Arbeitstexte de travail

Überlegungen zum Spannungsverhältnis zwischen nationalerJugendarbeit und interkultureller Begegnung:
EINE
UNTERSUCHUNG IN FRANZÖSISCHEN FERIENZENTREN

Dany Robert DUFOUR
(Aus dem Französischen übersetzt von Peter Geble)

Inhaltsverzeichnis

Beobachtungen im Zentrum in der Gironde

Das Zentrum beherbergte deutsche und französische Jungen und Mädchen. Ich bin mit Absicht unmittelbar vor dem Eintreffen der deutschen Gruppe angekommen, um zu sehen, wie sich die Jugendlichen - unbeeinflußt von den Weisungen der Betreuer - untereinander verteilten.

Ich möchte gleich zu Anfang auf einen Unterschied hinweisen, der mir im Verhältnis zu dem Zentrum in den Vogesen aufgefallen ist: es war die Anlage des Zentrums, seine Raumordnung. Was dieses Zentrum von dem anderen unterschied, war nicht so sehr die Lage am Rande eines Waldes und die Nähe des Ozeans mit seiner besonderen Attraktion (unmittelbar spürbar bei den deutschen Jugendlichen - der See von Gérardmer und die Vogesen besitzen sicher ihren Reiz, sie werden aber in der touristischen Vorstellungswelt nicht so hoch bewertet -), sondern vielmehr die besondere Beziehung zum Raum, die sich dort entwickelt.

Das Zentrum in den Vogesen dient außerhalb der Ferienzeit als Schulgebäude, wobei es sich um einen Bau aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen handelt.

Das Gewicht der "gastgebenden" Institution, die von Natur aus eingrenzend ist, ließ sich erraten, wie so üblich. Das Zentrum « als vorübergehend keine Schule aber später dann wieder Schule » wurde auf der einen Seite von einem tiefen Bach und einer steilen Erderhebung, auf der anderen Seite von einer parallel zur Bahnlinie verlaufenden und relativ stark befahrenen Straße eingegrenzt.

Dahingegen ist das Zentrum in der Gironde ganz das Werk des dortigen Leiters und seiner Mitarbeiter, eine Anlage von weißen, untereinander getrennten Flachbauten (Küchen, Büro, Erste Hilfe, Bar-Disco-Bibliothek, Versammlungsraum), die im Laufe mehrerer Jahre entstanden sind. In diesen von den Baulichkeiten her offengehaltenen Beziehungen zum Raum zeigen die Mitarbeiter, deren Fluktuation von Jahr zu Jahr nur sehr gering ist, eine große Verbundenheit mit dem Projekt, gerade so als hätten sie sich vorgenommen, ein den Dünen entrissenes Stück Land mit Leben zu füllen.

Das Verhältnis dieses Teams zum umgebenden Raum bleibt nicht ohne Einfluß auf die innerhalb des Zentrums bestehenden und sich dort entwickelnden institutionellen und zwischenmenschlichen Beziehungen - und darin liegt seine Eigenart.

Ich habe zusammen mit den Jugendlichen an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen, um gewissermaßen durch diese « pendelnde » Aufmerksamkeit so « nebenbei » einige Eigenschaften ausfindig zu machen, die dieses Zentrum charakterisieren.

Die Bar und die Diskothek, wo einige « Feten » stattfanden, waren besonders wichtige Treffpunkte im Austausch; an diesem « öffentlichen Ort » innerhalb des eigentlich privaten Raums des Zentrums kamen konzentriert die überaus feinen Mechanismen zur Entfaltung, die darüber Aufschluß geben, ob diese Treffpunkte eine Begegnung fördern oder verhindern.

 

Gleichwohl bleiben diese Mechanismen denjenigen, die sie weitertragen, weitgehend verborgen, so daß sich institutionell gesehen ein Verkennen der Situation einstellt, in der sich die Jugendlichen begegnen und dabei vergessen, was ihr gegenseitiges Kennenlernen erst möglich machen könnte.

