Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Jacques Demorgon,
Hochschullehrer an den Universitäten Bordeaux, Reims, Paris 8 und Compiègne

Inhaltsverzeichnis

IV. Die Leiter großer Unternehmen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien
Untersuchungen von B. Bertin-Mourot, M. Bauer, P. Thobois, E. Suleyman, J. Mendras
 
Wir haben bereits andernorts unterstrichen, daß der Nutzen groß angelegter Befragungen unbestreitbar ist. Sie erlauben es, die Stabilität oder Weiterentwicklung von Phänomenen zu überprüfen.

Hierzu ist es allerdings noch erforderlich, zu einem ganzheitlichen Denken zu gelangen. Dies geschieht in den meisten Fällen aber nicht. Deshalb konnten nur wenige Forscher zu jenen vertieften Kenntnissen vordringen, die es erst ermöglichen könnten, eine retrospektive Entwicklungsgeschichte der Kulturen zu entwickeln. Diese kann sich immer nur in der jeweiligen Gegenwart auf der Grundlage von interdisziplinären Forschungen einstellen, in denen allerdings die Sozial- und die Geschichtswissenschaften einen besonderen Platz einnehmen müssen.

Wie kann man etwa in der Betrachtung Frankreichs jene Tendenzen ignorieren, die die Kultur auf sehr lange Sicht prägen? Die von König- und Kaiserreich geprägte, höfische Strömung in der Kulturgeschichte hat sich auf breiter Front gegenüber der Strömung der gemeinschaftszentrierten Stammeskultur durchgesetzt. Auch wenn die Revolution von 1789 diese Entwicklung vorübergehend gestoppt hat, so ist sie doch in der Folgezeit wieder in Gang gekommen und hat sich fortgesetzt.

Eine eigenartige Umformung hat sich darin vollzogen, jedoch keine Abkehr bzw. Abschwörung. Es war niemand anders als Napoleon mit seinen Juristen, der diese Umformung zu kunstvoller Vollendung brachte. Es ist das Kaiserreich, das den Übergang zwischen Königtum und Republik bewirkte. Seither hat die Kontrolle des französischen Staates über die Wirtschaft nicht nachgelassen. Lediglich seine Mittel haben sich gewandelt. Diese Kontrolle wird insbesondere ausgeübt durch die Vermittlung der sogenannten "grands corps", ein Begriff, der sich jeglicher Übersetzung entzieht. Die "grands corps“, das sind etwa der Staatsrat (Conseil d’Etat), der Rechnungshof (Cour des Comptes), die Finanzaufsicht (Inspection des Finances), die nationale Straßen- und Brückenverwaltung (Corps bzw. Service des Ponts et Chaussées), die nationale Bergbauverwaltung (Corps bzw. Service des Mines). Der einzige Zugang zu diesen Institutionen führt über die "Grandes Ecoles", deren Bedeutung als Elite-Schulen in der Übersetzung "höhere Fachschulen" wiederum nur sehr unzureichend zum Ausdruck kommt (vgl. Bourdieu 1984 und 1989).

Mit dieser Perspektive haben Michel Bauer und Bénédicte Bertin-Mourot (1987) Mitte der 80’er Jahre eine breitangelegte Befragung durchgeführt. Als sie ihre Ergebnisse in einem Buch mit dem Titel "Die 200 - Wie man ein großer Chef wird" veröffentlichten, sahen sie sich heftiger Kritik ausgesetzt. Die Seriosität und methodische Strenge der Untersuchung selbst waren kaum angreifbar, also wurde behauptet, die zwar zutreffenden Ergebnisse seien doch zwischenzeitlich schon überholt. B. Bertin-Mourot faßt es in klare Worte: "Man hat uns vorgeworfen, einen Zustand voll von ‘alten Hüten’ abgebildet zu haben, der doch sowieso auf eine rasche Umwälzung infolge der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen und der Modernisierung der französischen Wirtschaft zusteuere."

Für uns, die wir mit der Betrachtung langfristiger kultureller Entwicklungsverläufe vertraut sind, ist es offensichtlich, daß diese Kritiken Ausdruck einer andauernden Ignoranz sind gegenüber dem, was die Kulturen ausmacht und gegenüber ihrer Beziehung zum Strategischen.

