Arbeitstexte de travail

Unternehmenskulturen und interkulturelles Management

Jacques Demorgon,
Hochschullehrer an den Universitäten Bordeaux, Reims, Paris 8 und Compiègne

Inhaltsverzeichnis

Nationalstaaten und Unternehmen
 
"Ökonomie und Interkulturalität"
 
 
Übersetzung aus dem Französischen von Gernot Glaeser
 
Einleitung:
Das Unternehmen, die Welt und das Interkulturelle
 
1. Neue Begriffe - Zeichen der Zeit
 
Der Gebrauch der Begriffe "interkulturell“" und "Interkulturalität" hat sich letzten Endes doch durchgesetzt, trotz anfänglich zahlreicher "puristischer" Widerstände. Das Substantiv "Interkulturalität" hatte einige Schwierigkeiten, sein eigenes Modell, die "Internationalität", einzuholen. Diese Bemerkungen sind nicht rein terminologischer Art. Der Gebrauch von Worten, die als abstoßend gelten und sich am Ende doch durchsetzen, zeigt eine Veränderung an, die nicht nur eine Modeerscheinung ist. Sie kann jedoch zuweilen eine Täuschung darstellen. Wir werden diesen Aspekt behandeln und unsere Schlußfolgerungen ziehen.

Was den Begriff "Koexistenz" betrifft, so hatte dieser für die gesamte vorausgegangene Epoche gestanden, für die Epoche der Machtblöcke, die in einem Gleichgewicht des nuklearen Schreckens nebeneinander oder einander gegenüber standen. Der Begriff "Dekolonisation" ging mit ihm einher. Der Prozeß führte zum Anerkenntnis einer Pluralität der Nationen mit unterschiedlichen Kulturen und Handlungsorientierungen (Strategien), auch wenn es ihnen nicht gelang, sich aus althergebrachten oder auch aktuellen Unterordnungsverhältnissen zu befreien. Doch gerade ihre kulturellen Besonderheiten wurden zu Gegenständen von Informationen, die durch Diplomatie, Handel, Tourismus und die Gesamtheit der damit einhergehenden Wissensbestände Verbreitung fanden.

Heute sind es die Begriffe "Globalisierung" und "weltweite Vernetzung", die sich praktisch unaufhörlich aufdrängen. Ist nun die Zeit gekommen, das "Buch des ganzen Planeten" zu schreiben? Trotz gewisser Erscheinungen ist dies noch lange nicht sicher, denn auch dieses Buch könnte uns Informationen über unsere heutige Welt einzig dadurch vermitteln, daß es uns die Interaktionen zwischen den Gesellschaften dieser Welt verstehen ließe. Eine Kultur der weltumspannenden Information ist gewiß schon heute auf vielfältige Art und Weise wirksam, beispielsweise in Form von statistischen Indikatoren oder auch touristischen Reiseführern. Doch das weltumspannende Interkulturelle, das Tag für Tag die Kulturen von morgen hervorbringt, ist noch nicht einmal zum Gegenstand etablierter Forschung geworden. Die Forschung steht an diesem Punkt noch ganz am Anfang. Doch um beginnen zu können, müßte es ihr gelingen, ihren Gegenstand zu definieren: Zugleich die Einheit und die Vielfältigkeiten menschlichen Handelns zu erfassen, wie es sich an den Strategien ablesen läßt, die in den bestehenden wie auch in den sich entwickelnden Kulturen wirksam sind.

Vorläufig wollen wir nur noch anführen, daß die Anfänge interkulturellen Denkens in dem Wunsch zu suchen sind, Einheit und Nicht-Einheit des menschlichen Wesens ausgehend von den Vereinheitlichungs- und Diverzifizierungsprozessen zu denken, wie sie sich in Organisationen (z. B. Politik, Religion, Wirtschaft und Ästhetik) sowie in den alltäglichen Verhaltensweisen und Gebräuchen konkret abzeichnen.
 
 
2. Stationen auf dem Weg der Globalisierung
 
Offensichtlich vollzieht sich eine Globalisierung schon seit langer Zeit. Hierfür lassen sich auch historische Wurzeln aufzeigen. Im Jahre 1493 hatte Papst Alexander VI. z. B. eine Aufteilung der Welt entsprechend geographischer Längengrade zwischen Spanien und Portugal durchgeführt. Östlich einer Linie, die 100 Meilen entfernt von den Azoren verlief, sollte die gesamte bekannte Welt zu Portugal gehören, westlich dieser Linie zu Spanien. Die katholischen Könige und Johannes II. von Portugal trafen sich und revidierten diese Linie, die mit dem Vertrag von Tordesillas am 7. Juni 1494 auf 370 Meilen östlich der Azoren festgelegt wurde. Papst Julius II. bestätigte diesen Vertrag im Jahre 1506.

