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Überlegungen zum Spannungsverhältnis zwischen nationalerJugendarbeit und interkultureller Begegnung: |
Dany Robert DUFOUR
(Aus dem Französischen übersetzt von Peter Geble)
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2. Die Vorherrschaft des Anspruch-Stellens und des Ansprüche-Erfüllen-Wollens Ich habe bereits unterstrichen, wie wichtig das Moment der Gegenseitigkeit in der Kommunikation (6) in den Ferienzentren ist. Allerdings ist dieser Mangel an Gegenseitigkeit schon auf die Institutionalisierung der Trennung als solche zurückzuführen: ist eine Gruppe erst einmal als "anders" ausgewiesen, so erlaubt dies, sich "um sie zu kümmern". Sich um jemanden kümmern bedeutet aber, daß für ihn schon verschiedene Dinge vorgesehen sind, Räumlichkeiten, Aktivitäten, im Prinzip alles, was Zeit und Raum des Aufenthalts definiert - und zwar zusätzlich zu dem, was die materiellen Grundlagen des Aufenthalts ausmacht: Essen, Trinken, Schlafen usw. -. Die Jugendlichen werden untergebracht, verpflegt, manchmal auch alkoholisiert (7), aktiviert und animiert. Sie stehen somit in einer sehr eigentümlichen Beziehung zu denen, die sich um sie kümmern. Dadurch werden sowohl die ablaufenden Kommunikationsprozesse als auch das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, zwischen Animierten und Animateuren in den Ferienzentren bestimmt. Es wäre vorstellbar, daß, wäre das System "Ferienzentrum" von einem Kybernetiker entworfen (wovon etliche Pädagogenmanager träumen), man es mit einem sich selbstregulierendem System zu tun hätte: jeder Anspruch eines jeden Jugendlichen fände in ihm eine adäquate Antwort, sogar und insbesondere die Ansprüche, die innerhalb der "Maschinerie" eigentlich keine Antwort erhalten können; es ist schon lange bekannt, daß als eine Bedingung für das weitere Funktionieren eines Systems auch bestimmte Dysfunktionen darin integriert werden müssen. Es muß also etwas schiefgehen, damit es weiter funktioniert; dies ist sozusagen eine Garantie dafür, daß sich das System an seine Umgebung anpaßt (vgl. die Untersuchungen der Systemtheoretiker in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die Träume der amerikanischen Funktionalisten auf dem Gebiet der Human-wissenschaften). Es wird dabei angenommen, daß es schon ausreicht, eine gewisse Rückkoppelung herzustellen: ein Phänomen, das Pädagogen unter dem Namen "Feedback" kennen. So richtet man Instanzen für die Verständigung, Regulierung, Absprache und Auswertung ein, um zu erfahren, was "sie" denken und was "sie" wollen. Das Problem ist nur, daß es, wenn man nicht gerade im Bereich der Chemie oder Physik tätig ist oder gar über Bienenvölker arbeitet, sondern sich mit Menschen beschäftigt, genauer gesagt mit dem zwischenmenschlichen Beziehungsgefüge, immer irgend etwas gibt, wo es nicht funktioniert, auch wenn man ganz nach Programm vorgegangen ist: ein Jugendlicher hat nicht mitgespielt, ein Betreuer hat "seine Arbeit nicht gemacht"; die lapidare Bilanz vieler Auswertungstreffen von Gruppenleitern ist so immer dieselbe: bei den Jugendlichen weiß man nie so recht, was zu tun ist; beim Betreuer weiß man es immer: er muß ausgebildet werden. Bei einer genaueren Betrachtung der Positionsverteilung, die den einzelnen Beteiligten in den Ferienzentren im Kommunikationsprozeß zukommt, ergibt sich folgendes: den Jugendlichen ist die Rolle derer zugewiesen, die Ansprüche stellen. Dementsprechend haben der Veranstalter und auch das Leitungsteam die Aufgabe, die gestellten Ansprüche zu erfüllen. In einer gewissen Weise stellt jedoch das Zentrum auf die meisten Ansprüche der Jugendlichen bereits im voraus eine Antwort dar, da sich dort schließlich alles befindet, "was sie brauchen". Der Anspruch braucht nicht einmal mehr ausgesprochen zu werden, da die Erfüllung bereits da ist - es ist die Vorwegnahme des Anspruchs durch die Erfüllung -. Trotzdem werden immer wieder neue Ansprüche gestellt, an