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I - Kommunikation
Wenn in einer interkulturellen Gruppenbegegnung Probleme auftreten, wird dies im allgemeinen auf die sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten zurückgeführt. 1) Vorstellungen und Hypothesen über Kommunikation Bevor wir mit der Untersuchung beginnen, müssen wir die in diesen Gruppen bestehenden Vorstellungen über Kommunikationsmöglichkeiten herausarbeiten, denn diese bestimmen in erheblichem Maße die Dynamik der Begegnung. Ist Kommunikation nur eine besondere Form des Mißverständnisses, oder reicht in Verbindung mit bestimmten technischen Kenntnissen schon der Wille zu kommunizieren aus? Aufschlußreich erscheint uns bereits, daß des deutsche Wort 'Kommunikation' in vielen Situationen im Französischen durch 'dialogue' ersetzt werden kann. Das Wort 'Dialog' bedeutet ja nicht nur, daß dabei ein Austausch von Mitteilungen zwischen zwei Partnern stattfindet, sondern auch, daß diese Botschaften aufgenommen werden und daß Kommunikation zustande kommt. Hier muß auf den nicht unerheblichen Einfluß des von Martin BUBER entwickelten (religions-philosophisch- orientierten) Dual-Modells hingewiesen werden, in dem das verbale Paar 'ICH/DU' im Vordergrund steht. Für Martin BUBER, der sich selbst intensiv um die Versöhnung zwischen Juden und Arabern und zwischen Juden und Deutschen bemüht hat, nimmt jede Kommunikation ihren Ausgang in der Mutter- Kind Beziehung. Diese ursprüngliche Symbiose entwickelt sich zwar zum differenzierten 'ICH/DU', behält aber in Identifikationsprozessen weiterhin ihre Bedeutung. (Martin BUBER, "la vie en Dialogue", 1959/Dt. "Das dialogische Prinzip") Dieser Konzeption des Dialogs von Martin BUBER kann beispielsweise die von Paulo FREIRE gegenübergestellt werden, für den der Dialog auf der Anerkennung des Andersseins des Partners aufbaut, etwa nach der Gleichung: 'Nicht Ich' + 'Nicht Ich' = 'Zwei DU', die in ihrer Beziehung zur Welt beruhen. Der Dialog ist dabei eine Möglichkeit, die Welt zu verändern. (Paulo FREIRE, Pädagogik der Unterdrückten, Maspero, frz: Pédagogie des opprimés). Für BUBER beruht die Kommunikation auf Identifikation; für FREIRE beruht sie auf der Andersartigkeit der Partner. Wenn für den einen Vertrauen bereits von vornherein besteht, entsteht es für den anderen erst durch Solidarität im Handeln in Bezug auf die Welt. BUBER vertritt eine philosophische Konzeption, FREIRE eine sozio-politische, wo der Dritte präsent ist. Das philosophisch-dualistische Modell des gesellschaftlichen Lebens finden wir weitgehend in den deutsch-französischen Begegnungsprogrammen wieder. Das Wesentliche bleibt dabei aber ausgespart, der soziale Aspekt der Aussagen und die Undurchlässigkeit der individuellen Ausdrucksweisen. Dieses Modell negiert ebenso, daß in vielen Situationen die Erfahrung der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit vorauseilt, daß also Wortneubildungen immer den konkreten Erfahrungen hinterherlaufen, und daß des nicht allein durch ein Wollen verändert werden kann. Von manchen Teilnehmern wird dieses Dialog-Modell als "kategorischer Imperativ" empfunden, wenn es darauf hinausläuft, daß nur das verstanden und aufgenommen wird, was auf der Ebene der Identifikation mit dem, was mir gleicht, abläuft; zugleich aber werden von diesen Teilnehmern in moralisierender Art und Welse die