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II - Sprachen im Kontakt und im Konflikt miteinander
1) Sprache und Macht Grundsätzlich ist die Macht der Sprache ambivalent. Sie ist sowohl real als auch formal. Die reale Macht der Sprache liegt darin, daß sie den Zugang zu einer Information verhindern kann. Das geschieht in unseren Gesellschaften tagtäglich, wenn Menschen mit einer Sprache konfrontiert werden, die sie nicht verstehen. Dabei handelt es sich nicht allein um Fachsprachen, wie beispielsweise in der Medizin, in der Verwaltung, in der Justiz, sondern auch um die "gehobene" Umgangssprache (die vor allem Intellektuellen vertraut ist). Die benachteiligten sozialen Schichten - unter ihnen vor allem die ausländischen Arbeitnehmer - sind Opfer dieser Macht. Statt Werkzeug zu sein, wird Sprache zur Schranke. Die gleiche Situation entsteht bei einer Information in einer unbekannten Fremdsprache. Die völlige Unterwerfung unter die Macht der Sprache beinhaltet, daß es völlig unmöglich ist, sich zu informieren, zu kommunizieren und zu reagieren. Diese Macht ist noch größer, wenn die jeweilige Sprache gleichzeitig die der Herrschenden ist. Dann ergänzen sich zwei Machthaber, der eine unterstützt den anderen, der eine benutzt den anderen. Texte werden zum Heiligtum erklärt, Slogans erhalten Zauberkraft, Information wird zur Ideologie. Geistliche und weltliche Machthaber haben dies in der Vergangenheit zu nutzen gewußt. In einem deutsch-französischen Seminar, das von ein- und zweisprachigen Teilnehmern besucht wird, deren Kenntnisse der jeweils anderen Sprache nicht sehr gut sind, wird diese Unzulänglichkeit durch konsekutive Übersetzung aufgehoben (siehe auch Kapitel: Sprache und Kommunikation). Das hat unmittelbare Auswirkungen auf den Seminarablauf, denn in jedem Seminar dominiert immer eine der beiden Sprachen. Es ist unmöglich, beide Sprachen gleichgewichtig zu benutzen. Es wäre künstlich und würde zudem quantitatives Gleichgewicht mit Qualität gleichsetzen. Es muß hingenommen werden können, daß in den deutsch-französischen Seminaren die Realität phasenweise die eine der beiden Sprachen auf Kosten der jeweils anderen in den Vordergrund stellt. Ein solches Mißverhältnis kann unter Umständen während eines gesamten Seminars anhalten. Damit ist das Macht- und das Kommunikationsproblem angeschnitten. Wenn also eine der beiden Sprachen dominiert, so kann man feststellen, daß diejenigen, für die diese Sprache die Muttersprache ist, häufiger als die Vertreter der anderen Sprache das Wort ergreifen. Sie können direkt reagieren und des Gesagte besser aufgreifen, weil es ihrem Denkschema und ihrem Kulturkreis entspricht. Weil zwei Sprachen in Kontakt miteinander gebracht wurden, geraten sie auch in Konflikt miteinander. Eine wird ständig - zumindest potentiell - abgedrängt, zur Randerscheinung gemacht. Dieses Problem entsteht zwangsläufig in allen binationalen Seminaren und muß immer wieder neu erlebt und bewältigt werden. Dabei ist die gesamte Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten zu beachten: von der totalen Beherrschung einer Sprache durch die andere (völlige Ausgrenzung der Einsprachigen oder auch Rückzug der Zweisprachigen) bis hin zu einem fraglichen "modus vivendi", der immer wieder durch die Dynamik der Seminargruppe in Frage gestellt wird. Sämtliche Situationen von enger Zusammenarbeit bis zum völligen Ausschluß von Teilnehmern, von friedlicher Koexistenz bis zu "kaltem Krieg", Aggressivität und Abbruch sind vorstellbar. Es darf nicht so getan werden, als seien Teilnehmer, die nur eine Sprache beherrschen, zweitrangig. Sie verfügen lediglich über andere Möglichkeiten der Machtausübung als die Zweisprachigen. (Das Zusammenleben ein- und zweisprachiger Teilnehmer - wie es weitgehend in den Seminaren praktiziert wird - ist sehr wünschenswert. Dies entspricht auch der Realität in den