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III - Das nationale Element
1) Beschreibung Wir haben zunächst festgestellt, daß es bei den Teilnehmern weniger Widerstände gab, wenn sie in Sprachgruppen 6) arbeiten konnten, als wenn sie sich in nationale Gruppen aufteilen sollten. Die Ablehnung "nationaler Gruppen" war bei den Teilnehmern aus der alten Bundesrepublik stärker als bei den Franzosen. Die nationale oder staatliche Eigenart drückte sich zunächst darin aus, daß diejenigen, die einen Dialekt sprachen, von den anderen aufgefordert wurden, eine akademische Sprache zu sprechen, die von allen verstanden wird. Wir sehen darin nicht nur die bekannte Rationalisierung, daß ja alle Teilnehmer einen bestimmten Beitrag verstehen sollen, sondern wir halten es für die Auswirkung einer durch den Staat bewirkten Vereinheitlichung. Keine noch so vernünftig anmutende Argumentation könnte eine These untermauern, nach der man sich selbst immer mehr verleugnen muß, um weltweit mit Individuen und Gruppen kommunizieren zu können, die immer weiter von dem eigenen Sprachraum entfernt sind. Muß nicht mit allen Konsequenzen akzeptiert werden, daß zwei Sprachkanäle bestehen, und daß sich während der Begegnungen ohne jegliche Einschränkung Untergruppen bilden können, wenn sie arbeitsfähiger als andere Konstellationen sind? Warum sollten unter dem Vorwand, daß die Begegnung eine deutsch-französische sei und bleiben müsse, Franzosen und Deutsche sich während des gesamten Aufenthaltes keinen Augenblick aus den Augen verlieren? In dem (häufig noch wahren) Ausspruch von Georges Pompidou, daß des Fernsehen "die Stimme Frankreichs ist" (trotz aller "Befreiungen", "Dezentralisierungen" und "Privatisierungen"), wird deutlich, wie wichtig es ist, jeweils herauszufinden, wer spricht und an wen sich das Gesagte richtet. Hinzu kommt, daß in der Begegnung zwei nationale oder 'staatliche' Sprachen gesprochen werden. Hierbei darf nicht vergessen werden, daß es sich um Begegnungen handelt, die von zwei Staaten gewünscht und und gefördert werden. Die Richtlinien des Jugendwerks unterstreichen die Bedeutung der Kenntnis des jeweils anderen Landes. Der Gedanke, daß die Begegnung mit dem "Anderen" dazu dienen kann, das eigene kulturelle Erbe in seiner jeweiligen Besonderheit besser kennenzulernen, scheint uns genauso wichtig. Statt dessen wird die Bedeutung der Vorurteile unterstrichen. Wir sind daher der Meinung, daß die Vorrangstellung, die den Vorurteilen eingeräumt wird, in erster Linie dazu dient, die Frage der nationalen Identität zu umgehen. Obwohl die einen und die anderen ihre Existenz verleugnen wollen, findet offensichtlich gegenwärtig eine neue nationale Identitätsfindung statt. Weil nationale Identität in der alten Bundesrepublik kaum bearbeitet worden ist, in der früheren DDR hervorgehoben wurde, wird sie jetzt auf deutscher Seite zumindest in internationalen Beziehungen mit weniger Komplexen zur Schau gestellt. Auf französischer Seite wird sie immer noch weitgehend überbewertet. Die im vorhergehenden Kapitel im Zusammenhang mit der Kommunikation nach dem Dual-Modell (lt. Buber) aufgeführten Schwächen psychologischer und moralischer Art finden sich mit Sicherheit auf Seiten der Teilnehmer aus der alten Bundesrepublik. Wir müssen daher annehmen, daß hier die entscheidende Gründe für die bei allen Begegnungen auftretenden Schwierigkeiten liegen. Diese nationale/staatliche Komponente kann an den starken gegenseitigen Projektionen festgemacht werden, die während unserer Untersuchung immer wieder feststellbar waren. Sie schienen eine wesentliche (oft die