|
- V. Drei Modelle - Der Tanz im Dreieck
-
- 1. Ein gestörtes japanisches Modell oder ein komplexeres Japan?
-
- Im letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, das weiß man inzwischen, erfährt auch die japanische Wirtschaft eine Krise. Die Entstehung und dann das Zerplatzen der spekulativen Seifenblase hat die Anleger Vertrauen verlieren lassen.
Die langsame und viel zu wenig effektive Mobilisierung des Staates anläßlich einer Erdbebenkatastrophe, der Sektenterror in der Tokioter U-Bahn, beginnende Arbeitslosigkeit - all dies läßt das Bild der japanischen Gesellschaft weniger glanzvoll werden. Daher verstummen auch jene Erklärungen, die den früheren Erfolg auf eine vorteilhaftere Kultur zurückführen wollten.
In "Der letzte Staat der Welt" (erschienen in Le Monde, Dossiers et Documents, Mai 1996) schreibt Alain Vernholes: "Viele Unternehmen reorganisieren sich und verlagern ihre Produktion ins Ausland, um von niedrigeren Kosten zu profitieren. Daraus ergeben sich neue Verhaltensweisen: Bestimmte Kategorien von Arbeitnehmern, insbesondere Zeitangestellte und Frauen, erleben erstmals die Härten der Unternehmensplanung - sie werden entlassen. Die Arbeitslosenquote liegt jetzt bei etwa 3,5% der erwerbsfähigen Bevölkerung und sogar diplomierten Hochschulabsolventen gelingt es nicht mehr, Arbeit zu finden."
Laurent Zecchini zeigt seinerseits neue Konfliktpunkte in den Handelsbeziehungen auf: "Japanische Gesellschaften wie etwa Toyota verstärken ihre Bemühungen um Präsenz in den USA, ohne daß im Gegenzug die Autobauer aus Detroit ihren Zugang zum japanischen Verteilernetz nennenswert erweitert hätten. Das Vordringen von Eastman Kodak auf den japanischen Markt stößt auf das praktische Monopol von Fuji. All die offenen Fragen in den Bereichen Lufttransport und Telekommunikation, beim Urheberrechtsschutz für musikalische Werke, schließlich auch bei der Verlängerung von Abkommen im Bereich der Halbleitertechnik stellen zugleich immer auch potentielle Zankäpfel dar." Und dies um so mehr, als die USA anscheinend zu besseren Bedingungen zurückgefunden haben.
Strebt man nach einem exakteren und tieferen Verständnis für das Werden der japanischen Wirtschaft, so kann man dies nur durch das Offenlegen des beständigen Wechselspiels zwischen Kultur und Strategien erlangen. Hierbei sollte man zumindest auf die Strategie der Abschottung gegenüber dem Ausland zurückgehen, die durch die großen japanischen Führer Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu begonnen wurde. Diese Abschottung über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg war Grundlage für die Beständigkeit und besondere Ausformung bestimmter Verhaltens- und Benehmensweisen. Insbesondere ist hier die Orientierung der Kommunikation am Impliziten und Implizierten zu nennen. Während dieser Phase der relativen Geborgenheit konnte Japan verschiedene Fortschritte erzielen, die sich später als positive Grundlagen für die Industrialisierung erwiesen. Die japanische Soziologin Nakane Chie hebt zwei dieser aus der Ära Tokugawa überlieferten Bedingungen besonders hervor. Die erste läßt sich in der außergewöhnlichen Qualifikation der Bauern finden. Diese haben in der Tat trotz der Konzentration des Landbesitzes die Möglichkeit behalten, "unabhängig von ihrem Status ihre Böden so zu bestellen, wie sie es verstanden. Es ist die Geschicklichkeit und das Organisationstalent dieser Arbeitskräfte, die ihren raschen