Arbeitstexte de travail

Das DFJW und interkulturelle Suchprozesse:
Forschung, die neue Perspektiven in Europa eröffnet

 

Inhaltsverzeichnis

V o r w o r t

Mit diesem Heft Nr. 8 in der Reihe der "Arbeitstexte" soll einer breiteren Öffentlichkeit Zugang eröffnet werden zu einem Beitrag, in dessen Mittelpunkt die experimentellen und forschungsorientierten Programme im Bereich der Pädagogik des Austauschs stehen und der als Bestandteil des Orientierungsberichts des Generalsekretärs des DFJW für das Jahr 1988 - also für das Jahr, in dem das Jugendwerk seinen25-jährigen Geburtstag feiern konnte - seinem Kuratorium zur Prüfung vorgelegt worden ist.

Dieser Beitrag erlaubt es dem Leser, Einblick in ein Feld zu gewinnen, in dem sich die Gestaltung der Programme des DFJW und seiner Partner bewusst am Entwicklungsprozess unserer europäischen Gesellschaften hin zu einer gemeinschaftlichen, interdependenten und interkulturellen Zukunft ausrichtet. Dies gilt insbesondere für die mit der Verwirklichung dieser Programme betrauten Ausbilder und Wissenschaftler, die sich dieser Zukunft insbesondere unter dem Aspekt der Erziehung und Bildung der Angehörigen dieser Gesellschaften widmen.

Es sei daran erinnert, dass das im Jahre 1963 geschlossene Abkommen zur Errichtung des Jugendwerks dessen Beispielhaftigkeit unterstreicht und gleichzeitig sehr hohe Anforderungen daran knüpft.

Im Rahmen dieser Veröffentlichung kann auf die erste Ebene dieser Exemplarität nur kurz hingewiesen werden. Diese ergibt sich schon aus der Tatsache, dass das Jugendwerk von zwei Regierungen begründet wurde, die seinerzeit das schwere Erbe einer unheilvollen deutsch-französischen Vergangenheit übernahmen. Diese Beispielhaftigkeit ergibt sich auch aus der dem Jugendwerk schon in seiner Gründungsphase übertragenen Rolle, europäische Jugendarbeit auf der Ebene der Gemeinschaft insgesamt zu antizipieren, aus der Herstellung - langsam und geduldig - unzähliger Beziehungen des Austauschs und der Zusammenarbeit zwischen Personen und Gruppen, aus der Begründung des internationalen Breitenaustauschs, an dem alle gesellschaftlichen Schichten einbezogen wurden und der es Millionen von Jugendlichen erlaubt hat, sich in Prozesse des gegenseitigen Kennenlernens und der Verständigung hineinzubegeben.

Vielmehr wollen wir hier stärker auf die weiterführenden Aspekte dieser Exemplarität eingehen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Arbeit des Jugendwerks und die von ihm geförderten Programme auch Erkenntnisse und Aufschlüsse liefern können, die ebenfalls für die anderen internationalen Austauschprogramme auf der Ebene der europäischen Partner unserer beiden Länder relevant sind. Diese Frage bezieht sich insbesondere auf Inhalte und Methoden, sowie auf das, was auf dem Spiel steht, d.h. auf die Bedeutung des Jugendaustauschs ganz allgemein im gegenwärtigen Kontext internationaler und interkultureller Beziehungen und insbesondere in der Perspektive, auf eine gemeinschaftliche Zukunft hinzuarbeiten, welche es gesellschaftlich, sozial, kulturell und politisch noch zu schaffen gilt.

Die Leitungs- und Forschungsteams, die sich an den in diesem Heft angesprochenen experimentellen und forschungsorientierten Aus- und Fortbildungsprogrammen beteiligen, setzen sich als Aufgabe, alle diese Perspektiven miteinander zu verbinden: sowohl jene, die sich aus der spezifisch deutsch-französischen Zielsetzung des DFJW als auch aus den in den Richtlinien seines Kuratoriums - wie nachstehend - formulierten Anforderungen an seine Exemplarität ergeben:

"Die deutsch-französische Jugendarbeit kann beispielhaft für die internationale und insbesondere für die europäische Zusammenarbeit werden. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, soll das Jugendwerk die Teilnahme von Jugendlichen aus Drittländern an seinen Programmen fördern.

Ziel des Jugendwerks ist, dank exemplarischer Beziehungen zwischen der deutschen und der französischen Jugend zu einer Verbesserung der internationalen Beziehungen beizutragen. Angesichts der Bedeutung der ihm zur Verfügung stehenden Mittel, seiner Arbeitsmethoden und seiner Ziele bietet das Jugendwerk ein Erprobungsfeld für europäische Jugendarbeit."

Vor allem seit 1974 haben das Jugendwerk und seine Partner es unternommen, Antworten auf jene kritische Fragestellungen zu finden, von denen die ersten 10 Jahre des Austauschs begleitet waren. Es handelte sich nicht nur um Fragen, die sich auf die deutsch-französische Vergangenheit bezogen, sondern es waren insbesondere jene Fragen, die an unsere Unerfahrenheit und unsere Ungewissheit hinsichtlich der Gestaltung einer gemeinsamen europäischen Zukunft anknüpften.

Wie kann es möglich werden, einen Übergang zu finden von der Begründungsphase des Austauschs, die für das erste Sich-Gegenseitig-Miteinander-Vertrautmachen notwendig war, von der auf Themen der Versöhnung ausgerichteten Austauschpraxis, von Studienaufenthalten bzw. Begegnungen mit „guten Nachbarschaftsbeziehungen" hin zu einer Phase des internationalen und des interkulturellen Lernens, eines „gemeinsamen Aufbauen" der Zukunft in Europa, das nicht nur einen wissenschaftlich, technologisch und ökonomisch geprägten Charakter haben soll, sondern das auch dazu fähig ist, mit seinen Interdependenzen friedliche Zusammenarbeit und Solidarität zu üben, d.h. sich im wesentlichen politisch UND konfliktuell gestaltet?

Die ersten Jahre der deutsch-französischen Annäherung und gegenseitiger Durchdringung der Kulturen haben uns bewusst gemacht, dass unsere Herausforderung in den kommenden Jahrzehnten darin besteht, neue Lebenserkenntnisse und neue Handlungskompetenzen zu erwerben, die uns dazu befähigen, unsere gemeinsame Vorhaben in die Wirklichkeit umzusetzen. Hierüber nachzudenken, wird in den folgenden Seiten ein Beginn gemacht.

retour

Inhaltsverzeichnis

weiter