einzige) Erklärung für die auftretenden Gegensätze und Probleme zu sein, die meistens zwischen Deutschen und Franzosen unausgesprochene Fragen gesteigert wirksam werden ließen und manchmal zu Blockierungen führten. Neben "nationalen" Erklärungsansätzen begegneten wir immer wieder psychologischen oder moralischen Begründungen. Sie bleiben aber tautologisch; sie "beißen sich selbst in den Schwanz". Ein Phänomen kann nicht erfaßt werden, indem man seine Auswirkungen als Erklärungsmuster verwendet. Als Lösung bietet sich an, daß die interkulturelle Arbeit an der Aufarbeitung der eigenen Identität angesetzt werden sollte. Das würde wiederum bedeuten, daß viele Programme, die ausschließlich die Entdeckung des jeweils anderen Landes zum Ziel haben, verändert werden müßten. Welchen Inhalt hatten die Projektionen, denen wir in den Programmen begegnet sind? Es hatte den Anschein, als übernähmen die Deutschen soziale Kontrollfunktionen, während die Franzosen die "Kraft des Wandels" verkörperten. Die Deutschen erlebten sich selbst als kommunikationsbereit verbunden mit dem Wunsch, dadurch einen Konsens zu erreichen. Bis auf einige Ausnahmen, die aber von ihren Mitbürgern fast aus der "deutschen Bürgerschaft" ausgeschlossen wurden, hielten die deutschen Teilnehmer einen Diskurs, der von den französischen Teilnehmern wegen der absoluten Zustimmung zu der Staatsform der Bundesrepublik, die darin, ohne diese zu hinterfragen, zum Ausdruck kam, als "hölzern und undurchdringlich" bezeichnet wurde. Selbstverständlich handelt es sich nicht um generalisierbare Feststellungen über Deutsche und Franzosen, sondern um Beobachtungen, wie wir sie in den Gruppen, in denen wir gearbeitet haben, nur zu häufig gemacht haben. Die Deutschen halten die Franzosen für unzuverlässig. Das liegt an der lockeren Diskussionsart, an den ständigen Ausschweifungen, an der besonderen Rhetorik, die darin besteht, sich möglichst in Redewendungen auszudrücken, die das "Positive" in der Negationsform aussagen; in den auf das "Absurde" ausgerichteten Gedankengängen, in denen der Ansatz eines Anderen aufgegriffen und bis zum äußersten weitergeführt wird, um damit die Sinnlosigkeit der Debatte unter Beweis zu stellen. In diesem Fall wurde am häufigsten vorwurfsvoll festgestellt, daß die Franzosen den Beitrag eines 'Gegners' aufgreifen - ohne daß dieser es weiß - an statt sich einem offenen Wortgefecht, einem fairen Rededuell, zu stellen. All diese Züge werden unter dem Hauptvorwurf der "Unverbindlichkeit" eingeordnet, was auch ein moralisches Urteil beinhaltet. Die bekannteste Form der Ablehnung besteht darin, den Beitrag eines Anderen als theoretisch, als abstrakt zu bezeichnen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß das Gesagte nicht angekommen ist, daß die Adressaten es sich nicht aneignen konnten, keinen Sinn darin finden konnten. Wenn Franzosen "Träger des sozialen Wandels" sind, dann sind sie es von ihrem Verhalten her, in ihren heteronomen (vermeintlich unabhängigen) Aussagen, in ihrer lockeren Art, in ihrem Individualismus und in ihrer geschichtlichen Tradition, die so verstanden sein will, daß sich Frankreich seit der Revolution von 1789 von einer "heilbringenden Mission der Befreiung" erfüllt fühlt, selbst wenn diese "Botschaft" von den napoleonischen Armeen (!) verbreitet wurde. Die Franzosen weisen tendenziell jeden Angriff auf den Mythos ihrer nationalen Einheit zurück, besonders dann, wenn Deutsche sie an die französischen Kollaborateure erinnern. Sie haben ein höchst eigenartiges Verhältnis zu ihrer nationalen Identität, die von ihnen einerseits überschätzt und gleichzeitig