Transfer hin zur entstehenden Industrie ermöglichten. Die Bauern hatten nicht den perversen Prozeß der Proletarisierung der Landbevölkerung durchlitten. Sie wurden zu Arbeitern, die in der Lage waren, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen." Darüber hinaus haben die Bauern der Autorin zufolge auch dazu beigetragen, das soziale Ansehen manueller Arbeit aufrechtzuerhalten. Sie haben auch ihre gemeinschaftsorientierten Fähigkeiten, die aus ihrer früheren ländlichen Gesinnung überdauert hatten, beibehalten. So konnten sie den Zersetzungstendenzen, die dem städtischen Milieu innewohnten, widerstehen, sofern sie fähig blieben, sich ihren Traditionen gemäß wieder zusammenzufinden und zusammenzuschließen. Die andere grundlegende Bedingung liegt für die Autorin in der Qualität des bürokratischen Systems. Während der Ära Tokugawa sind die Samurai (Bushi) von Kriegern zu Verwaltern geworden. Sie gehören zum Verwaltungsstab eines Feudalherrn und Großgrundbesitzers. Als treue Gefolgsleute können sie sogar einen Erbanspruch erwerben. Ihre Schlagkraft von einst hat sich in diesem neuen Zusammenhang - konvertiert zwar - doch erhalten. Nach Ansicht der japanischen Soziologin gilt, daß technologische Fortschritte und ökonomische Veränderungen diese grundlegenden Gegebenheiten der Kultur nicht verändert haben. Und das ist für sie "der wirkliche Grund für den Erfolg des Industrialisierungsprozesses in Japan".
Diese Analyse scheint sich insofern zu bestätigen, als im Anschluß an den Zweiten Weltkrieg die undurchdachten Bestrebungen nach Anwendung des Taylorismus in Japan zu heftigen Gewaltausbrüchen noch bis 1960 führten. Der Taylorismus führte zu so etwas wie der Unterjochung des Angestellten, der nun definitiv eingeschränkt wurde auf eine nicht qualifizierte, hinsichtlich des Ziels zerstückelte und isolierte Arbeit. Dies war mit den traditionellen, japanischen zwischenmenschlichen Beziehungen unvereinbar.
Eine andere Arbeitskonzeption wurde erprobt. Sie schuf kleine Arbeitseinheiten, die jede für sich jeweils für einen Fertigungsabschnitt verantwortlich waren. Die Arbeitsgruppe war verantwortlich für ihr Tempo und für die Verwertung oder Umsetzung der in ihr vorhandenen Qualifikationen. Dies wurde zum "Toyotismus", einem Arbeitssystem, das in den Werken der Toyota-Gruppe erfunden wurde. Während der Taylorismus den Menschen zum Roboter machte, sind es später im "Toyotismus" die Arbeitsgruppen, die sich die Dienste der Roboter zunutze machen.
Doch war die Qualität der japanischen Bauernschaft nicht nur für die Industrie gewinnbringend. Sie war auch die Grundlage der Leistungen all derer, die auf dem Lande blieben. Ihnen gelang es, den Ertrag und die Produktivität in ganz beachtlichem Maße zu steigern (vgl. Études et recherches 1990, Coriat 1991). Und das war unbedingt notwendig, da sie ja weniger zahlreich geworden waren.
Diese ersten Erfolge waren dennoch nicht ausreichend, um die von den Regierenden angestrebte Beschleunigung im Prozeß des Aufholens gegenüber der westlichen Industrie zu erreichen. Nach einer Phase der kaiserlichen Restauration entschieden sich gewisse Akteure, die Vereinheitlichung und den Aufholprozeß durch einen Dirigismus voranzutreiben, der schließlich in den Faschismus führte. Dieser führte im Interesse seiner Selbsterhaltung in eine maßlose internationale Ambitioniertheit, die letztlich dann die Niederlage im Laufe des Zweiten Weltkrieges nach sich zog.
