Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW
VIII. Schlußfolgerungen aus den forschungsorientierten Programmen
a) Völkerverständigung ist "Arbeit"
Mit dieser Überschrift sollen nicht diejenigen abgeschreckt werden, die die Teilnahme an deutsch-französischen Begegnungen als etwas "Lustvolles" erleben.
Es hat sich aber durchgängig gezeigt - und ist im übrigen auch durch alle einschlägigen soziologischen und psychologischen Untersuchungen belegt - daß die bloße Begegnung von Menschen nicht notwendigerweise zum Abbau von Vorurteilen und zu besserem wechselseitigem Verständnis führt, sondern daß der Kontakt ebenso alte Vorurteile verstärken und neue Mißverständnisse erzeugen kann.
Es gibt also keinen Automatismus der Verständigung: wenn Franzosen und Deutsche zusammenkommen, führt dies nicht von selbst zum besseren gegenseitigen Verstehen.
Die Verständigung ist vielmehr ein längerer Prozeß, der, wenn er gelingen soll, einer ganzen Reihe von Rahmenbedingungen bedarf, auf die weiter unten im einzelnen eingegangen wird.
Diese Rahmenbedingungen müssen hergestellt, die im Zusammenhang mit einer Tätigkeit in diesem Feld notwendigen Qualifikationen müssen erworben werden.
Hier stellt sich in aller Deutlichkeit die Frage, ob die am Austausch Beteiligten in ihrer unterschiedlichen Funktion die im Abkommen und Richtlinien des DFJW formulierten sehr ehrgeizigen Ziele, die eine wirkliche Wende in den deutsch-französischen Beziehungen anstreben, ernst nehmen oder ob sie sich damit begnügen, ohne tiefere Überzeugung in einem Strom mit zu schwimmen, der nun einmal da ist - und warum soll man nicht davon profitieren?
Aber selbst wer die Ziele in den Texten für sich übernimmt: guter Wille allein reicht zu ihrer Verwirklichung nicht aus.
Man mag es bedauern, aber die Arbeiten der letzten Jahrzehnte im Bereich des internationalen und speziell des deutsch-französischen Austauschs haben dazu geführt, so viel Wissen über dieses Feld zusammenzutragen, daß nicht mehr ernsthaft jede beliebige Behauptung über diesen Sektor aufgestellt werden kann - ebensowenig wie in anderen gesellschaftlich allerdings mehr akzeptierten, weil älteren Wissensgebieten. Dies schließt einzelne Kontroversen natürlich nicht aus.
So läßt sich sagen, daß die deutsch-französischen Programme im Sinne der Zielsetzung der Institution DFJW, einer Institution, die beiden Kulturen gegenüber gleichermaßen loyal ist und sein muß, um so eher erfolgreich sein können, je weniger eine Kultur das Begegnungsfeld dominiert und in ihm eine Fortsetzung ihrer Bildungsarbeit sieht.
Ein extremes (aus der Praxis gegriffenes) Beispiel soll dies verdeutlichen: Wenn eine Organisation in ein Großlager in Frankreich oder Deutschland mit mehreren hundert Teilnehmern der eigenen Nation 20 oder 30 "Gäste" aus dem anderen Land einlädt, und selbst wenn diese 20 oder 30 Gäste 20 oder 30 Teilnehmern aus dem eigenen Land direkt zugeordnet werden, mit ihnen eine Art deutsch-französische Enklave bilden, besteht keinerlei Chance, daß ein deutsch-französisches Erfahrungsfeld mit gleichen Chancen, Rechten und Pflichten für beide Seiten entsteht. Die "Gäste" bleiben Gäste.
Auch hier also die "Arbeit", besondere Felder für die deutsch-französische Begegnung zu schaffen, also den neuen Inhalten neue Formen zuzugesellen.