Austauschprogrammen.) Die Macht der einsprachigen Teilnehmer besteht darin, daß sie jederzeit die Übersetzung einer eingebrachten Information verlangen können. Manche Teilnehmer gelangten zu der Meinung, daß sich damit ihr Status in der Gruppe völlig verändert hatte. Wenn dann aber systematisch übersetzt wird, kann aus einem Einsprachigen, der eine Übersetzung fordert, ein Teilnehmer werden, der dabei ein Recht ausübt. Gleichzeitig wird aus dem Zweisprachigen, der bisher in seiner Wahl, ob er übersetzen oder nicht übersetzen wollte, frei wer, ein Teilnehmer, der gezwungen wird, auf die Übersetzung der Information zu achten. Ohne Zweifel spiegelt hier die Forderung nach systematische Übersetzung die Machtfrage in der Gruppe wider. Sie soll dazu dienen, Unterschiede zwischen Besitzenden - den zweisprachigen Teilnehmern - und den Armen - den einsprachigen Teilnehmern - abzubauen. Die Hierarchie, der Klassenunterschied soll damit aufgebrochen werden, was durch den Minderwertigkeitskomplex vieler einsprachiger Teilnehmer und durch den Mythos der Zweisprachigkeit (es wird angenommen, sie bekommen alles mit) noch verstärkt wird. Manche einsprachigen Teilnehmer reagieren völlig anders. Sie bewegen sich klar und entschlossen. Sie versuchen ganz bewußt und auch unbewußt - wer sollte ihnen daraus einen Vorwurf machen -, ihre Muttersprache einzubringen. Eine andere Reaktion geht von der gleichen Voraussetzung aus und besteht darin, sich auf die nationale Gruppe zu konzentrieren, entweder indem dies offiziell beschlossen wird oder durch spontane Gruppenbildungen geschieht. Dies sind einige der Formen, in denen sich einsprachige Teilnehmer während unserer Untersuchung Machtpositionen verschafft haben. Natürlich ist auch der Zweisprachige nicht machtlos. Die Kenntnis der beiden Sprachen gibt ihm die Möglichkeit, direkt über die gesamte Information zu verfügen. Er kann dadurch unmittelbar reagieren und seine Zweisprachigkeit dazu benutzen, öfter des Wort zu ergreifen. Doch wird diese Möglichkeit dann beschnitten, wenn der einsprachige Teilnehmer eine Übersetzung verlangt. Der zweisprachige Teilnehmer befindet sich in einer quasi-schizophrenen Situation (nicht im pathologischen Sinn des Wortes), denn er muß das Gesagte nicht nur für sich selbst verstehen, sondern auch so, daß er es anderen erklären kann. Das sind zwei völlig unterschiedliche Funktionen, zwei verschiedene Aufnahmeverfahren, die die Rolle der Zweisprachigen im Diskussionsverlauf höchst kompliziert gestalten. Hinzu kommt - was jeder weiß -, daß es keine vollkommene Zweisprachigkeit gibt. Dies bedeutet, daß das Wechseln von einer Sprache in die andere von dem Zweisprachigen einen zusätzlichen Aufwand an Energie abverlangt, die er nicht mehr in die Diskussion einfließen lassen kann. Jeder, der bereits einmal einen Vormittag lang übersetzt hat, weiß, was das bedeutet. Die Zweisprachigen können auch die Einsprachigen der anderen Sprache dominieren, indem sie sich in der jeweils vorherrschenden Sprache ausdrücken, sind aber ihrerseits eingeschränkt, wenn es nicht ihre Muttersprache ist. Deutlich wird, daß auf der Ebene der Sprache durch das Zusammenleben von Ein- und Zweisprachigen ein interessantes, komplexes Netz von Machtstrukturen entsteht, in dem niemand machtlos ist. Daher ist es auch nicht möglich vorherzusagen, welche Machtstrukturen sich aufgrund der Sprache und der sich daraus ergebenden Konflikte herauskristallisieren werden. Sprache hat auch eine formale Macht, denn alles, was gesagt wird, bleibt verbal und kann durch reale Handlungen ausgelöscht werden. Wie oft werden verbale Entscheidungen durch spätere Handlungen in Frage gestellt. Es ist erstaunlich, daß diese Tatsachen hingenommen werden, ohne daß eine Reaktion folgt. Allein während der drei Seminare haben wir des wiederholt erlebt. Die mangelnde Konsequenz von Sagen und Tun zeigt doch, daß die Macht der Sprache in dieser Hinsicht eine Illusion ist, nur eine vermeintliche Herrschaft.