Japan, das sich selbst die industrielle Revolution verordnet hatte, erlebt in der Folge, wie die Siegermächte nun auch die politische Revolution durchsetzen. Gleichwohl wurde diese erste Praxiserfahrung mit der Demokratie, die zunächst einmal zu großen Trennungen und Uneinigkeit führte, durch Strategien der Einbindung von Unternehmen korrigiert. Politische Konfrontationen wurden Schritt für Schritt reduziert, und zwar auf der Grundlage einer immer stärkeren Berücksichtigung der Sicherheitsbedürfnisse der Arbeitnehmer durch die Unternehmen.
In einer Art und Weise, die von den Spitzen her symmetrisch angelegt war, bauten Unternehmen und Staat eine Solidarität der Interessen auf, deren wohlbekanntes Instrument das berühmte M.I.T.I. war.
Der wirtschaftliche Aufstieg Japans erscheint als ein äußerst komplexes Phänomen, das sich zusammensetzt aus einer Vergangenheit voll von Ungleichzeitigkeiten (Rückständen und Vorsprüngen), von Hochmütigkeiten und Demütigungen, und einer Gegenwart, die gewaltige Anstrengungen, Verhandlungen, Abstimmungen und Gewinne enthält. Im gesamten Verlauf dieser Entwicklung hat sich eine erdachte Zukunft verwirklicht und dazu beigetragen, bei den Japanern eine starke und verläßliche Motivation zu schaffen, die eng an den Nationalstolz geknüpft ist.
In der Folgezeit gab es ein Zusammentreffen von japanischen Fehlern (die Seifenblase der Spekulation) und internationalen, insbesondere amerikanischen, ökonomischen Gegenoffensiven. Das Ergebnis ist, daß Japan weiterhin auf der Suche bleibt nach einer neuen Balance zwischen seinen besonderen kulturellen Grundlagen und den strategischen Neuentwicklungen und -orientierungen, die notwendig sind, um auf neue Herausforderungen und neue Zwänge zu reagieren.
-
-
- 2. Ein wiederentdecktes amerikanisches Modell
-
- In seinem Buch "Nationale Wettbewerbsvorteile", das 1990 in New York erschienen ist, zeichnet Michael E. Porter zunächst ein kritisches Bild von der Wirtschaft der Vereinigten Staaten: "Ihre Bedeutung nimmt in zahlreichen Industriezweigen ständig ab; die Zielsetzungen von Unternehmen und Einzelnen schlagen sich nicht mehr in langfristigen Planungen und Entwicklungen nieder; die Konkurrenzfähigkeit hat nachgelassen; die Spanne zwischen dem Lebensstandard ausgebildeter und qualifizierter Erwerbstätiger und allen anderen vergrößert sich; die Unternehmen wenden sich an die Regierung, damit diese den Konkurrenzdruck abmildern soll, und ziehen so die Spirale der staatlichen Beihilfen an. Insgesamt ist die Tonart nicht mehr offensiv, sondern im Gegenteil defensiv." Dabei mag einem eine andere Veröffentlichung einfallen, der sogenannte "Horrorbericht des MIT" mit dem Titel "Made in America. Für ein Wiedererlangen industrieller Handlungsfähigkeit".
Dennoch bleibt M.E. Porter vorsichtig. Nach den vorausgegangenen Bemerkungen fährt er etwas optimistischer fort: "Die Grundlagen für eine starke Wettbewerbsfähigkeit fehlen in den USA durchaus nicht: Es gibt Hochschulen mit hohem Niveau, außerordentliche Nachfrage in bestimmten Bereichen, Risikobereitschaft, Konstanz bei der Schaffung neuer Unternehmen, demographische Entwicklungen, die nach Produktivitätszuwächsen verlangen. [...] Die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung verspricht, der amerikanischen Erfindungsgabe und dem amerikanischen Unternehmergeist gute Gelegenheiten zu eröffnen."