Für den theoretischen Aufbau dieser "Logik" des Sich-Kennenlernens und gegenseitiger Anerkennung - was letztendlich über Erfolg oder Mißerfolg einer Begegnung entscheidet - kann hier auf eine ganze Reihe von Merkmalen zurückgegriffen werden, die Aufschluß geben über die jeweiligen Einstellungen und über das Gruppenverhalten. Allerdings stellt sich heraus, daß sich das Verhältnis der Jugendlichen zu den Mythen der Gegenwart - transkulturelle Musik, "Trampen", Reisen, Überschreitung von Gebiets- und Bewußtseinsgrenzen -, wo alle in dem gleichen Glück zu schwimmen scheinen, sich als viel komplexer erweist als es zunächst erscheint. Bestehende von den Institutionen geprägte Denkweisen, die sich mitunter selbst widersprechen, haben - auch wenn häufig ganz entschieden das Gegenteil behauptet wird - ein ganz beträchtliches Gewicht.

Zur Verdeutlichung: während meines Aufenthalts war es mir möglich, zwei Versammlungen zu organisieren: eine mit den Betreuern, eine andere mit den Jugendlichen; beide Versammlungen waren pädagogisch unterschiedlich angelegt.

 

Die Versammlung mit den Betreuern

Im Mittelpunkt dieser non-direktiv geführten Versammlung stand offiziell das Thema: wie stellen sich die Betreuer zu der Frage: "Welche Rolle spielen die Ferienzentren in den deutsch-französischen Begegnungen?"

Ich möchte den Verlauf dieser überaus seltsamen Versammlung, die nur aus Mißverständnissen zu bestehen schien, folgendermaßen zusammenfassen:

- Die Betreuer, die von der Annahme ausgingen, daß mit der Themenstellung meines Forschungsauftrags implizit das Vorhandensein von Gegensätzen und Divergenzen, von ständigen Konflikten zwischen deutschen und französischen Jugendlichen vorausgesetzt sei, versuchten die ganze Zeit über, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
Je weiter sie jedoch in ihrer Beweisführung gingen, desto mehr kamen Vorfälle zur Sprache, denen sie freilich die ganze Bedeutung absprechen wollten, die ich diesen ihrer Meinung nach möglicherweise beimessen würde. Durch das ständige Ableugnen verkehrten sie aber den Sinn ihrer Aussagen genau ins Gegenteil, z.B.: "Ich mußte den deutschen Jugendlichen anraten, sich nicht auffällig zu benehmen, weil die hiesige Bevölkerung die Anwesenheit von Deutschen nur schwer akzeptiert; aber das ist nicht schlimm!". Durch eine Vielzahl rhetorischer Fehlleistungen (falsche oder unlogische Schlußfolgerungen, ständiges Leugnen) verriet sich die Wirkungsweise der unterschiedlichsten Widersprüche; ein weiteres Beispiel: « Die Franzosen fürchten die Deutschen, aber sie sind sich auch ähnlich und mögen sich, denn alle beide können die Engländer nicht ausstehen... »
 
- Hinter dem Bemühen, Konflikte, bevor sie überhaupt aufkommen können, herunterzuspielen, scheint ein imaginärer Wunsch zu stecken: die Zielvorstellung einer allgemeinen Versöhnung über die Beteiligung an dem großen Werk, in der Verwirklichung des Zentrums.

 

Die Versammlung mit den Jugendlichen

Ich hatte den Jugendlichen angekündigt, daß ich eine Versammlung abhalten würde, an der jeder, der wollte, teilnehmen könnte. Es würden Spiele angeboten werden.

Ich nutzte den Umstand, daß das Essen in zwei getrennten Zelten eingenommen wurde, und kündigte dort jeweils mit leicht unterschiedlichem Inhalt das etwas geheimnisvolle Thema der Versammlung an: « 14-18 ».

Ich mußte feststellen, daß die Kommunikation zwischen den Jugendlichen offensichtlich nur schwach entwickelt war, denn niemand stellte mir wegen der unterschiedlichen Ankündigungen eine Frage. Anscheinend genügte es, daß die Ankündigung von einem Erwachsenen und somit von einer Autorität vorgebracht wurde, um die Jugendlichen in eine passive Erwartungshaltung zu versetzen...

Zu Beginn der Versammlung (mit etwa 30 Jugendlichen) erinnerte ich daran, daß alle gekommen wären, um über das Thema "14-18 " zu sprechen; ich fügte hinzu, daß ich bis auf weiteres nicht mehr eingreifen würde.

