Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Jacques Demorgon,
Hochschullehrer an den Universitäten Bordeaux, Reims, Paris 8 und Compiègne

Inhaltsverzeichnis

II. Kriege zwischen Kulturen, Nationen, Unternehmen?
Über die Erkenntnisse von Fukuyama und Huntington hinaus
 
Aus den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Jahren zwei große, umfassende Interpretationsvorschläge für unsere Zukunft gekommen.

Der erste wurde von F. Fukuyama in einem Buch mit dem aufsehenerregenden Titel "Das Ende der Geschichte" (1992) entwickelt. Dieses Buch versuchte, die Konsequenzen aus der Renaissance des amerikanischen Modells und seiner neuen Vormachtstellung zu ziehen. "Geschichte" könne es nun insofern nicht mehr geben, als die vorherrschenden "Spielregeln" nun für die Zukunft allgemein anerkannt seien. Michel Drancourt unterstreicht diesen Aspekt, indem er zunächst das Beispiel der jüngsten Entstehung der Welthandelsorganisation (WTO) betrachtet: "Der Generaldirektor ist ein Europäer und steht etwas isoliert zwischen vier stellvertretenden Generaldirektoren (je 1 Amerikaner, Mexikaner, Inder und Koreaner). Die Organisation, die mit der Gestaltung der Handelsbeziehungen betraut ist, ist wie ein Symbol der ökonomischen Realität, die sich derzeit abzeichnet. Tatsächlich steht sie - mangels einer wirklichen europäischen Einheit - unter amerikanischem Einfluß. Gewiß, die Amerikaner machen Platz für Menschen aus anderen Kontinenten, aber stets in der Hoffnung, auch weiterhin diejenigen zu sein, die den Ton angeben." (Drancourt 1996)

Diese amerikanische Vormachtstellung muß ganz klar im Zusammenhang gesehen werden mit dem Zerfall der ehemaligen UdSSR. Dieser stellt sich dar wie eine "systemische" Wirkung, d. h. wie eine Wirkung, die sich aus einer Regulierung im Gesamtsystem des weltweiten Kräftegleichgewichts ergeben hat. Hierbei spielen die USA eine herausragende Rolle. In bestimmten Fällen ist diese Regulierung weniger systemisch und stärker "voluntaristisch", wie etwa beim Golfkrieg. Viele betonen, daß diese amerikanische Vormachtstellung, nachdem sie eine Zeit lang den Eindruck erweckte, durch den japanischen Erfolg beeinträchtigt zu sein, sich schließlich wieder etablieren konnte. Das Annehmen dieser Herausforderung ging von Strategien aus, die auch auf kulturellen Grundlagen ruhen (das Land der freien Wirtschaft). Es ging aber nicht ohne neue Orientierungen angesichts neuer Zwänge bei gleichzeitiger besonders vorteilhafter geographischer Situation als erleichternde Konstante: die USA haben den doppelten Vorteil einer atlantischen und einer pazifischen Öffnung sowie gewissermaßen einer Verlängerung nach Südamerika.

Nach der Interpretation Fukuyamas wurde die zweite Interpretation der Zukunftsperspektiven von Samuel Huntington vorgestellt. Sie nimmt die Gegenposition zu der ersten Interpretation ein, und auch sie bedient sich eines reißerischen Titels: "Kampf der Kulturen" (Huntington 1996). Sie stützt sich auf eine Reihe von leicht feststellbaren Tatsachen: Zunächst der Konflikt, der Jugoslawien in Brand gesetzt hat, indem er mehr oder weniger Christen und Muslime gegeneinander aufbrachte, dann der israelisch-arabische Konflikt, der algerische Bürgerkrieg oder auch die Konflikte zwischen Islam und China bzw. Islam und Indien.

Es hat zahlreiche Kritiken an den von Fukuyama und Huntington vorgetragenen Thesen gegeben. Ihr zum Nachdenken anregender Charakter wurde durchaus gewürdigt, doch wurden ihre Schlußfolgerungen für unglaubwürdig gehalten. Unter all den Kritiken wollen wir beispielhaft die von Zeki Laïdi (1993) erwähnen, oder auch diejenige von Paul-Marie de La Gorce (1996), in der gezeigt wird, daß die Mehrheit aller Kriege sich stets innerhalb eines einzigen Kulturkreises zugetragen hat, mit gewissen Ausnahmen natürlich, wobei die Kreuzzüge die bemerkenswerteste sind.

Aber ist die Frage überhaupt richtig gestellt? Kann man so einfach zwischen Nationen, Zivilisationen, Kulturkreisen unterscheiden? Was soll man etwa von der Zukunft halten, die die komplizierten Beziehungen zwischen China und Indien für uns bereithält? Einige Geopolitiker haben eine kartographische Figur, die sich aus China, Indien und Pakistan - alle drei verfügen über Atomwaffen! - zusammensetzt, bereits als "nukleares Dreieck" (nuclear triangle) bezeichnet. China kann mit seinem Festhalten an Tibet und seiner Allianz mit Myanmar (Birma) den Eindruck erwecken, als verfolge es eine Einkesselung Indiens. Im kommenden Jahrhundert werden diese beiden Länder die bevölkerungsreichsten Länder der Erde sein, wobei Indien sogar noch vor China liegen wird.