Kommunikationsdefizite beklagt. Die Bedingungen der Sinnentstehung, insbesondere die soziale Praxis, die mit einer sozialen Realität und einer bestimmten Staatsform verbunden ist, lassen die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Bedeutungswelt erkennen. Das deutsche Beispiel ist durch den Vergleich zwischen der alten Bundesrepublik und der früheren DDR wo ja die gleiche Sprache gesprochen wurde ein Beweis dafür, wie groß ja unüberwindlich die Kommunikationsschwierigkeiten sein können. Dies findet sich heute in den Begegnungen wieder. Wenn zwei unterschiedliche Sprachen im Laufe einer Begegnung gesprochen werden, dann handelt es sich um Sprachen von zwei Staaten, die nicht zwangsläufig Nationen sind (siehe infra). So ist zu erklären, daß eine aus ihrem Entstehungszusammenhang gelöste Aussage Gefahr läuft, entweder mißverstanden zu werden oder sogar das Gegenteil auszudrücken, wenn auf diese Voraussetzungen nicht geachtet wird. Das ist der Grund, warum in offiziellen, akademischen Sprachformen geredet wird. Warum wird nicht erlaubt, daß Jugendliche sich in ihrer Sprache ausdrücken, die ihrem Alter, ihrem Milieu entspricht? (Diese Möglichkeit wird oft durch jene Animateure ausgeschlossen, die sich dem Prinzip der binationalen "Gemeinsamkeiten" unterwerfen, dem gemeinsamen Tun, dem "gemeinsamen Sprechen"). Schließlich negiert das philosophisch-dualistische Modell die Autoritäts-, Gewalt- und Machtstrukturen und die in jeder Beziehung zwischen Individuen, Gruppen, Institutionen und Nationen auftretenden Kräfteverhältnisse, was der Forderung als kategorischer Imperativ nach Transparenz für alle Teilnehmer und zu jedem Zeitpunkt zwangsläufig entgegensteht. Die dabei immer wieder auftretenden Schwierigkeiten sind hinlänglich bekannt: - Unbehagen bei Übersetzungen, die keinen klaren Sinn ergeben; - besondere idiomatische Redewendungen, die sich aus der jeweiligen kulturellen Sprachform ergeben; - Humor und Witz, insbesondere dann, wenn sie als kommunikationshemmend erlebt werden. Sie haben eine Reihe organisatorischer und pädagogischer, auch disziplinierender Hilfsmittel zur Folge:
Dies sind Erlebnisse aus der Realität der Jugendbegegnungen. Diese Konzeption stellt in sich selbst eine der Hauptschwierigkeiten dar, die Wirklichkeit interkultureller Begegnungen anzugehen, denn zur Zeit werden fast alle Begegnungen davon strukturiert. Sie entspricht der heute vorherrschenden Vorstellung von sozialen Beziehungen in beiden Ländern, die auf dem nationalen Konsensus 2) beruhen und ganz einfach auf die internationale Ebene übertragen werden. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß es wichtiger ist, Bei Personen, die nur ihre Muttersprache sprechen, sollte diese Sensibilität besonders stark entwickelt werden. Auch sie können lernen zu verstehen, ohne daß immer alles übersetzt wird. Wenn man sie beispielsweise auffordert, zu übersetzen (im weitesten Sinne des Wortes) und dabei auszudrücken, was sie erfühlt haben, wird fast immer verständlich, worum es in der Diskussion ging, und es kommt dabei mehr zum Ausdruck als in der wörtlichen Übersetzung. Dabei wird bei ihnen die Fixierung auf die Zweisprachigen abgebaut, die ja ohnehin stark auf die verbale Ebene ausgerichtet ist, so daß diese einsprachigen Teilnehmer sich immer mehr darauf konzentrieren, emotional den Sinn einer Situation zu erfassen und sich immer