1996 ziehen mehrere Autoren denn auch eine positive Bilanz. Die Vereinigten Staaten haben auf den Wachstumspfad zurückgefunden. Die Arbeitslosigkeit ist zunächst auf 5,6% zurückgegangen und dann sogar so weit, daß gelegentlich schon von ihrem Verschwinden die Rede ist.
Erik Izraelewicz kann schreiben, daß "diese Rückkehr Amerikas [...] alle Bereiche der Industrie" betrifft. Er hebt besonders die Kontrolle über den Weltmarkt für Rohöl hervor sowie den starken amerikanischen Einfluß auf den weltweiten Handel mit Nahrungsmitteln sowie den Vorsprung bei der Internationalisierung der amerikanischen Industrien. Japanischen Regierungsangaben zufolge liegt der Anteil der Produktion amerikanischer Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten bei 25% des amerikanischen Bruttosozialproduktes. "Für die Europäer liegt der entsprechende Wert zwischen 10 und 15%, für die Japaner bei 6%."
Der Autor fügt noch hinzu, was für ihn das eigentlich entscheidende ist: "Die wirkliche, weltweite Vorherrschaft, die die Amerikaner in den Industrien des 21. Jahrhunderts errungen haben: Finanzwirtschaft, Multimedia, Kulturindustrien. Die Zeichen für den amerikanischen Vorsprung sind vielfältig. Die Vereinigten Staaten verfügen über eine Industriepolitik, die diesen Namen verdient: Al Gore und sein Projekt der Daten- und Informationsautobahn erregt den Neid von Japanern und Europäern. Die Amerikaner verfügen über die Technologie. Sie sind dabei, mächtige Industriegruppen zu schaffen: Microsoft, Time Warner usw. Sie vervielfältigen die Erfahrungen und Erprobungen, und sie verfügen bereits über eine beachtliche Infrastruktur."
Was den Bereich der Binnennachfrage und -konsumtion betrifft, so merkt E. Izraelewicz (1996) an, daß bereits 40% der amerikanischen Haushalte über einen Personal Computer verfügen, gegenüber 10% der französischen Haushalte. Er fügt noch hinzu, daß im beruflichen Bereich die Hälfte der amerikanischen Führungskräfte tagtäglich mit ihrem PC arbeiten, gegenüber nicht einmal 10% in Japan.
Der Autor schließt mit dem amerikanischen Erfolg im Bereich der Beschäftigung. Er erinnert an die liberale Empfehlung, die als Credo aufgenommen wird: "In den USA ist jedermann bestrebt, sich selbst Beschäftigung zu verschaffen, während in Europa wie auch in Japan Beschäftigung etwas ist, das von Institutionen gegeben wird."
Man steht hier wohl vor einem kulturellen Modell, das - bei all seinen Schattenseiten, bei Armut und ethnischen Konflikten - doch in der Lage zu sein scheint, seine früheren Einbrüche und Abschwächungen der Wirtschaftskraft zu korrigieren.
-
-
- 3. Die Krise des deutschen Modells
-
- Seit einem halben Jahrhundert hat Deutschland nun den Weg einer demokratischen Wirtschaftsnation im Umfeld verallgemeinerter ökonomischer Konkurrenz eingeschlagen. Wir haben schon zuvor bei der Behandlung der Arbeiten von Maurice Bommensath, Michel Albert und Robert Boyer die entscheidenden Aspekte der rheinischen Variante des "sozialdemokratischen Kapitalismus" (oder mit der in Deutschland üblichen Bezeichnung: der "sozialen Marktwirtschaft") kennengelernt.
