Arbeitstexte de travail

INTERKULTURELLES LERNEN
Überlegungen zur Ausbildung von Verantwortlichen für deutsch-französische Begegnungen

 

Inhaltsverzeichnis


IX. Themenvorschläge für eine Ausbildung im Bereich des interkulturellen Lernens


11. Die Rolle von Ausbildern und Gruppenbetreuern im interkulturellen Kontext

Gleichermaßen für Ausbilder und Gruppenbetreuer besteht ein Rollenproblem, welches unmittelbar mit der Zielsetzung interkulturellen Lernens zu tun hat und welches hier beispielhaft aufgezeigt werden soll:

Gruppenbetreuer und Lehrer im nationalen Rahmen wirken mit an nationalen Sozialisationsprozessen, denen nationalkulturelle Modelle von Verhalten zugrunde liegen, z. B. welchen Stellenwert "Gruppen" bei der Einübung von Sozialtechniken haben einschließlich der Vorstellung davon, wie eine "Gruppe" auszusehen habe und wie die Machtverteilung in Gruppen unterschiedlichster Art zu regeln sei. Ohne zu sehr ins Einzelne gehen zu wollen, kann im Verhältnis Deutschland - Frankreich gesagt werden, daß in der Bundesrepublik die "Gruppe" bei der Sozialisation der Jugendlichen einen viel wichtigeren Stellenwert einnimmt als in Frankreich und daß in diesem Zusammenhang auch "Gruppe" als Arbeitsform für die Deutschen viel selbstverständlicher ist.

Ausbilder verstanden als Betreuer von Ausbildungsprogrammen haben natürlich ebenfalls ihre nationale Kultur verinnerlicht und so treffen sich in gemischt-nationalen Ausbildungsprogrammen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was "Gruppe" bedeutet und wie sich Betreuer (Gruppenleiter) und Teilnehmer (Gruppenmitglieder) zu verhalten haben einschließlich unterschiedlicher Einschätzungen der Wichtigkeit von "Gruppen".

Deutsche Teilnehmer erwarten vom französischen Ausbilder, daß er sich wie ein deutscher Gruppenbetreuer verhält. Deutsche Ausbilder erwarten von französischen Teilnehmern, daß sie sich wie deutsche Gruppenmitglieder verhalten. Französische Ausbilder erwarten von ihren deutschen Kollegen, daß sie sich wie sie selbst verhalten usw.

Oft ist festzustellen, daß bei Ausbildungsprogrammen und auch bei Begegnungsprogrammen während der Vorbereitung, wo gemeinsam über die großen Linien des Projekts und auch über einzelne Programmpunkte gesprochen wird, die eben angesprochene Ebene und andere das Verhalten betreffende Punkte wie z. B. die Verbindlichkeit von Absprachen - ein Bereich, der immer wieder zu Konflikten führt - nicht gesehen werden. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen zu ignorieren, führt möglicherweise zu erheblichen Schwierigkeiten beim konkreten Ablauf der Projekte.

Ausbilder, die zu interkulturellem Lernen anregen wollen und die sich dementsprechend im Schnittfeld zweier oder mehrerer Kulturen befinden und damit oft auch im Schnittfeld unterschiedlicher Rollenverständnisse, sollten während der Ausbildungsprogramme nicht dazu tendieren, diese Schwierigkeiten, die ja sowohl die Folge persönlicher Unzulänglichkeiten als auch kultureller Unterschiede sein können, zu verstecken. Sie verzichten sonst auf ein hautnahes Lernfeld für interkulturelles Zusammenleben.

Hier tritt jedoch ein weiteres Problem auf, das sich vorläufig so formulieren läßt: Gruppenmitglieder räumen den Gruppenbetreuern Macht über sich ein unter der Annahme, daß die Gruppenbetreuer im Interesse der Gruppenmitglieder handeln, also dafür sorgen, daß eine Gruppe "gut läuft". In Programmen, in denen Teilnehmer und vorher eingesetzte "Gruppenbetreuer", z. B. Ausbilder zusammentreffen, wird diese Kompetenz von den Teilnehmern ausgetestet, d. h. sie beobachten das Verhalten der Ausbilder und vergleichen es mit ihren mitgebrachten Erwartungen hinsichtlich des "normalen" Verhaltens von Gruppenbetreuern, das ihnen Sicherheit geben würde.

Ausbilder aus einer anderen Kultur enttäuschen nicht selten diese Erwartungen, da diese ihr Verhalten an anderen Vorstellungen davon, was ein "guter" Leiter ist, orientieren, was zu Unsicherheit, aber auch Ablehnung und Provokation auf Seiten der Teilnehmer führt.

