Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Jacques Demorgon,
Hochschullehrer an den Universitäten Bordeaux, Reims, Paris 8 und Compiègne

Inhaltsverzeichnis

Vierter Teil:
Wirtschaft und Information - Eine neue deutsch-französische Interkulturalität
 
I. Wirtschaft, Information und Interkulturalität
 
1. Wirtschaft und Information
 
In den 80’er Jahren wurden die Erfolge Japans durch die japanische Kultur und die japanische Wirtschaftsstrategie erklärt. In den 90’er Jahren dienten amerikanische Kultur und Wirtschaftsstrategie als Erklärungen dafür, daß die USA und ihre Unternehmen wieder zur Weltspitze aufschließen konnten. Diese doppelte Feststellung führt uns an grundlegende Tatsachen heran. Eine vorherrschende kultur-historische Strömung kann nicht von vornherein diesem oder jenem bestimmten Land zugeschrieben werden, sie ist vielmehr der Ausdruck eines Systems hierarchischer Organisation von Bereichen menschlichen Handelns. Dieses System wurde wohl in einem Land erfunden oder erschaffen, doch anschließend entwickelt es sich in einem anderen Land, und dabei verändert es sich auch.

Ganz früher gingen die einheitstiftenden Wirkungen von königlich-höfischen Kulturen aus mit der Macht einer sich selbst für universal gültig haltenden und solche Gültigkeit anstrebenden Politik und Religion.

Es folgte dann eine Zeit, in der die bereichsspezifische ökonomische "Rationalität" auf der Grundlage bestehender König- und Kaiserreiche Handelsnationen entstehen ließ. Diese wiederum brachten Gesellschaften hervor, die stärker begrenzt waren und eher in der Lage, imperiale Sichtweisen mitsamt ihrer militärischen Dynamik durch nationalstaatliche Perspektiven mit einer fortwährenden, ökonomischen Konkurrenz zu ersetzen. Je nach den Umständen, je nach Zeit und Ort, konnte sich diese nationalstaatlich geprägte Handelskultur hier eher als dort behaupten. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand England weltweit an der Spitze dieser Kultur. Anschließend sind es dann die USA, und das gilt immer noch.

Das zweite europäische Jahrtausend hat den Aufstieg der Akteure des ökonomischen Sektors zur Macht erlebt. Der religiöse Sektor wurde dabei geschwächt. Dem politischen Sektor erging es fortan ebenso. Doch zugleich mobilisierte diese vorherrschende ökonomische Kultur auch mehr und mehr die Akteure eines anderen Bereiches, nämlich des Sektors der Information. Dies traf schon in der Vergangenheit für den Kampf der sogenannten Humanisten gegen religiöse und politische Zensur zu, vor allem im Interesse von Wissenschaft und Technik. Es ist durchaus kein Zufall, daß im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Projekt der Enzyklopädie und der Kampf gegen Intoleranz zusammenfallen und insgesamt den "Geist der Aufklärung" entstehen lassen. In der Folgezeit ging es dann um die Information in "Echtzeit", zunächst durch die Zeitungen, dann durch die anderen Medien. Heute nimmt dieser Sektor der Information am ehesten die Stellung des Motors und des Erneuerers ein. Gewiß geben die Akteure des Wirtschaftssektors immer noch weitgehend die Richtung, den Gebrauch und die Entwicklung der Information vor. Dies gelingt ihnen aufgrund der Umformung der Information in eine Handelsware, durch ihren Verkauf, der bestimmten Datenbanken vorbehalten bleibt, durch ihre kostenfreie oder kostenpflichtige Verbreitung über Internet-Seiten, ihre Umformung zu Erkennungsmerkmalen, ihre - großenteils als "Ehrensache" geltende - Entstehung in der intellektuellen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Produktion.

Wirtschaftssektor und Informationssektor können aufgrund der Wechselspiele zwischen den Mächten der verschiedenen Akteure Synergien hervorbringen. Heutzutage werden oftmals die Begriffe "weltweite Vernetzung" und "Globalisierung" verwendet. Der erste Begriff gründet sich auf die neuen Möglichkeiten des beschleunigten Transportes von Menschen, Gütern und Dienstleistungen, und auch auf die Möglichkeit der quasi augenblicklichen, öffentlichen oder privaten, weltweiten Kommunikation. Der Begriff der "Globalisierung" ist hingegen stärker mit Handlungsmöglichkeiten gekoppelt. Diese haben sich insbesondere im Wirtschafts- und Finanzsektor zum Ausdruck gebracht, etwa in der Auslagerung von Produktionen oder in Spekulationen mit Wechselkursschwankungen und Finanzprodukten.

Alle diese Fakten tragen dazu bei, diese neue Dimension in der Entwicklung des Menschen unter Beweis zu stellen und auch in eine tatsächliche Machtposition zu bringen: die Information. Diese hat es zweifellos in unterschiedlichen Formen immer schon gegeben und hat sich je nach Epoche mehr oder weniger schnell entwickelt. Hierbei hat sich der Bereich der Information herauslösen können aus dem Monopol, das über Gebühr von den Sektoren der Religion und der Politik auf ihn ausgeübt wurde, um in Philosophie, Wissenschaften, Technik und Künsten eine eigene Autonomie zu entfalten. Informationsverbreitung ist es, häufig gemeinsam mit der Entwicklung im Bereich der Wirtschaft, gelungen, sich wenigstens teilweise von den früheren sozialen Kontrollmechanismen zu emanzipieren. Sie bleibt immer noch unter der Vorherrschaft des ökonomischen Handelns, doch zugleich ist sie das, was in der wirtschaftlichen Entwicklung auf dem Spiel steht (enjeu). Schon heute kann sie höchstens noch indirekt kontrolliert werden.
 