Gründen dafür fehlt es nie, der Kreislauf bleibt unendlich. Der eben erwähnte Betreuer hatte " seine Arbeit nicht gemacht", er mußte also ausgebildet werden. Was aber hatte er zu lernen? Sicherlich geht es dabei um Animationstechniken, mit deren Hilfe er erkennen soll, was mit den unabgegoltenen, wiederholten Ansprüchen "wirklich verlangt" wurde; besser ausgebildet, so die Erwartung, würde er den Ansprüchen gerecht werden können. Wenn nun aber, und das ist meine zentrale Arbeitshypothese, der stets verbleibende Anteil der gestellten Ansprüche, die nicht befriedigt werden können, gerade durch die Beständigkeit darauf hindeutet, daß sich hier ein Anspruch ausdrückt, der im Grunde genommen grenzenlos ist: ein Anspruch nach Allem und auf Gesamtheit, dem per se nicht nachgekommen werden kann? Wodurch erklärt sich dieser Anspruch auf Gesamtheit und nicht lediglich auf etwas, das eingrenzbar ist? Weiter oben habe ich schon einmal von zwischenmenschlichen Beziehungen und den Schwierigkeiten in der Kommunikation gesprochen. Dabei dürfte deutlich geworden sein, daß ich damit die im Wesen des Menschen angesiedelte Unvollständigkeit ansprechen wollte, denn schon bei seiner Geburt ist das menschliche Lebewesen "unvollständig". Und ab diesem Zeitpunkt ist der Mensch gezwungen, sich in einer ihm fremden und stets unzulänglichen Sprache einzubringen und all das auszudrücken, was ihn leben läßt, und was zudem sein Dasein begrenzt, weil er etwas nicht Erlernbares zu lernen hat: daß er in seinem Sein ein Wesen ist, welches für den Tod bestimmt ist. Wenn man weiß, daß die frühe Kindheit eine Übergangszeit darstellt, in der sich das kindliche Schattentheater mit den unwahrscheinlichsten Gestalten der Vollkommenheit bevölkert: Robin Hood, Tim, Superman, Goldorak - im Bestand der kindlichen Embleme läßt sich die Gesamtheit wiederfinden - und wenn man weiß, daß das Erwachsensein eigentlich das darstellt, was vom Subjekt übrigbleibt, weil es zu verzichten gelernt hat und gleichzeitig manchmal doch noch auf den Verzicht verzichten kann, so daß es dann nach Dingen verlangt, die allerdings durch das Begehren so schnell ausgezehrt werden, daß es sich sogleich nach einem Ersatz umsehen muß, welcher Art kann dann die Beziehung zwischen dem Alles-Ich und dem gespaltenen, geteilten Subjekt sein? Und welcher Anspruch kann sich dann aus dieser Beziehung heraus an jenen anderen Zwischenbereich stellen, den das Ferienzentrum als etwas, das zwischen Familie und Schule angesiedelt ist, darstellt? Welche Beziehung läßt sich zwischen dem Bereich, in dem alles im voraus erfüllt wird, und dem anderen herstellen, in dem überhaupt keine Ansprüche gestellt werden dürfen? Ist das Ferienzentrum nicht eine Art Durchgangsstätte für jemanden, der zum wiederholten Male einen Anspruch vorbringt, den er allerdings nicht mehr als ein Verlangen nach Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen vermag, und der dabei vergessen hat, daß er dennoch stets nur nach Allem verlangt hat; ein Fordernder, der eigentlich nicht weiß, wonach er sucht? Eigentlich zielt schon immer sein Anspruch selbst daneben, denn wenn er nach etwas Bestimmten verlangt (und er kann gar nicht anders), dann schließt er den ganzen Rest aus. Aber das, was er wollte, war eben auch der ganze Rest. Es ist unmöglich, einen solchen Anspruch zu befriedigen, weil man nun einmal nicht geben kann, was man nicht hat. Wenn man also einem Jugendlichen gerecht zu werden versucht, und das versucht man schließlich, geht damit einher, daß ihn das unbefriedigt läßt. So wird es unmöglich, den Betreuer dafür auszubilden, auch das zu geben, was in Wirklichkeit verlangt wird (8), denn jeder Erfüllungsversuch verfehlt unweigerlich den Anspruch und bringt nur eine neue Anspruchshaltung hervor. Der Kreislauf geht immer weiter. Ein Gruppenleiter kann aber dazu ausgebildet werden, daß er Jugendliche, die gewisse Anforderungen stellen, dazu anregt, selbst die Verantwortung für ihre Ansprüche zu