Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW
VIII. Schlußfolgerungen aus den forschungsorientierten Programmen
g) Neue Methoden
Einige forschungsorientierte Programme haben sich explizit, viele implizit mit den in den Begegnungen angewandten pädagogischen Methoden befaßt.
Zunehmend wurde deutlich, daß mit den Methoden sehr viel mehr Fragestellungen verbunden sind als ursprünglich angenommen wurde.
Dabei sind wohl die beiden wichtigsten Aspekte:
- - pädagogische Methoden sind kulturell nicht neutral, d. h. sie enthalten Wertentscheidungen der jeweiligen Kulturen
- - nationale pädagogische Methoden sind nur begrenzt für internationale Arbeit einzusetzen, da die mit ihnen verbundenen, oft impliziten Zielsetzungen nicht unbedingt mit den Zielsetzungen des deutsch-französischen und internationalen Austauschs übereinstimmen.
Es würde hier zu weit führen, dies in allen Einzelheiten zu erläutern, deshalb nur folgende Schlaglichter:
In der französischen pädagogischen Tradition hat sich das Konzept der "Animation" entwickelt; in der deutschen pädagogischen Tradition die "Jugendarbeit" mit ihren "Gruppenleitern".
"ANIMATION und "GRUPPENLEITUNG" sind nicht nur Techniken, sondern enthalten auch ein Konzept der Beziehung von Animateuren einerseits und Gruppenleitern andererseits zu den Mitgliedern oder Teilnehmern von Gruppen(arbeit).
Es konnte beobachtet werden, daß Teilnehmer aus den beiden Kulturen dazu neigen, von den Verantwortlichen für die Programme jenes Verhalten zu erwarten, das sie aus dem nationalen Kontext kennen, was zu Irritationen Anlaß gibt, vor allem, wenn Verantwortliche des anderen Landes in ihrem Verhalten diesen Erwartungen nicht entsprechen.
Aber nicht nur unmittelbar bei der Beziehung Teilnehmer-Teamer, auch ganz allgemein bei Methoden der Gruppenarbeit kommen diese Unterschiede zum Tragen.
Ein ganz wichtiges Problem von Gruppen ist die Entscheidungsfindung. Im allgemeinen ist in der deutschen Gruppenarbeit eine Tendenz spürbar, Entscheidungen stärker zu formalisieren und stärker nach parlamentarischen Regeln vorzugehen, als dies im französischen Kontext der Fall ist.
Dies verweist auch auf die Frage nach den Beziehungen zwischen Mehrheiten und Minderheiten in den Programmen.
Da bei deutsch-französisch gemischten Gruppen nicht selten bei unterschiedlichen Auffassungen die Trennungslinien so verlaufen, daß sich eine Mehrheit von Deutschen und eine Minderheit von Franzosen einerseits und eine Minderheit von Deutschen und eine Mehrheit von Franzosen andererseits zeigen, ist die Frage angebracht, ob hier Mehrheitsentscheidungen am Platze sind, da sie kulturspezifische Einstellungen zur Abstimmung stellen.
Der Ausweg aus diesem Dilemma wäre die Entwicklung von dissoziativen pädagogischen Ansätzen, die zu neuen Minderheits-Mehrheitsrelationen führen, indem sie asymmetrischen Mehrheits-Minderheitskonstellationen möglichst ohne Entscheidungszwang in den Programmen ihren Platz geben.
Ganz allgemein kann gesagt werden, daß solche Methoden für die Begegnungen hilfreich sind, die nicht eine vorweg arrangierte Gemeinsamkeit ausdrücken, sondern Platz für Bewegung nach eigenem Rhythmus geben.
Dies sind auch jene Methoden, die am wenigsten Zentrifugalkräfte hervorrufen, weil man genügend Bewegungsfreiheit hat und nicht für mehr davon sorgen muß.