2) Sprache und Kommunikation Nicht nur die Macht der Sprache ist zweifelhaft, sondern auch als Kommunikationsmittel ist die Rolle der Sprache nicht so eindeutig, wie dies allgemein angenommen wird. Eine erste Unklarheit ergibt sich schon dann, wenn durch das Gesagte die Absicht des Redners verdeckt bleibt. Es ist die bekannte Geschichte, in der des Kind Zahnschmerzen vorgibt, weil es seine Suppe nicht essen will. Sprache ist ein phantastisches Mittel, um etwas vorzutäuschen oder zu verheimlichen. Sie hat es den Menschen erlaubt, das Lügen bis zur Perfektion und gesellschaftlichen Hypokrisie zu entwickeln, wodurch sich die Beziehungen zwischen den Menschen in großem Maße auszeichnen. Zu oft wird davon ausgegangen, als ob zwischen verbalen Absichtserklärungen und der Handlung Übereinstimmung bestünde, ja sie wird nicht einmal angezweifelt. Eine weitere Mißverständlichkeit der Sprache ergibt sich aus der Wahl der Begriffe; sei es, daß man unter einem Wort nicht dasselbe versteht, sei es, daß man unterschiedlich besetzte Begriffe verwendet, um einen unterschiedlichen Sachverhalt zu beschreiben oder weil man einem bestimmten Wertsystem - des man vielleicht sogar ablehnt - im Bezug darauf verhaftet ist. Die Wortwahl führt zu zahlreichen Mißverständnissen im Bereich der Information und Kommunikation. Es kommt im übrigen in den Seminaren äußerst selten vor, daß ein Wort definiert wird. Sehr oft wird ein Begriff ganz einfach übernommen, ohne daß jemand zu fragen wagt, weil niemand dümmer als die anderen erscheinen möchte. Die Folgen davon sind erst später spürbar. Es scheint Einverständnis zu bestehen, bis sich auf einmal herausstellt, daß man nicht weiterkommt, weil man mit einem Begriff etwas anderes gemeint hat. In anderen Fällen, wo man es nicht geschafft hat, sich zu verständigen, stellt man plötzlich fest, daß man im Grunde genau des Gleiche meint. Außerdem werden Begriffe benutzt, die mit einer bestimmten Besetzung verbunden sind, um etwas zu beschreiben, was außerhalb des Bereiches liegt, in dem diese Begriffe üblicherweise verwandt werden. Das führt zwangsläufig zu einem Mißverständnis durch die falsche Verwendung von Begriffen. Die deutlichsten Beispiele dafür können in der Politik gefunden werden. Im europäischen Vereinigungsprozeß gibt es den Begriff der "Subsidiarität". Doch wird dieses Prinzip je nach den Mitgliedstaaten unterschiedlich interpretiert, in welchen Bereichen und wie intensiv es angewandt werden soll: Auf welchen Ebenen der Entscheidungsbefugnisse es umgesetzt wird. Auch wenn es geleugnet wird, man bleibt stets im Rahmen eines bestimmten Bezugs- und Wertsystems verhaftet. So wurden von einem Teilnehmer bei der Auswertung des 3. Seminars die Wörter "positiv" und "negativ" benutzt. Er wollte diesen Begriffen eine wissenschaftliche Bedeutung ohne Werturteil geben. Dennoch hatte er eine der Kleingruppen, die einen Vorschlag entwickelt hatte, als positiv und eine andere, die keinen Vorschlag zu machen hatte, als negativ bezeichnet. Daran konnte die unbewußte Zweideutigkeit der Aussage und die Tatsache deutlich gemacht werden, daß man sich einem Bezugs- und Wertsystem nicht entziehen kann. Niemand ist neutral, weder ein Individuum, noch eine Gruppe. Die Sprache ist Spiegel dieser individuellen und kollektiven Bezogenheiten. Mit den Teilnehmern aus den neuen Ländern stellt sich diese Frage auf eine neue Art und Weise. Neben dieser grundlegenden Vieldeutigkeit der Sprache als Kommunikationsmittel stößt man in binationalen Seminaren immer wieder auf des Problem der Übersetzung von der einen in die andere Sprache. Hier stellt sich die Frage danach, wie Information "vergemeinschaftet" wird. Während der drei Seminare haben wir folgende Möglichkeiten entdeckt:
