"Wider die falsche internationale Höflichkeit" |
Charlotte Herfray
(Übersetzung aus dem Französischen von Barbara Lorey)
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3. Epilog Strasbourg im Mai 1983 Die Begegnung in Straßburg war kurz und die Beteiligung schließlich nicht sehr groß (diejenigen, die am meisten nach diesem Treffen verlangt hatten, waren übrigens nicht gekommen). Wir waren 15: 6 Forscher (einer hatte keine Freistellung für diesen Zeitraum bekommen) und 9 Teilnehmer (2 Deutsche und 7 Franzosen). Die Begegnung war eine "Wiederholung" der bereits bekannten Szenarios. Wir fanden uns in unseren ideologischen und intersubjektiven Auseinandersetzungen wieder... der Ablauf der Arbeiten bestätigte unsere Hypothese von der Art des Umgangs mit Unterschieden, so wie wir das schon in den vorhergehenden Begegnungen erlebt hatten. Ausgehend von unserem neuen Ziel reproduzierten wir jene Verhaltensweisen, die für den Umgang mit Unterschieden symptomatisch waren. Unser neues Ziel war ein Kolloquium, in dem wir unsere Fragestellungen und unsere Probleme wieder aufgreifen wollten. Es wurde so zu einer Gelegenheit, die Diskrepanzen zwischen den sogenannten Theoretikern und den sogenannten Praktikern wieder neu aufleben zu lassen. Es traten auch Diskrepanzen auf zwischen denjenigen, die in Sachen Kolloquium eher einem "französischen Modell" (mit ausgearbeiteten Kurzreferaten) anhingen, und denjenigen, die eher ein "deutsches Modell" (die Diskussion im Mittelpunkt der Methoden) vertraten. Auf der Ebene der Aussagen sind diese Dichotomien Merkmale für einen unterschwellig ablaufenden Prozess: Sie sind eher Ausdruck für unsere Beziehungen als "Subjekte" zu "Objekten"; sie stehen weniger für eine tatsächliche Diskrepanz zwischen realen Zielen in der Wirklichkeit. Die für eine Analyse gewählten Formen sind häufig eher eine Widerspiegelung subjektiver Positionen, verbunden mit einer ideologischen Position (Trennung von Theorie und Praxis), als daß sie eine objektive Realität darstellen. Wir haben viel diskutiert... Zwei Tendenzen zeichneten sich für ein abschließendes Kolloquium ab, was neue Unterschiede hervortreten ließ. Es gab die Tendenz derjenigen, die wünschten, offiziell einige "Resultate" formulieren zu können, es gab die Tendenz derjenigen, die den Wunsch hatten, das Austauschmodell mit den Kleingruppendiskussionen zu reproduzieren, wie es bereits seit Beginn des Programms praktiziert worden war. Ich war in Straßburg wieder einmal von der Repetition in unseren Funktionsmechanismen überrascht, obwohl unser Ziel eigentlich deutlich war: Wir sollten die Texte des Endberichts "bearbeiten" und die Möglichkeit eines Kolloquiums ins Auge fassen und auch die dafür geeignetste Form finden. Trotzdem sind wir wieder in unsere alten Mechanismen zurückverfallen: Unser "Ziel" glitt ab in die noch nicht ausgeschöpften Fragen unserer früheren Themen, wir glitten ab von unserem aktuellen Ziel zurück zu unseren früheren "Objekten". Es ist uns weder gelungen, unsere Beziehung zu der Aufgabe zu beherrschen, noch mit unseren Vorstellungssystemen umzugehen. Es gab allerdings eine wohltuende Hilfestellung; der gegenseitige Humor, der uns häufig geholfen hat, unsere Funktionsmechanismen zu erkennen und schneller darüber zu lachen, was uns wiederum erlauben konnte, zu unseren - nicht reduzierbaren - Grenzen einen größeren Abstand zu nehmen. Auf diese Weise konnte Freundschaft entstehen: eine gegenseitige Wertschätzung, die im Verhältnis zum Anfang weniger in den Vorstellungen verhaftet blieb, weniger idealisiert wurde, und sich daher auf die Anerkennung unserer Unterschiede und ihrer Spezifität begründete. Somit war eine Trennung möglich, insofern, als wir bereichert waren von all diesen wechselseitigen Beitragen, insofern, als sie uns markiert haben.
