Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW
III. Die "Philosophie" der forschungsorientierten Programme im DFJW
Die zitierten Bemerkungen in den beiden Kolloquien im Hinblick auf die gewünschte Beteiligung von Wissenschaftlern an den Arbeiten des Jugendwerks weisen in die Richtung, in der ab 1974 die entsprechenden Projekte angelegt wurden.
Oberstes Prinzip war und ist die Anwendungsorientierung. Es sollte von vornherein die oft unproduktive Trennung von wissenschaftlich-theoretischer Reflexion und alltäglicher pädagogischer Praxis vermieden werden, sollte also keinesfalls in erster Linie darum gehen, den schon bestehenden Theorien z. B. über Vorurteile, über interkulturelle Beziehungen usw. neue hinzuzufügen bzw. wissenschaftliche Ergebnisse unkritisch auf den Bereich des Austauschs zu übertragen, sondern darum, ganz nah an der Praxis denjenigen, die Programme leiten oder betreuen, dabei zu helfen, mit den konkreten Situationen, die sie antreffen, so gut wie möglich umgehen zu können, um die Begegnungen im Hinblick auf die Ziele des DFJW fruchtbar zu gestalten. Insofern war auch niemals intendiert, etwas mit der Forschung an Universitäten oder in wissenschaftlichen Laboratorien Vergleichbares im DFJW zu schaffen. Vielleicht hätte sogar von Anfang an der Begriff "Forschung" gar nicht verwendet werden sollen, weil dies zu Mißverständnissen führte.
Aber auch eine zweite Quelle für Mißverständnisse war und ist vielleicht noch vorhanden: Die Wissenschaftler sind bei auf Anwendung im Austausch orientierter Forschung nicht nur damit beschäftigt, "Neues" zu suchen, zu erfinden, sondern auch damit, schon vorhandenes Wissen zusammenzutragen, neu aufzubereiten und "verdaubar" für diejenigen zu machen, die in den Programmen tätig sind.
Insofern trifft also die Frage: "Was habt ihr denn Neues erforscht?" nur einen Teil der Intention, mit der Wissenschaftler im Feld des deutsch-französischen Austausches mitwirken; ergänzend hinzutreten muß die eigentlich noch wichtigere Frage, welche Auswirkungen die entsprechenden Arbeiten auf die Begegnungsprogramme selbst und auf deren zukünftige Entwicklung haben.
Ähnlich verhält es sich mit der Frage: "Wann ist denn die "Forschung" einmal fertig, wann liegen endgültige Ergebnisse vor?"
Das deutsch-französische Feld, in dem sich der Jugendaustausch abspielt, ist einem ständigen und z. T. auch schnellen Wandel unterworfen. Politische Kontexte verändern sich, die Gesellschaften sehen sich mit neuen Fragestellungen konfrontiert. Die Jugendlichen reagieren darauf mit ihren Einstellungen und Verhaltensweisen. Der Austausch muß deshalb sehr sensibel für diese Veränderungen sein, wenn er sich nicht abseits der gesellschaftlichen Realitäten abspielen will.
Die Begleitung des Austausches durch Wissenschaftler ist deshalb permanent erforderlich und sinnvoll, und die Veränderung des deutsch-französischen Feldes macht sich durchaus bemerkbar in den sich ebenfalls verändernden Fragestellungen, mit denen sich die Wissenschaftler beschäftigen (dazu s. u.).