"Wider die falsche internationale Höflichkeit" |
Charlotte Herfray
(Übersetzung aus dem Französischen von Barbara Lorey)
|
2.) "Die Geschichte" und ihre Bedeutung Ein erstes Treffen im Jahre 1979 wurde als Mißerfolg aufgefaßt hinsichtlich der Anzahl der erwarteten Teilnehmer. Allerdings ließ sich die Abwesenheit französischer Lehrer erklären, weil der Termin ziemlich kurzfristig mitgeteilt worden sei, die Daten der Begegnung nicht gut gewählt gewesen seien, und weil es für die Franzosen Schwierigkeiten gegeben habe, sich von ihrem Dienst freistellen zu lassen. An dieser Begegnung hat nur ein einziger Franzose teilgenommen; er war übrigens auch bei allen weiteren Treffen präsent. Dagegen waren sieben Deutsche gekommen. Zwei haben sich für eine weitere Teilnahme entschieden, und einer von den beiden hat an den drei weiteren Treffen teilgenommen. Das Team setzte sich aus sechs Personen zusammen: drei Franzosen und drei Deutsche; insgesamt waren wir 14. Diese erste Begegnung wurde häufig "vergessen": untergegangen in der Vorgeschichte unseres forschungsorientierten Fortbildungsprogramms. Es ist sogar nicht einmal sicher, ob die Texte, die darüber berichten und die an alle Teilnehmer des Treffens im darauf folgenden Jahr versandt wurden, überhaupt zur Kenntnis genommen worden sind. Sind sie überhaupt gelesen worden? Die Teilnehmer selbst haben nur wenig Stellung dazu genommen... nur die Mitglieder des Teams (und auch längst nicht alle) bezogen sich ab und zu auf diese Texte und dies eher gegen Ende des Forschungsprogramms als zu Beginn. Diese Texte waren aber die Grundlage dessen, was uns zusammengeführt hatte. Sie enthielten die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit, und mit unserer Anmeldung dazu hatten wir uns alle damit einverstanden erklärt. Nur ein einziges Mal habe ich eine Anspielung darauf von jemandem gehört. Allerdings tat er es auf eine ziemlich umfassende Art und Weise; denn er spielte darauf an, daß es anscheinend wohl viele Spannungen gegeben habe. Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich zu sein, daß für jene, für die unsere Geschichte erst mit dem Jahr 1980 begonnen hat, diese Texte, die für sie aus der "Grauzone eines unbekannten Vorher gewesenen" stammten, als Grundlage für dieses forschungsorientierte Programm und umso mehr als Bezugsrahmen dienen konnten. Die Schwierigkeiten und die Spannungen, die während dieser ersten Begegnung aufgetreten sind, habe ich nie als negative Faktoren empfunden. Ich glaube, sie stellten in diesem Anfangsstadium die ersten Anzeichen für die Auswirkung von Unterschieden dar, die zwischen uns bestanden. Diese Auswirkungen wurden anhand gewisser Aussprüche deutlich, die plötzlich die "Wohlgefälligkeit" unterbrachen, welche normalerweise in internationalen Begegnungen erwartet wird. Diese Aussprüche legten die Unterschiede von Status und Funktion offen... Es drängt sich der Gedanke auf, daß dabei eine gewisse Rivalität zwischen bestimmten Personen aufgrund von "ersten