Unternehmenskulturen und interkulturelles Management |
Ganz früher gingen die einheitstiftenden Wirkungen von königlich-höfischen Kulturen aus mit der Macht einer sich selbst für universal gültig haltenden und solche Gültigkeit anstrebenden Politik und Religion. Es folgte dann eine Zeit, in der die bereichsspezifische ökonomische "Rationalität" auf der Grundlage bestehender König- und Kaiserreiche Handelsnationen entstehen ließ. Diese wiederum brachten Gesellschaften hervor, die stärker begrenzt waren und eher in der Lage, imperiale Sichtweisen mitsamt ihrer militärischen Dynamik durch nationalstaatliche Perspektiven mit einer fortwährenden, ökonomischen Konkurrenz zu ersetzen. Je nach den Umständen, je nach Zeit und Ort, konnte sich diese nationalstaatlich geprägte Handelskultur hier eher als dort behaupten. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand England weltweit an der Spitze dieser Kultur. Anschließend sind es dann die USA, und das gilt immer noch. Das zweite europäische Jahrtausend hat den Aufstieg der Akteure des ökonomischen Sektors zur Macht erlebt. Der religiöse Sektor wurde dabei geschwächt. Dem politischen Sektor erging es fortan ebenso. Doch zugleich mobilisierte diese vorherrschende ökonomische Kultur auch mehr und mehr die Akteure eines anderen Bereiches, nämlich des Sektors der Information. Dies traf schon in der Vergangenheit für den Kampf der sogenannten Humanisten gegen religiöse und politische Zensur zu, vor allem im Interesse von Wissenschaft und Technik. Es ist durchaus kein Zufall, daß im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Projekt der Enzyklopädie und der Kampf gegen Intoleranz zusammenfallen und insgesamt den "Geist der Aufklärung" entstehen lassen. In der Folgezeit ging es dann um die Information in "Echtzeit", zunächst durch die Zeitungen, dann durch die anderen Medien. Heute nimmt dieser Sektor der Information am ehesten die Stellung des Motors und des Erneuerers ein. Gewiß geben die Akteure des Wirtschaftssektors immer noch weitgehend die Richtung, den Gebrauch und die Entwicklung der Information vor. Dies gelingt ihnen aufgrund der Umformung der Information in eine Handelsware, durch ihren Verkauf, der bestimmten Datenbanken vorbehalten bleibt, durch ihre kostenfreie oder kostenpflichtige Verbreitung über Internet-Seiten, ihre Umformung zu Erkennungsmerkmalen, ihre - großenteils als "Ehrensache" geltende - Entstehung in der intellektuellen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Produktion. Wirtschaftssektor und Informationssektor können aufgrund der Wechselspiele zwischen den Mächten der verschiedenen Akteure Synergien hervorbringen. Heutzutage werden oftmals die Begriffe "weltweite Vernetzung" und "Globalisierung" verwendet. Der erste Begriff gründet sich auf die neuen Möglichkeiten des beschleunigten Transportes von Menschen, Gütern und Dienstleistungen, und auch auf die Möglichkeit der quasi augenblicklichen, öffentlichen oder privaten, weltweiten Kommunikation. Der Begriff der "Globalisierung" ist hingegen stärker mit Handlungsmöglichkeiten gekoppelt. Diese haben sich insbesondere im Wirtschafts- und Finanzsektor zum Ausdruck gebracht, etwa in der Auslagerung von Produktionen oder in Spekulationen mit Wechselkursschwankungen und Finanzprodukten. Alle diese Fakten tragen dazu bei, diese neue Dimension in der Entwicklung des Menschen unter Beweis zu stellen und auch in eine tatsächliche Machtposition zu bringen: die Information. Diese hat es zweifellos in unterschiedlichen Formen immer schon gegeben und hat sich je nach Epoche mehr oder weniger schnell entwickelt. Hierbei hat sich der Bereich der Information herauslösen können aus dem Monopol, das über Gebühr von den Sektoren der Religion und der Politik auf ihn ausgeübt wurde, um in Philosophie, Wissenschaften, Technik und Künsten eine eigene Autonomie zu entfalten. Informationsverbreitung ist es, häufig gemeinsam mit der Entwicklung im Bereich der Wirtschaft, gelungen, sich wenigstens teilweise von den früheren sozialen Kontrollmechanismen zu emanzipieren. Sie bleibt immer noch unter der Vorherrschaft des ökonomischen Handelns, doch zugleich ist sie das, was in der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Spiel steht (enjeu). Schon heute kann sie höchstens noch indirekt kontrolliert werden. Um das zu verstehen, muß man sich verdeutlichen, daß alle Akteure in allen Bereichen auf Informationen zurückgreifen müssen. Diese beinhalten eigene Erfordernisse. Insbesondere zwingen sie dazu, subjektive und objektive Sichtweisen, ihre Qualität und Quantität zu berücksichtigen, präzisere und detailliertere Analysen und schließlich Synthesen zu entwickeln und miteinander ins Verhältnis zu setzen. Ein anderer Gegensatz findet allmählich Beachtung. Er wurde von E.T. Hall (1984) herausgearbeitet: Er unterscheidet zwischen der "langsamen Information", die allmähliches Reifen, Neuverarbeitungen und Selektion im Laufe der Zeit erfordert, der "schnellen Information", die ganz unmittelbar aus den Dringlichkeiten der Gegenwart entspringt und darüber hinaus aus der Notwendigkeit, Fähigkeiten zu interdisziplinärer Synthese und Verarbeitung der "langsamen" Informationen zu entwickeln. Es wird noch nicht hinreichend beachtet, daß Geschwindigkeit, Beschleunigung und Globalisierung häufig Tatsachen im Universum des Handelns (und der Information, die damit eng verbunden ist) sind, dies gilt aber noch nicht im gleichen Maße auch im Universum der Repräsentationen und des nicht unmittelbar verwertbaren Wissens. Geschwindigkeit, Beschleunigung und Globalisierung werden in den Bereichen der Armee und der Finanzwelt postuliert und umgesetzt. Sie werden es aber nicht in der Gesamtheit aller Handlungsbereiche und auch nicht in der Gesamtheit aller Bereiche der Repräsentationen. Die Ausweitung des Internet ist in dieser Hinsicht aufschlußreich: Vom militärischen Sektor hin zum geschäftlichen Bereich, mit einer wohlgemeinten Randzone für intellektuellen Austausch, der aber zweifellos das geschäftliche Interesse wieder integrieren wird. Im wissenschaftlichen Bereich besteht das Merkmal für die vorherrschende Orientierung in einem doppelten Primat: Spezialisierung, Verifizierung und Vertiefung bei der Schaffung von "Wissensbeständen" schlechthin. Daraus erklärt sich auch der größere Erfolg von Enzyklopädien im Vergleich zur Soziologie oder Philosophie, auch wenn das Interesse daran wieder steigt. |