übernehmen. Die geschilderte Grundstruktur kann sich entsprechend den personellen und institutionellen Zusammenhängen jeweils unterschiedlich ausdrücken, aber sie wiederholt sich ständig. Einige Varianten davon sind in den angefügten Beobachtungsprotokollen festgehalten. Wie dem auch sei, ich stelle die Frage, ob hier nicht ein bestimmtes liberales pädagogisches Konzept aufgesetzt wird auf eine im Grunde genommen autoritär vollzogene gesellschaftliche Absonderung einer Altersklasse, wobei die Jugendlichen in den Ferienzentren gewissermaßen in der dort herrschenden Struktur des Ansprüchestellens verharren. Meine Fragen zielen ebenfalls darauf hin, ob sie durch diese Struktur nicht in eine narzißtische Regression verfallen, indem ihre Ansprüche grenzenlos werden. Darf das Zentrum aus Jugendgruppen bestehen, die wie Kinder nach Gesamtheit verlangen, darauf aber keine Antwort ertragen können, so umsorgt sie sind (ernährt, untergebracht, alkoholisiert, aktiviert und animiert) von einem Schwarm Erwachsener (Leiter, Betreuer, Wächter, Köche, Putzfrauen...), die, sobald sie die immer neuen Ansprüche zu erfüllen versuchen, ständig darunter leiden, notwendigerweise danebenzutreffen? Daraus folgt ein beiderseitiges Verkennen und eine doppelte Frustration. Demnach müßte z.B. folgendes in Frage gestellt werden:
Die Leiter der Zentren geben sich häufig damit zufrieden, einen lückenlosen Wochenplan vorzeigen zu können. Die Jugendlichen brauchen nur etwas anderes zu fordern, und guten Willens wird ein liberal eingestellter Pädagoge sein Bestes tun, um die geäußerten Wünsche zu erfüllen... bis zum nächsten Mal. Zum Glück für alle dauern die Ferienaufenthalte nur zwei oder drei Wochen!
Aber in Wirklichkeit gelingt es nicht, weder durch die Vielfalt noch durch das Systematische der Aktivitäten zu verhindern, daß die Jugendlichen "aussteigen" und ganze Tage im "Bistrot" verbringen (ich habe nichts gegen das Bistrot, es eignet sich gut dazu, Überdruß und Langeweile abzubauen). Die Verantwortlichen können das nicht verstehen und machen dafür den Zeitgeist verantwortlich, weil es ihnen nicht bewußt ist, daß sie mit ihren Vorschlägen für immer neue Aktivitäten eigentlich nur ihrem eigenen Bedürfnis nachkommen und sich damit lediglich Abhilfe gegen die Verunsicherung verschaffen, die sie immer dann verspüren, wenn die Zeit nicht voll verplant ist. Nun ist es aber gerade das Übermaß an Aktivitäten, das ihren Sinn entwertet. Es gibt keinen Latenzbereich, keine Leerstelle, keine Vakanz, wo sich ein Sinnfindungsprozeß entwickeln könnte in der Auseinandersetzung mit dem Mangel im menschlichen Sein und mit dem damit einhergehenden grenzenlosen Anspruch auf Gesamtheit, wo sich alles abnutzt, was gerade sein Gegenstand ist. Auch hier sollten diejenigen, die Ansprüche dieser Art stellen, in Situationen versetzt werden, die es ihnen erlauben, damit umgehen zu lernen und Eigenverantwortung zu übernehmen. Dazu gehören die Auseinandersetzungen mit dem, was Grenzen setzt, die Aushandlungsprozesse mit anderen, das Entwickeln eines dialektischen Verhältnisses zu dem, was Gesetz, d.h. symbolisch, ist. In diesen Prozessen können Ansprüche geboren werden, deren Gegenstände wieder erlöschen, sich verwandeln, mit dem Ziel, auch wirklich zu handeln.
Warum der ganze Aufwand, wenn doch nur gelernt werden soll, wie man Fotos entwickelt oder ein Boot wendet, ohne dabei ins Wasser zu fallen? Einfach deswegen, weil selbst solche Techniken nur dann erlernt werden können, wenn ein Bezug zur Umwelt auf dem Spiel steht, den es zugleich zu meistern gilt; die Meisterung dieser Art ist eine der zugänglichsten Formen der Vollkommenheit. Allerdings muß dies erkennbar bleiben und denjenigen gefühlsmäßig ansprechen, der sich darauf einläßt, sonst wird daraus lediglich eine Arbeit (franz.: travail = etymologisch tripalium: "Foltergerät"), so daß es dann keine Aktivität (von agere: handeln) mehr ist.
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