III - Das nationale Element
2) Die nationale Identität
Will man von den Unterschieden zwischen Deutschen und Franzosen sprechen, muß vom Begriff der nationalen Identität ausgegangen werden.
Jean René Ladmiral unterstreicht in seinen Publikationen seit langem, daß eine "Psychoanalyse des nationalen Bewußtseins notwendig sei". Wenn man in diesem Zusammenhang von Psychoanalyse spricht, stellt man dann nicht implizit die Frage nach dem politisch-nationalen Unbewußten, als gerade der Grundlage, der Wurzel jeder nationalen Identität?
Das politische Unbewußte könnte dann als national-spezifisch definiert werden. Obwohl uns dieser Gedanke allgemein gesehen richtig erscheint, muß hier weiter differenziert werden.
Wie würde sich das politische Unbewußte strukturieren?
Ein wesentlicher Bedingungsfaktor des politischen Unbewußten ist die Geschichte der nationalen Konflikte, der internen und externen Spannungen, die mehr oder weniger gelöst bzw. ungelöst blieben. Man kann von nationalen Konflikten sprechen, weil der Staat sich in jeder Nation als ein wesentlicher Bezugspunkt gestaltet. Hierin liegt der Unterschied z. B. zwischen einem Franzosen und einem Italiener, die beide am Mittelmeer leben.
Der Staat gestaltet das Zentrum, in das sich jeder von uns einordnet: als Individuum und als Mitglied bestimmter Gruppen, Organisationen und Institutionen.
So wie sich das individuelle Unbewußte um die Mutter- bzw. Vaterbeziehung strukturiert, bildet sich das Unbewußte des Staatsbürgers in Bezug zum Staat heraus. Egal, an welcher Stelle sich das jeweilige Individuum einordnet, auch wenn es sich selbst an der Peripherie situiert, wirkt seine Beziehung zum Staat und im umfassenderen Sinn seine Beziehung zu den Institutionen, die diesen Staat konstituieren und miteinander verflochten sind (Währung, Polizei, Gesetze
) als Grundstruktur des institutionellen ICHs. Dabei kann vorab festgestellt werden, daß das politische Unbewußte nicht nur die Persönlichkeitsstruktur von Einzelpersonen (Individuen, Staatsbürger
), sondern auch Institutionen konstituiert.
Mit diesen einführenden Bemerkungen sind nicht immer alle einverstanden.
Nach unserer Hypothese wäre das politische Unbewußte zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte ein Motor für das Phänomen, das zur Entstehung des Staates in seiner heutigen Form geführt hat.
Der Staat bildet sich, wenn das "Zentrum", das Bestandteile des politischen Unbewußten aufweist, eine immer stärkere Autonomie gewinnt und sich von seiner Peripherie löst, die den Gegenpol in dieser dialektischen Beziehung darstellt.
Eine weitere häufige kritische Stellungnahme kann wie folgt formuliert werden:
- der Nationalstaat
wie erklärt sich dann aber Europa mit seinen Vereinigungsprozessen und die Existenz multinationaler Konzerne, die die Vormachtstellung des Staates in Frage stellen, indem sie die nationalen Gesetzgebungen gegeneinander ausspielen und deren Souveränität verwenden oder unterlaufen?
Diese Frage der multinationalen Konzerne ist in der Tat ein Grundproblem, das im Mittelpunkt der internationalen Politik und der aktuellen Wirtschaftsprobleme steht. Dennoch glauben wir, daß der Nationalstaat gegenwärtig weiterhin seine Rolle als grundlegender Bezugspunkt spielt. Der Staat bildet das eigentliche Zentrum.
Selbst wenn es für unsere Darstellungen notwendig ist, später auf die Frage zu Europa und zu den multinationalen Konzernen zurückzukommen und das Zusammenspiel der wirtschaftlichen und politischen Interessen dieser Unternehmen im Verhältnis zum Staat zu beleuchten, so halten wir vorläufig die Aussage für richtig, daß sich Institutionen und Individuen immer in Bezug auf eine unbewußte Logik strukturieren bzw. restrukturieren. Diese ist (noch?) überwiegend national.
Nehmen wir auch heute noch als Beispiel den französischen Norden, nahe der Grenze: Bei Grenzüberschreitung (in den Ardennen besteht kein Sprachproblem) verändert sich grundlegend das gesellschaftliche Bezugsfeld. Ein Franzose aus den Ardennen unterscheidet sich in vielen Punkten hundert mal mehr von einem Belgier aus den Ardennen als von einem Franzosen in Marseille und sei es nur durch die Währung (so lange sich der Euro noch nicht in allen Geldbeuteln und in allen Köpfen durchgesetzt hat) oder die Zeitungen, die man kaufen kann, und die Briefmarken, die jenseits der Grenze keine Gültigkeit mehr haben.
Der zentrale Bezugspunkt eines Bewohners der Ardennen in Charleville an der "Peripherie" Frankreichs ist weiterhin ein anderer als der des Bewohners der Ardennen in Sugny oder Bouillon an der "Peripherie" Belgiens.
