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- III. Ökonomische Steuerungstheorie: Auch Kapitalismen sind kulturspezifisch
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- 1. Die ökonomische Steuerungstheorie trennt nicht zwischen Ökonomie und Kultur
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- Viele Theorien definieren zwar die Ökonomie als ganz spezielle Disziplin, reklamieren jedoch um so mehr eine gewisse universell gültige Gewißheit, die weniger wissenschaftlich als vielmehr szientistisch ist. Demgegenüber ordnet die Steuerungstheorie die Ökonomie wieder in den Rahmen von Gesellschaftsaufbau und Kultur ein, die im Laufe der Geschichte geschaffen wurden. Dieser Rahmen konstituiert einen Rückhalt an möglichen Verstärkungen oder Kompensationen, die allen gesellschaftlichen Akteuren zur Verfügung stehen, um die zahlreichen Strategien zu regulieren. Dies betrifft unter anderem auch die wirtschaftlich Handelnden, aber nicht sie allein.
In dieser Sichtweise kann es keinen universalen Kapitalismus geben, der auf irgendeine Art und Weise rein "technischer" Natur wäre und der mit den jeweiligen nationalen Kulturen nichts zu tun hätte. Sicher mag eine Nation, die momentan dominant ist, dazu neigen, ihren eigenen Kapitalismus für "den" universalen Kapitalismus schlechthin auszugeben (vgl. Fukuyama 1992), doch dies stellt nichts anderes dar als das Verfolgen der eigenen Dominanzstrategie. In Wirklichkeit sind die Kulturen auch "Trumpfkarten" in den Händen der wirtschaftlichen Akteure. In diesem Sinne sind, selbst wenn man auch den Kapitalismus im allgemeinen thematisieren kann, die Kapitalismen auch kulturspezifisch. R. Boyer hat hierfür vier hauptsächliche Spielarten vorgestellt, die exakt an nationale Kulturen anknüpfen, oder zumindest an solche Kulturen, die innerhalb nationaler Kulturen dominant sind.
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- 2. Angelsächsischer Kapitalismus
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- Der "angelsächsische Kapitalismus" definiert sich als derjenige, in dem "der Marktmechanismus dazu neigt, praktisch die Gesamtheit aller Bereiche des wirtschaftlichen und sozialen Handelns zu beherrschen. Innovation wird angeregt durch die private Aneignung ihrer Gewinne und ist organisiert auf der Basis der strikten Beachtung der Rechte an geistigem Eigentum; der Zugang zu Bildungschancen wird durch ein Kalkül gelenkt, das an möglichst hohen Erträgen aus dem eingesetzten Humankapital ausgerichtet ist, die Kreditgewährung durchläuft einen im höchsten Maße ausgeklügelten Finanzmarktmechanismus, und die Gesetzgebung verfolgt das Ziel, eine rigorose Konkurrenz aufrechtzuerhalten. Konkurrenz oder Wettstreit sind auch im Bereich politischer Programme und Karrieren vorherrschend, der Akzent liegt auf der Begrenzung der Zentralgewalt, was auch ein schwach entwickeltes soziales Netz und eine nur in geringem Maße an Umverteilung ausgerichtete Finanz- und Steuerpolitik mit beinhaltet. Von den Ergebnissen her betrachtet, sind die entscheidenden Punkte "das Fortschreiten grundlegender Erkenntnisse und patentierbare Erneuerungen und Erfindungen: Biologie, Software, Freizeitindustrie."
Dies ist die gegenwärtig prägnanteste Konfiguration, sie ist charakteristisch für die USA und, mit geringfügigen Abweichungen, auch für Großbritannien. Nachdem er im Bereich der Produktion wie auch der Handelsbeziehungen entscheidende Rückschläge erlitten hatte, ist dieser Kapitalismustyp heute wieder in einer relativen Position der Stärke und versetzt die drei übrigen Typen in Unruhe.
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- 3. Kapitalismus mit staatlichen Impulsen
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- Der staatlich angetriebene Kapitalismus überwiegt in den romanischen Ländern. In Frankreich beispielsweise "ist der Staat der allgegenwärtige Herr der Regulierung." Durch das öffentliche (Aus-) Bildungssystem zieht er zunächst die Eliten an und selektiert unter ihnen - und zwar bis hinauf zu den höchsten Ebenen, wie die Arbeiten von Bauer, Bertin-Mourot und Mendras belegen.
"Es geht nicht nur um einen keynesianischen Staat, der sich um die Konjunktur kümmert, sondern er organisiert auch und vor allem die Bedingungen einer strukturellen Konkurrenzförmigkeit: Unter seinem Schutz regelt sich der größere Teil der Abstimmung zwischen Angebot und Nachfrage. Angelsächsische Analysten sind dadurch stark irritiert. Sie sind von einer bewundernden Anerkennung des französischen Wunders zu einer insbesondere hinsichtlich der viel diskutierten Eurosklerose bedenklichen Einschätzung übergegangen: Sobald der öffentliche Motor aus dem Takt gerät oder blockiert, bricht die Triebfeder dieses Kapitalismus auseinander, und man kann geradezu dabei zusehen, wie die Zahl der Vorkämpfer einer liberalen Revolution wächst."