Die eigentliche Frage ist die, ob Handel, wirtschaftlicher Austausch und Informationsaustausch sich als militärischen Lösungen überlegen darstellen und durchsetzen können. Dabei muß man die Bedeutung dieser Frage im weltweiten Maßstab unterscheiden von ihrer Bedeutung in regionalen und lokalen Maßstäben. Paul-Marie de La Gorce (1996) ist der Ansicht, daß es kurz- oder mittelfristig kaum zu einem Weltkrieg wird kommen können. Demgegenüber sind lokale Kriege durchaus wahrscheinlich - möglicherweise auch unter Einsatz "grober" Atomwaffen!

Heutzutage sind einige Unternehmen schon bedeutender als manche Nationen. Michel Drancourt zitiert den bekannten deutschen Wirtschaftsberater Roland Berger, der im Mai 1995 die Ansicht vertreten hatte, "man werde immer weniger von ‘Made in Germany’ sprechen, dafür aber immer mehr von ‘Made by Mercedes’. Die Qualität von Produkten, deren Bestandteile aus der ganzen Welt kommen, werde zukünftig eher durch einen Markennamen als durch eine geographische Herkunft garantiert." (Drancourt 1996) Aber besteht die Möglichkeit, daß solche weltweit operierenden Unternehmen untereinander Krieg führen? Kriege sind bis heute etwas, das sich innerhalb eines Rahmens zuträgt, der die Nation und ihre Unternehmen zusammenschweißt. Dadurch kann etwa Jean Boissonnat Militär und Ökonomie, Nation und Unternehmen auf folgende kurze Formel bringen: "Auch ohne Kanonen bleibt Japan eine Armee."

Die Kriege oder Kämpfe, die durch und zwischen Unternehmen entstehen, spielen sich unter Einsatz aller Arten von Mitteln ab, aber wirtschaftliche oder finanzielle "Waffen" sind heute oftmals die entscheidendsten, und sie erfordern auch Antizipationsleistungen durch Forschungen und Innovationen im Bereich der Spitzentechnologien. Claude Chancel bemerkt dies etwa für Honda und Sony. Er schreibt: "Honda, der Erfinder, nimmt sich tatsächlich die Dienste eines Finanziers wie Takeo Fujisawa zu Hilfe. Das Abenteuer beginnt." Er weiß aber auch von komplizierten Episoden wie beispielsweise der folgenden zu berichten: "Obwohl Honda sich durch gegenseitige Unternehmensbeteiligungen und Abkommen über industrielle Kooperationen mit dem britischen Konzern Rover verbündet hatte und somit einen sanften Einstieg in den europäischen Markt hatte, kam Rover 1994 unter die Kontrolle des BMW-Konzerns." Die Rückkehr der Amerikaner zur Konkurrenzfähigkeit (beispielsweise, um bei der Automobilindustrie zu bleiben, durch das Erscheinen einer neuen Chrysler-Modellpalette Ende 1994) zwingt die japanischen Automobilriesen dazu, die Herausforderung anzunehmen. Claude Chancel erläutert: "Toyota rationalisiert seine Produktion, führt mit dem Standort Kyushu eine Dezentralisierung durch, flexibilisiert seine Bandlaufzeiten, [...] reduziert die Anzahl der Einzelkomponenten, erhöht den Druck auf seine Zulieferer und zögert auch nicht mehr, Frauen zu beschäftigen." Desgleichen schließt Nissan eine große Fabrik in der Nähe von Tokio und eröffnet eine neue in Kyushu, in der Roboter allgegenwärtig sind. Das Ziel ist es, "mehr Geld durch den Verkauf von weniger Fahrzeugen zu erwirtschaften. Das bedeutet Jagd auf Überkapazitäten und die drastische Reduktion der Anzahl von Einzelteilen (beispielsweise die bei Toyota angestrebte Halbierung der Zahl von 6000 Schrauben und Befestigungen für die gesamte Modellpalette)." (Chancel 1996)

Ein in der breiten Öffentlichkeit besser bekanntes Beispiel ist das der Firma Kodak, "die sich angesichts der japanischen Herausforderer im offenen wirtschaftlichen ‘Krieg’ befindet". Insbesondere Fuji hat bemerkenswerte Forschungs- und Entwicklungsleistungen erbracht, die 1987 schließlich im ersten Einwegfotoapparat gipfelten. Die Eroberung der europäischen und amerikanischen Märkte vollzog sich insbesondere durch das Sponsoring der Olympischen Spiele in Los Angeles 1984. Der Widerstand von Agfa Gevaert war gering. Kodak seinerseits häufte Fehler und Mißerfolge an. Man denke nur an die den Ideen von Polaroid zunächst entgegengebrachte Verachtung. Ein anderer Kampf trägt sich gegenwärtig zwischen den Herstellern von Videospielen aus. Die ersten Unternehmen, die auf diesem Markt präsent waren, waren die japanischen Firmen Sega und Nintendo. In diesem Bereich ist die Konkurrenz der Japaner untereinander enorm und wirkt sich vor allem auf Forschung und Entwicklung aus. Claude Chancel erläutert: "Um sein neues 64 bit-Super-Nintendo im Markt zu plazieren, hat Nintendo einen Stab mit 950 Angestellten eingerichtet, darunter 200 Forscher." Sega seinerseits setzt auf Virtual-reality-Vergnügungsparks, von denen die ersten in Yokohama und London bereits eröffnet wurden. Sie bleiben jedoch bedroht, und ihre Kurse sinken, seit Microsoft ein Joint-venture mit Soft-Bank, dem ersten japanischen Softwareanbieter, anstrebt." (Chancel 1996, 314)