Eindrücken" (und deshalb schnell durch die Brille der Stereotypen beurteilt) eine große Rolle gespielt hat. Es drückte sich Unzufriedenheit aus: War es nicht schon eine Form, in negativer Art und Weise gewisse Ablehnungen anzudeuten? Zum Beispiel eine Ablehnung der Höflichkeit, die man "normalerweise" und schicklicherweise Autoritätspersonen entgegenbringt (den Forschern z. B.). Die Aggressivität, die gegenüber den Räumlichkeiten gezeigt wurde ("es ist kalt", "es gibt hier keine Zerstreuungen", "es ist zu weit von der Stadt entfernt") lassen sich als Anzeichen für eine Aggressivität gegenüber den für die Organisation Verantwortlichen verstehen. Es ist sicher nicht ganz ohne Bedeutung, daß der Teilnehmer, der sich in einem ziemlich heftigen Ton mit diesen Worten an des Team richtete (und insbesondere an eines seiner Mitglieder) als Soziologe daran gewöhnt war, vorgegebene Strukturen "anzugreifen". In gewisser Weise erleichterten diese Angriffe dem Team nicht unbedingt seine Aufgabe, eine solche weit gefaßte Arbeit wie die unserige anzugehen. Auf einer anderen Ebene kann gesagt werden, daß dieser "Bruch" mit den bei Begegnungen üblichen Umgangsformen (bei denen eine gewisse, an der Oberfläche bleibende Höflichkeit u. U. wichtige Fragestellungen verdeckt), schon als eine Form des Umgehens mit Unterschieden wahrgenommen werden kann. l)
Sowohl Aggressivität als auch Ausdrucksformen exzessiver Höflichkeit sind Formen des sich "Begegnens": Das eine stellt jeweils die Rückseite des anderen dar. Formale Höflichkeit und oberflächliche Verbindlichkeit sind häufig nichts mehr als Anzeichen einer "grausamen" Indifferenz... Wie auch immer, eine Analyse dieser Phänomene war bei diesem ersten Treffen kaum möglich. Wir waren alle gefangen in einem Prozess, wo wir nur auf ein Ereignis reagieren konnten, und in unserem Bestreben, eine "seriöse" Arbeit zu leisten, haben wir versucht, unsere Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen. Diese Begegnung hat im Ansatz eine Reihe von Projekten eingeleitet. Es gab darin auch unsere ersten Austauschversuche Mithilfe gemeinsamer Aufgaben, wie z. B. der Analyse von Filmen, Zusammenfassungen unserer Überlegungen über die beim Betrachten dieser Filme zutagegetretenen Aspekte usw... Diese Begegnung war im Ansatz ein Ausdruck für unseren Wunsch, "gemeinsam etwas zu tun", gemeinsam zu etwas zu gelangen. Es gab Versuche für die Erarbeitung von Synthesen, aber Projekte für die Zukunft wurden kaum in Gang gesetzt. Konnten wir eigentlich mehr leisten? Ich glaube es nicht. Zu diesem Zeitpunkt war es tatsächlich unmöglich, sich vorzustellen, daß wir das bearbeiten konnten, was als Hindernisse zwischen uns stand. Vielleicht haben dabei trotzdem einige schon erahnen können, daß es - über unsere nationalen Unterschiede hinaus - ziemliche Übereinstimmungen gab in der unterschiedlichen Art und Weise, eine Fragestellung anzugehen, und daß diese Formen des Fragens vielleicht eher von individuellen als von kulturellen Strukturen herrühren.