Man könnte auch, um unserer eigenen Zeit etwas näher zu kommen, an die amerikanischen Kanonenboote erinnern, die 1853 unter dem Kommando des Kommodore Perry die Japaner mit Repressalien bedrohten, sollten diese sich weiterhin weigern, sich diplomatischen und Handelsbeziehungen zu öffnen.

Die beiden großen Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind regelrecht als Weltkriege bezeichnet worden. Und will man schließlich noch dichter an der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts bleiben, so wird man an das Ende der Kolonialreiche und die darauf folgende Blütezeit neuer Nationalstaaten erinnern dürfen.

Noch näher an der Gegenwart findet man den russisch-amerikanischen Wettlauf zum Mond, dann die Ölkrisen der frühen 70’er Jahre, die ganz klar die Idee eines gemeinschaftlichen Managements der Ressourcen unseres Planeten aufkommen ließen, freilich in erster Linie zum Vorteil der dominierenden Nationen.

Heute schließlich kreisen Beobachtungs- und Kommunikationssatelliten um die Erde. In der Perspektive weltweiter Handelsbeziehungen hat sich eine gewisse "Angleichung" Rußlands und Chinas vollzogen oder ist gerade dabei, sich zu vollziehen. Und schließlich konfrontiert uns der Weltwetterbericht, den etliche TV-Sender heute im Programm haben, tagtäglich mit dem Bild des dritten Planeten des Sonnensystems, unseres eigenen.
 
 
3. Perspektiven der vorliegenden Untersuchung: Vielfalt der Interkulturalitäten
 
Beginnen wollen wir in einem ersten Teil, mit zahlreichen Beispielen für interkulturelle Problematiken in internationalen Unternehmen. Wir haben diese wegen ihrer relativen Unterschiedlichkeit ausgewählt. Im ersten Beispiel werden die drei Kulturen innerhalb von britischen, italienischen und französischen Fabriken für Elektrogeräte für eine zu vernachlässigende Größe gehalten. Eine einzige, gleiche Unternehmenskultur wird von vornherein als einfach herstellbar vorausgesetzt.

Im zweiten Beispiel besteht durchaus ein gewisses Bewußtsein für interkulturelle Problemstellungen und von daher auch der Wille, diese zu antizipieren und zu bewältigen. In beiden Fällen gilt: So einfach ist es nicht! In einem dritten Beispiel beziehen wir uns auf die weithin bekannten Arbeiten des amerikanischen Forschers E.T. Hall, um seine Erkenntnisse mit jenen zu vergleichen, die J. Pateau in seiner jüngst vorgelegten Untersuchung von deutsch-französischen Unternehmen erzielt hat.

Diese Beispiele sollen uns im zweiten Teil helfen, die Notwendigkeit zu verstehen, interkulturelle Problemstellungen in den Unternehmen in einer weniger vereinfachenden und einseitigen Art und Weise anzugehen. Dabei kommen wir auf E.T. Hall und andere Aspekte seiner Arbeit zurück, die ihn zu einem wichtigen und wertvollen Vordenker machen, weil er uns zeigt, daß eine Kultur eine Gesamtheit von selektierten Orientierungen und Handlungsweisen darstellt, die auf allgemeine menschliche Problemstellungen Antwort geben. Kulturen ähneln sich häufig darin, worauf sie Antworten geben. (Dies ist Gegenstand des sogenannten synchronischen Ansatzes zur Erforschung allgemeiner Problemstellungen). Doch in den tatsächlich gegebenen Antworten unterscheiden sie sich. Allerdings! Nicht jedes Mitglied einer Kultur ist stets und notwendig an eine einzige, immer gleiche Antwort gebunden. In sich selbst kann eine Kultur variieren. So kommt es, daß mehrere, insgesamt unterschiedliche Kulturen einander durch einige ihrer Varianten ähneln können. Diese Fragen gehören zum Gegenstand des strategischen Forschungsansatzes, der sich mit der Selektion von Orientierungs- und Handlungsmustern befaßt.

Die beiden genannten Forschungsansätze müssen jedoch ständig miteinander verknüpft werden. Dies gilt auch für einen dritten, nämlich den diachronischen oder historischen Ansatz. Aufgrund neuer Herausforderungen erneuern sich die Kulturen im Laufe der Geschichte: raum-zeitliche Zwänge, früher erworbene kulturelle Ressourcen, menschliche Freiheiten und die mit ihnen zusammenhängenden Strategien. Aus all diesem entstehen unterschiedliche Geschichtsverläufe, und diese wiederum bringen unterschiedliche Kulturen hervor. Hinzu kommen Variationen der Zwänge, Variationen der Freiheiten und der Strategien, Variationen der Kulturen.

