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Überlegungen zum Spannungsverhältnis zwischen nationalerJugendarbeit und interkultureller Begegnung: |
Dany Robert DUFOUR
(Aus dem Französischen übersetzt von Peter Geble)
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Teil II: Beobachtungen in Ferienzentren 1) Verschiedene Zentren im Sommer 1977 Die im Zusammenhang mit der Untersuchung zur "Rolle der Ferienzentren in internationalen Begegnungen" im Sommer 1977 angestellten Beobachtungen verteilten sich im August 1977 über einen Zeitraum von drei Wochen. Ich hatte mich dafür entschieden, die verschiedenen Formen binationaler Begegnungen zu beobachten, denn es wird dabei zwischen drei Gruppen unterschieden: die erste Gruppe umfaßt die sogenannten Präadoleszenten (12-14 Jahre), die zweite Gruppe die Adoleszenten (15-18 Jahre) und die dritte Gruppe die jungen Erwachsenen (18-25 Jahre). Die letzte Gruppe gehört zwar nicht in den Bereich der Ferienzentren, doch in Übereinstimmung mit den anderen Mitgliedern der Forschungsgruppe erschien es mir sinnvoll, sämtliche von den Jugend-organisationen angebotenen Begegnungsmöglichkeiten in Feriensituationen persönlich kennenzulernen, damit sie auf dieser Grundlage miteinander verglichen und auf Konstanten und Differenzen hin untersucht werden könnten. Ich habe deswegen etwa eine Woche in einem Ferienzentrum für Heranwachsende (12-14 Jahre) in den Vogesen zugebracht, etwa eine Woche in einem Zentrum für Jugendliche (15-18 Jahre) in der Gironde und nochmals ungefähr eine Woche bei einem "experimentellen Begegnungsprogramm" in der Bretagne; von der letzten Woche werde ich allerdings nicht berichten, da diese Begegnungsmöglichkeit nicht unter die Themenstellung der Untersuchung fällt. Das Kennenlernen dieser Austauschform war für mich aber als Ergänzung meiner Informationen über die verschiedenen Arten deutsch-französischer Jugendbegegnungen sehr wichtig.
Das Zentrum hatte deutsche und französische Jungen und Mädchen aufgenommen, die auf französischer Seite aus durchschnittlich bemittelten gesellschaftlichen Schichten bzw. leicht benachteiligten, und auf deutscher Seite aus vergleichsweise etwas bessergestellten sozialen bzw. kulturellen Verhältnissen stammten. Altersmäßig war die Gruppe ziemlich homogen zusammengesetzt, sowohl bei den deutschen als auch bei den französischen Jungen und Mädchen. Mein Kommen war den Jugendlichen nicht angekündigt worden, so daß ich mich einem Trommelfeuer versteckter, aber ziemlich präziser Fragen vor allem von Seiten der französischen Jugendlichen ausgesetzt sah. Offensichtlich hatten sie das Bedürfnis, mich in die Hierarchie des Zentrums einordnen zu können. Der Leiter des Zentrums, den ich über die Ziele der Untersuchung informiert hatte, war bereit, mir in allem entgegenzukommen, was meine Beobachtungen erleichtern könnte, und stellte mir anheim, die Jugendlichen von meiner Arbeit in Kenntnis zu setzen oder nicht. Im zweiten Fall wäre es möglich gewesen, mich als seinen Freund vorzustellen: so hätte ich das Zentrum und die Beziehungen, die die Jugendlichen zueinander aufnehmen, beobachten können, ohne dabei das Risiko einzugehen oder heraufzubeschwören, daß sie "dem Forscher gegenüber" eine rein oberflächliche Haltung einnehmen. Im Gegensatz dazu beschloß ich, die Jugendlichen über das Ziel meiner Arbeit zu informieren. Es ist keineswegs offensichtlich, daß eine Beobachtung aus einer versteckten Position heraus dem Forscher schon "Objektivität" garantiert; in diesem Fall war in der Tat zu befürchten, daß die sich für einen "Freund des Direktors" zur Beobachtung anbietenden Reaktionen genau jene sind, die sich als Anschein gegenüber einem Verantwortlichen bzw. einer gleichgestellten Person ausdrücken. Die Jugendlichen wurden also vom Leiter