Ein zweites Treffen fand 1980 in Deutschland im Taunus statt. Den potentiellen Teilnehmern wurde ein Brief zugesandt: Darin wurden (wenn auch in etwas veränderter Form) die großen Linien des Projektes wieder aufgenommen. Bei dieser Begegnung gab es im Forschungsteam eine Person mehr (d. h. es umfaßte von da an sieben Personen, darunter vier Deutsche). 23 Teilnehmer: 15 Franzosen und 8 Deutsche nahmen an der Begegnung teil. Insgesamt waren wir 30. Der Ablauf der Arbeit gestaltete sich in wechselnder zeitlicher und örtlicher Folge, d. h. wir arbeiteten abwechselnd in der Gesamtgruppe und in Untergruppen. Es wurden Aufgaben vorgeschlagen mit dem Ziel, einen Austausch zu erleichtern. Dabei gab es präzise Vorgaben, denn es handelte sich nicht mehr darum, die Dinge völlig offen zu lassen, sondern wir wollten vorankommen, und dies umso mehr, als wir jetzt eine "große Gruppe" waren. Die gewählten Methoden sollten dabei helfen, unsere Zielvorstellungen wirksam an zugehen, die Arbeit der einen und der anderen vielseitig zu gestalten und eine gewisse Dynamik dabei zu schaffen. Bei dieser Begegnung wurden vor allem zwei Methoden für eine Arbeit in Untergruppen eingesetzt. Zunächst haben wir zu Beginn der Woche vorgeschlagen, in Untergruppen eine "Collage" anzufertigen. Diese Animationsmethode sollte es den Teilnehmern ermöglichen, sich mit einer Aktivität auseinanderzusetzen, und so Kommunikation und Austausch zwischen ihnen herzustellen. Ziel dieser "Collage" (mittels bereitgestellter Zeitschriften) sollte es sein, das Bild eines Lehrers im Hinblick auf unser Thema darzustellen. Jede Untergruppe sollte anschließend ihr "Produkt" im Plenum vorstellen. Anläßlich dieser Arbeiten wurde eine rege Aktivität entwickelt: Aber was wurde sich tatsächlich in den Untergruppen mitgeteilt? Was hat sich darin abgespielt? Wie wurde diese Aktivität von den einzelnen erlebt? Wie wurden die Entscheidungen für die Verwirklichung der Arbeit getroffen? Diese Fragen wurden nie explizit angesprochen. Genau sowenig wurde die Art und Weise befragt, wie die Teilnehmer ihre Gruppe gewählt hatten, noch warum sie darin geblieben sind. Zwei Teilnehmer (eine Französin - ein Deutscher) haben ihre Collage jeweils ganz allein gemacht... Ob dieses Phänomen Zustimmung gefunden hat oder nicht, hat niemand offiziell erfahren... Es wurde dadurch sicherlich auch ein Teil Nonkonformismus und Marginalität ins Spiel gebracht. Diese Begebenheit wurde nie hinterfragt oder analysiert, wie man es hatte erwarten können - wurde dadurch nicht ein "Bruch" mit der Situation ausgelöst? Ein Bruch hinsichtlich eines Vorschlags, der für alle gelten sollte? (Es wurde auch nie analysiert oder verbalisiert, welchen Stellenwert Vorschläge haben: Sind sie als Befehle oder als Regeln aufzufassen?) Die Begebenheit selbst (aber auch das, was vielleicht vorher oder nachher geschehen ist) blieb nicht unbemerkt, wurde aber trotzdem mit Stillschweigen übergangen, wurde als "Zwischenfall" abgetan. Sie hatte jedoch ein Schlüsselereignis werden können, d.h. zu einem Ereignis, welches als solches für die innerhalb der Gruppe vorhandenen Unterschiede selbst sprach. Diesem Rechnung zu tragen und es zu bearbeiten, hätte uns die Möglichkeit geboten, unsere unterschiedlichen Standpunkte in der Interpretation der Gegebenheiten zu verdeutlichen, und hatte vielleicht auch Anlaß dafür sein können, unsere ganz deutlichen Unterschiede in den Bezugssystemen und Perspektiven zu beleuchten. Was mir an dieser Stelle als symptomatisch erscheint, ist das implizite Vermeidungsverhalten, welches angesichts dieser Situation von einer Mehrheit angenommen wurde, die hinreichend stark war, um eine Befragung darüber zu verhindern. Wenn bei der ersten Begegnung eine gewisse Aggressivität zum Ausdruck gekommen war (zwar mit einer Verlagerung auf die Ebene materieller Fragen), so waren kennzeichnend für die zweite Begegnung Projektionen auf der Ebene der einzelnen Personen mit einer gleichzeitigen Verdeckung der darin enthaltenen Aggressivität. Ich würde sagen, daß bei der ersten Begegnung der Gegenstand