In einem binationalen Seminar mit der Beteiligung einsprachiger Teilnehmer besteht eine große Versuchung darin, systematisch alles übersetzen zu lassen, um allen den gleichen Informationszugang zu gewähren. Dabei kann aber niemals von gleicher Information gesprochen werden, da diese zwangsläufig auf dreierlei Weise reduziert wird. Die erste Reduzierung erfolgt bereits durch die Übertragung in eine andere Sprache. Dabei soll nur an das italienische Sprichwort erinnert werden "traduttore = traditore" (übersetzen = verraten), womit diese erste Schwierigkeit treffend beschrieben ist. Die zweite Reduzierung einer Information wird dadurch verursacht, daß eine Mitteilung unterschiedlich aufgenommen wird je nach dem, ob diese in der eigenen Muttersprache erfolgt oder nicht, denn eine sprachliche Mitteilung ist immer auch durch das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bezugssystem geprägt, das je nach Sprache variiert und in der Übersetzung nicht wiedergegeben werden kann. Mit anderen Worten, abgesehen von der sprachlichen Qualität einer Übersetzung, wird eine Mitteilung zwangsläufig von Deutschen und Franzosen unterschiedlich aufgenommen. Schließlich darf eine dritte Form der Reduzierung einer Information nicht übersehen werden, die mit der Situation selbst verbunden ist. In jeder Kommunikation behindern zahlreiche Faktoren den Informationsfluß (Raum, in dem die Kommunikation stattfindet, klimatische Bedingungen, etc.). Ausschlaggebend sind auch andere physische Faktoren (Müdigkeit, Hunger, etc.). Schließlich spielen auch psycho-soziale und soziolinguistische Faktoren hinein (Verständigungs-, Ausdrucks- und Handlungsfähigkeit aufgrund des Sprachniveaus). Es kommt hinzu, daß derjenige, der um Übersetzung bittet, seine Abhängigkeit in Bezug auf die Macht der ihm unbekannten Sprache durchbrechen will. Damit geht er Risiken ein, denn er verläßt sich auf einen Unbekannten, von dem er nicht wissen kann, ob dieser in seinem Sinne interveniert oder nicht. Er kann daher nie sicher sein, ob der eintretende Erfolg oder Mißerfolg ihm selbst (seiner Überzeugungskraft in der Darlegung, Klarheit der Darstellung, persönliche Ausstrahlung, Status, etc.) oder seinem Übersetzer zukommt. Um der einen Abhängigkeit zu entgehen, unterwirft er sich einer anderen mit all den damit verbundenen Risiken. Es wird deutlich, daß auch bei der Übersetzung wie bei den Begriffen "Begegnung", "Gruppe", "Betreuung", "Kommunikation" eine unwirkliche Vorstellung besteht, die untersucht werden muß. Übersetzung ist ein Mittel, kein Allheilmittel. Sie kann bestenfalls den Zugang zur Information geben, aber sie sagt nichts über die Kommunikation selbst aus. Diese Bewußtseinsbildung in Bezug auf die Rolle der zwei- und einsprachigen Teilnehmer innerhalb der Machtstrukturen der Gruppe erscheint uns ausschlaggebend zu sein. Die Zweisprachigen bedienen sich der Hilfestellung,die sie leisten, um mehr Einfluß zu gewinnen, zumal sie den größten Teil der Gespräche direkt verfolgen können. Sie dienen eigentlich nicht der Gruppe, sind auch keine Übersetzungsmaschinen, sondern sie sind "Doppelagenten", die mehr oder weniger bewußt, mit mehr oder weniger Bedenken oder intellektueller Aufrichtigkeit ihr eigenes Spiel spielen. Es ist deshalb wichtig herauszufinden, mit wem sie sich im gruppendynamischen Prozeß im Verhältnis zur bestehenden institutionellen Macht verbünden. Dabei sind alle Ebenen, die individuelle, die inter-personelle, die der Gruppe selbst und die ideologische angesprochen. Jedenfalls beziehen sie ihre Macht aus der Anwesenheit der einsprachigen Teilnehmer, denen sie oft das Wort abschneiden, um sich selbst unersetzbar zu machen. Die erfahreneren unter den einsprachigen Teilnehmern gewinnen an Autonomie, indem sie eine eigene Sensibilität für des Ausdrucksgeschehen erwerben und eigene Strategien entwickeln, wie sie Übersetzungen fordern bzw. ablehnen können. Sie können ihre Muttersprache