Arbeitstexte de travail

Das DFJW und interkulturelle Suchprozesse:
Forschung, die neue Perspektiven in Europa eröffnet

 

Inhaltsverzeichnis

Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW

VIII. Schlußfolgerungen aus den forschungsorientierten Programmen

h) Anstatt Erfolg oder Mißerfolg von Begegnungen feststellen, Rahmenbedingungen für den Erfolg verbessern

Institutionen brauchen Überblicke, Bilanzen, um das, was sie in Gang gebracht haben, zu überprüfen. Nur so ist es ihnen möglich, Projekte zu korrigieren, neu zu orientieren, zu ergänzen oder abzubrechen.

Aber was ist Erfolg oder Mißerfolg in deutsch-französischen Begegnungen?

Man könnte sich eine Gruppe vorstellen, die perfekt "funktioniert", in der es keine Auseinandersetzungen gibt und an deren Ende ein Ergebnis in Form eines interessanten und gut geschriebenen Arbeitspapiers steht. Und dennoch könnte der einzelne Teilnehmer wenig oder nichts über den anderen erfahren haben, mit dem er eine Woche zusammen gearbeitet und gelebt hat. Auf der anderen Seite könnte man sich eine Gruppe vorstellen, die sich mit großen Schwierigkeiten in einem mühsamen Prozess und mit großen Konflikten "einarbeitet" - also nach traditionellen Kriterien eher scheiterte - und die dennoch viele neue Erfahrungen und Veränderungen für den einzelnen erbrachte. Es gibt also einen unfruchtbaren "Erfolg" und einen fruchtbaren "Mißerfolg" einer Gruppe.

Erwähnen wir noch kurz, daß nicht selten Institutionen es als Erfolg verbuchen, wenn sie möglichst viele Personen pro Jahr in Austauschprogrammen miteinander in Kontakt gebracht haben. Dieses quantifizierbare Kriterium kann jedoch weder für einzelne Individuen noch für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Erfolgsmaßstab dienen. Während für den einzelnen zählt, wie weit persönliche, subjektive Erwartungen erfüllt wurden, wie interessant und intensiv für ihn der Kontakt war, ob er als belastend oder bereichernd empfunden wurde, ist für die Gesellschaft wichtig, ob die Begegnungen in Richtung auf eine Verwirklichung der Ziele des Jugendwerks, d. h. in Richtung auf internationales und interkulturelles Lernen angelegt waren.

Dasselbe Programm, dieselbe Aktivität kann aber auch von Angehörigen unterschiedlicher Kulturen aufgrund unterschiedlicher kultureller Normen und Standards unterschiedlich bewertet werden.

So kann eine Diskussion für Franzosen erfolgreich gelaufen sein, weil viele Aspekte angesprochen wurden, man gewitzt und interessant "parliert" hat, Spaß an Wortwechseln empfindet, und gleichzeitig für Deutsche unbefriedigend bleiben, weil sie den Erfolg an anderen Kriterien festmachen, z. B. an der konsequenten Behandlung und Vertiefung eines Themas, an der Ernsthaftigkeit, in der eine Diskussion verlaufen ist, usw.

Man kann die Hypothese aufstellen, daß die Einschätzung der Effizienz interkultureller Lernprozesse in einem deutsch-französischen Programm weitgehend davon abhängt, wie weit neben dem Aufnehmen fremder Informationen der eigene kulturell geformte Kommunikationsstil gelebt werden kann.

"Erfolgreich" und "gescheitert" sind auf beiden Ebenen, der individuellen und der institutionellen, Bewertungskriterien, die über den individuellen Geschmack hinaus auf kulturellen, und in der Regel - und dies macht die Sache noch komplizierter - unbewußten, impliziten Maßstäben fußen.

Bei langfristig und prozesshaft angelegten Zielen, wie die, mit denen das DFJW betraut ist, kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Was kurzfristig als Erfolg erscheint, kann sich auf Dauer als Mißerfolg entpuppen und umgekehrt. So sollte man sich gerade bei Konflikten und Kommunikationsabbruch und momentanen Phasen von Verständigungsschwierigkeiten vor dem vorschnellen Urteil "Begegnung gescheitert" hüten.

Zusammengefaßt bedeutet dies, daß es gegenwärtig nicht möglich ist, im Einzelfall eindeutige Aussagen über die Qualität von deutsch-französischen Programmen in bezug auf die Ziele des DFJW aus institutioneller und aus individueller Perspektive zu machen.

Bedeutet dies nun, daß das Kuratorium keinerlei Einfluß auf Erfolg oder Mißerfolg der Austauschprogramme nehmen kann?

Ganz im Gegenteil!

Zwar nicht auf der Ebene einzelner Programme, wohl aber bezüglich des Rahmens der Begegnungen kann das Kuratorium wichtige, Qualität und Erfolg der Arbeit des DFJW verbessernde Initiativen ergreifen.

  1. Die Prozesshaftigkeit der deutsch-französischen Begegnungsarbeit sollte stärker betont werden.

    Wenn man sich vergegenwärtigt, mit welch großem Aufwand die nationalen Bildungseinrichtungen ihre Bemühungen betreiben, den Bevölkerungen jenes Wissen zu vermitteln, das zum Weiterbestehen und zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaften erforderlich ist, mutet es äußerst verwunderlich an, daß das privilegierte Mittel, ein so wichtiges Ziel wie die deutsch-französische Verständigung und Zusammenarbeit zu erreichen, in punktuellen, kurzzeitpädagogischen Programmen, oft noch ferien-, freizeit- oder tourismusorientiert, besteht.

    Sich einer anderen Kultur zu nähern, sich in sie hineinzuversetzen, in der Zusammenarbeit, in gemeinsamen Projekten dazu zu kommen, Zielen und Methoden beider Seiten ihren Platz zu geben, was die Bereitschaft voraussetzt, sich der eigenen Kultur gegenüber relativierend zu verhalten - all dies erfordert einen Prozess mehrerer aufeinanderfolgender Treffen, oder gleich längerfristiges Eintauchen in die andere Kultur, und dies jeweils im Kontext einer speziellen Ausbildung in Richtung auf internationale und interkulturelle Beziehungen.

    Um es etwas provokativ zu resümieren: Angesichts dessen, was man heute über die Bedingungen wirklichen interkulturellen Lernens weiß, plant der, der nur punktuelle kurzfristige Begegnungen propagiert, deren Ergebnislosigkeit von vorne herein mit ein.


  2. Es sollte noch mehr Wert gelegt werden auf die Qualifizierung der Programmverantwortlichen.

    Sich in bi- oder multikulturellen Begegnungssituationen angemessen bewegen zu können, mit der gegenüber nationalen Gruppen veränderten Gruppendynamik, mit den verschiedenen Sprachen, mit neuen Themen umgehen zu können, erfordert eine spezielle Ausbildung.

    Und genauso wie für Teilnehmer gilt, daß interkulturelles Lernen ein Prozess ist, der längerfristig gesehen werden muß, ist auch die Ausbildung nicht durch eine einmalige Teilnahme an einem Aus- oder Fortbildungsprogramm zu gewährleisten.

    Hier sind aber auch die institutionell Verantwortlichen angesprochen, die, wenngleich sie nicht in den einzelnen Programmen unmittelbar mitwirken, so doch durch ihren Einfluß auf deren Rahmenbedingungen in die Programme hineinwirken. Es hat den Anschein, als ob sie aus Sorge um einen "guten" Ablauf allzu oft ein konfliktfreies, aber nicht sehr inhaltsreiches, einem auf Offenheit, auf neue Erfahrungen angelegten Programm vorziehen würden.

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