Diese Bemerkungen muß man im Zusammenhang sehen mit der Bedeutung, die die königlich/kaiserlich-höfische Kultur in den romanischen Ländern und vor allem in Frankreich hatte.
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- 4. Sozialdemokratischer Kapitalismus
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- Im "sozialdemokratischen Kapitalismus" ist die Verhandlung zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Vertretern des Staates das bevorzugte Instrument, um die langfristige Konkurrenzfähigkeit und beständige Einkommensverbesserungen im Hinblick auf größtmögliche Gleichheit sicherzustellen. Dieser Kapitalismus-Typus ist sicherlich seit 1989 in eine Krise geraten, doch hat die "sozialdemokratische Logik trotzdem noch lange nicht ausgedient". Dies betont auch Boyer: "Der schwedische Kapitalismus ist insbesondere gut geeignet, um Innovationen in den Bereichen Umweltschutz, medizinische Versorgung und Humanisierung der Arbeitswelt zu erreichen."
Diese Form des Kapitalismus ist im Zusammenhang zu sehen mit den Entwicklungseinflüssen konsensorientierter Kulturen, deren entlegene Wurzeln in den gemeinschaftszentrierten Stammeskulturen zu suchen sind. Diese haben die kulturelle Entwicklung in jenen Gesellschaften stärker beeinflußt, deren Größe über längere Zeiträume hinweg eher begrenzt war und in denen Beziehungen der Nähe bevorzugt waren.
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- 5. Mittelschicht-Kapitalismus
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- Als vierte Form schließlich ist der Mittelschicht-Kapitalismus auf eine Unmenge von Koordinierungsprozessen der Marktkräfte gegründet. "So resultiert in Japan die Innovation aus allgemein geteilten praktischen Fertigkeiten, deren Konstitution eine große Stabilität der qualifizierten Arbeit innerhalb der Firma voraussetzt, die in erster Linie der Ort ist, an dem Führungskräfte und Angestellte zusammenarbeiten (und erst in zweiter Linie Eigentum und Kontrollobjekt von Aktionären). Die Auswahl der Eliten ist mehr dem (Aus-) Bildungssystem anvertraut als der Mobilität auf dem Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Kräfte. Wechselseitige Beteiligungen und enge Beziehungen zwischen Unternehmen und Banken eröffnen einen weiten Horizont für Investitionen. Die Mobilisierung von Lerneffekten und die Weiterentwicklung von Koordinierungsprozeduren führen zu einer Spezialisierung in Bereichen wie der Automobilindustrie, der Unterhaltungselektronik oder der Robotik, in denen der angelsächsische Kapitalismus bereits seine Grenzen aufgezeigt hat."
Diese Kapitalismus-Typen sind bislang vor allem charakteristisch für die westliche Welt gewesen. Japan und einige der neuen Industrienationen Asiens haben sich hinzugesellt. Neue Entwicklungen finden derzeit statt.
Auf diesem Niveau ist Kultur niemals ein bloßer Stempel der Vergangenheit, den eine heutige ökonomische Strategie zum Verschwinden bringen könnte. Außerdem ist jede Strategie stets auch kultureller und niemals ausschließlich "technischer" Natur. Abhängig von jeweiligen Zwängen und Freiheiten ist jede nationale Kultur ständig dabei, sich zu verformen, sich neu zu formen, sich zu verändern, sich zu erneuern, sich anzupassen. Sofern sich eine Möglichkeit hierfür bietet, wird sie von den Mängeln der anderen und ihren eigenen, spezifischen Vorteilen zu profitieren suchen. Eine Kultur, selbst wenn wir sie als "national" bezeichnen, ist praktisch zu einem so eigenen, hochgradig komplexen System geworden, daß sie sich nicht ausschließlich mit dem institutionellen Rahmen eines Nationalstaates identifizieren läßt. Die Problematisierung eines solchen Rahmens bedeutet aber nicht unbedingt zugleich auch das Ende und die Ersetzung einer nationalen Kultur. Im folgenden vierten Teil werden wir sehen, daß diese Entwicklungen im Bereich von Gewinn-, Verlust- oder dazwischen schwankenden Strategien heute schneller und lebhafter verlaufen. Aber gilt dasselbe auch für die kulturellen Wurzeln und Grundlagen? Diese sind beharrlicher als man glaubt, oftmals auch unabhängig von den erzielten Ergebnissen. Dies zeigen die im folgenden besprochenen Untersuchungen ganz deutlich.
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