Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Jacques Demorgon,
Hochschullehrer an den Universitäten Bordeaux, Reims, Paris 8 und Compiègne

Inhaltsverzeichnis

Abschließende Bemerkungen:
Interkulturalität und Globalisierung
 
Wir haben versucht, im Laufe unserer Überlegungen zu zeigen, daß es nicht nur eine einzige Internationalisierung, eine einzige Form der weltweiten Vernetzung, eine einzige Globalisierung gibt. Es gibt jeweils mehrere. Eine Synthese aus ihnen allen bezeichnet einen Forschungsgegenstand, der mit unseren heutigen Wissensbeständen, Erkenntnissen und Handlungsmöglichkeiten kaum zugänglich ist. Aber gerade darin liegt der Bewußtseinsprozeß, damit es möglich wird, erkenntnisleitende Interessen und Handlungen in andere Modalitäten zu überführen: mit einer Orientierung an Ansätzen, welche den Prozessen der Selbst(des)organisation rings um uns her mit mehr Aufmerksamkeit, mehr Geduld und mehr Erklärungskraft begegnen.

Im Verlauf der Geschichte tritt das Interkulturelle zunächst, vermittelt durch menschliche Strategien, in der Entstehung von gemeinschaftszentrierten Stammeskulturen, königlich- bzw. kaiserlich-höfischen Kulturen und nationalstaatlich-merkantilen Kulturen auf. Dieses geo-historische Interkulturelle resultiert also aus dem Vorhandensein von Interaktionen innerhalb von Gesellschaften und zwischen Gesellschaften. Über lange Zeit wurden gesellschaftliche Einheiten (Stämme, Reiche, Wirtschaftsnationen) durch die Zusammenbindung kleinerer gesellschaftlicher Einheiten geschaffen. Über lange Zeit hinweg gelangten diese Zusammen-Schlüsse, die durch militärische Gewalt oder dynastische Erbfolge mehr oder weniger stabil vereinigt waren, früher oder später an einen Punkt, an dem sich ihre Schwächen offenbarten, die entweder zu ihrem Zusammenbruch führten oder dazu, daß sie sich wiederum anderen anschlossen. Diese Phänomene von Verlust oder Zugewinn von Einheit und Einigkeit gingen häufig mit extremen Gewaltakten einher. Dies zeigen selbst heute noch Bürgerkriege wie in Libanon, Jugoslawien, Ruanda oder Algerien. Zuweilen war die inhärente Gewalt auch stärker eingegrenzt, wie dies etwa - wenn auch in ganz unterschiedlicher Hinsicht - beim Zerfall der ehemaligen UdSSR oder auch bei den Bemühungen um den Aufbau der Europäischen Union der Fall war.

Gleichfalls seit langer Zeit kennt die Menschheit auch Bemühungen um Vereinheitlichungen, die anders gelagert sind als die üblichen mit politischen und militärischen Mitteln geführten Bemühungen. Die großen Religionen haben wesentliche symbolische, aber gleichwohl konkrete, langfristige Veränderungen von kulturellen Verhaltensweisen geschaffen, die der Widersprüchlichkeit von Entwicklungen Rechnung tragen. Aber auch Religionen haben ihre Grenzen und ihre Schwächen. Dennoch sind sie weiterhin wirksam; wobei sie sich mal bekämpfen, mal ihre Kräfte in die gleiche Richtung bündeln.


Innerhalb dieser kulturellen, politischen und religiösen Entwicklungen ist der wirtschaftliche Aspekt menschlichen Handelns stets gegenwärtig gewesen. Es ist stets auch Grundlage der Entwicklungen gewesen, die dazu beitrugen, die schöpferischen Kräfte des Menschen zu beflügeln. Doch die Kontrolle war stark. Das änderte sich jedoch, als der Handel in Europa im Verlauf des zweiten Jahrtausends sich selbst nunmehr in zunehmendem Maße befähigt sah, Kontrolle über Politik und Religion auszuüben. Auch konnte er, jeweils in seine eigenen Perspektiven eingebunden, die Entwicklung des Sektors der Information mit seinen diversen, sowohl ästhetischen als auch wissenschaftlichen, technischen und vermittelnden Aspekten mit befördern.

Seither haben Wirtschaft und Handel zu einer neuartigen interkulturellen Dynamik beigetragen. Nehmen wir nur die Frage des Management: M. Drancourt erläutert die drei wesentlichen Entwicklungen, die er erkannt hat. Jede einzelne ist das Ergebnis einer Dynamik des Entstehens von Interkulturalität. Bei der ersten geht es um die Eroberung von Marktanteilen. "Es war die Zeit der Gesetze der B.C.G. (Boston Consulting Group), die empfahl, beherrschende Stellungen zu erringen, um systematische Kostensenkungen zu fördern." (Drancourt 1996) Die Interkulturalität, die auf diese Weise geschaffen wurde, beschränkte sich darauf, kulturelle Hemmnisse oder Chancen zu erkennen, durch die es möglich ist, diese Märkte zu erobern oder eben nicht.

IBM folgte diesem Weg bis zu dem Punkt, an dem klar wurde, daß seine marktbeherrschende Stellung die technologische Innovation und die allmähliche Aufteilung der Märkte in Vergessenheit hatte geraten lassen. Dies war der Durchbruch der "Massentechnologien" in der Elektronik und der Informatik.

