Vorwort zur zweiten Ausgabe
"Interkulturelle Kommunikation und nationale Identität" ist im Oktober 1983 veröffentlicht worden. Sechzehn Jahre später ist dieser Text im Jahre 1999 weiterhin insgesamt hoch aktuell in seiner Beschreibung der interkulturellen Kommunikationsprozesse in den deutsch-französischen Begegnungen.
Wegen der niedrigen Zahl der Einsätze jedes einzelnen Animateurs/Gruppenleiters in solchen Begegnungen sowie wegen der geringfügigen Anzahl der für interkulturelle Kommunikation ausgebildeten Animateure/Gruppenleiter ist nicht davon auszugehen, daß sich interkulturelles Lernen als Ergebnis der Aneignung der hier geschilderten Kenntnisse und Erfahrungen durch die Akteure in den Begegnungen generalisiert hat.
Es herrscht noch zu häufig die Illusion vor, daß nur die Kenntnis der anderen Sprache einen fruchtbaren Austausch erlaubt. Auch wenn sich in der Zwischenzeit Sprachanimation entwickelt hat, wird sie allerdings für Anfänger häufig falsch aufgefaßt. Es ist einfach nicht möglich, eine Sprache in vierzehn Tagen zu erlernen. Unter bestimmten Bedingungen kann man eine Sprache höchstens sympathisch, "vernehmbar" werden lassen und Anfänger dazu anregen, damit ein wenig zu experimentieren.
Mit der Entwicklung der Mobilität der Jugendlichen in Europa wird es ihnen unmöglich, die Sprachen aller Jugendlichen zu erlernen, mit denen sie in Kontakt treten. Es ist deshalb notwendig, unsere Kenntnisse der Kommunikationsprozesse, die in bi- oder mehrsprachigen Gruppe ablaufen, zu erweitern. Die Entwicklung der Begegnungen mit dritten Ländern zeigt dies auf. Es wäre deshalb notwendig, diese Forschung auf mehrsprachige Gruppen auszuweiten.
Die Frage nach der nationalen Identität gestaltet sich heute übrigens anders. Mit der Teilnahme von Jugendlichen aus den neuen Bundesländern an den Begegnungen stellt sich diese Frage auf eine neue Art und Weise. Weil sie in der früheren DDR sozialisiert worden sind und sich seit 1989 in einer Akkulturationsphase in die Bundesrepublik Deutschland befinden, sind ihre sprachlichen Referenz- und Identitätsbezüge völlig im Umbruch. Ihrerseits hat sich bei den Jugendlichen aus dem früheren Westdeutschland, von denen in den Texten hier die Rede ist, die Wahrnehmung ihres Landes auch gewandelt. Wir stellen fest, daß die Bilder ihrer nationalen Identität immer noch getrübt sind aber nicht mehr in der gleichen Weise.
In ihrem Verhältnis zu Frankreich zeigen die ostdeutschen Teilnehmer unterschiedliche Reaktionen. Manchmal sind sie lobender als jene zur früheren Bundesrepublik, manchmal kritischer. Auf der anderen Seite ist zu beobachten, daß gewisse Einforderungen, "Deutsch zu sein", wieder laut werden, aber die Bezüge darauf sind breit gestreut. In den Begegnungen ist es keinesfalls leichter als früher geworden, an die Frage der "nationalen Identität" heranzugehen, obwohl viele Deutsche und in den letzten Jahren immer mehr jetzt den Wunsch ausdrücken, als Bürger eines "normalen Landes" angesehen zu werden: "wie die anderen Länder in Europa".
Die Fragestellungen zur "nationalen Identität" beschäftigen auch weiterhin die "Köpfe", auch wenn es jenen nicht gefallen sollte, die sie als "überholt" ansehen und nur den Auswirkungen der Globalisierung der Information und der Wirtschaft Bedeutung einräumen.
Der Text von 1983 beschrieb das deutsch-französische Interkulturelle zu seiner Zeit. Mit dem Hinzukommen der Jugendlichen aus den neuen Ländern ging ganz offensichtlich eine Veränderung der Erklärungsmodalitäten interkultureller deutsch-französischer Beziehungen einher. Man kann sogar sagen, daß die interkulturelle Kommunikation selbst sich jetzt zu Dritt vollzieht: Frankreich, die frühere Bundesrepublik und die frühere DDR mit Netzwerken stillschweigenden Einverständnisses und neuen Konflikten unabhängig von der tatsächlichen Präsenz von Teilnehmern aus den alten oder neuen Ländern. Dies gilt natürlich noch stärker, wenn der deutsche Partner aus den neuen Ländern kommt, wo soziales Verhalten z. B. die Tradition des internationalen Austauschs auf anderen Grundlagen beruhte.
In dieser zweiten Ausgabe werden diese neuen Fragen, dort wo es möglich ist, angeschnitten.
Jeanne Kraus