des "Bösen" (nach dem Klein'schen Konzept) durch den allgemeinen Rahmen dargestellt wurde und sich in den materiellen Bedingungen kristallisierte, während in der zweiten Phase sich Personen als Gegenstand des "Bösen" erwiesen, was sich wiederum auf einer rein imaginären Ebene abspielte. Die gleichen Phänomene zeigten sich übrigens auf der Ebene der Untergruppen und zwischen ihnen: Vieles blieb unausgesprochen, es gab eine relativ larvierte Aggressivität, genährt von Mißverständnissen und Vorurteilen, sich abzeichnenden Vorlieben und Ausschlüssen, Anspielungen mittels Zeichen (die im Grunde genommen nichts aussagten oder beweisen konnten), wie zum Beispiel gemeinsame Erkundungen, Sitzordnung im Plenum und beim Essen, Treffen außerhalb der Arbeitseinheiten...! Die Notizen, die ich bei dieser Gelegenheit gemacht habe (und die ich auch heute noch mit einigem Abstand bestätigen wurde), veranlassen mich zu der Aussage, daß diese Begegnung alle Anzeichen einer Mini-Gesellschaft in sich trug, bei der die einzelnen sich mit "vermeintlich Ähnlichen" zusammenfanden und sich mit "scheinbar Andersartigen" konfrontierten. Diese Gruppierungen stutzten sich auf "gefühlsmäßige" Affinitäten. Was bedeuten solche Empfindungen? In meinen Augen handelt es sich dabei im wesentlichen um subjektive Ähnlichkeiten und Unterschiede, die sich speziell in den Vorstellungen ansiedeln. Denn solange es nicht gelingt, mit Aussagen dieser Art auch nur ein Minimum an Dialog in Gang zu setzen, ist es auch kaum möglich, seine eigenen "Eindrücke" auch nur im geringsten zu objektivieren. Sie bleiben "einmalig". Warum sollte man sie eigentlich für falsch halten? Allein ein Dialog ermöglicht es mir, eventuelle Diskrepanzen zwischen meinen eigenen Eindrücken und denen des anderen deutlich werden zu lassen. Nur die Weiterführung des Dialoges kann es mir erlauben, zwischen persönlichen Interpretationen, die auf einer Theorie beruhen (d. h. auf einer Fiktion, die auf der Ebene wissenschaftlicher Diskurse zur Schaffung gemeinsamer "Codes" konstruiert wird, um einen Austausch zu erleichtern), und jenen persönlichen Interpretationen zu unterscheiden, die einer anderen Fiktion zuzuordnen sind und sich in der individuellen Vorstellungswelt (dem Imaginären) jedes einzelnen ansiedeln lassen. In einer Erscheinungswelt zu leben ist durchaus erlaubt, aber Phantasmen gehören nun einmal zur Kategorie der Illusionen. Bei der ersten Konstellation auf der Ebene der mit den Erkenntnissystemen verknüpften Fiktionen haben wir es mit gebundenen Mitteilungen zu tun 2). Im zweiten Fall laufen wir Gefahr, in einem unverbundenen Diskurs (ohne Verbindung mit der Realität, ohne Verbindung zu den Bezugssystemen eines erkenntnistheoretischen Rahmens) eingeschlossen zu bleiben. Bei der ersten Konstellation können wir nach neuem Wissen suchen mit dem Ziel, auf der Ebene der Erkenntnisse weniger zu irren. Im zweiten Fall sind wir dem Bereich der Illusion 3), ja sogar dem der Eingebungen ausgeliefert. Für mich ist in der Ethik der Forschung angelegt, daß man sich täuschen darf, sie bringt mich allerdings dazu, gegen all das anzugehen, was Irrtümer aufrechterhalten oder verstärken kann. Ich will kein Werturteil fallen über "irrsinnig" erscheinende Schöpfungen: Auch wenn diese im Bereich der Forschung nicht annehmbar sind, so können sie in anderen Bereichen durchaus ihre Berechtigung haben. Literatur und Poesie z. B. sind zum Leben unentbehrlich, und wir alle haben ein Recht auf unsere Phantasien; es scheint mir jedoch wichtig, insbesondere in der Forschung zwischen Phantasmen und Kenntnissen zu unterscheiden. In einer Gruppe ist dies jedoch gar nicht so leicht, gerade weil dort des Imaginäre vorherrscht, welches so charakteristisch ist für kollektive Prozesse. Waren die Bilder, die sich die einzelnen in dieser Begegnung widerspiegelten, in der Qualität etwas anderes als nur ein Spiel mit Bildern? Ich glaube es nicht. Können wir in diesem Fall von einem Anerkennen der Unterschiede sprechen und von einem sich Öffnen dem anderen gegenüber? Ich glaube auch dies nicht.