Die Gruppe der französischen Jugendlichen hatte zunächst ihren Spaß daran, die kriegerische Besetzung dieses Begriffes in Verbindung mit dem ersten Weltkrieg in all ihren Möglichkeiten durchzuspielen, während die deutschen Jugendlichen ihnen dabei mit einer gewissen Verängstigung zuschauten. Diese Verunsicherung wurde offensichtlich von dem anwesenden deutschen Betreuer durchaus geteilt, allerdings weniger wegen des Themas als wegen des informellen, « nicht besonders ernsthaften » und verwirrenden Ablaufs der Versammlung. Die durch die Anlage der Versammlung hervorgerufenen Reaktionen und die dabei auftretenden Unterschiede nahmen an Stärke ständig zu und führten schließlich zu einer paradoxen Situation: je mehr sich die Gruppe der französischen Jugendlichen an dem Spiel begeisterte, desto mehr zog sich die Gruppe der deutschen Jugendlichen - mit einer oder zwei Ausnahmen - zurück.

Schließlich griff ich streng ein und sagte - indem ich so tat, als ob ich mir nichts dabei gedacht hätte -, daß ich nichts von dem verstanden habe, was soeben gesprochen wurde, da ich mit 14-18 nur sie selbst, die Altersklasse der 14-18jährigen gemeint hätte.

Aus dieser Art des Umgangs mit der semantischen Doppeldeutigkeit meiner Ankündigung entstand ein Erkennungseffekt, was freilich nur die beobachteten Unterschiede noch verstärkte: die französischen Jugendlichen konzentrierten sich nunmehr auf dieses Thema, zusammen mit einigen deutschen Jugendlichen, während sich das Gros der deutschen Gruppe noch mehr zurückhielt.

Anschließend schlug ich ein Rollenspiel vor, in dem ein junger Franzose einen jungen Deutschen spielen sollte, der einen jungen Franzosen trifft; diesen wiederum sollte ein junger Deutscher spielen. Die deutschen Jugendlichen, die immerhin wieder Interesse zeigten, wagten es jedoch nicht, sich auf diese Erfahrung einzulassen. Die Versammlung endete mit einer Reihe von Rollenspielen, die von den französischen Jugendlichen durchgespielt wurden und in denen sie offensichtlich gewichtige Schwierigkeiten ihres Lebens als Jugendliche anerkannt wissen wollten. Daraus ergibt sich eine doppelte Fragestellung:

- der Aufenthalt im Ferienzentrum läßt neue Verhaltensweisen entstehen, die im Widerspruch zu denen stehen, die von Schule und Elternhaus gefordert werden,
 
- nach der Rückkehr in diese Institutionen kommt es wegen der veränderten Haltung häufig zu Konflikten, deren Ausgang ungewiß ist.

Ein Treffen mit den "drei Abweichlern" im Zentrum hat es mir erlaubt, dieser Fragestellung nachzugehen. Sie erlebten den Aufenthalt in der Erinnerung an ein anderes Zentrum, in dem sie das Jahr zuvor ihre Ferien verbracht hatten und wo sie anscheinend völlig unbeaufsichtigt waren. Dieses Nichtbeaufsichtigtsein in einem Zentrum ohne geplante Aktivitäten, ohne vollgepfropften Zeitplan, all dies ist ihnen als ungeheure Chance, sich der Welt gegenüber zu öffnen, Verantwortung für sich und seinen Körper zu übernehmen, in Erinnerung geblieben. Während dieses erneuten Aufenthaltes in einem anderen Zentrum wie schon zuvor in ihren Familien und in der Schule konnten sie aber nur noch diese Idee der Freiheit immer wieder aufleben lassen, indem sie sich gezwungenermaßen in die Vergangenheit zurückzogen und das erlebte Glück - als verlorenes Glück - rationalisierten, was sie noch stärker in Spannungen und mitunter in heftige Konflikte mit ihrer Umwelt geraten ließ.

Ist es so, daß die Jugendlichen die Rückkehr aus den Ferienzentren in ihre Umwelt bzw. in die Institutionen, in denen sie normalerweise leben, dadurch zu bewältigen versuchen, daß sie sich an die Idee einer verlorenen Freiheit klammern, die als solche ein ideales Sinnbild für das Fehlende, für etwas völlig Ausgeschlossenes, für das unwahrscheinlich Erscheinende aber Mögliche darstellt?

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