Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Prof. Dr. Hans Merkens, Freie Universität Berlin

Inhaltsverzeichnis

3. Interkulturelle Kommunikation
 
Die Annahme von Humboldt (1956) man müsse die Sprache eines anderen Volkes sprechen können, um sein Denken verstehen zu können, paßt gut zu der Annahme, die Grenzen des Fremdverstehens lägen beim Selbstverstehen. Als Grundmuster für das Verständnis des Kommunikationsvorganges kann ein einfaches Modell herangezogen werden:
 
Abbildung
Kommunikationsmodell
Information
Information
Codieren
Decodieren
Mitteilung
Sender
Empfänger
 
Diese Abbildung läßt sich folgendermaßen interpretieren: Ein Sender gibt eine Information an einen Empfänger. Dazu muß er sie codieren, z. B. in Sprache umsetzen. Ob nun zwischen Sender und Empfänger Mißverständnisse entstehen oder nicht, hängt davon ab, ob der Empfänger in weitgehend identischer Weise decodiert, wie der Sender codiert hat. Der Sender gibt seine Information, um etwas mitzuteilen, d. h. seine Information erfolgt mit der Absicht des Mitteilens. Deshalb kann bereits eine erste Differenz zwischen Mitteilungsabsicht und Information entstehen. Dieses ist ein Vorgang, den man im Alltag häufig beobachten kann, wenn Menschen den Eindruck vermitteln, es gelinge ihnen nicht, ihre Mitteilungsabsicht adäquat zu formulieren. Im Deutschen gibt es hierfür die Redewendung "Nach Worten suchen".

Innerhalb von Kulturen gibt es Traditionen, in welcher Weise Mitteilungen in Information umzusetzen sind. Die Forschungsrichtung der Ethnomethodologie befaßt sich mit diesem Phänomen. So hat Adato (1976) eine vergleichende Untersuchung über Erfahrungen des Abschiednehmens in verschiedenen Kulturen vorgelegt. Die Mitteilung des Abschiednehmens kann in verschiedenen Kulturen auf differente Weise erfolgen. Es wird eine jeweils andere Information gegeben. So wird auch häufig angenommen, Mitteilungen seien im Deutschen mehr auf die explizite Information ausgerichtet, d. h. in der Mitteilung werden Teile des Kontextes nochmals expliziert, im Französischen sei demgegenüber der Kontext wichtig, indem die Mitteilung erfolge, d. h. die Mitteilung kann öfter darauf verzichten, den Kontext umfassend zu explizieren, sie bleibt implizierter: die Information sei im Französischen kontextabhängiger als im Deutschen. Auf der Ebene des Codierens und Decodierens wäre die Existenz solcher Differenzen von entscheidender Bedeutung, weil sie das wechselseitige Verstehen stark beeinflussen würden (vgl. Luhmann 1986).

Die geschilderten Mißhelligkeiten zwischen deutschem Unternehmen und französischem Zulieferer könnten innerhalb eines solchen Modells analysiert und abgearbeitet werden, weil es eine vernünftige Erklärung für ihre Entstehung liefern kann. Die Gefahr besteht allerdings darin, daß man zu früh bei der Analyse einhält, weil man glaubt, schon ein zufriedenstellendes Resultat vorlegen zu können.

Analysiert man das eingeführte Beispiel einen Schritt weiter, dann zeigt sich, daß die Sprachkenntnis allein nicht ausreicht, sondern Mißverständnisse erst verringert werden können, wenn der kulturelle Kontext der Kommunikation zusätzlich berücksichtigt wird. Die Sprache kann nämlich für sich den Kontext der Kommunikation nicht liefern; sie findet auch innerhalb des Kontextes statt. Der Kontext kann wiederum von Sender und Empfänger unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Kommunikationsprozesse werden durch die kognitiven Schemata der Teilnehmer bestimmt. Diese Schemata differieren zwischen Kulturen (vgl. Knapp 1995, 11ff.). So zeigen sich zuweilen bei deutsch-französischen Meetings bereits in der Zeitökonomie deutliche Unterschiede. Deutsche Teilnehmer, die eine angesetzte Zeit des Konferenzbeginns allzu ernst nehmen, können zu längeren Wartezeiten veranlaßt werden. Franzosen wiederum nehmen die Pünktlichkeit der Deutschen eher im Sinne einer sekundären Tugend denn als Anzeichen für ein Engagement in der Sache wahr, als das die Deutschen sie verstanden wissen wollen. Diese Betrachtung ließe sich fortsetzen. Sie läßt aber auch in dieser kurzen Form bereits ein Element des kulturellen Kontextes erkennen.

