Arbeitstexte de travail

Das DFJW und interkulturelle Suchprozesse:
Forschung, die neue Perspektiven in Europa eröffnet

 

Inhaltsverzeichnis

Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW

VIII. Schlußfolgerungen aus den forschungsorientierten Programmen

d) Unterschieden ihren Platz lassen

Zumindest professionell mit dem deutsch-französischen Austausch und den deutsch-französischen Beziehungen Beschäftigte wissen, daß die "Normalisierung" des deutsch-französischen Verhältnisses nur die Oberflächenebene der Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen abbildet. Darunter gibt es eine zweite Ebene, auf der sich die Beziehungen keinesfalls so harmonisch darstellen, wie dies offiziell erscheinen mag. Um diese Ebene wahrzunehmen, bedarf es nicht nur der aktuellen wechselseitigen Fehlinterpretationen, wie sie an den Themen Umwelt, Atomenergie und Frieden deutlich werden. Auch heute noch wird, wie seit über 100 Jahren, das deutsch-französische Verhältnis von der Dialektik Nähe/Ferne, Bewunderung/Ablehnung, Einvernahme/Abgrenzung bestimmt. Gerade die geographische und kulturelle Nähe sind es, die das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich so schwierig machen.

Ziel des interkulturellen Lernens soll es sein, produktiv mit dem Anderssein umzugehen, d.h. den anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren, ohne Angst und Abwehr zu entwickeln, die Herausforderung, die das Andere, Fremde für uns bedeutet, anzunehmen und schließlich die Bereitschaft zu entwickeln, unser eigenes Sosein durch das Anderssein des anderen in Frage stellen zu lassen.

Interkulturelle Situationen bieten die "doppelte" Erfahrung einer reziproken Spiegelung der jeweils eigenen kulturellen Erfahrungsmöglichkeiten und Erfahrungsbeschränkungen, sie zeigen mir meine kulturelle Fülle wie die Mängel meiner Kultur, meine Möglichkeiten wie meine Verhinderungen.

Von besonderer Bedeutung für das interkulturelle Lernen ist dabei die Art, wie verstehend an das Fremde herangegangen wird.

Oft ist sogenanntes vereinnahmendes Verstehen anzutreffen, das eher ein etikettierendes Verhalten ist: Du bist so, wie ich Dich definiere. Dieses einseitige, vereinnahmende Verstehen gilt es aufzubrechen, weil es unfähig ist, neue Erfahrungen zuzulassen.

Vorurteilhaftes Denken zeichnet sich durch ein solches vereinnahmendes Verstehen aus, wobei eine Spielart die vorschnelle Herstellung von Gemeinsamkeit ist.

So etwas verdeckt nur die bestehenden Unterschiede und macht ihre Bearbeitung unmöglich. Zunächst ist daher notwendig, die kulturellen, ideologischen und politischen Unterschiede zu betonen. Erst die Konfrontation mit anderen Gewohnheiten, anderen zwischenmenschlichen Beziehungen, das Erleben anderer Räume schärfen den Blick für die möglichen Gemeinsamkeiten.

Werden die Unterschiede zu schnell verdrängt, so entfalten sie im Unbewußten eine um so gefährlichere Wirkung, weil sie der Bearbeitung entzogen sind.

Eine interkulturelle Begegnung darf sich nicht darauf beschränken, daß Unterschiede wahrgenommen werden und der einzelne sich sagt "so bin ich also im Vergleich zu den anderen (Franzosen, Italienern usw.)". Dieses Bemerken und Notieren von Unterschieden bleibt oberflächlich, wenn es nicht mit der Bereitschaft verbunden ist, den Anderen als existentielle Herausforderung zu akzeptieren.

Andersartigkeit kann auch als Bedrohung empfunden werden. Unsicherheit, Ängste, Verdrängtes, Verleugnetes taucht im Spiegel des Anderen auf: Das, was ich nicht selbst bin, nicht sein kann, nicht sein will, meine Mängel, meine Beschränktheit. Die Konfrontation mit Andersartigkeit verhilft mir aber auch, meinen Reichtum neu zu entdecken und die ungelebte eigene Fülle zu erahnen.

Das Andere als Anderes zu erfahren wird z.B. dann möglich, wenn ein Individuum über die intensive Auseinandersetzung mit einer Fremdsprache in die Andersartigkeit einer fremden Kultur eintaucht, seinen eigenen kulturellen Bezugsrahmen damit relativiert und sich selbst und seine Ursprungskultur einer fremden Kultur aussetzt. Voraussetzung ist dabei allerdings, in einer interkulturellen Lernsituation und über längere Zeit in der Interaktion mit Angehörigen der anderen Kultur in ihrem Alltagszusammenhang zu leben - und auch hier muß darauf hingewiesen werden, daß das Leben im Ausland als solches nicht automatisch zum interkulturellen Lernen führt.

Das Erlernen der anderen Sprache in der Schule oder an der Universität kann, wenn es daraufhin angelegt ist, ein wichtiger Bestandteil jener Arbeit sein, die zur besseren Erkenntnis und zur gegenseitigen Verständigung in der Kommunikation und in den Beziehungen mit den "Anderen" notwendig ist.

Im Zusammenhang mit der hier vorgeschlagenen Sichtweise in bezug auf die Unterschiede steht auch die Frage nach dem Umgehen mit Konflikten.

Es ist festzustellen, daß für die große Mehrheit von Veranstaltern, Gruppenleitern und Teilnehmern der Begegnungsprogramme das Auftreten von Konflikten als Bedrohung, als Anzeichen für ein Scheitern empfunden wird.

Es mag sein, daß gerade im deutsch-französischen Austausch unbewußt Konflikte gleichgesetzt werden mit einer Entwicklung in Richtung auf Gewaltanwendung, Krieg, so daß deshalb im Namen der "Freundschaft" Konflikte so weit wie möglich unterdrückt werden.

Diese Art, mit Konflikten umzugehen, verschließt ein wichtiges Lernfeld im interkulturellen Bereich, nämlich, wie man mit Unterschieden konstruktiv umgehen kann.

Es ist ja nicht so, daß Konflikte notwendigerweise zur Gewaltanwendung führen, sie können ebensogut für alle Beteiligten klärend und befreiend wirken, Auswege aus einer von allen als belastend empfundenen Situation weisen.

Es wäre wichtig, dazu zu ermuntern, das Umgehen mit Konflikten auch im deutsch-französischen Austausch als selbstverständlich anzusehen. Je mehr gelernt wird, Konflikte auszutragen, ohne den anderen zu zerstören, desto größer kann die Chance sein, zu konstruktiven Regulationsprozessen zu kommen.

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