weniger mit der wörtlichen Bedeutung einer Aussage beschäftigen. Das setzt voraus, daß im internationalen Austausch der kognitiven Ebene weniger Bedeutung eingeräumt wird. Der kognitive Ansatz überwiegt aber zur Zeit in fast allen Begegnungsprogrammen, wobei andere Aspekte (Emotionalität, Affektivität, unterschiedliche Sensibilität) vernachlässigt werden. Wir sind demgegenüber der Meinung, daß diese Vorrang haben und Voraussetzung sind für des Entstehen von Solidarität und Zusammenarbeit. Internationales soziales Lernen, das Unterschieden gegenüber offen ist, kann dann durch kognitive Elemente ergänzt werden. Die Folge einer solchen Umkehrung des bisher Üblichen bestünde darin, daß die Einsprachigen jenen Anteil der Macht wiederfinden würden, der auf ihrer durch die gängigen Animationsmethoden und Übersetzungsvorgänge bisher verdeckten Sensibilität beruht. Animation wäre dann kein Hilfsmittel mehr, sondern eine Lebensweise. In einem experimentellen Prozeß können Dinge entdeckt werden, die zwar in latenter Form in jeder Gruppe vorhanden sind, die aber durch die üblichen Animationsmethoden verdeckt werden, wie z.B. der vom Team allein oder mit den Teilnehmern gemeinsam vereinbarte Zeitablauf. Viele der immer wieder auftauchenden Probleme und Schwierigkeiten haben hier ihre Ursache. Forschung hat den Auftrag, diesen Dingen nachzugehen und ihre Beobachtungen anderen Gruppen zugänglich zu machen. Ist es nicht bedauerlich, daß die im voraus bereits festgesetzten Programme die beteiligten Jugendgruppen daran hindern, ihren eigenen Lebensrhythmus zu finden? Z.B.: zeigt nicht die Neigung einiger deutsch-französischer Gruppen (die völlig frei über ihre Zeit verfügen konnten), bis tief in die Nacht hinein zu tagen, daß es Themen gibt, die sich eher für eine nächtliche Diskussion eignen und andere, die man lieber am Tage angeht? Wenn einerseits die angesprochenen Themen auf hohem Sprachniveau liegen, um dem des Gegenüber zu entsprechen, und wenn andererseits eine zwei-sprachige Ausgangssituation die Ausdrucks-Sensibilität erhöht, ist es dann nicht naheliegend, daß die Nacht dem unbewußten Wunsch nach symbolischer Fusion und Symbiose entgegenkommt? Die Nacht wird als mütterlich, innerlich empfunden und läßt eher Rätselhaftes hervorkommen, als dies am Tag der Fall ist. Es wäre ein neuer Versuch, die Helligkeit auf die Dunkelheit, den Tag auf die Nacht folgen zu lassen. 2) Die sprachliche Herangehensweise Die 'dilinguistische' oder mehrsprachige Situation, in der zwei oder mehrere Kultursprachen oder auch mehrere Mundarten einer bestimmten Kultur gesprochen werden, gibt uns die Möglichkeit, die Frage der Sinnfindung anzugehen. Daher tendieren wir dazu, die Sprachprobleme nicht als Hindernis zu sehen, sondern sie als Bereicherung zu erleben, weil sie Gelegenheit bieten, die verdeckten Vorannahmen dessen, was gesagt wird, herauszuarbeiten. In einem internationalen Projekt, bei dem die Sinnfrage im Vordergrund steht, ist dies ein wesentlicher Vorteil. Unter welchen Voraussetzungen ist es möglich, diesen Vorteil zu nutzen, ja ihn weiterzuentwickeln? Wie ist es möglich, die in einem oder in mehreren Sprachsystemen zur Verfügung stehenden Mittel 3) im Hinblick auf die Sinnfrage nutzbar zu machen. Immer handelt es sich - ob nun innerhalb einer Sprache, oder zwischen verschiedenen Sprachen - um Übersetzung. In einer mehrsprachigen Situation