ständig belächelt wird. Das Konzept des Nationalstaates, das in Frankreich entwickelt wurde, ist auch heute noch für viele Franzosen der Inbegriff all ihrer Hoffnungen. Die Identifikation damit ist so stark, daß sie es nicht einmal für nötig halten, sich gegenüber der Außenwelt zu öffnen. Ein nicht lange zurückliegendes Beispiel: die Wiederaufnahme der Nuklearversuche im Pazifik betrifft nur Frankreich. Ein gewisser Nationalismus, der manchmal von Abgestumpftheit bis zum Chauvinismus reichen kann, fordert die Deutschen heraus, die sich ihrerseits bewußt und langsam das Konzept der Nation aneignen und dabei gleichzeitig den Nationalismus verwerfen, sich auf der Suche eines für ihre Partner akzeptierbaren Konzeptes nationaler Einheit befinden. In der Phase gesteigerter Projektionen und gegenseitiger Lähmung stehen sich, was das nationale Bewußtsein anbelangt, zwei der größten Gegensätze in Europa gegenüber: dasjenige, das sich am meisten selbst überschätzt, und dasjenige, das am meisten gestört ist. Ein psychologischer Nebelvorhang umgibt die Realität binationaler Kommunikation und trägt dazu bei, daß das nationale Element abgeleugnet und verdrängt wird. Nur wenn es gelingt, diese zentrale Frage aufzugreifen und das Dual-Modell (lt. Buber) umzukehren, könnte eine wirkliche Begegnungsarbeit möglich sein. Wir wären dann weit entfernt von den ideologischen und moralisierenden Diskursen über Vorurteile - dem "Lieblingskind" in den Begegnungen - wir würden uns in einer Situation befinden, in der wir uns der Identitätsfrage stellen müßten und uns bewußt und kritisch unser jeweiliges Erbe aneignen könnten. Hierin liegt für uns der einzige Weg, der es uns erlauben würde, unsere gemeinsame Geschichte und Zukunft aufzubauen. Diese Auseinandersetzung ist der Preis, den wir zahlen müssen, um die gegenseitige Lähmung aufzuheben. Nur damit könnte eine genauere Differenzierung der individuellen, sozialen und ideologischen Komponenten unseres Lebens vorgenommen und Einsicht in eine Vielfalt engagierter Aussagen vermittelt werden. Insbesondere könnte Politisches und Poetisches 7) - was bisher in den Begegnungen kaum vorkommt - aufgegriffen werden. Die Arbeit an den Vorurteilen besteht darin, die hinlänglich bekannten, überkommenen Vorstellungen, die jeder von uns über den anderen und über sich selbst in sich trägt, ans Licht zu bringen, diese durch eine Erfahrung auf die Probe zu stellen mit dem Ziel, sie schließlich auf diese Weise verschwinden zu lassen. Oder ggf. die nicht subjektiven Anteile der Realität oder Unwirklichkeit zu verdeutlichen, die sie enthalten können. "Nein, nicht alle Franzosen sind so schmutzig, wie behauptet wird, denn ich habe auch solche kennengelernt, die sich jeden Tag waschen." Diese Feststellung kann ebenso gut so lauten: "Die Franzosen sind schmutzig, denn mein Zimmernachbar hat sich seit seiner Ankunft noch kein einziges Mal geduscht." Auf diese Weise läuft der sogenannte "Abbau von Vorurteilen" ziemlich willkürlich ab, denn sie verschwinden nicht von ganz allein dadurch, daß Deutsche und Franzosen in einer Gruppe zusammenkommen. In der Regel wird ein Vorurteil schnell durch ein neues ersetzt, d.h. durch Hörensagen tritt eine Generalisierung ein, die mit der eigenen Erfahrung einhergeht. Da dieses neue Vorurteil von dem ausgeht, was man tut, von gelebter 'Realität', kann dieses nur durch ein neues, stärkeres Erlebnis, das ein vorheriges überlagert, wieder ausgeräumt werden. Der Schwachpunkt bei der Aufarbeitung von Vorurteilen besteht vor allem darin, daß das jeweilige mit dem Vorurteil behaftete Individuum nicht in den