von meiner Anwesenheit und meiner Rolle unterrichtet. Dies geschah im Speisesaal, wo üblicherweise die Tagesaktivitäten bekanntgegeben werden. Anschließend ergriff ich das Wort, um meine Ziele und Methoden zu erläutern: Teilnahme an den verschiedenen Aktivitäten der Jugendlichen, Diskussionen in kleinen Gruppen und, auf die Bitte eines Jugendlichen hin, gemeinsame Spiele. Trotz oder gerade wegen meiner Erklärungen wurde ich von den Jugendlichen als jemand eingestuft, der weder der Leitung der Ferienzentren bzw. des Deutsch-Französischen Jugendwerks angehörte noch zum Mitarbeiterstab des Zentrums zählte, als jemand, der vielleicht irgendwo dazwischen hingehörte. Ein in dieser Beziehung bedeutungsvoller Zwischenfall, der nicht leicht zu interpretieren war, kann alle jene Reaktionen verdeutlichen, die durch die Anwesenheit eines Beobachters hervorgerufen werden, selbst wenn er sich teilnehmend und entgegenkommend zeigt, wie ich dies auch wirklich war. Gegen Ende des Aufenthalts führten einige deutsche Jungen und Mädchen ein "historisches Spiel" auf. Sie hatten ein paar Besenstiele aufgetrieben und marschierten damit im Hof des Zentrums im Gleichschritt auf und ab. Um jeden Zweifel über ihre Absichten auszuräumen, hatten sie sich mit einem Filzstift einen kleinen viereckigen Oberlippenbart angemalt und die Hemdsärmel hochgekrempelt, damit alle das SS-Zeichen auf ihren Armen sehen konnten. Die Diskussionen, die ich anschließend sowohl mit den Jugendlichen, die an diesem historischen « Spiel » teilgenommen hatten, als auch mit den anderen führen konnte, die nicht daran teilnehmen wollten, haben mir deutlich gezeigt, daß jede vereinfachende Interpretation auf der primären Ebene (etwa der Art, daß in einem Teil der deutschen Jugend die leidvoll erlebte jüngste Vergangenheit mit den damit einhergehenden Sanktionen wieder auferstehen würde) verfehlt wäre; es ist nicht so, daß die Jugendlichen, die sich dieses Spiel ausgedacht hatten, damit eine bewußte und im voraus geplante Strategie verfolgten, deren Ziel in etwas anderem als einer reinen Demonstration gelegen hätte. Dennoch ist es denkbar, daß zu den Motiven dieser Jugendlichen eine bestimmte didaktische Absicht gehörte, selbst wenn sie nicht direkt spürbar war. Ich habe dies als implizite Warnung aufgefaßt, mich bei einem Vorfall wie diesem nicht mit der scheinbar eindeutigen Aussage zufriedenzugeben, weil er mich zugleich und insbesondere auf die begleitenden Umstände hinwies, auf das, wofür unsere Beobachtungslinien (die auch nur aus Stereotypen bestehen) im allgemeinen blind sind.
Während meines Aufenthaltes nahm ich an den verschiedenen alltäglichen Unternehmungen der Jugendlichen teil, am Bergsteigen, Segeln, Wandern usw.; dabei versuchte ich, für die Zwecke der Analyse die äußeren Bedingungen der Begegnung (z.B. vertretene Bevölkerungsschichten) von ihren inneren Bedingungen zu trennen (das Ferienzentrum, sein Standort, die innere Struktur, die vorgeschlagenen Aktivitäten, der Stil der Animation von Seiten des Direktors und der Gruppenleiter). Zu den äußeren Bedingungen sind einige Faktoren zu zählen, die bei den Begegnungen eine wichtige Rolle spielen: das Alter, das Geschlecht, die gesprochenen Sprachen sowie eine beträchtliche Anzahl sekundärer Faktoren, die bezeichnend sind für die kulturellen und sozialen Gewohnheiten der Jugendlichen. Für dieses Beobachtungsraster war besonders ein kleines Ereignis aufschlußreich, welches es erlaubt hat, die bestehenden Unterschiede zwischen den Gewohnheiten der beiden Gruppen deutlich hervortreten zu lassen: es ging um die Vorbereitung eines "deutschen Tages", der eigentlich dazu gedacht war, einen Ausgleich für die eher unterschwellige als offen an den Tag gelegte Verärgerung der jungen Deutschen über die Eßgewohnheiten der