wenn sichergestellt werden soll, daß Beiträge möglichst getreu in eine andere Sprache übertragen werden oder wenn bestimmte Begriffe, vor allem Spezialbegriffe gesucht werden. Schließlich kann auch derjenige, von dem ein zu übersetzender Beitrag stammt, oft die Übersetzung mit dem vergleichen, was er gesagt hat und gegebenenfalls Präzisierungen vornehmen, oder aber man kann ihn zumindest fragen, kann darum bitten, zu wiederholen oder zu präzisieren, und der Gewinn an Präzision überwiegt den vermeintlichen Zeitverlust bei diesem Verfahren.
Es gibt von verschiedenen Veranstaltern eine besondere Ausbildung für Verantwortliche im Austausch, die die sprachliche und die pädagogische Komponente eng verbindet und dazu befähigt, in Kenntnis der Besonderheiten deutsch-französischer Begegnungssituationen die erforderlichen Dolmetscher- oder Übersetzertätigkeiten auszuüben. Gemeint sind die sogenannten Gruppendolmetscher, die, da sie eine sowohl inhaltliche und organisatorische Leitungsfunktion wahrnehmen als auch die sprachlichen Verständigungsprozesse erleichtern, in der Lage sind, das Problem der Übersetzung im Gesamtzusammenhang einer Begegnung zu sehen und es dementsprechend nicht nur unter "technischen" Aspekten zu betrachten.
Dennoch wird oft gesagt, vor allem aus Zeitgründen sei eine Simultanübersetzung notwendig. Sollte dies tatsächlich so sein, könnte wenigstens die anschließende Diskussion dann konsekutiv übersetzt werden.
Gelegentlich läuft plötzlich eine Diskussion in einer Sprache so schnell ab, daß Simultanübersetzung nur noch schwer und Konsekutivübersetzung gar nicht mehr möglich ist, ja letztere sogar verhindert wird. Dies ist dann ein Zeichen dafür, daß innerhalb einer nationalen Gruppe dringend etwas ausgehandelt werden muß - oft eine gemeinsame Position zu einem Beitrag oder Vorschlag. In diesen Fällen ist es wichtig, nicht zu unterbrechen und die Geduld aufzubringen, um das Ende dieser Phase abzuwarten. Eine dann erfolgende Zusammenfassung oder Erklärung ist für das Verständnis durch die anderen hilfreicher als Übersetzungsbrocken, weil die Zusammenfassung als eine abgerundete Information gegeben wird.
Zu diesem Komplex gehört übrigens auch eine Arbeitsform, die oft damit nicht in Zusammenhang gebracht wird, nämlich die Arbeit in nationalen oder auch in sprachhomogenen Gruppen. Diese Gruppen können eine wichtige Funktion für das Verständnis von eingebrachten Informationen haben, indem sie in der Muttersprache oder in einer sehr gut beherrschten Fremdsprache eine Diskussion ermöglichen, die sowohl die unterschiedlichen Aspekte, die von den Teilnehmern wahrgenommen wurden, als auch Gefühle und Wertungen auszudrücken erlaubt. Oft noch wichtiger ist aber die Funktion der Vorbereitung von Informationen für Teilnehmer einer anderen Kultur. Auch der beste Übersetzer kann nicht mehr helfen, wenn ein Beitrag selbst unklar ist. Oft ist zu bemerken, daß gerade dann, wenn schwierige Themen zur Debatte standen, eine Vorklärung dessen, was man sagen möchte, in nationalen Gruppen hilfreich ist. Vielfach merkt man ja erst im Kontakt mit Fremden, wie wenig man z. B. über das eigene Land weiß.
Was den Umgang mit Sprachen bzw. Fremdsprachen angeht, so sollte fast so etwas wie eine "Kommunikationskultur" für den internationalen Austausch entwickelt werden, die zu einem angemesseneren Umgang mit Sprache führt. So etwas kann ganz klein beginnen: In Diskussionen, in denen konsekutiv übersetzt wird, z. B. ein Beitrag vom Deutschen ins Französische, haben die Deutschen während der Übersetzungszeit die Möglichkeit, über einen nächsten Beitrag nachzudenken und könnten ihn nach Abschluß der Übersetzung sofort einbringen. Die Franzosen können erst nach Abschluß der Übersetzung mit dem Nachdenken anfangen. Ein kleines Mosaiksteinchen von Sprachkultur wäre, hier ein wenig "Verdauungszeit" nach der Übersetzung zuzugestehen und nicht gleich den nächsten Beitrag "nachzuschießen". Insoweit ist vielleicht das Erlernen eines angemessenen Umgangs mit der eigenen Sprache einer der wichtigsten Beiträge für internationale und interkulturelle Kommunikation.
Sprache ist aber nicht nur Hilfsmittel zur Übermittlung von Kultur, sie ist selbst Kultur, Ausdruck der Strukturierung von Gedanken. Das merkt man spätestens dann, wenn man erfährt, daß es in jeder Sprache (nicht wenige) Begriffe oder Gedankengänge gibt, die in keine andere Sprache übersetzt werden können.
Zum Abschluß einige allgemeinere Bemerkungen zu Problemen des Verstehens und der Verständigung: Die unterschiedlichen Sprachen, die in einer Begegnungsgruppe gesprochen aber nicht von allen verstanden werden, sind oft nicht nur ein Hindernis auf dem Weg zu einer Verständigung. Es ist nämlich nicht immer gesagt, daß Kommunikation die Beziehungen verbessert. Fehlende Fremdsprachenkenntnisse können auch verhindern, sich "zu" nahe zu kommen und überdecken fundamentales Unverständnis oder mangelnde Motivation, zu verstehen. Insofern ist es wichtig, daß Sprache bzw. deren Anwendung nicht zu sehr idealisiert werden und daß man z. B. die Verbesserung von Fremdsprachenkenntnissen automatisch gleichsetzt mit einer Verbesserung von Verständigung. Oft treten bei guten Sprachkenntnissen zunächst einmal gerade die Unterschiede und Konflikte mehr hervor, und oft ist es für die Beteiligten sehr schwer, damit angemessen umzugehen. Es ist dies natürlich nicht ein Plädoyer für Sprachlosigkeit oder Konfliktvermeidung, sondern ein erneuter Hinweis darauf, daß die Art, wie man mit Sprache umgeht, genauso wichtig ist wie das Sprachniveau.
Wie stehen die Chancen, daß sich daran etwas ändert, daß die Einsprachigen oft als "Behinderte" des internationalen Austauschs angesehen werden? Diese Chancen sind dann gut, wenn internationaler Austausch über die heute vielfach vorherrschende psycho-affektive Ebene ("sich Freunde machen"), also die Kontakte von Person zu Person und Kontakte in kleinen Gruppen hinaus erweitert wird in Richtung auf umfassende Bildungsprozesse. Ausbildung für interkulturelles Zusammenleben setzt neben der persönlichen Erfahrung ja auch eine Aneignung von Wissen voraus durch Bücher, Filme usw., die zweckmäßigerweise in der Muttersprache entstanden oder in diese übersetzt worden sind. Wenn nicht weite Kreise der Bevölkerung aus dem Prozeß des interkulturellen Lernens ausgeschlossen werden sollen, muß ein wesentlicher Teil der Arbeit in den jeweiligen Muttersprachen erfolgen können - und dann haben auch die Einsprachigen ihre Chancen.