kann Sensibilität für Mehrdeutigkeit 4) entwickelt werden, was den Teilnehmern dazu verhilft, die Austauschbarkeit der verschiedenen Hilfsmittel zu erkennen, die sowohl in einsprachigen als auch in zweisprachigen Gruppen bei Diskussionen eingesetzt werden können. Das drückt sich z. B. aus, wenn ein Teilnehmer um Übersetzung eines Beitrages bittet, der in seiner eigenen Sprache gemacht wurde. In diesem Sinne können Sprachformen als ein Instrument der Übersetzung verstanden werden, als eine Übertragung dessen, was auf der Gefühlsebene abläuft, eine Umsetzung von Vermutungen, Vorannahmen und Vorstellungen. Sprache beinhaltet immer eine Umdeutung der Realität in Erklärungen, die je nach wissenschaftlicher Disziplin variieren und sowohl an den jeweiligen Individuen als auch an der Gruppensituation (Rationalität, Emotionalität...) orientiert sind. Wenn wir wollen, daß all dies zum Vorschein kommt, dann darf auf keinen Fall systematisch übersetzt werden (weder durch einen Übersetzer noch durch einen Animateur), denn dadurch wird ja gerade die Interaktion gleichgeschaltet und der Zwang, auf andere Mittel auszuweichen, ausgeschaltet. Nehmen wir ein Beispiel: Jeder hat bereits einmal an einer Diskussion mit konsekutiver Übersetzung teilgenommen. Was läuft dabei ab? Alle wenden sich an den Übersetzer, der im Mittelpunkt der Interaktion steht. Niemand anders wird mehr angesehen. Wer das Wort ergreift, weiß nicht mehr, an wen er sich wenden soll: an den Übersetzer oder an einen anderen Teilnehmer. Durch diese Ausgangssituation verflachen alle anderen Interaktionen. Außerdem wird davon ausgegangen, daß die Übersetzung eine genaue Übertragung des Beitrages sei. Niemand wagt es, denjenigen zu verbessern, der mit der Funktion des Übersetzers betraut wurde. Auch Sinn und Inhalt werden verwässert. Ein Experiment wagen heißt auch, auf diese starren Übersetzungsvorgänge (die im übrigen höchst kostspielig sind) zu verzichten. Dies ist ein erster unerläßlicher Schritt, der darin besteht, sich nicht einem einzigen Zweisprachigen anzuvertrauen, sondern alle Anwesenden mit Sprachkenntnissen dazu anzuregen, bei der Übersetzung zu helfen, selbst wenn dabei der Eindruck entsteht, als "verlöre man Zeit". Warum organisieren wir Begegnungen, um Zeit zu gewinnen, oder weil sie einen Sinn haben sollen? Wir sehen die Übersetzung als Analysator der interkulturellen Kommunikation an, in der sie einen Ort darstellt, wo zwei Sprachsysteme zusammenkommen, die zwei unterschiedliche Weltanschauungen in der Begegnung, in der Gruppe ausdrücken (siehe III "das nationale Element"). Die Situation ist dadurch gekennzeichnet, daß zwei nationale Gruppen und vier unterschiedliche Sprachgruppen anwesend sind: die einsprachigen Franzosen, die einsprachigen Deutschen, die zweisprachigen Franzosen und die zweisprachigen Deutschen. Ein einsprachiger Franzose kann eine Person sein, die zwar kein Deutsch aber dafür Arabisch, Spanisch, oder Provençalisch und Französisch oder nur Französisch spricht. Und dann welches Französisch? In den deutsch-französischen Begegnungen hat sich ein spezifischer Jargon herausgebildet, mit starker Tendenz zum deutsch-französischen "Pidgin" 5). Begriffe wie "Team" (équipe), "feed- back" (Rückkoppelung), "Plenum" (assemblée générale) kommen aus dem Deutschen, wo sie aus dem Englischen und Lateinischen übernommen wurden. Die Begriffe "Animation" (für die es im Deutschen kein äquivalentes Konzept gibt) und "analyse institutionelle" wurden aus dem Französischen übernommen. Diese vereinzelten Beispiele sind selbstverständlich nicht ausreichend, um darauf eine gesicherte Hypothese aufzubauen, doch ist der Beitrag an der Entwicklung eines solchen Jargons in seiner Unterschiedlichkeit durchaus ernst zu nehmen. In Frankreich selbst gehören die französischen Begriffe zum Sprachgebrauch, dies gilt aber keineswegs für die Entlehnungen aus dem Deutschen, während in der Bundesrepublik Entlehnungen aus dem Französischen durchaus üblich sind. Wenn wir diese beiden Feststellungen gegenüber stellen, könnte man daraus folgern, daß die deutsche Sprache offener ist für Einflüsse von außen als die französische. Alle diese Beobachtungen verdeutlichen die Mängel der Konzeption "des möglichen Dialoges". Ohne jetzt in des Gegenteil zu verfallen, daß Kommunikation unmöglich sei, was genau so unrealistisch wäre, meinen wir, etwas mehr Klarheit gewinnen zu können, wenn die Übersetzungsvorgänge einmal näher betrachtet werden. In unseren Experimental-Programmen haben wir keine systematische Übersetzung (im weitesten Sinne des Wortes) vorgesehen. Je nach Stand der gruppendynamischen Entwicklung übernehmen die zweisprachigen Teilnehmer eine Art Vermittlerfunktion zwischen den beiden Sprachen. Innerhalb eines Sprachsystems wird diese Aufgabe von allen Teilnehmern wahrgenommen, die diese Sprache sprechen. Zunächst einmal muß der Mythos der Zweisprachigkeit angegangen werden. Denn gibt es etwa Menschen, die sich in allen Bereichen des sozialen Lebens in beiden Ländern bewegen können? Mit Sicherheit nicht. Die durch die Sprache ausgelöste Abgrenzung, die auf die oben beschriebene nationale Zugehörigkeit zurückzuführen ist, kann durch die Anwesenheit von zweisprachigen Teilnehmern durchlässig gemacht werden. Diese dürfen natürlich nicht überfordert werden. Auf der anderen Seite ist es ausgesprochen selten, daß ein Teilnehmer überhaupt keine Vorkenntnisse hat; oft weiß er es nur nicht. Es gibt also eine ganze Reihe von Fähigkeiten, die als Hilfsmittel eingesetzt werden können. Diese wollen wir näher untersuchen: Sprachwechsel, Übersetzung und Nichtübersetzung, unterschiedliche Besetzung von Untergruppen, ihre sprachliche, nationale und ideologische Zusammensetzung innerhalb der gesamten Gruppendynamik. Da es nicht möglich ist, zwei Sprachen zur gleichen Zeit zu sprechen, hören wir zwei alternative und unterschiedliche Sprachketten mit gemeinsamen Kontaktpunkten: die Übersetzung. Diese Sprachabläufe sind nicht identisch, da sie jeweils einem anderen Kontext entstammen. Die Ablösung einer Sprache durch eine andere bedeutet meistens auch, daß eine andere Betrachtungsweise gewählt wird, ja sogar des Diskussionsthema gewechselt wird. Die Schwierigkeiten, die bei der Übersetzung auftreten, liegen gerade darin, daß sie einen kulturellen Transfer sicherstellen soll, der aber erst aufgrund einer "erfolgreichen ethnographischen Untersuchung" möglich ist, um einen Begriff von Jean-René LADMIRAL 6) zu verwenden. Wenn man sich mit der wörtlichen Übersetzung nicht zufrieden geben will, die meistens den Sinn nicht trifft, wird eine Übersetzung von der einen in die andere Sprache erst dann möglich, wenn man es wie ein Ethnograph gelernt hat, die jeweils mit der "Ausgangs-" und der "Eingangssprache" vorhandenen Denkschemata zu untersuchen, und die mit einer Aussage angesprochenen Wertvorstellungen, Erfahrungen und Praktiken in ihrem Kontext situieren zu können. Da die zweisprachigen Teilnehmer nicht immer Zugang zu allen Lebensbereichen der jeweils anderen Kultur haben können, entstehen Sinnentstellungen (Hinweis: wörtliche Übersetzung) oder Mißverständnisse. Die Schwierigkeit besteht darin, daß, weil das psychologische Modell so stark verinnerlicht wurde, es eher vorgezogen wird, eine Leere zu füllen, als Schweigen zuzulassen. Hinzukommt, daß der zweisprachige Teilnehmer, der ja durch seine Sprachkenntnisse auch eine Machtstellung einnimmt, keinen Augenblick verlieren will, in der er seine Fähigkeit unter Beweis stellen kann. Zu beobachten ist auch, daß die Äußerung eines Teilnehmers, er habe nicht verstanden, nicht unbedingt ein reales Nicht-Verstehen bedeutet, sondern meistens Ausdruck dafür ist, daß er mit dem Gesagten nicht einverstanden ist. Demgegenüber aber weisen die nicht-übersetzten Passagen - soweit in ihnen neben dem rein linguistischen Aspekt auch andere Bereiche ihre Bedeutung für die Begegnung haben - darauf hin, daß es nicht gelungen ist, eine ganze Reihe vorhandener Dimensionen ethnographisch zu erschließen. Diese Augenblicke signalisieren Abgrenzung und stellen Momente dar, an denen es anzusetzen gälte. Gerade dann wären weitere Erläuterungen und Erklärungen notwendig, wenn es sich zeigt, daß es - um übersetzen zu können - nicht möglich ist, hinreichende Klarheit über den Ort zu gewinnen, von dem aus bestimmte Aussagen gemacht wurden. Durch die vorrangige Bedeutung des dualen Kommunikationsmodells aber werden Unterbrechungen in der Sinnvermittlung verhindert. Kommunikation kann aber nur dann gelernt werden, wenn das Nicht-Verstehen als Realität akzeptiert wird. Für die Forschung ist im Diskurs wichtiger, was darin nicht ausgedrückt wurde - die Aphasien - , als die Übersetzung einer angeblich universalen Grundaussage. Diese Erkenntnis müßte sich auf die Animation auswirken. Wie kann man einer solchen Bewußtseinsbildung näher kommen? Wenn Vorwürfe kommen, daß eine Sprache die andere "dominiere" (womit implizit als "kategorischer Imperativ" der Anspruch auf Chancengleichheit erhoben wird), so kann dies als ein erster Versuch gelten, die Frage der Nationalitäten anzugehen, weil ja Sprache und Nationalität was im deutsch-französischen Jugendaustausch nicht falsch ist gleichgesetzt werden. Ungleichgewicht ist in dieser Situation aber unvermeidbar, kann aber meist nur dann akzeptiert werden, wenn es durch ein Gegengewicht der anderen Sprache ausgeglichen wird. Unbestritten sind hier Machtprobleme im Spiel, was meist auch so verstanden wird. Weil es gegenwärtig keine Beziehungen gibt, die symmetrisch, paritätisch, gleichberechtigt und noch weniger gerecht wären in dem, was als "internationale" oder "europäische Gemeinschaft" bezeichnet wird, wird es auch unmöglich, wie es die Rede von der Solidarität und der internationalen Zusammenarbeit vorschreibt, zu einem ständigen und permanenten Gleichgewicht zu gelangen. Hierfür wäre es notwendig, "Differenzen", "Ungleichheiten", "Ungerechtigkeiten" aber auch Widersprüche und Machtbeziehungen berücksichtigen zu können. Mit der Scheu vor dem Risiko des Konflikts bleibt eine Bewußtwerdung blockiert.
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