jungen Franzosen zu schaffen. Dieser "deutsche Tag" beschränkte sich dann auch auf die Vorbereitung eines « deutschen Essens ». Diese Eingrenzung enthüllt in sich allein die Schwierigkeiten, die die beiden Gruppen hatten, miteinander ins Gespräch zu kommen - was nicht nur an den beiderseitigen Sprachproblemen lag. Tatsächlich schienen die Gründe für die latenten Spannungen mit der unterschiedlichen Tageseinteilung in Frankreich und in Deutschland (unterschiedliche Zeiten für wichtige Tätigkeiten, unterschiedliche Essenszeiten) ebenso zusammenzuhängen wie mit der Art der Gerichte. Die Deutschen schienen vom "deutschen Tag" eine Tageseinteilung zu erwarten, die ihren Gewohnheiten besser entsprach. Diese Erwartung wurde im übrigen tags zuvor direkt zum Ausdruck gebracht, als die Jugendlichen, die die Vorbereitung in die Hand genommen hatten (dies waren natürlich die Mädchen), den Wunsch äußerten, die verschiedenen Essenszeiten am Tag anders zu legen. Der Betreuerstab ging jedoch - und hier kommen wir auf die inneren Bedingungen der Begegnung zu sprechen - auf den Vorschlag nicht ein, wodurch die Betreuer indirekt ihre Verbundenheit mit ihren eigenen, sozusagen als natürlich erachteten Lebensgewohnheiten bewiesen. Es lohnt sich, die Meinungsäußerungen der Jugendlichen wiederzugeben, zu denen sie am Ende dieses Tages aufgefordert wurden, da sich aus ihnen ablesen läßt, wie bei der Beurteilung andersgearteter Lebensgewohnheiten die unterschiedlichsten Gesichtspunkte ineinandergreifen. Die Deutschen fanden, daß in dem zubereiteten Essen ("Sauerkraut/choucroute") die Kartoffeln "französisch" (sic), das Geräucherte und die Würste dagegen "deutsch" oder "beinahe deutsch" (sic) gewesen seien. Die Franzosen empfanden das deutsche Essen als französisch" und "deutsch", d.h. als "elsässisch", freilich ließ der einzige Elsässer im Zentrum als einziger das Essen stehen - er « aß kein Sauerkraut ». Somit war niemand zufrieden: die Deutschen vermuteten irgend etwas Französisches im Essen, die Franzosen sprachen dem deutschen Tag seinen Charakter ab und führten zur Vermittlung das Elsaß an, und der einzige Elsässer schloß sich aus dieser Verwirrung selbst aus, indem er sich symbolisch verleugnete und überhaupt nichts aß.
Die Versammlung mit den Jugendlichen und die « Überraschung » Ich hatte den Jugendlichen im Speisesaal den Vorschlag gemacht, eine Versammlung zu organisieren, zu der jeder, der wollte, eingeladen war. Mehr konnte ich den Jugendlichen nicht sagen - ich kündigte eine Überraschung an und damit dies auch eine Überraschung blieb, durfte ich nicht mehr verlauten lassen - außer, daß auf keinen Fall mehr als 15 Jugendliche daran teilnehmen dürften! Zum vereinbarten Zeitpunkt fand ich dann 25 Jugendliche vor, die alle auf die Überraschung warteten. Ich blieb jedoch unnachgiebig: die Versammlung konnte nur mit 15 Teilnehmern anfangen. Es gab ausgiebige Verhandlungen, in deren Verlauf ich jedoch nicht eingriff und dies auch ablehnte. 16 Jugendliche blieben, einer zu viel; zwei gingen, einer war zu wenig. Schließlich konnte die Versammlung mit 15 Jugendlichen beginnen. Ich gab folgende Anweisung: « Wer hinausgeht, bleibt auch draußen », und schwieg. Nach einem zehnminütigen allgemeinen Durcheinander, währenddessen ich mit Fragen überhäuft wurde, gab ich bekannt, daß die Überraschung stattgefunden habe und daß ich « keinerlei Aktivitäten, kein Diskussionsthema » vorschlagen würde. Die Versammlung dauerte nichtsdestoweniger zwei Stunden, nach deren Ausklang sich eine Erläuterung einiger meiner Ziele anschloß. Bei der Auswertung der Dynamik in der Gruppe standen folgende Punkte im Mittelpunkt:
Ich möchte nun im folgenden kurz einige Beobachtungen von vier Sachverhalten wiedergeben:
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