Prozeß einbezogen und in keiner Weise zu seiner eigenen Lebensgewohnheit befragt wird - in unserem Fall: zu seiner eigenen Beziehung zur Sauberkeit. Wenn es gelänge, die beiden Zimmerbewohner dazu zu bringen, sich über ihren eigenen Bezug zur Sauberkeit - wie zu zahlreichen anderen Fragen des Alltags - klarer zu werden, dann hätten beide Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen, und es würde ihnen bewußt, nach welchen Kriterien sie unbewußt andere Menschen einschätzen und Urteile über sie fällen; die eigenen Wertvorstellungen würden relativiert. Wenn Sauberkeit beispielsweise mit der Frage der Pünktlichkeit, den Koch- und Essgewohnheiten, der Entscheidungsfindung und mit anderen sozialen Beziehungen, z.B. zu Erwachsenen, zum anderen Geschlecht, zum sogenannten privaten und öffentlichen Lebensbereich etc. in Verbindung gebracht werden könnte, dann wäre es nicht mehr möglich, beide Kulturen in Begriffen von 'mehr' und 'weniger' zu erfassen, sondern sie würden als zwei verschiedene Gesamtheiten gesehen, von denen dann man nicht mehr sagen kann: "Ich liebe die französische Küche, aber lehne den einen oder anderen Aspekt ab", ohne sich klar darüber zu sein, daß man damit mehr über sich selbst aussagt als über Frankreich. Sollten Reisen und Kontakte zu anderen Kulturen nicht in erster Linie dazu führen, daß jeder besser versteht, welche potentiellen Möglichkeiten in ihm selbst stecken, die er in seinem täglichen Leben bisher nicht erfahren konnte, die aber seiner Gefühlswelt, seiner tieferen Persönlichkeit durchaus entsprechen und über des hinausgehen, was er in seiner Sozialisation bisher erfahren hat? Indem wir die tieferen "Anknüpfungspunkte" und unbewußten Abneigungen aufzudecken versuchen, glauben wir, eine größere Öffnung für die internationale Arbeit erreichen zu können. In diesem Sinne meinen wir, daß die Bearbeitung der Vorurteile, wie sie sonst üblich ist, die Identitätsfindung verstellt. Wenn wir versuchen, für die starken Projektionen (z. B. sozialer Wandel vs. Kontrollfunktion) historische Erklärungen zu finden, so scheint es uns, als stammten sie aus den deutsch-französischen Beziehungen des 19. Jahrhunderts, aus der Ära der Nationalstaaten: auf der einen Seite gab es den preußischen Staat, auf der anderen Seite das revolutionäre Frankreich (1791); auf der einen Seite den ordentlichen disziplinierten und starken Deutschen, auf der anderen Seite den rebellischen, undisziplinierten, gutgläubigen Franzosen. Zur gleichen Zeit, wo in Deutschland die Konstitutierung des Nationalstaats als Fortschritt bürgerlicher Freiheit aufgefaßt wird, finden in Frankreich sozialistische Revolutionen statt (1848 und vor allem 1871 die Pariser Kommune). Der französische Staat wird durch diesen internen Konflikt vorübergehend geschwächt und verliert Elsaß-Lothringen. Dieser Krieg begünstigt die Bildung des deutschen Staates. Der französische Staat regelte die Probleme mit den Kommunarden und versuchte, die verlorenen Territorien zurückzugewinnen, indem er den republikanischen Mythos, die Traditionen aus der französischen Revolution aus der Sicht eines Thiers und Jules Ferry in seinem Sinne nutzt. Der gleiche republikanische Mythos hat es 1940 erlaubt, einen Teil der Franzosen während der Besatzungszeit im Widerstand zu mobilisieren. Wenn das vereinigte Deutschland mit der getrennten Entwicklung in zwei unterschiedlichen Staaten heute so ist, wie es geworden ist, dann ist dies auf seine Nazi-Vergangenheit zurückzuführen, die von beiden der zwei Staaten gegensätzlich interpretiert wurde.
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