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- III. Eine neue deutsch-französische Interkulturalität und deren Tragweite in Wirtschaft, Politik und Bildung
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- Inmitten der weltweiten, interkulturellen Entwicklung ist es nicht verboten, ja, es ist sogar wünschenswert, bewußtere und willentliche interkulturelle Entwicklungen in Angriff zu nehmen. Es könnte utopisch erscheinen, sich dies vorzustellen, wenn es nicht eine lange Geschichte voller Gewalt gäbe, die immer wieder den Wunsch neu belebt, diese Erfahrungen im Dienste einer nach Möglichkeit weniger inhumanen Gegenwart und Zukunft zu integrieren. Deutsche und Franzosen haben sich in eine solche Situation versetzt gefunden. Ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede von gestern schlagen sich auch nieder in ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden von heute. Deutsche und Franzosen verfügen an diesem Punkt über die Materie für einen Austausch, der über ihr eigenes Schicksal und das vieler anderer entscheiden wird. Sie können Nutzen ziehen aus den Begegnungen zwischen ihren Regierenden, zwischen ihren Bevölkerungen, zwischen ihren Erwachsenen und zwischen ihren Kindern und Jugendlichen. Diese Begegnungen können dazu führen, daß die bequeme Lösung, sich in Gegensätzen einzurichten, vermieden wird. Die Komplexität der Realität verlangt nach neuartigen, originellen Verknüpfungen zwischen der eher homogenisierenden, weltweiten ökonomischen Globalisierung und den kulturellen und interkulturellen Werdegängen, die sich nicht untreu, sondern sich in neuartigen Entwicklungen behaupten werden.
Gewiß, Frankreich befindet sich in einer Krise, Deutschland aber wie wir gesehen haben auch. Beide Nationen sind in vielfältiger Weise mächtig, einzigartig, wertvoll. Beide sind anders, genau das ist eine Chance für sie selbst und auch für andere, wenn sie es - als gute Nachbarn - verstehen, mit diesen Unterschieden umzugehen. Frankreich kann seine universalistische Sichtweise, die früher in imperialer Weise bekundet wurde, heute in moderaterer Art als immer noch und immer wieder notwendige Singularität aufgreifen: Einheit und Vielfalt stehen erneut im Widerspruch. In Deutschland gibt es einen Primat der Vielfalt, und Deutschland hat - in doppelter Hinsicht, einmal nämlich innerhalb seiner selbst, zum anderen innerhalb Europas - gerade erst sein neues Gleichgewicht in einer neuen Einheitsperspektive gefunden, die bislang so viele Probleme verursacht hat. Wie könnte man sich darüber nicht freuen? In Frankreich gibt es einen Primat der Einheit. Und Frankreich muß ganz frei von Komplexen seine eigene Singularität anerkennen. Es bezieht daraus eine wertvolle Repräsentativität inmitten anderer nationaler und kultureller Singularitäten. Viele davon werden oftmals weder von sich selbst noch von anderen recht anerkannt, sei es, weil sie sich in einer Krise befinden oder weil sie plötzlich und heftig wieder aufleben oder auch, weil sie gerade erst entstehen. Der Bereich der interkulturellen Information gemeinsam mit dem Bereich der ökologischen Information stellen Anreize dar, die grundlegend und auf lange Sicht in der Lage sein sollten, mit den an die ökonomische Globalisierung geknüpften Stimuli zu konkurrieren.
So, wie Deutschland in der Vergangenheit seine lokale Vielfalt anerkannt hat, müssen heute Europa und die Welt ihre lokale Vielfältigkeit akzeptieren. Deutschland dürfte dem eigentlich auch zustimmen, auch wenn das gegenwärtig für einen großen Teil seiner Eliten nicht das Hauptproblem ist, weil es mit seiner eigenen, inneren Unterschiedlichkeit infolge der Vereinigung und mit von außen kommenden Unterschieden durch Immigration hinreichend beschäftigt ist. Deutschland hat es bis heute noch nicht gewagt, an seinen eigenen Hintergrund historischer Singularität wieder anzuknüpfen, was die Notwendigkeit einer vertieften, echten Aufarbeitung des Nationalsozialismus voraussetzen würde. Darum, aufgrund und wegen der negativen Interpretation als "Sonderweg", ist es seiner eigenen, u. a. nationalen Singularität weniger zugewandt.