Der Übergang vom Sowjetreich zur "Gemeinschaft unabhängiger Staaten" oder Rußland, ehemals Kaiserreich und nun Wirtschaftsmacht mit Anlaufschwierigkeiten, hatte die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ermöglicht. Damit mußte Deutschland eine Politik der Eingliederung der ehemaligen Ostdeutschen entwickeln. Deutschland könnte in der Lage sein, hier erfolgreich zu einem neuen Gleichgewicht zwischen Einheit und Vielfalt zu gelangen. Einerseits wegen seiner zentraleren geographischen Lage in Europa; andererseits wegen seiner nun gleichfalls zentraleren wirtschaftlichen Position in der gegenwärtigen Globalisierungsphase.
Doch entkommen die deutschen Unternehmen, wie Claude Chancel schreibt, natürlich nicht "der Vielzahl der gegenwärtig sich stellenden Probleme: Kostensenkung, Globalisierung der Wirtschaft, Angleichung des Niveaus in Ostdeutschland, die Zukunft des Wirtschafts- und Produktionsstandortes Deutschland, Forschung in neuen Bereichen, Schwierigkeiten der sozialen Sicherung und Probleme in Folge der Neubewertung der D-Mark" (Chancel 1996). Dies geht so weit, daß 1994/95 gar über die Einrichtung eines "Zukunftsministeriums" nachgedacht wurde. Oft wird eine langfristige Strategie mit einem Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung verfolgt. "Siemens beispielsweise wendet 11% seines Umsatzes für Forschung und Entwicklung auf, gegenüber nur 1% bei General Electric." Aber dennoch ließ sich bei bestimmten deutschen Unternehmen eine im relativen Gegensatz zur Philosophie der sozialen Marktwirtschaft stehende Verschärfung oder Verhärtung der verfolgten Strategie beobachten. Diese geraten dann in Widerspruch zu den Interessen ihrer Arbeitnehmer. So hatte beispielsweise Mercedes Benz bislang immer innerhalb Baden-Württembergs investiert. Die Entscheidung für einen lothringischen Produktionsstandort für die Montage des "Swatchmobils" wurde von der IG Metall als eine "schallende Ohrfeige für die Gewerkschaften und für die Mercedes-Beschäftigten" gebrandmarkt.
Claude Chancel hebt drei wahrscheinliche Gründe für diese Entscheidung hervor: "Die französischen Gehälter, die 20 bis 30% unter den deutschen Gehältern liegen, der niedrigere Krankenstand westlich des Rheins und die Unterstützung öffentlicher Stellen (französischer Staat sowie regionale und lokale Behörden)." Und dies, so Chancel weiter, "machte den Unterschied aus" (Chancel 1996, 257).
Die deutsche Regierung hat strenge Maßnahmen ergriffen, wozu auch Einschnitte ins soziale Netz zählten - die allerdings teilweise auch der demographischen Entwicklung entsprachen -, wie etwa die Festsetzung des Renteneintrittsalters auf 65 Jahre für Männer und die Perspektive einer ähnlichen Maßnahme für Frauen. Erwähnen wollen wir noch die Absenkung der Krankenbezüge, die ausbleibende Angleichung der Arbeitslosenbezüge, die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Duldung von Zeitverträgen mit immer kürzeren Laufzeiten (18 Monate). Jacques Pierre Gaugeon erläutert dies mit den Worten von Kanzler Kohl selbst: "Es gäbe in Deutschland mehr Beschäftigung, wenn die Kosten der Arbeit niedriger lägen." (Gaugeon 1997) Das Modell der sozialen Marktwirtschaft gerät darüber hinaus auf verschiedene Weisen in Mißkredit. Das Berliner Institut für Wirtschaftsforschung legte 1995 Daten vor, denen zufolge 12,3% der deutschen Bevölkerung in Armut leben und weitere 25,4% in einer Grauzone zwischen Armut und unterster Grenze der Mittelschicht leben.
