Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

Inhaltsverzeichnis


IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens


10. M e t h o d e n

Je mehr die Verfasser sich mit sogenannten pädagogischen Methoden beschäftigt haben, desto größer ist ihre Zurückhaltung ihnen gegenüber geworden.

Sie sind mittlerweile überzeugt davon, daß alle in der nationalen Bildungsarbeit angewandten Methoden der Gruppenarbeit wie z. B. Methoden zur Verdeutlichung von Gruppenstrukturen, zur Entscheidungsfindung in Gruppen bis hin zu Spielen Ausdruck von Werthaltungen der jeweiligen Kultur sind. Sie sind kulturell also nicht neutral und bewirken deshalb unterschiedliche Reaktionen bei Teilnehmern aus unterschiedlichen Kulturen.

Einige Beispiele sollen dies verdeutlichen:

  • Oft werden von deutscher Seite vor allem anläßlich gemeinsamer Abende, z. B. zum Kennenlernen zu Beginn eines Programms Gesellschaftsspiele vorgeschlagen. Manche dieser Spiele bringen die Teilnehmer in intensiven körperlichen Kontakt, in körperliche Nähe. Sehr oft haben französische Teilnehmer in diesem Zusammenhang ein gewisses Unbehagen geäußert, z. T. unter Ausreden nicht mitgemacht.

    In einigen Fällen konnte darüber diskutiert werden. Es wurde gesagt, daß von den Franzosen aus zwei sehr nahe beieinander liegenden Gründen reagiert wurde: Einerseits wurde beanstandet, daß man nicht die Freiheit gehabt habe, die körperliche Distanz zu den anderen selbst zu regulieren, andererseits wurde auch als schwierig empfunden, daß bestimmte körperliche Haltungen vorgeschrieben wurden. Franzosen tendieren also möglicherweise dazu, solche Spiele abzulehnen, in denen körperliches Verhalten vorgeschrieben wird, in denen sie also die ihrer Kultur eigene Konzeption des Umgangs mit ihrem Körper nicht mehr verwirklichen konnten.

    Diesem Problem wird oft keine Aufmerksamkeit geschenkt, weil es nicht hervortritt. Niemand möchte gern Spielverderber sein und aus der Reihe tanzen, und deshalb wird lieber mitgemacht oder man findet akzeptable Entschuldigungen, um sich aus der Affäre zu ziehen. Manchmal spürt man auch nur ein gewisses Unbehagen, ohne dieses mit Besonderheiten der interkulturellen Situation in Verbindung zu bringen - wie sollte man auch, wenn man nicht über die entsprechenden Kenntnisse verfügt? Oder aber - und dies gilt vor allem für gemischte Gruppen - man nimmt den Rahmen in Kauf, weil er zumindest ermöglicht, den Jungen oder Mädchen der anderen Nationalität körperlich näher zu kommen.

    Rechtzeitige Gespräche in den Leitungsteams der Programme könnten hier und auch beim folgenden Beispiel oft für mehr Sensibilität sorgen. Voraussetzung ist ein kulturelles Wissen, das wiederum nur in einer speziellen Ausbildung vermittelt werden kann, zu der auch eine Beschäftigung mit den kulturellen Ursprüngen eigenen Verhaltens zählen muß.

Das zweite Beispiel

  • betrifft Entscheidungsprozesse in Gruppen. Die Verfasser haben oft erlebt, daß deutsche Teilnehmer verunsichert bis kopfschüttelnd darauf reagieren, wie wenig Wert Franzosen auf die formale Seite von Entscheidungen legen, daß sie z. B. wenig von "richtigen" Abstimmungen halten und auch überhaupt wenig Lust zeigen, sich überstimmen bzw. von anderen vorschreiben zu lassen, was sie zu tun haben.

    Es scheint so zu sein, daß Franzosen dazu neigen, nur dann formalisierte Verfahrensweisen zu akzeptieren, wenn sie sich im Rahmen von Institutionen mit einem klar umrissenen Statut bewegen. Als Beispiel dafür können Parlamente genannt werden, aber auch Vereine mit einem Vorstand. Eine deutsch-französische Begegnung hat demgegenüber kein Statut und es besteht deshalb kein Anlaß, hier Entscheidungsrituale einzuführen.

    Deutsche neigen im Gegensatz dazu, auch in solchen Situationen Entscheidungsrituale zu verwenden, weil dies für sie effizienter ist: Die Situation wird transparenter, jeder weiß, worum es geht, also welche Alternativen auf dem Spiele stehen und anstatt längere Zeit sich im Kreis zu drehen, können Entscheidungen schnell getroffen werden.

    Aus dem Dilemma, daß sowohl die deutsche als auch die französische Herangehensweise an Entscheidungsprozesse in deutsch-französischen Begegnungsgruppen jeweils die andere Seite unter Druck setzt, kann man nur herauskommen, wenn man die Begegnungssituationen so gestaltet, daß andere als die üblichen formalisierten Entscheidungsprozesse angewandt werden können.