M. Drancourt, wie auch andere, weist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der neuen Kapitalisten hin, "die durch ihre Verfügung über Investmentfonds eine immer wichtigere Rolle in der Unternehmensfinanzierung spielen. Und dies tun sie entsprechend angelsächsischer Regeln, eben jener Regeln, die die höchste Rentabilität verheißen." Er führt weiter aus: "Eine sehr bedeutsame Entwicklung kommt allmählich zum Abschluß. Die Prinzipien der Rechnungslegung tendieren zu einer Verallgemeinerung und allgemeinen Gültigkeit. Und wieder sind es die angelsächsischen Spielregeln, die dies mit sich bringen. In dem Maße, in dem die Unternehmen in die weltweiten Kreisläufe eintreten, sind sie gezwungen und werden sie immer weiter gezwungen sein, sich diesen Regeln zu unterwerfen. Und dies wird auch für die Chinesen gelten und für alle anderen, deren weitere Entwicklung für den Moment noch eher ‘undurchsichtig’ ist. Die fiskalischen Regeln selbst sind es, die eine Tendenz zur Annäherung und Angleichung aneinander erkennen lassen. Die Länder, die sich dem widersetzen, nehmen das Risiko auf sich, den Anschluß an die großen Entwicklungen zu verpassen." (Drancourt, a. a. O., 428) Für M. Drancourt wird dieser Zwang zu allgemein gültigen Prinzipien der Rechnungslegung, dem alle großen Unternehmensgruppen überall in der Welt unterliegen, mit größerer Wahrscheinlichkeit zu einem einzigen, allgemein gültigen Modell der Unternehmensorganisation führen als zu verschiedenen, regionalen Modellen. Dennoch legt er sich nicht fest. Wenn es Europa gelingt, sich in der Zukunft stärker zu behaupten, dann ist es nicht ausgeschlossen, daß auch ein Managementmodell nach "sozialdemokratischem Typus" oder (wenn man noch weiter präzisieren möchte) nach "rheinischem Typus" Durchsetzungschancen hat.


Die Schwankungen des japanischen Modells dürfen uns nicht das vergessen lassen, was M. Drancourt als die "überragende Tatsache der zeitgenössischen Unternehmensgeschichte" bezeichnet, daß nämlich "der Aufstieg sämtlicher südostasiatischen Wirtschaften mit Ausnahme der koreanischen durch den Einfluß Chinas gekennzeichnet sind". (Drancourt, a. a. O., 426) Er erklärt weiter, dieses letzte Kapitalismus-Modell entspringe der chinesischen "Diaspora" und befruchte ganz Südostasien und inzwischen auch China. Dieser Kapitalismus kann über gut ausgebildete Arbeitskräfte verfügen, oder zumindest über Arbeitskräfte, die innerhalb kürzester Zeit eine gute Ausbildung erhalten können, die ein Einkommen anstreben, sich aber keine Gedanken über soziale Maßnahmen machen. Das Hauptziel dieses Kapitalismus ist rascher Profit, um dessentwillen man Risiken einzugehen bereit ist. Zuweilen können die politischen Strukturen, wie etwa in Singapur, besonders günstige Bedingungen schaffen, dies ist jedoch nicht immer der Fall. Dieser Kapitalismus-Typus bedient sich eines internen Patenschaftssystems. Es stützt sich nicht so sehr auf rechtliche, juristische Regulierungen, sondern eher auf die Disziplin, die mit der Organisation der Beziehungen unter Clans verknüpft ist.


All diese Ausführungen dienen nicht dem Zweck, uns glauben zu machen, so leicht ließe sich die Zukunft entschlüsseln. Sie sind eher dazu gedacht, uns das außerordentliche Maß der wechselseitigen Verquickung und Verknüpfung der Phänomene verstehen zu lassen. Wie wir sehen, haben auch die Beobachter und Analysten, auf die wir Bezug genommen haben, größte Schwierigkeiten damit, diese Verwicklungen zu berücksichtigen. Daher weisen ihre Interpretationen einmal einer ökonomischen Kultur einen Primat zu, die für homogenisierend gehalten wird, ein andermal wird der Primat der Bedeutung religiöser und politischer Wurzeln betont, die stets wirksam sind und eher Heterogenität aufrechterhalten, doch stets bleiben die neuartigen und zukünftigen Konflikte unberücksichtigt, die um die Aneignung und Verwendung der Information herum entstehen und entstehen werden.

 

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