J.P. Gaugeon zitiert eine Reihe aufschlußreicher Überschriften aus der deutschen Presse: "Ein Modell im Elend" (Die Zeit vom 15.3.1996), "Das deutsche Modell gerät ins Wanken" (Die Woche vom 19.4.1996), "Deutschland - Ein überholtes Modell" (Süddeutsche Zeitung vom 13.4.1996), "Steht das deutsche Modell der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit vor dem Aus?" (Der Spiegel vom 29.4.1996), "Wird das deutsche Modell des Konsenses angesichts der internationalen Konkurrenz zusammenbrechen?" (Die Zeit vom 23.6.1996).
In den französischen Tages- und Wochenzeitungen werden die gleichen Fragen gestellt. Auch spezialisiertere Zeitschriften wie "Allemagne daujourdhui" oder "Documents" kommen immer wieder darauf zurück. Die Sonderausgabe für das erste Trimester 1996 der Zeitschrift "Documents" stellt die Frage: "Das deutsche Modell - Ende oder Neuanfang?".
J.P. Gaugeon schließt: "Mit der doppelten Erschütterung durch Vereinigung und Globalisierung konfrontiert, gerät das Prinzip der Solidarität ins Wanken." 1996 erachtete die Bundesregierung die "Abschaffung der Erbschaftssteuer" für notwendig. Das nordrhein-westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut hat nachgewiesen, daß die Finanzierung der Einheit stärker von den Empfängern mittlerer Einkommen getragen wurde als von den Empfängern höherer Einkommen.
Unter diesen Bedingungen ist das gegenwärtige Bild gewerkschaftlichen Handelns in Deutschland, insbesondere im direkten Vergleich zu Frankreich, beeinträchtigt, wie sich auch am 15. Mai 1996 zeigte, als 350.000 Menschen unter Führung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bonn demonstrierten.
-
-
- 4. Stimulanz und Opfer: Die unauffindbare Ethik
-
- Wir müssen uns hier erneut darum bemühen, den grundlegenden Irrtum zu vermeiden, der dazu führt, den kulturellen Grundlagen alles Strategischen einmal viel zu viel und dann wieder beinahe gar keine Bedeutung zuzumessen. All das, was die kulturellen Grundlagen zum "Wunder" des Wiederaufbaus und der Weiterentwicklung des deutschen Kapitalismus beitragen konnten, haben sie nicht allein aus sich selbst heraus erbracht. Sie haben dies innerhalb eines bestimmten Rahmens von Umständen und Bedingungen geleistet. Solch ein Rahmen entwickelt sich unentwegt fort, und zwar abhängig von seinen eigenen jeweiligen Erfolgen und Mißerfolgen. Angesichts der Erfolge des deutschen Kapitalismus wie auch des japanischen Kapitalismus konnten Reaktionen seitens des angelsächsischen Kapitalismus kaum ausbleiben. An diesem Punkt werden wir uns des Umstandes bewußt, daß es abgewandelte Formen der Kriegführung gibt, in denen, wie in allen Kriegen, oftmals die Bevölkerungen als Geiseln genommen werden. Dies kennen wir heute - militärisch gesehen - etwa durch die Embargos gegen Irak oder Kuba. Wir sind dabei, diesen Mechanismus im ökonomischen Bereich kennenzulernen, und zwar in der Form der Auslagerung von Produktionsstandorten. Diese gehorchen allerdings nicht mehr nationalen Strategien, sondern Unternehmensstrategien. Eine solch neuartige Logik der Akteure im Wirtschaftssektor stellt eine Herausforderung dar für die Handelnden in den anderen großen Sektoren der Politik, der Religion, der Information.
Angesichts dieser Probleme haben jedoch die nationalen, ideologischen, religiösen und gewerkschaftlichen Trennungen und Unterschiede bislang noch nicht die Entwicklung einer genauso einfachen Rationalität zugelassen, wie es die unternehmerische Rationalität ist, die eine Steigerung der Absätze (und damit der Gewinne) durch eine Reduktion der Preise erreicht.