 
2. Information und Interkulturalität
 
Doch Informationsfluß hat zwei recht unterschiedliche Gesichter. Es gibt die in Echtzeit verwertbare Information, die mit Technologie und Ökonomie verbunden ist. Das ist die vorhandene Information, die man sich zu einem bestimmten Zweck verschaffen kann und die einem eine bestimmte produktive oder finanzielle Überlegenheit bringt. Es gibt aber auch die Information, die zuweilen eine recht lange Zeit braucht, um zu entstehen: die längste Zeit beanspruchen die Kulturen. Sie repräsentieren die komplexesten Informationen, die aus einem ununterbrochenen Prozeß hervorgehen, der wiederum eine unglaubliche Verflechtung der Ergebnisse von ausgewählten und immer wieder neu bearbeiteten Erfahrungen entstehen läßt. Die je singularen Kulturen der Länder dieser Erde sind aus den ursprünglichen, in der Vergangenheit und auch noch in der Gegenwart ge- und erfundenen Antworten entstanden. Diese Antworten werden von je einzigartigen Gruppen gegeben (Ethnien, Gruppen, Gesellschaften), die sich darum bemühen, ihre je eigenen Lebensräume und Lebensbedingungen auf diesem Planeten zu schaffen. Und zwar über den gesamten Verlauf ihrer Geschichte hinweg. Dies ist eine Schatzkammer voller Informationen von seltenem Reichtum. Darüber weiß man noch recht wenig und es ist (noch) nicht so einfach, sich dazu mit dem Ziel der Überlegenheit Zugang zu verschaffen. Eine Information - im zweiten Sinne, durchdacht - über Kulturen und Interkulturalität müßte all das berücksichtigen können, was es in diesem Bereich an Komplexität und Problematik gibt! Oftmals wird dieses Wissen angesichts der sich aufdrängenden Aktualität vernachlässigt. Oder aber es bricht sich - als Information im ersten Sinne, roh und unbearbeitet - wieder Bahn in Katastrophen, in denen sich die verdrängten Ausdrucksformen der kulturellen Implikationen äußern, und die alle Formen annehmen können, von Streiks zu Bürgerkriegen, über Zusammenbrüche ganzer Nationen bis hin zu den extremsten Formen der Gewalt, zu Genoziden und Ethnoziden. Doch neben solchen Gewaltausbrüchen oder nach ihrer Überwindung kann interkulturelle Information, wenn sie von verschiedenen Akteuren bedacht ist, zuweilen zu neuen, innovativen und mehr oder weniger dauerhaften Kompromissen führen, wie man heute etwa in Südafrika sehen kann.
 
 
3. Der mögliche Gewinn für die Demokratie: Weitreichendes, tiefgreifendes, rasches und kommunizierbares Wissen
 
Die mächtigen Verwertungszusammenhänge von Information, deren sich heutzutage die Wirtschaft bedient, dürfen uns nicht den Blick dafür verstellen, daß Information ganz global heute eine viel stärkere, strukturierende und entscheidende Rolle einnimmt, nicht nur im Bereich der Ökonomie, sondern in allen Bereichen des Handelns und gerade im Bereich der Kulturen und des Interkulturellen, wie wir es soeben aufgezeigt haben.

Um das zu verstehen, muß man sich verdeutlichen, daß alle Akteure in allen Bereichen auf Informationen zurückgreifen müssen. Diese beinhalten eigene Erfordernisse. Insbesondere zwingen sie dazu, subjektive und objektive Sichtweisen, ihre Qualität und Quantität zu berücksichtigen, präzisere und detailliertere Analysen und schließlich Synthesen zu entwickeln und miteinander ins Verhältnis zu setzen.

Ein anderer Gegensatz findet allmählich Beachtung. Er wurde von E.T. Hall (1984) herausgearbeitet: Er unterscheidet zwischen der "langsamen Information", die allmähliches Reifen, Neuverarbeitungen und Selektion im Laufe der Zeit erfordert, der "schnellen Information", die ganz unmittelbar aus den Dringlichkeiten der Gegenwart entspringt und darüber hinaus aus der Notwendigkeit, Fähigkeiten zu interdisziplinärer Synthese und Verarbeitung der "langsamen" Informationen zu entwickeln.

Es wird noch nicht hinreichend beachtet, daß Geschwindigkeit, Beschleunigung und Globalisierung häufig Tatsachen im Universum des Handelns (und der Information, die damit eng verbunden ist) sind, dies gilt aber noch nicht im gleichen Maße auch im Universum der Repräsentationen und des nicht unmittelbar verwertbaren Wissens. Geschwindigkeit, Beschleunigung und Globalisierung werden in den Bereichen der Armee und der Finanzwelt postuliert und umgesetzt. Sie werden es aber nicht in der Gesamtheit aller Handlungsbereiche und auch nicht in der Gesamtheit aller Bereiche der Repräsentationen. Die Ausweitung des Internet ist in dieser Hinsicht aufschlußreich: Vom militärischen Sektor hin zum geschäftlichen Bereich, mit einer wohlgemeinten Randzone für intellektuellen Austausch, der aber zweifellos das geschäftliche Interesse wieder integrieren wird. Im wissenschaftlichen Bereich besteht das Merkmal für die vorherrschende Orientierung in einem doppelten Primat: Spezialisierung, Verifizierung und Vertiefung bei der Schaffung von "Wissensbeständen" schlechthin. Daraus erklärt sich auch der größere Erfolg von Enzyklopädien im Vergleich zur Soziologie oder Philosophie, auch wenn das Interesse daran wieder steigt.

 

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