Schlußfolgerung Eine große Frage bleibt offen: die der Ausbildung von Grundschullehrern im Hinblick auf eine größere Öffnung gegenüber den vielfaltigen Aspekten des Umgangs mit Unterschieden. Wenn wir unsere Hypothesen bis zu Ende weiterverfolgen, müssen wir zugeben, daß ein Unterricht - ganz gleich welcher Art auch immer - nicht das hervorbringen kann, was nur eine Ausbildung zu leisten imstande ist: Individuen, die offen und fähig sind, den anderen anzuerkennen, die somit in der Lage sind (nach den Hypothesen, die diesen Text insgesamt durchziehen), ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Grenzen zu akzeptieren, ohne Angst davor, was der andere für sie repräsentiert. Kann aber eine Ausbildung überhaupt stattfinden ohne diese "Verstörung" und ohne diese Infragestellung, die eine Begegnung mit dem Unterschied repräsentiert? Eine solche Begegnung und die Auswirkungen, die sie hervorrufen kann, setzt andererseits spezifische Arbeitsformen voraus; es ist nämlich weder offensichtlich noch automatisch, daß Unterschiede als "Grenzen" behandelt werden können (sie werden vielmehr in Form von "Hierarchien" aufgefaßt). Es ist auch nicht offensichtlich, daß wir nicht aus einem schlechten Gewissen heraus dem Andersartigen gegenüber Schuldgefühle entwickeln, weil wir bei dem anderen einen Mangel wahrnehmen, von dem wir uns ausgenommen glauben. Wir gehen also mit "dem Unterschied" wie mit einer Situation um, die von uns "Verständnis" verlangt (wobei wir voraussetzen, daß eine Verständigung möglich ist). Das alles ist aber überhaupt nicht offensichtlich. Der andere kann nämlich wirklich völlig unverständlich sein... Wie kann man das zugeben? Dies verweist auf nicht reduzierbare Probleme, die mit der Struktur der Individuen selbst verknüpft sind und mit unserem Bezug zu unseren eigenen Grenzen... Es bleibt also zu hoffen, daß eine unaufhörliche Geduld bei der Wiederaufnahme der Prozesse im Umgang mit Unterschieden und bei der Verbalisierung hinsichtlich ihrer Auswirkungen den Individuen dazu verhelfen kann, Unterschiede besser zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Wenn mir dieses auch als eines der wesentlichsten Probleme der Ausbildung auf allen Ebenen erscheint (Kinder und Erwachsene), so sind die Mittel, um diese Bewußtwerdung möglich zu machen, schon schwieriger umzusetzen. Diese Mittel setzen auf jeden Fall nicht nur den "Unterricht" als einziges Mittel voraus. Sie setzen den Einsatz von geeigneten Methoden und Techniken voraus, die für eine persönliche Ausbildung, welche Platz für eigene Erfahrung laßt, genutzt werden können. Eine solche Ausbildung verlangt viel Zeit, Anstrengung und individuellen Einsatz, der sich nicht befehlen läßt, und dessen Beherrschung sich jeglicher Didaktik entzieht. Es reicht nicht aus, Techniken zu entwickeln, damit sich dieses schwierige aber so wichtige Anliegen verwirklichen läßt: eine reale und authentische Begegnung zwischen unterschiedlichen Individuen. Viele Treffen und Austauschprogramme sind häufig nur "vorgetäuschte" Begegnungen mit der ihnen innewohnenden falschen Höflichkeit. Heraklit lehrt uns, "daß der Konflikt Motor für Fortschritt ist": Vielleicht sollte man hinzufügen, daß es von uns abhängt, damit dies auch wirklich so ist. In Wirklichkeit ist ein Krieg, der darauf abzielt, Vorherrschaften zu erlangen, ein tödlicher Kampf: Dafür, daß ein Konflikt auf einen Austausch hinausläuft, ist es wichtig, daß das Gesetz des Austauschs durch eine Anerkennung der Unterschiede - verbunden mit der gegenseitigen Akzeptierung der jeweiligen Grenzen - Anwendung findet. Erst von da an wird ein gemeinsames Projekt möglich. Die Versprechen, die es in sich trägt, können etwas Neues hervorbringen, schöpferisch tätig werden.
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