Doch Bauer und Bertin-Mourot traf die Kritik an ihrer empirischen Methodologie an einem wunden Punkt, und sie entschlossen sich, ihre Untersuchung zehn Jahre später noch einmal zu wiederholen, wobei sie "deren reine Essenz" anstrebten. B. Bertin-Mourot stellte diese neuen Ergebnisse gemeinsam mit M. Bauer und P. Thobois in einem neuen Buch unter dem Titel "Die Führenden unter den 200 größten Unternehmen in Frankreich und Großbritannien" vor, das 1995 erschien. Wie unsere Theorie der Langfristigheit kultureller Entwicklungsverläufe schon ahnen ließ, haben sich die Verhältnisse in nur zehn Jahren nicht verändern können. Dennoch lehrt uns diese zweite empirische Untersuchung etwas: Die damals in der Mitte der 80’er Jahre festgestellten Tatsachen waren weit davon entfernt, zu verschwinden, im Gegenteil, sie hatten sich in der Mitte der 90’er Jahre noch stärker akzentuiert, als ob sich die französische Kultur gegenwärtig eher in einer Phase der Verstärkung befände, der Verkrampfung würden wohl manche sagen.

Die Autoren haben ihre Forschungsfrage operationalisiert, indem sie zunächst definiert haben, was als Vorteil oder Trumpf für den Aufstieg in die Führungsposition eines großen Unternehmens betrachtet werden kann. Die Trumpfkarte "Staat" ist von 41% auf 47% angestiegen, die Trumpfkarte "Kapital" von 28% auf 32%. Die Trumpfkarte "Karriere" (d. h. allmählicher Aufstieg) ist von 31% auf 21% zurückgegangen. Das heißt: Heute werden in Frankreich etwa 50% der Leiter von Großunternehmen im "staatlichen Zuchtbecken entdeckt, im allgemeinen also nach dem Absolvieren von ‘Grandes Ecoles’ und staatlichen ‘grands corps’." Demgegenüber ist der Anteil der Anwerbung auf der Grundlage von Fähigkeitsnachweisen, die im Laufe einer in privaten Unternehmen durchlaufenen Karriere erbracht werden, von knapp einem Drittel auf nur noch ein Fünftel abgesackt.

Die Autoren haben auch an dem Band "Die Rekrutierung von Eliten in Europa" mitgearbeitet, der von E. Suleyman und H. Mendras (1995) herausgegeben wurde. Sie haben das Werben von Wirtschaftseliten in Deutschland und Frankreich verglichen. B. Bertin-Mourot betont, daß "das System in Deutschland ganz anders funktioniert: Die Leiter machen wirkliche Karrieren innerhalb des Unternehmens, bevor sie an die Spitze gelangen. Wenn ein großer deutscher Unternehmer nach Frankreich kommt und man dort hört, er habe als Mechaniker in seinem Unternehmen angefangen, dann ist das für seine französischen Partner höchst erstaunlich."

Gemessen an der langfristigen Entwicklung von Kulturen läßt sich dies auf das Vorherrschen der stammesgesellschaftlich geprägten, gemeinschaftszentrierten Kultur in Deutschland während des ersten europäischen Jahrtausends zurückführen. Diese Kulturen führen stets zu einem stärker egalitären Geist. Darüber hinaus führen sie im Gegensatz zu kaiserlich-höfischen Kulturen nicht zur Verachtung wirtschaftlicher Tätigkeiten. (Die Entwicklungsperspektiven einer höfisch geprägten Kultur bleiben in Deutschland immer relativ: Die Vorherrschaft des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bleibt stets gewissermaßen gebremst, der Einfluß der katholischen Kirche wird durch die Reformation eingegrenzt.)

Was schließlich Großbritannien betrifft, so fügt B. Bertin-Mourot hinzu: "Hier ist es noch einmal ganz etwas anderes, hier sind die Unternehmensführer zu einem großen Teil Leute, die sich Anerkennung verschafft haben - nicht innerhalb eines Unternehmens, sondern allgemein in der Wirtschafts- und Finanzwelt."

Wir können unsererseits auch hier die langanhaltende Kontinuität der britischen Kultur aufzeigen. Aristokratie und Großbürgertum haben sich verbündet und der Ökonomie den Primat über alle anderen Tätigkeitsfelder zuerkannt, insbesondere auch gegenüber dem Militärischen. Diese Elite hat schließlich das Königtum an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt und es ist ihr gelungen, die politische Macht zu erringen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ist Großbritannien zur ersten Wirtschaftsnation (d. h. zu einer Nation, die sich um das Wirtschaftliche, um den Markt herum gruppiert!) geworden.

 

retour
Inhaltsverzeichnis
weiter