aufzwingen und die Diskussion damit bestimmen. Sie können sich mit bestimmten Zweisprachigen verbünden, die ähnliche Sensibilitäten wie sie selbst entwickeln, mit denen sie übereinstimmen und die sie schließlich auch um Übersetzung bitten. Gleichzeitig können natürlich die zweisprachigen Teilnehmer entscheiden, wen sie übersetzen und wen nicht. Durch dieses Wechselspiel mit Sprachen werden über den sprachlichen Aspekt hinaus auch andere Ebenen sichtbar gemacht. Der gesamte Ablauf erweckt den Eindruck, als ob es bei den zwei vorhandenen Sprachkanälen darum ginge, die Einflußsphäre der eigenen Sprache zu erweitern. Wir gehen davon aus, daß alle Variablen gleichzeitig agieren und daß daher eine detaillierte Analyse der Vorgänge notwendig wäre, die jedoch unsere aktuellen Untersuchungsmöglichkeiten übersteigt. Angesetzt werden sollte gerade an denjenigen Situationen, in denen es in einer Gruppe zwar potentiell nicht an sprachlichen Hilfsmitteln mangelt, aber in denen es trotz allem nicht gelingt, einen Transfer herzustellen. In diesen Fällen müßte herausgearbeitet werden, welche außersprachlichen Barrieren die Kommunikation verhindern. Hier treffen wir auf das Phänomen Sprache als Alibi. 3) Sprache als Alibi Wir haben festgestellt, daß in Situationen besonders großer Gruppenkohäsion, d. h. wenn die Interessen aller in einer bestimmten Situation (besondere Betroffenheit in den Diskussionen, im gemeinsamen Handeln, im Sport usw.) berücksichtigt werden konnten, alle sonst feststellbaren 'Disfunktionen' verschwanden. Das Word 'Disfunktion' bezeichnet in dieser Art von Situationen alles, was als eine Störung in einer Gruppe aufgefaßt wird, von der angenommen wird, daß sie reibungslos läuft, als ob Kommunikation einer Maschine ähnlich sei, die läuft oder gestört ist. Damit wird angenommen, daß Kommunikation ausschließlich nach dem kybernetischen Modell zustande kommt. Alles, was mit der Vieldeutigkeit des Individuums und mit Kräfteverhältnissen zu tun hat, was die 'black box' menschlicher Psyche darstellt, wird ausgeklammert, d. h. all jene Aspekte, die nicht per Datenverarbeitung erfaßbar sind, die aber gerade den Unterschied zwischen Mensch und Maschine ausmachen. Unsere gesamte Arbeit besteht ja gerade darin, das zu erforschen, was sonst in die 'black box' gesteckt wird, d. h. was normalerweise unangesprochen bleibt, und die (gegenwärtig zugänglichen) Komplexitäten verstehen zu lernen. In solchen Situationen wird die Sprachvermittlung von allen Zweisprachigen übernommen, sie wird als wahrheitsgetreu und korrekt empfunden. Es wird sich gegenseitig in beiden Sprachen geholfen und das Gesamtklima der Kommunikation spiegelt sich in der Sprachvermittlung wider. Wir glauben, daß Schwierigkeiten - wie wir sie oben dargestellt haben - damit zusammenhängen, daß die Gruppen im allgemeinen nicht so recht wußten, warum sie überhaupt zusammengekommen waren und daß wir es mit Gruppen zu tun hatten, deren Disfunktionen als Symptom angesehen werden können. Dies gilt für alle Gruppen, auch für Teilnehmer, die zu wissen glauben, warum sie kommen und wozu sie sich anmelden (Begegnungsprogramm, themenbezogenes Seminar,...). Wir haben deshalb angenommen, daß dieses Symptom ein sehr praktischer Vorwand und ein probates Alibi ist, sich der Frage nach dem Sinn der Gruppe (der Begegnung) zu entziehen. Sprache wird zum Alibi in allen Situationen, in denen Meinungsverschiedenheiten aus anderen Gründen auftreten. Das gilt sowohl für ein- als auch für zweisprachige Teilnehmer. Die Einsprachigen erklärten, sie könnten sich nicht für etwas interessieren, was in einer anderen Sprache gesagt wurde, auch wenn Sprachvermittlung zur Verfügung stand. Die Zweisprachigen behaupteten, sie verständen nichts und könnten daher auch nicht übersetzen, obwohl dem eigentlich nichts entgegenstand. Das, was auf dem Spiel steht, mußte also anderswo liegen. |