Für die Franzosen verschleiert eine als glorreich erlebte Vergangenheit die Sicht auf den Niedergang der früheren, geschichtlichen Singularität Frankreichs. Das bereitet den Franzosen Schwierigkeiten bei den enormen Anstrengungen, die nötig sind, um weiterhin und besser befähigt zu sein, eine noch ungewisse Zukunft zu erschaffen und zu erfinden. Obwohl sie in der Vergangenheit (und auch heute noch) immer gerne andere in sich "aufsaugen" wollten, haben sie selbst Angst, sich in ein größeres Ganzes einzufügen. Sie fühlen sich schwach und stellen sich vor, ganz zu verschwinden. Wäre es anders, könnten sie die Herausforderung ihrer eigenen Veränderung und Umformung besser annehmen.
Um zu vermeiden, daß man sich auflöst und verschwindet, oder sich isoliert und abschottet, was das Risiko einer anderen Art des Verschwindens in sich birgt, muß man Artikulationsmöglichkeiten zwischen sich und den anderen finden und erfinden, zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen verschiedenen Regionen, zwischen vielfältigen Bevölkerungen, also kurz zwischen Ähnlichem und Unterschiedlichem. Nicht, um ein Museum der Kulturen zu schaffen, sondern eine Dynamik, die die Symmetrie der Konkurrenz und die Komplementarität der Zusammenarbeit miteinander verbindet.
In der ökonomischen und finanziellen Globalisierung sind Deutschland und Frankreich vor dieselbe Anpassungsaufgabe gestellt, doch zugleich sind sie auch Konkurrenten in dieser Hinsicht. Dennoch haben sie in etlichen Bereichen kontinuierliche interkulturelle Austausche eingerichtet. Natürlich touristische und berufliche Austausche, aber auch regelmäßige und häufige Austausche zwischen Staatschefs und Ministern und bilaterale ökonomische Austausche. Es gibt zahlreiche Kooperationen im europäischen Rahmen, darunter auch im militärischen Bereich die Deutsch-Französische Brigade und das Euro-Corps, es gibt binationale Studiengänge im Bereich der universitären Ausbildung, Austausch unter Künstlern, aber auch junger Menschen durch die Arbeit des DFJW (vgl. Demorgon 1991), mit seinen sogar multidisziplinären, experimentellen interkulturellen Forschungen.
Es bedeutet eine riesige Anstrengung, um die beiden Pole von Information - den ökonomischen und den interkulturellen - zugleich zu bearbeiten. Die Fehlschläge in der Regulation des Antagonismus zwischen diesen beiden Polen haben schon zu etlichen enormen Gewaltausbrüchen geführt. Um seine Regulation zu verbessern, wäre es sinnvoll, bislang vernachlässigte Ressourcen zu erschließen und konstruktive Perspektiven zu entwickeln. Hier kommt der interkulturellen Regulierung zwischen Deutschland und Frankreich eine besondere Rolle zu. In Deutschland wird diese Regulierung weithin am ehesten in eine Perspektive des Konsens eingeordnet; dies sieht man auch erneut am Beispiel der Schaffung eines Deutsch-Polnischen Jugendwerkes für die Jugend beider Länder. Viele Franzosen hingegen sehen die Regulierung der Globalisierung eher in einer Perspektive des Dissens, beispielsweise hinsichtlich der "Amerikanisierung". Hierher gehört beispielsweise der Kampf um eine "kulturelle Sonderstellung". Einige werfen Deutschland eine zu große Komplizenschaft mit dieser Amerikanisierung vor, obgleich sie selbst nur zu gut wissen, daß sie diese selbst höchstens teilweise verhindern und vermeiden können.