Andere Autoren ziehen es vor, vom kollektiven Subjekt und vom historisch-sozialen Bewußtsein statt vom politischen Unbewußten zu sprechen.
Sie gehen davon aus, daß individuelle Lernmechanismen und soziale Praktiken in einem bestimmten sozialen Bezugsfeld erworben werden: Sie gehen von einer permanenten Interaktion zwischen individuellem und kollektivem Subjekt auf einem komplexen nationalen Hintergrund aus. Ideologien, Werte und Verhaltensweisen einer bestimmten Gesellschaft, die weitgehend durch den Staat determiniert sind, werden unbewußt verinnerlicht. Erst durch den Kontakt mit anderen Gesellschaften werden sie bewußt.
Diese Autoren ziehen es vor, vom Nicht-Bewußtsein zu sprechen und vermeiden so den direkten Bezug zur Psychoanalyse. Demnach wäre beispielsweise die Art und Weise, in der Historiker eines bestimmten Landes die jeweilige Geschichte schreiben, in der sich die Bürger diese Landes "zu Hause fühlen" können, ein nicht bewußter Prozeß, der seinen Ausgangspunkt hat in den Zielen, die dem Individuum durch den Staat gesetzt werden, in den Interessen, die durch den Staat hervorgerufen werden, und in den Bedürfnissen, die der Staat geschaffen hat. Damit ist äußerstenfalls die Forderung nach einer neuen Geschichtsschreibung verbunden, in der nicht mehr je nach politischer Weltanschauung der regierenden Staatsmänner ein Aspekt besonders betont und ein anderer ganz einfach weggelassen wird.
Neben der vertikalen darf die Existenz einer horizontalen Strukturierung auf der Ebene der Unterschiede zwischen den sozialen Klassen nicht übersehen werden. Marxisten sehen größere Übereinstimmungen innerhalb der sozialen Klassen als innerhalb nationaler Zugehörigkeiten, woraus eine gewisse Form des "Internationalismus" entstand.
In diesem Sinne bestehen zwischen dem Arbeiter in Charleville und seinem Kollegen in Sugny durchaus Gemeinsamkeiten.
Schließlich müssen die kulturellen Gegebenheiten genannt werden, die uns vielleicht in heute mehr oder weniger durch die staatliche und industrielle Zivilisation verdeckte noch tiefer liegende Schichten der menschlichen Psyche führen können. Angehörige verschiedener Länder können Verhaltensweisen und Wertvorstellungen entwickeln, die einem ganz bestimmten Kulturbereich wie der des Mittelmeers oder Nordeuropas zuzuschreiben sind. Dabei bleibt jede Grenzziehung ungenau und vorläufig, und es sind damit noch nicht die Besonderheiten (z. B. "regionalistischer") noch kleinerer menschlicher Gruppierungen angesprochen. Was die neuen Länder angeht, können wir einen interessanten und seltenen Fall beobachten. Die Jugendlichen haben noch eine Sozialisation in der DDR erfahren. Alle ideologischen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Werte haben sich verändert. Sie könnten ausdrücken, was sich mit dieser Umwälzung in ihnen und mit ihnen vollzieht. Gegenwärtig zieht es die große Mehrheit vor, darüber unter sich zu reden.
Generell kann festgehalten werden, was diese Unterscheidungen verdeutlichen: Wenn einzig und allein die nationale Dimension als ausschlaggebend berücksicht wird, dann bedeutet dies, Personen und Gruppen zu versachlichen, denn jedes Individuum sollte sich seiner Zugehörigkeiten auf diesen verschiedenen Ebenen bewußt werden und deren Merkmale und Orientierungen verändern können.
Es wird deutlich, daß diese Problematik von erheblicher Bedeutung ist; sie steht im Mittelpunkt des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Insbesondere in der internationalen, interkulturellen Begegnungsarbeit dürfen all diese Dimensionen nicht übergangen werden.
Angesichts der Europäisierung und der Globalisierung der Interdependenzen, angesichts der zeitgleichen Kommunikation durch die Informationsmedien denken wir, daß schnelle Entwicklungen und langwierige Prozesse nicht miteinander verwechselt werden dürfen.
Schnelle Entwicklungen geben den Anschein, als würde die gesamte Erde uniformisierte Verhaltensweisen annehmen mit aufeinanderfolgenden Blitzinformationen ohne Bezug auf Kausalitäten, mit einer Auflösung gesellschaftlicher Bindungen, mit Identitätsverlust und mit Reaktionen aller Art auf diesen Prozeß.
Die Entwicklung deutsch-französischer Gruppen über mehrere Jahre hinweg zu beobachten und mitzuverfolgen, widerlegt diese zerstörerische Sichtweise. Sie erlaubt es uns, den langwierigen Entwicklungen nachzugehen.
Die nationale Frage bleibt weiterhin ein starkes strukturierendes Element. Man könnte sagen, daß die Auswirkungen der schnellen Entwicklungen auf vielfältige Weise gefiltert und interpretiert werden: durch die Kulturen.