    Dies betrifft allerdings dann auch die Zielsetzung dieser Veranstaltungen: Wenn in den Mittelpunkt der Programme die Absicht rückt, gemeinsam sich selbst und den anderen kennenzulernen, einschließlich der Grenzen, bis zu denen die einen und die anderen gehen wollen, kann Zusammenarbeit möglich werden dadurch, daß Macht geteilt wird. Wir unterschätzen nicht die Schwierigkeit, für vom eigenen abweichendes Denken und Verhalten Platz zu machen.

    Handeln und Wahrnehmen können dann als komplementär und müssen nicht als alternativ begriffen werden. Bis dahin ist es allerdings noch weit. Tatsache ist heute, daß es Macht und Machtbeziehungen gibt. Da wäre schon viel gewonnen, wenn als erster Schritt mit Macht nicht rücksichtslos umgegangen würde, wenn also auch in Verhandlungen die Interessen des Partners oder Gegners einen legitimen Platz hätten.

Für beide Beispiele gilt: Wer sich ohne weiteres in einen Rahmen fügt, der für ihn Schwierigkeiten bereitet, verzichtet darauf, anderen seine Kultur erfahrbar zu machen, und er läßt diejenigen anderen Mitglieder seiner nationalen Gruppe im Stich, die reagieren und die sogar die Gefahr laufen, daß ihr Verhalten nur individuell gesehen und entsprechend darauf reagiert wird, mit der Bemerkung, da habe wohl jemand persönliche Probleme. Und es geht noch weiter: Wenn nicht die notwendige Offenheit auch für interkulturelle Erfahrungsmuster vorhanden ist, glauben solche Teilnehmer selbst, sie hätten persönliche Schwierigkeiten, obwohl in Wirklichkeit intrakulturell davon nichts zu spüren ist.

Es ist verständlich, daß von Gruppenbetreuern sehr oft nach "Methoden" gefragt wird, denn das Umfeld bei interkulturellem Lernen ist viel größer und komplexer als bei nationalen Lernprozessen, es ist dementsprechend sehr schwer zu durchdringen und das um so mehr, als wir alle die Tendenz haben, auch das, was aus einer anderen Kultur stammt, an der Meßlatte der eigenen Kultur zu orientieren. Methoden, die kulturell nicht neutral sind, verstärken aber diese Tendenz, rufen auch gegebenenfalls nicht selten Unverständnis und Gegenreaktionen hervor und verkomplizieren das Feld noch mehr.


Bedeutet dies nun, daß nationale Methoden überhaupt nicht mehr verwendet werden sollten und wie könnte ein "Ersatz" aussehen?

Grundsätzlich ist dazu zu sagen, daß nationale Methoden um so eher weiterhin ihren Platz in den Begegnungen haben, je weiter der Rahmen gespannt ist, den sie für das Verhalten der Teilnehmer vorgeben, je mehr sie Heterogenität und Diversität zulassen, je weniger sie also in eine bestimmte Richtung zwingen und Abweichungen sanktionieren. Dies sollte von den Leitungsteams der Programme im konkreten Fall untersucht werden, wobei oft allein die Kenntnis des beschriebenen Problems schon zu sensiblerem Umgang mit Methoden führt. Wir glauben, daß eine Reihe von Methoden aus dem Bereich des "aktiven Entdeckens", wie Enquête, Rallye eine relative Freiheit des Verhaltens ermöglichen. Auch Gruppenaktivitäten, die darin bestehen, daß kleinere Gruppen Fragestellungen bearbeiten und gegebenenfalls später den anderen Teilnehmern eines Programms darüber etwas mitteilen, ermöglichen oft dem einzelnen eine Freiheit des Verhaltens, d. h. eine Wahl, sich weniger oder mehr in die Arbeit einzubringen und auch noch die Mittel dazu zu wählen, und auch gegebenenfalls einen von einer Gruppe abweichenden Einzelbeitrag zu liefern.

Nationale Methoden haben auch dann einen Sinn, wenn sie ganz bewußt in Abstimmung beider Seiten eingesetzt werden, um nationale Unterschiede zu verdeutlichen, also zu einem besseren gegenseitigen Kennenlernen zu führen. Dies setzt allerdings eine anschließende Auswertung voraus, um die aufgetretenen Effekte und ihre möglichen Ursachen zu verdeutlichen.

Eine abschließende Bemerkung: Die im Austausch unter dem Blickwinkel des interkulturellen Lernens angewandten Methoden weisen, ganz abgesehen von der angesprochenen mangelnden kulturellen Neutralität, überwiegend das Charakteristikum auf, daß sie Vermittlungsmethoden sind, Methoden also, die darauf gerichtet sind, Informationen über das "Außen" zu gewinnen und zu verarbeiten, wobei unter "außen" vorwiegend die andere, fremde Kultur , aber durchaus auch die umgebende eigene Kultur verstanden wird. Es wäre wünschenswert, verstärkt solche Methoden zu entwickeln, mit denen auch die in den Teilnehmern selbst liegenden Kenntnisse und Einstellungen verdeutlicht werden können. Für die Entwicklung des Verständnisses einer fremden Kultur ist es, wie auch bereits angedeutet wurde, nämlich von entscheidender Wichtigkeit, die Basis zu kennen, auf der das Lernen aufbaut. Ansätze, die diese Verdeutlichung und damit Selbsterfahrung unterstützen, sollten sogenannte projektive pädagogische Methoden einbeziehen.

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