Diese deutsch-französischen Fragen müssen für sich bearbeitet werden, sie müssen aber auch in den europäischen bzw. den weltumspannenden Rahmen übertragen werden, im Sinne einer größeren Gesamtheit nationaler Singularitäten.
Die deutsch-französische Interkulturalität hat noch einen langen Weg vor sich, um sich selbst zu begreifen und ihren Platz innerhalb Europas und innerhalb der weltweiten, ökonomischen und interkulturellen Globalisierung zu finden. Angesichts der Erfordernisse und Zwänge des Heute und der Ungewißheit des Morgen wird an diese Aufgaben mit viel zu bescheidenen Mittel herangegangen. Deutschland und Frankreich: Das sind zwei verschiedene Weisen des Selbst-Seins und des Nicht-Selbst-Seins, sowohl hinsichtlich der eigenen Vergangenheit als auch hinsichtlich der gegenwärtig sich vollziehenden Globalisierungsprozesse. Zwei Seinsweisen, die sowohl in der Symmetrie der Rivalität als auch in der Komplementarität der Kooperation ein lebhaftes Interesse aneinander zeigen! Es ist notwendig, das Wissen um ihre bewährten, erprobten und überdachten Interaktionsformen zu vertiefen, zu präzisieren und zu entfalten. So wird am Ende Neuschöpfung und neues Erfinden möglich.
Ziel der methodischen Bemerkungen, die wir hier angeführt haben, um die außerordentliche Komplexität des interkulturellen Austauschs und der interkulturellen Forschung zu verdeutlichen, ist es nicht, zu einer Abwendung vom praktischen Handeln zu führen. Sie sollen vielmehr vor übereilten Schlußfolgerungen und Vereinfachungen schützen und deutlich machen, daß interkultureller Austausch und interkulturelle Forschung keinesfalls von Erwachsenen und insbesondere von Forschern geleistet werden kann, die immer über andere und niemals über sich selbst forschen. Aktives interkulturelles Wissen wird niemals das Resultat eines simplen, äußerlich bleibenden Produktionsprozesses sein. Interkulturelles Forschen erfordert Begegnung, in der auch grundlegendes Anderssein nicht vermieden oder umgangen wird. Die Vervielfachung solcher Begegnung wird zu einer neuen und ganz anderen Sichtweise der Globalisierung führen, zu einer Sichtweise, in der die Information nicht mehr gegeben ist, um ausgebeutet und verwertet zu werden (in der Regel gegen den anderen), sondern um - ausgehend von spontaner und zugleich doch durchdachter Interaktion - erfunden zu werden.
Interkultureller Austausch und interkulturelle Forschung sind in allen Bereichen, in denen sie als technische Hilfsmittel Eingang gefunden haben, zahlreichen Versuchen und Bemühungen ausgesetzt, ihnen durch praktische Basteleien und Flickschusterei gerecht zu werden. Doch die neuartigen Modalitäten der ausgeweiteten, intensiven Kopräsenz von Kulturen und ihren Mitgliedern innerhalb der gegenwärtigen, ökonomischen, geopolitischen und informationellen Globalisierungsprozesse werden - aufgrund ihrer Insistenz, die auch verknüpft ist mit Interessen, Ambitionen und Erfahrungen des Scheiterns - zu anderen Entwicklungen und zu anderen Forschungen führen. Die Vertiefung der Gegebenheiten und der Erfahrungen von Prozessen der Selbst(des)organisation werden, indem sie sich verbinden, das Interkulturelle über die unmittelbare, utilitaristische Verwertung oder auch über die leichtfertige Inanspruchnahme als neues Ideal hinausheben.
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