Die zweite Entwicklung, die oft als "japanische Epoche" bezeichnet wird, fiel zusammen mit der weltweiten Konkurrenz bei der Entwicklung der "Massentechnologien". Dies war die Epoche der Massenmobilisierung aller Menschen in diesem Bereich. Es ging darum, "aus jedem Operator, jedem Angestellten einen wesentlichen Akteur zu machen. Das Management konzentrierte sich also auf die Aufmerksamkeit, die den Menschen entgegengebracht wurde, auf ihre Ausbildung, ihre Fähigkeiten, auf die Bereicherung der Aufgaben." (Drancourt, a. a. O., 423) Es war aber immer noch die weltweite Konkurrenz, die auf interkulturelle Art und Weise wirksam war.

Diese Entwicklung ließ in ihrem weiteren Verlauf schließlich deutlich werden, daß diese "bessere" Unternehmensorganisation nicht ausreichte. Es mußte noch sichergestellt werden, daß auch die strategischen Entscheidungen die richtigen, die guten Entscheidungen waren. Daraus ergibt sich die dritte Entwicklung, die "den Bemühungen um Wachstum und Innovation ihre ganze Bedeutung" verleiht. Es handelt sich, schreibt Drancourt, darum, "jederzeit in der Lage zu sein, aus allen Handlungsmöglichkeiten Nutzen zu ziehen, durch die neue Entwicklungen erkennbar sind. Daraus entspringt der Wille zur Ausweitung der Handlungsfelder der Unternehmen, sei es durch Übernahmen, sei es durch Wachstum, sei es durch stärkere und aktivere Präsenz in den rasch sich entwickelnden Märkten." Er fährt fort: "Innovation ist ein wesentlicher Bestandteil des heutigen Management. Sie betrifft die Produkte, die Produktionsverfahren und die Markterforschung. Sie betrifft auch die Organisation des Unternehmens selbst." (Drancourt, a. a. O., 424) So wird das Unternehmen immer mehr zu einem Gefüge, das seine Lebenskraft aus einer Politik der Projektorientierung schöpft und dabei Mitarbeiterstäbe auf absehbare, vorübergehende Zeit beschäftigt, die sich mit neuen Entwicklungen befassen. "Die Bemühungen um Marktanteile und Mobilisierung der Menschen sind nicht verschwunden", doch sie sind nun zunächst den neuen Bedingungen von Wachstum und Innovation unterworfen.

Das hier angerissene Interkulturelle, besitzt eine bisher nur wenig erahnte Tiefendimensionen: Alle Kulturen, die im ganzen Verlauf der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind, sowie alle Strategien, die diese heute wirksam werden lassen, sind darin eingebunden. Dies bedeutet die generalisierte Konkurrenz. Sie betrifft nicht mehr nur den ökonomischen Sektor, sie betrifft auch die Gesamtheit aller anderen Sektoren, für die sie eine Herausforderung darstellt. Und ganz besonders für den Informationssektor mit all seinen Facetten von wissenschaftlichen, technischen, ästhetischen und vermittelnden Funktionen. Doch die Herausforderung gilt auch in den beiden anderen Bereichen: Religion und Politik. All dies bezeichnet eine neue und konflikthafte Interkulturalität, die sich auf vier Ebenen, nämlich global, regional, national und lokal gestaltet.


Bis hierher sind wir vorwiegend bei jenen interkulturellen Sachverhalten geblieben, die sich gleichsam von selbst aufdrängen. Oder wenn man diese Formulierung bevorzugt, kann man es auch so sagen: Bisher ging es um das Interkulturelle als Quelle einer globalen Kultur, in der Information von entscheidender Bedeutung ist. Unter diesen Zwängen ist sie aber auch gleichzeitig als Quelle von neuen, singularen Kulturen der Länder anzusehen, die sich auf der Grundlage ihrer jeweils spezifischen Vergangenheit gestalten. Aber allen den hier angesprochenen Problematiken liegen auch interkulturelle Ansätze als Wert zugrunde. Wertvorstellungen, deren Umsetzung nicht ausgeschlossen ist, wenn man diese oder jene besondere Interkulturalität als (Etappen-)Ziel definiert. Selbst auf die Gefahr hin, daß man dadurch immer riskiert, nur zu halb-konzeptionellen, halb-symbolischen Theorieentwürfen zu gelangen, die eine Idealisierung der wirklichen Schwierigkeiten zur Folge haben können: Dann wird Interkulturalität zum Lockvogel.

Interkulturelles Lernen als Wertvorstellung kann nur aus einer persönlichen und gemeinsam geteilten Anstrengung hervorgehen, die sich inmitten der widerspruchsvollen Realität der interkulturellen Entwicklungen als Quelle (Matrix für die Entstehung von Kulturen) und als Ziel (Anstreben von Adjustierung der schon entstandenen Kulturen untereinander) vollzieht.

Genau an diesem Knotenpunkt wird es möglich, eine neue deutsch-französisch Interkulturalität zu entwickeln - mit weniger Idealismus und weniger Zynismus - als Engagement: besser informiert, stärker überdacht als Bestandteil einer globalen Dynamik, die von nun an eine bleibende Umgebung für das Kooperieren und Wetteifern zwischen den beiden Ländern darstellt.

 

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