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Forschungsorientierte Aus- und Fortbildungsprogramme im DFJW
IX. Ein Zielkatalog für deutsch-französische und internationale Begegnungen
Die forschungsorientierten Arbeiten erlauben, auch die Ziele internationalen und interkulturellen Lernens noch operationeller zu formulieren. Nachfolgend deshalb ein präzisierter Zielkatalog (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) für deutsch-französischen und anderen interkulturellen Jugendaustausch, der die pädagogischen Orientierungen verdeutlicht, die auf dem Hintergrund z. B. der deutschen und der französischen Realität und der besonderen Situation der jeweiligen deutsch-französischen Begegnungsprogramme deren Durchführung leiten sollten.
- - Offenheit für das Andere, das Fremde, das Ungewohnte. Diese Offenheit macht uns Schwierigkeiten, weil sie unsere Selbstsicherheit, unser bisheriges Weltbild gefährdet. Aber die Offenheit ist die Voraussetzung für neue Erfahrungen, für Lernprozesse, die uns selber und unsere Beziehung zum Anderen verändern.
- - Erweiterte Wahrnehmungsfähigkeit für Fremdes. Unsere Gewohnheit ist es, Fremdartiges in unser Wahrnehmungsraster einzuordnen, das Andere nicht als anders wahrzunehmen, weil wir unsere Seh- und Denkgewohnheiten nicht ändern können oder wollen.
- - Das Andere als anders zu akzeptieren. Bei der Begegnung mit Fremdem reagieren wir üblicherweise so, daß wir das Andere durch Interpretation uns anzugleichen oder aber es auszugrenzen und zum Gegner zu erklären versuchen.
- - Ambivalenz ertragen zu können. Ambivalente Situationen verunsichern uns. Wir wollen Eindeutigkeit. Ist dies nicht gegeben, reagieren wir mit Angst.
- - Die Fähigkeit zur Empathie. Die Möglichkeit, sich - wie begrenzt auch immer - in den anderen hineinzuversetzen, die Welt mit seinen Augen zu sehen, ist die Voraussetzung für Verständnis.
- - Die Fähigkeit zu experimentierendem Verhalten. Wir wollen immer Rezepte, genau festgelegte Regeln. Nur dann fühlen wir uns sicher. Neue Erfahrungen sind aber nur möglich, wenn wir uns experimentierend dem anderen nähern.
- - Angstfreiheit vor dem Fremden. Die Xenophobie scheint zu dem ältesten Erbe aus der Stammesgeschichte des Menschen zu gehören. Wir müssen diese Angst überwinden und uns dem Fremden öffnen, oder lernen, mit der Angst vor dem Fremden leben zu können.
- - Die Fähigkeit, unsere eigenen Normen in Frage stellen zu können. Unser soziokulturelles Bezugssystem bestimmt unser Verhalten zum Anderen. Bevor wir nicht fähig werden, die Relativität unseres Bezugssystems und aller Bezugssysteme zu erkennen, können wir weder fremde Bezugssysteme noch unser eigenes wahrnehmen.
- - Lernen, zusammenzuarbeiten ohne die Schwächen des anderen zum eigenen Gunsten auszunutzen. Wir sollten uns in den Begegnungen nicht an das Prinzip halten, daß bei Interessenunterschieden der Stärkere seine Macht einsetzt, sei es durch physische oder symbolische, institutionelle Gewalt usw., um den Schwächeren, der eine abweichende Meinung und Konzeption hat, mit Gewalt der eigenen Meinung zu verpflichten, sondern so lange den Diskurs führen, bis sich beide Seiten in einem gemeinsamen gegebenenfalls pluralistischen Projekt wiederfinden können. Wir sollten im individuellen sowie im kollektiven Bereich "niederlagenlose Methoden" anwenden.
- - Die Fähigkeit, Konflikte auszutragen. Es gibt zwei Fehlformen des Verhaltens bei Interessenunterschieden: die eine ist das Übersehen, das Unter-den-Teppich-kehren, und die andere die Verwandlung des Unterschieds in Feindschaft. Nur das geduldige, produktive Austragen des Konflikts kann den Verständigungsprozeß weiterführen.
- - Den eigenen Ethnozentrismus und Soziozentrismus erkennen und relativieren können. Dies bedeutet nicht, die eigene Tradition zu leugnen, sondern nur, sie nicht absolut zu setzen.
- - Die Fähigkeit, übergreifende Loyalitäten und Identitäten zu entwickeln. Wir sollten unsere Identitäten als Deutscher oder Franzose nicht aufgeben, sondern sie erweitern, um den uns umschließenden Kontext europäischer und globaler Interdependenzen zu berücksichtigen.
Diese Zielsetzungen sind zu ergänzen durch eine weitere, und dies in der Absicht, die Jugendlichen und Erwachsenen mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen noch vertrauter zu machen: Ausbildung in Richtung auf internationale und interkulturelle Beziehungen erfordert auch die Entwicklung jener intellektuellen und praktischen Fähigkeiten, die es den Beteiligten ermöglichen, den Platz der Individuen, Gruppen und Institutionen und ihre Rolle im Kontext der Machtbeziehungen (auf sozialem, wirtschaftlichem, militärischem, politischem usw. Gebiet), die zu einem erheblichen Teil die Beziehungen zwischen den Gesellschaften, Kulturen, Nationen bestimmen, zu erkennen.
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