Arbeitstexte de travail

Das DFJW und interkulturelle Suchprozesse:
Forschung, die neue Perspektiven in Europa eröffnet

 

Inhaltsverzeichnis

Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW

VIII. Schlußfolgerungen aus den forschungsorientierten Programmen

f) Themen und Metathemen: Plädoyer für eine Repolitisierung der deutsch-französischen Begegnungen

Eine Zukunft in immer engerer Verschränkung der deutschen und französischen Gesellschaft, im Kontext einer sich suchenden Europäischen Gemeinschaft leben zu können, die dennoch davon gekennzeichnet ist, daß die nationalen Identitäten weiter bestehen, erfordert das Einüben von neuen Verhaltensfähigkeiten und die Neuentdeckung, die Aneignung oder zumindest Auffrischung eines speziellen Wissens, das in der Regel in den nationalen Sozialisationsprozessen nur sehr unvollständig vermittelt wird und das in seinen wesentlichsten Themen wie folgt umrissen werden kann:

  • - interpersonelle Beziehungen in Gruppen und Institutionen
  • - Autorität, Macht und Gewalt in und zwischen nationalen und internationalen Gruppen und Institutionen
  • - interkulturelle Beziehungen zwischen Völkern oder sozialen Milieus
  • - vergleichende Kenntnisse von Kulturen und Institutionen
  • - politische Beziehungen zwischen nationalen Machtgruppierungen einschließlich der sie beeinflussenden kulturellen, psychologischen und ökonomischen Faktoren
  • - die grundsätzlichen Unterschiede zwischen intrakulturellen Beziehungen innerhalb eines Landes und interkulturellen Beziehungen mit Angehörigen fremder Kulturen
  • - das Leben und die Geschichte von Nationen
  • - die Herausbildung individueller und kollektiver Identitäten und die Geschichte ihrer Ursprünge, ihrer Entwicklungen und ihrer Veränderungen
  • - die Entstehung alter und neuer Vorurteile
  • - die Dekulturations-, Akkulturations- und Rekulturationsprozesse, die sich im Weltmaßstab abspielen und denen wir ausgesetzt sind
  • - Ego-, Sozio- und Ethnozentrismus in ihrer Bedeutung für Individuen und Zugehörigkeitsmilieus im Hinblick auf Begrenzung der Wahrnehmungs-, Denk- und Vorstellungshorizonte
  • - individuelle und kollektive, offene oder verborgene Ausdrucksformen der Angst vor Unterschieden, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus
  • - die Rolle individueller und kollektiver Machtbeziehungen in den menschlichen Beziehungen und die damit einher gehenden Konflikte
  • - die Prozesse individueller und kollektiver Selbsterkenntnis in der Beziehung zum "Anderen" (Fremden, Gesellschaft, Kultur, Nation) usw.

Wenn mit den deutsch-französischen Begegnungen wirklich beabsichtigt wird, einen Beitrag zur dauerhaften Wandlung der Beziehungen zwischen unseren Völkern in Europa zu leisten, kann sich der Austausch nicht nur an der "schönen" Seite des deutsch-französischen Verhältnisses orientieren. Er muß vielmehr die Funktionsweise unserer Gesellschaften, ihre Beziehungen zu einander und zu anderen Gesellschaften, die internen und externen Konflikte usw. aufgreifen und thematisieren. Ob man es nun wahrhaben will oder nicht, die Themenbereiche widerspiegeln Realitäten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden.

Die Teilnehmer am Austausch haben das Recht, aber auch die Pflicht, sich den Realitäten zu stellen, so wie sie sind und so wie es gegenwärtig möglich ist, an sie heranzugehen. Und nur dann, wenn die für den Austausch Verantwortlichen dieses nicht nur zulassen, sondern sogar fördern, kann vom Austausch mittel- und langfristig eine qualitative Wirkung ausgehen entsprechend den Anforderungen, die die Ziele des Jugendwerks stellen.

Sollen nun die oben aufgezählten Themen verpflichtend in jedem Programm vorkommen?

Darum geht es hier nicht. Es geht darum, daß die mittelbar und unmittelbar für die Programme Verantwortlichen dazu ermuntert werden, sich in den Begegnungen für die gesamte Realität, die durch die Teilnehmer und ihr Umfeld repräsentiert wird, zu öffnen, daß sie sich nicht scheuen, die Unterschiede, die Widersprüche, die Konflikte und die Gefühle, die in den genannten oder ähnlichen Themen enthalten sind, zuzulassen - und daß sie sich darauf vorbereiten.

In der Überschrift ist von Themen und Metathemen die Rede. Gemeint ist damit, daß oft von ganz anderen Fragestellungen oder Aktivitäten oder Erlebnissen ausgehend, die genannten, für die Beziehungen unserer Völker so wichtigen Fragen angegangen werden können; dann haben diese übergreifenden Themen die Funktion, als eine Art Orientierung, als das Thema über oder hinter den unmittelbar behandelten Themen zu fungieren.

Gerade im Vergleich mit dem Austausch mit anderen Ländern wird dem deutsch-französischen Austausch oft vorgeworfen, er sei unpolitisch, er richte sich bequem in den im Vergleich zu manchen Phasen der Vergangenheit fast idyllischen heutigen deutsch-französischen Beziehungen ein. Dies sollte zu denken geben.

Aber auch unabhängig davon ist es sicherlich angebracht, die Realität des Austauschs am gesellschaftlichen Umfeld neu auszurichten, denn die Aufgabe des Jugendaustauschs, als Symbol der Versöhnung zu gelten, geht zu Ende. Das heißt nun nicht, daß man anstelle dessen jetzt den Begegnungen eine überzogene Bedeutung im Rahmen des gegenwärtigen politischen Kontextes zuschreiben sollte, man kann allerdings von ihnen erwarten, daß sie eine wichtige präpolitische Funktion als eine Art Erkundungsfeld bei der Weiterbildung der zukünftigen deutschen und französischen Bürger im europäischen Kontext spielen.

retour

Inhaltsverzeichnis

weiter