Ein Wissen, das auf den historischen Ursprüngen der Kulturen (interaktive Zwänge und Freiheiten) aufbaut, schafft die Basis für spezielle Ausbildungen für interkulturelle Situationen und Verhaltensweisen in der Gegenwart. Solche Ausbildungsmöglichkeiten, sowohl theoretisch als auch praktisch, sowohl auf breites als auch auf vertieftes Wissen abzielend, könnten Managern in Zukunft angeboten werden.

In einem dritten Teil wollen wir unseren eigenen Standort gegenüber "der" sich vollziehenden ökonomischen weltweiten Vernetzung verdeutlichen und dabei aufzeigen, warum die Erfolge Japans solche Überraschungen ausgelöst haben: es sei daran erinnert, daß die Japaner als "die Deutschen von Asien" bezeichnet wurden. Diese Erfolge gaben Anlaß zu einem Konflikt zwischen verschiedenen Interpretationsmustern: Während einige den japanischen Siegeszug auf die japanische Kultur zurückführten, wurde er von anderen auf dem Hintergrund der japanischen Strategie erklärt. Unter dieser zweiten Hypothese war es auch möglich, diese gewinnbringende Strategie für übertragbar zu halten. All dies führte zum Entstehen einer starken Strömung, die sich sehr offen für die Herstellung von Unternehmenskulturen aussprach, sich aber gegen das Bewußtsein für die vorhandenen nationalen Kulturen verwahrte. In doppelter Hinsicht wurden diesen Vereinfachungen Einhalt geboten. Einerseits ist es Hofstede gelungen, in einer berühmt gewordenen Studie zu zeigen, daß die Unternehmenskultur von IBM durchaus eine einheitliche sein und sich zugleich in den 53 Niederlassungen des Unternehmens doch nicht minder vielfältig gestalten konnte.

Zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler und Soziologen haben den Nachweis geführt, daß auch die Kapitalismen kulturspezifisch sind. Zum zweiten Mal wurden den genannten Vereinfachungen Einhalt geboten, als das japanische Modell in die Krise geriet, während zugleich das amerikanische Modell erneut eine gewisse Vorherrschaft errang. Hier wurde deutlich, daß es niemals gelingen kann, Kulturen, Zwänge und Strategien voneinander zu trennen. Es war noch nie möglich, irgendeine dieser Grundlagen ohne Bezug auf die beiden jeweils anderen zu definieren. Gerade das jeweilige Verhältnis von Kulturen, Zwängen und Strategien zueinander, haben England, den Vereinigten Staaten, Deutschland, Japan ihre Erfolge ermöglicht; das gleiche gilt für die Staaten Südostasiens und wird morgen vielleicht auch für die Wirtschaft Chinas oder für Brasilien gelten.

In einem vierten Teil wollen wir schließlich den Versuch unternehmen, die gegenwärtige Konjunktur als einen Konflikt zwischen verschiedenen Prozessen jeweiliger weltweiter Vernetzung zu analysieren. Einerseits sehen wir hier ganz offensichtlich eine Globalisierung der Geld- und Warenmärkte, die sich die Fortschritte der Informationstechnologien zunutze machen. Doch es gibt andererseits auch eine weitere, stärker im Verborgenen sich vollziehende, allgemeine Globalisierung von Information, deren Verlauf nicht unbedingt immer einer von vornherein bestimmten Richtung folgt. Sie schließt die Entwicklung von Möglichkeiten zu besserer Kenntnis und besserem Verstehen der gegenwärtig auf dem Planeten bestehenden kulturellen und strategischen Systeme nicht aus - den Willen der Handelnden vorausgesetzt, kann sie eine solche Entwicklung sogar fördern. Aber es geht hier um ein Kennen und ein Verstehen, das sich der Auseinandersetzung mit all den Schwierigkeiten, die dieses Wissen noch umschattet, nicht entziehen kann und darf: Die neue interkulturelle Dimension, die von den interagierenden Globalisierungsprozessen hervorgebracht wird, geht einher mit einer fortwährenden und äußerst komplexen Weiterentwicklung der Kulturen, die sich unvermeidbar nicht ohne Spannungen, Reibungen und Konflikte gestalten wird. Es wird also notwendig, über Kulturkämpfe, Kriege zwischen Nationen und Machtkämpfe zwischen Unternehmen nachzudenken.

Schließlich wollen wir versuchen, inmitten dieser sich selbst(des)organisierenden Dynamik zugleich die Grenzen und die Möglichkeiten einer neuen, deutsch-französischen Interkulturalität in einem grundsätzlich erweiterten Horizont aufzuzeigen.

 

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