Das moralische Denken zeigt hier einen spezifischen Rückstand, weil es bislang noch keinerlei theoretische Ansätze gibt, die sich mit der bisher ausschließlich selbst(des)organisierenden Dynamik der weltweiten Stimulanz und ihrer Opfer beschäftigt. Dennoch wird man überrascht sein, wenn man etwa sieht, wie sich ein japanischer Berater, der seit 1989 in Deutschland tätig ist, äußert. Minoru Tominaga (nicht zu verwechseln mit Kenshi Tominaga, dessen Arbeiten wir hier zuvor bereits vorgestellt haben) findet in einem halbseitigen Artikel in "Die Welt" vom 28.7.1995, "der deutsche Meister [sei] fett und faul geworden". Claude Chancel faßt die Folgen zusammen: "Die Qualität im Umgang mit der Kundschaft und im Bearbeiten von Akten und Projekten läßt in deutschen Unternehmen zu wünschen übrig. [...] Man muß sich über die höchsten Urlaubsansprüche bei niedrigsten Wochenarbeitszeiten wundern, über die höchsten Gehaltsforderungen und Gehälter für die Weltmeister im Krankfeiern gerade an Freitagen und Montagen [...] Die Japaner wurden einmal als die Deutschen von Asien bezeichnet. Doch heute wirkt die Organisation von Handel und Verteilung lähmend. Der Produktion fehlt es an Flexibilität. Und die Arbeiter wie auch die Führungskräfte in den Unternehmensspitzen bringen sich nicht hinreichend in den Produktionsprozeß ein, der seinerseits wiederum nicht an die Bedürfnisse der Kundschaft angepaßt werden kann." (Chancel 1996, 259)
In einem Interview äußerte der Japaner Minoru Tominaga die Ansicht, in Deutschland sei "die Faulheit der Deutschen" ein entscheidender Grund für die Arbeitslosigkeit: "Sie geben sich damit zufrieden, die Früchte der Arbeit zu ernten, die die Generationen vor ihnen geleistet haben." Und die Dinge könnten sich erst dann zum Besseren wenden, wenn die Deutschen aufhörten, sich vor kollektiver Anstrengung und vor Veränderung zu fürchten. Claude Chancel schließt: "Wäre dieses Interview nicht mitten im Hochsommer erschienen, so hätte diese Darstellung der Deutschen, die allen gängigen Vorstellungen widerspricht, sicherlich wie eine - vielleicht heilsame - eiskalte Dusche auf die öffentliche Meinung in Deutschland gewirkt." (ebd.)
Man sieht, daß wir uns hier im Zentrum einer interkulturellen Problemstellung befinden, die nicht im mindesten ausgesprochen ist. Man wird sich vorstellen können, daß ein objektiver Austausch hier besonders schwierig ist. Man müßte ein ganzes Bündel historischer und gegenwärtiger Fakten und Gegebenheiten bearbeiten, während zugleich der wirtschaftliche Kampf in allen Arten und Weisen weiterginge. Man weiß, daß die japanische Herausforderung sich durch einen Willen zur Qualität, die jeden Fehler ausschließen wollte, zum Ausdruck brachte. Das Ziel, das erreicht werden sollte, war: keine Panne, kein Ausschuß, keine Lagerhaltung, kein Papier, kein Transport, keine Überproduktion. Im Bereich des Automobilbaus hat eine Studie, in der Produktqualität und Servicequalität verknüpft wurden, einen Spitzenplatz für Honda ergeben, gefolgt von Toyota und Citroën. Alle anderen Firmen waren ihnen unterlegen. (vgl. "European Custom Survey", in Deutschland veröffentlicht im Magazin "capital"). Auf der anderen Seite ist aber weniger bekannt, daß diese Qualität anscheinend für den Export vorbehalten bleibt. Die Ausfälle japanischer Autos sind schon im inländischen, japanischen Markt häufiger, noch höher liegt ihre Zahl beim Export in unterentwickelte Länder.
|
|