Wenn das Treffen im Jahre 1979 eine Art vorgeschichtlicher Phase hinsichtlich der Problematik unserer Begegnung dargestellt hat, begann die eigentliche Geschichte erst mit dem Treffen im Jahre 1980. Kann eine Geschichte aber anders anfangen als mit Trugbildern d. h in einer Zeit, in der die Bilder als Wahrheit gelten und die damit verknüpfte Gewißheit nicht hinterfragt werden darf? In einer solchen Atmosphäre vermeintlichen Kennens sind auch die Worte selbst mehrdeutig, vor allem weil ihr Sinn noch nicht auf einen klaren Code hin bezogen definiert ist. Dieses bleibt auch unwahrscheinlich, solange die Beteiligten sich in ihrem Vorverständnis noch nicht der Vielfalt der vorhandenen Codes bewußt sind. Und wie sollten sie dies auch nachvollziehen können, so lange sie mit dieser Fragestellung bei ihren eigenen Erfahrungen noch nicht konfrontiert worden sind. Es ist schwer, sich einzugestehen, daß Nicht-Verstehen ein Problem darstellt, wenn dieses Erlebnis sowie die Entdeckung fehlen, daß Kommunikation durch "strukturelle" Hindernisse beeinträchtigt wird (d. h. Beeinträchtigungen, die nicht nur auf dem mangelnden guten Willen der Beteiligten beruhen). Wenn man feststellt, daß Nicht-Verstehen ein Problem ist, wird damit schon ausgesagt, daß daran nicht der eine oder der andere Gesprächspartner "schuld" ist, sondern daß es eine Situation ist, in die beide eingebunden sind.
Das Treffen 1980 war für mich eine Etappe, in der Vermeidungsverhalten, die Welt der Vorstellungen (das Imaginäre), der Glaube an "Schuld" und damit einer Spaltung der Gruppe in "Gute" und "Böse" überwogen, und es war dennoch eine unumgängliche Etappe auf dem Wege zu einer möglichen Verständigung. Jeder Versuch, dieses Imaginäre zu befragen, ans Licht zu bringen, was sich dahinter verbirgt, und was seinen Mechanismus ausmacht, wurde rigoros jeweils von der überwiegenden Mehrheit in einer Art impliziten Konsens unterdrückt. Alles, was von der Arbeit ablenkte, wurde als "Gruppendynamik" abgetan, und schon der Begriff als solcher war bei einem Großteil der Teilnehmer sehr negativ besetzt. Allem, was auch nur irgendwie nach den "Psy"-Wissenschaften klingen konnte, sowie ihren Vertretern wurde mit subtilem Mißtrauen oder gar Ablehnung begegnet. Natürlich haben sich die sogenannten "Psy" der Auseinandersetzung nicht entzogen und trotz ihrer schwierigen Position keine Konzessionen gemacht, um gar "liebenswürdig" zu erscheinen. So waren in diesem Fall die vermeintlichen Vertreter der "Psy"-Wissenschaften die "Bösen". Vielleicht erschienen sie in den Augen der meisten sogar als "schuldig" an den Kommunikationsschwierigkeiten in der Gruppe. Aber kommen wir zurück auf Beobachtungen und Tatsachen und erinnern uns daran, wie sich die Dinge im Verlaufe der Woche entwickelt haben. Nach Erledigung der "Aufgabe", eine Collage anzufertigen, haben sich die Teilnehmer in eine andere Arbeit "gestürzt": in die Arbeit in "spezialisierten" Untergruppen über "motivierende" Themen (motivierend