Ein anderes wesentliches Element ist das der Zuwendung und Aufmerksamkeit. Deutsche versuchen diese durch konstante Anwesenheit und ständige zur Schau getragene Aufmerksamkeit zu symbolisieren. Bei Franzosen kann anstelle dessen, trotz häufiger Abwesenheit in Zwischenphasen eine besondere Herzlichkeit in der Zuwendung treten. Wer auf solche wechselseitigen Unterschiede nicht vorbereitet ist, kann leicht Mißverständnissen erliegen.

Interkulturelle Kommunikation muß demnach als ein komplexer Vorgang begriffen werden, innerhalb dessen die Aspekte Mitteilung, Information und Verstehen in einem Interdependenzgeflecht gedacht werden müssen.

In unterschiedlichen Kulturen gibt es zusätzlich Differenzen darüber, wie verstanden und mitgeteilt wird. Daraus resultieren unterschiedliche Annahmen darüber, was eine Information an Bestandteilen enthalten muß, damit sie vom Empfänger im Sinne der Mitteilung des Senders decodiert und verstanden wird.

Mitteilungen unterscheiden sich von Informationen durch zwei wesentliche Aspekte:
 
- Sie erfolgen mit einer Absicht und
 
- sie enthalten ein hohes Maß an Redundanz, indem sie Bezüge auf den Kontext des Verstehens einbeziehen.
 
Der Grad des Verstehens einer Mitteilung hängt vom Maß der darin enthaltenen oder im Kontext vorhandenen Redundanz ab. Wären sie zu informativ, d. h. enthielten sie für den Empfänger zuviel Neues, blieben sie unverständlich bzw. würde ihre Decodierung einen Aufwand erfordern, wie er im Zusammenhang mit dem Entschlüsseln fremder Sprachen erbracht wird. Für die konkrete Information bedeutet das, daß vor allem Wert darauf gelegt werden muß, den Kontext herzustellen. Dann kann die Information selbst sehr kurz ausfallen: Es gibt in der Regel ein hohes Maß an impliziter Redundanz, die über den Kontext hergestellt wird.

Eine Differenz im Umgang mit Mitteilungen bei Deutschen und Franzosen zeigt sich häufig rein äußerlich darin, daß Deutsche dazu neigen, ihre Information durch Schaubilder zu verdeutlichen, Franzosen bedienen sich dieses Hilfsmittels seltener.

In interkulturellen Kontexten treten weitere Differenzen auf, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. So wird aus einem Schweizer Unternehmen mit deutschen, französischen und Schweizer Beschäftigten, welches flexible Arbeitszeit eingerichtet hatte, berichtet, daß bei einem Beginn der Arbeit um 7.00 Uhr sowie einem Beginn der Kernarbeitszeit um 9.00 Uhr die Mehrzahl der deutschen und schweizerischen Beschäftigten ihre Arbeit gegen 7.00 Uhr aufnahmen; der Großteil der französischen Beschäftigten erschien demgegenüber erst gegen 8.30 Uhr zur Arbeit. Daraus ergaben sich auf Dauer Probleme in der Zusammenarbeit der deutschen und schweizer Mitarbeiter mit den französischen. Der französische Informant, dem diese Geschichte zu verdanken ist, berichtete von sich, daß er gegen 7.00 zur Arbeit erschienen sei, meinte aber auch, daß auf der konkret inhaltlichen Ebene die deutschen Beschäftigten gegenüber den beiden anderen Nationalitäten in einer Außenseiterposition gewesen seien. Das sei daraus entstanden, daß die Deutschen immer sehr konkret argumentiert hätten, während die Franzosen sich mehr für das Zustandekommen von Ergebnissen, also den Prozeß, interessiert hätten. Die Schweizer hätten dabei die französische Herangehensweise bevorzugt.

Merk (1995, 110ff.) hat für Frankreich und die Niederlande folgende Dimensionen herausgestellt, auf denen sich interkulturelle Differenzen abbilden lassen:
 
- Hierarchie/Machtverteilung,
 
- Verhältnisse zur Zeit,
 
- Raumverhalten (Proxemik) und non-verbale Kommunikation,
 
- Materielle Aspekte/Geschenke,
 
- Sprache.
 
Diese Einteilung demonstriert die Komplexität des Phänomens Interkulturalität.

 

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