Aber auch Ausbilder aus der eigenen Kultur können die Erwartungen enttäuschen. Sie werden meistens von den Teilnehmern aus der eigenen Kultur als Leiter ihrer nationalen Untergruppe, als Sprecher, als Repräsentant ihrer Interessen angesehen. Diese Ausbilder sind in der Tat oft geprägt von ihrer Erfahrung im nationalen Rahmen und verhalten sich wie ein nationaler Gruppenleiter, nicht wenige versuchen aber auch im internationalen Bereich genau das Gegenteil: Sie leugnen fast ihre nationale Zugehörigkeit. Es ist wichtig, zu erkennen und auch auf der Verhaltensebene nachzuvollziehen, daß alle sowohl Leiter oder Bezugsperson einer nationalen Gruppe als auch Personen mit einer übergreifenden Verantwortung für ein gemeinsames Projekt sind.

Wenn diese Rollenproblematik nicht bearbeitet wird, ist die Folge oft eine allgemeine Verunsicherung, die interkulturelles Lernen verhindert, da sie Teilnehmer nicht dazu motiviert, sich neuen Erfahrungen gegenüber aufzuschließen, sondern sie zurückfallen läßt in ihnen bekannte Verhaltensmuster - und dies sind nationale Konzepte.

Die einzige Lösung scheint zu sein, daß nur jemand als Ausbilder tätig ist, der bereits einen Erfahrungs- und Reflexionsprozeß über die Besonderheiten interkultureller Arbeit hinter sich hat und dies den Teilnehmern deutlich macht. Die Kompetenz der Ausbilder liegt dann nicht darin, auf nationale Erwartungen zu reagieren, sondern allen Beteiligten zu helfen, zu durchschauen, wer sich warum, d. h. auf welchem Hintergrund wie verhält.

Die Rolle der Ausbilder ist insoweit auch eine Rolle von kulturellen Mediatoren, die nationale Konzepte darzustellen und in einen anderen kulturellen Kontext zu "übersetzen" in der Lage sind.

Zusätzlich zu den eben erwähnten Rollenproblemen finden sich die Gruppenbetreuer der Begegnungsprogramme in besonderer Weise mit den vielfältigen und oft widersprüchlichen Erwartungen von Teilnehmern an diese Programme, eventuell deren Eltern, von Veranstaltern usw. konfrontiert.

Von besonderer Schwierigkeit erweist sich hier die Tatsache, daß die Begegnungen im Hinblick auf ihren "Erfolg" oft nach ganz anderen Kriterien als denen des interkulturellen Lernens bewertet werden. So ist z. B. die Tatsache, daß die meisten Programme in der Ferienzeit liegen, ausschlaggebend dafür, daß sie oft unter dem Blickwinkel eines gelungenen Urlaubs gesehen werden, was hier auch gar nicht kritisiert werden soll, denn ob wir es wollen oder nicht, viele deutsch-französische Begegnungen sind Bestandteil eines pädagogischen Marktes und werden von den Teilnehmern mit Maßstäben des Jugendtourismus gemessen.

Es hat wenig Sinn, als Gruppenbetreuer den Missionar spielen zu wollen, wenn er feststellt, daß die Motivationen der Beteiligten nicht auf interkulturelles Lernen gerichtet sind. Der nationale Kontext bringt nur selten Motivationen zum interkulturellen Lernen, wie es hier verstanden wird, hervor. Da aber auch bei touristischen Programmen eine gewisse Lust an Fremdem, eine Neugier auf das Andere vorhanden sind, treten auch in solchen Programmen nicht selten Situationen auf, die Anlaß für Bemerkungen und Informationen in Richtung auf interkulturelles Lernen sein und das Interesse Einzelner oder einer kleinen Gruppe wecken können, und so doch den Ausgangspunkt einer vertiefenden Arbeit bilden.

Besonders in interkulturell orientierten Programmen berichten Gruppenbetreuer oft von einer speziellen Schwierigkeit mit ihrer eigenen Rolle, die ihren Ursprung in der enormen Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit internationaler und interkultureller Arbeit haben.

Dieses Dilemma ist nicht auf individueller oder Gruppenebene lösbar; es besteht aber für alle Bereiche, in denen unser Denken größere Zusammenhänge umfaßt als der Reichweite unserer Handlungsmöglichkeiten entspricht. Die einzuschlagende Richtung, um nicht von "Ausweg" zu sprechen, besteht darin, strukturelle Wirkungen anzustreben, also der eigenen Arbeit mehr und mehr eine politische Dimension zu geben und Verbindungen zu gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern und -instanzen zu knüpfen.

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