weshalb? spezialisiert mit welchem Recht? Wir wissen es nicht genau... Vielleicht war es eine andere Form, Vermeidungsverhalten durchzusetzen? Zweifellos lag der Arbeit in Untergruppen auch ein diffuses Modell zugrunde, das Aktion und Effizienz predigt? Vielleicht gab es eine Intuition dafür, daß es dringend notwendig sei, unseren Austausch über einen anderen Gegenstand zu vermitteln?). An dieser Stelle muß gesagt werden, daß die verschiedenen Untergruppen, die bei dieser Gelegenheit entstanden sind, danach eine unwahrscheinliche Aktivität entwickelt haben. Sie waren von ihren Themen voll in Anspruch genommen. Diese Themen als Forschungsgegenstande haben innerhalb der Untergruppen über einen ziemlich langen Zeitraum (fast drei Jahre) in den Beziehungen untereinander als "Vermittler" gewirkt, was zweifellos dazu beigetragen hat, die vorhandenen "Unterschiede" auf eine nicht so bedrohliche Art und Weise deutlich werden zu lassen. Es konnte somit vieles innerhalb dieser Untergruppen ausgesprochen werden, was dazu beigetragen hat, die Repräsentationen der Gruppenteilnehmer (die gegenseitigen Vorstellungen voneinander sowie die Vorstellungen in Bezug auf das Thema) im Verlaufe der Begegnungen zu verändern. Indem sie etwas über das Thema der Untergruppen erfuhren, konnten die einzelnen auch etwas über sich selbst und über die anderen erfahren. So konnte sich nach und nach die Fähigkeit entwickeln, über den nationalen Unterschied hinaus unterschiedliche (wissenschaftstheoretische und ideologische) Bezugssysteme aufzuspüren und zu deuten, aber auch dafür, Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen und in der kognitiven Tätigkeit zu erkennen. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß ein Thema - wenn es als Mittel aufgefaßt wird - durchaus dazu beitragen kann, einen Austausch zu ermöglichen: Zweifellos wirkt ein solches Mittel in der Distanzregelung schützend vor den Nähe bedeutenden echten oder vermeintlichen Zusammenstößen der Vorstellungswelten und macht es möglich, besser situieren zu können, von welchem Ort aus ein jeder spricht und woher die jeweiligen Meinungen herrühren. Hierin liegt eine der Voraussetzungen für einen Austauschprozess; aber als alleinige Bedingung dafür reicht dies doch nicht aus, denn die Art und Weise, wie eine Anerkennung der Unterschiede verläuft, verweist zu einem guten Teil sowohl auf das Engagement jedes einzelnen in diesem Prozess als auch auf seine Fähigkeit, jene Brüche auszuhalten, die ein jeder Unterschied in den Vorstellungssystemen mit den damit verbundenen Überzeugungen auslöst. Schließlich sollten wir auch bedenken, daß das "Thema als Mittel" und der Wille, auf dem Weg der Auseinandersetzung weiterzugehen (der für jeden auch der Weg der Begegnung mit seinen eigenen Grenzen ist), allein nicht ausreichen, um die intensive Aktivität in den Untergruppen zu erklären (natürlich waren uns auch mit der finanziellen Unterstützung des DFJW relativ gute Bedingungen gegeben worden).
|