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Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern |
Lucette Colin
(Übersetzung aus dem Französischen von Gerald Prein)
Deutsch-französische Landschulheimaufenthalte oder
«Interkulturelles Lernen zwischen Grundschulklassen ohne Fremdsprachenkenntnisse»
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TEIL II Das Problem der Sprache
A. SITUATIONEN 1. Situation Ich bemerkte auf dem Brett, an dem der Tagesplan der Aktivitäten in französischer Sprache aushängt (es gibt einen weiteren Plan in deutscher Sprache), einen deutschen Begriff: den der "Versammlung" (Deutsch i. Orig.). Diskussion mit einer Gruppe französischer Schülerinnen L. Colin: "Was heißt das denn eigentlich, 'Versammlung'?" Schülerin 1: "'La Versammlung', na ja, das ist... Du weißt doch, du warst eben doch dabei, da, wo wir alle zusammen gesessen und über den Tagesablauf diskutiert haben". L. Colin : "Was heißt das denn auf Französisch?" Schülerin 1: "Das ist nicht französisch, das ist was besonderes. Ich habe so was noch nie in Frankreich gehört. Die Deutschen machen das oft in der Schule, aber wir nicht!" Schülerin 2: "Nein, das heißt doch einfach 'réunion"' Schülerin 3: "Ja, das ist richtig, aber la 'Versammlung' ist la 'Versammlung' und eine réunion ist eine réunion". Schülerin 2: "Die réunion heißt auf französisch une réunion und auf Deutsch eine Versammlung". Schülerin 3: "Aber der Lehrer hat 'Versammlung' geschrieben und nicht 'réunion' und er hat doch auf französisch geschrieben". Schülerin 2: "Das war doch aus Spaß, weil das sowas deutsches ist." Die Gleiche, eher an L. Colin persönlich gerichtet: Schülerin 1: "Ich hatte das begriffen, aber es stimmt doch, daß das deutsch ist." Colin: "Hattest du das vergessen?" Schülerin 1: "Ja, aus Gewohnheit, und dann steht es ja auf unserem Brett!" Dieser Dialog ist auf mehreren Ebenen interessant. Zunächst ist es wahrscheinlich, daß die Schülerin 1 deshalb verwirrt ist, weil ich ihr eine Frage stelle. Ihre Aufgeregtheit oder Ruhe gingen immer auf meine eigene Haltung zurück: einmal im ersten Fall auf eine stark direktive Haltung, und im zweiten Fall auf eine Bereitschaft, eine nondirektive Diskussion zu führen. Man kann feststellen, daß die Übersetzung des deutschen Begriffes nicht spontan kommt. Die Schülerin beschreibt die Situation, die mit dem Wort verbunden ist, als hätte ich sie darum gebeten, mir ein etwas schwierigeres französisches Wort zu erklären. Es wird übrigens von "la" oder von "une Versammlung" gesprochen, eine Art, das Wort in das eigene Register zu integrieren, eine Art, es banal werden zu lassen. Die Tatsache, daß es hier um etwas "Besonderes" geht, verweist auf die pädagogische Besonderheit der Landschulheimaufenthalte. Die Unterschiede in der Pädagogik werden von den Schülerinnen deutlich empfunden, wenn sie den Unterrichtsalltag in der Schule B. mit ihrem eigenen Schulalltag vergleichen: « Die Deutschen machen das oft, das ist sowas deutsches » . Man kann auch feststellen, daß die Schülerin 3 die wörtliche Übersetzung der Begriffe ablehnt und aus jedem eine Besonderheit heraushört, aber nicht weiß, wie sie diese kennzeichnen soll. ("Die réunion ist eine réunion, 'la Versammlung' ist eine Versammlung"). Nach diesem Beitrag führt übrigens die "rationalste" Schülerin eine kulturelle Besonderheit und den Bezug ihres Lehrers zu diesen kulturellen Besonderheiten in das Gespräch ein ("Das war doch aus Spaß"). Es wird auch das Problem der Gewohnheit gestellt, das sich Gewöhnen an gewisse Worte, was einen Sprachraum voraussetzt, der beiden Sprachen gemeinsam ist, und was damit auch auf den Prozeß der Institutionalisierung einer neuen Institution hinweist, und zwar jener der "deutsch-französischen Landschulheimaufenthalte". Das Problem wird also zu der Frage "verstehe ich den Begriff oder verstehe ich ihn nicht?", wobei in Vergessenheit gerät, ob dieser Ausdruck nun deutsch oder französisch ist. Es wird auch an den besonderen Raum erinnert, der jeder nationalen Gruppe eigen ist, und sei er noch so klein. In diesem Fall ist es also das Brett in französischer Sprache, das somit französisch ist: "auf unserem Brett". Dieses Brett bedeutet implizit, daß der französische Lehrer, wenn er "Versammlung" schreibt, letztlich auch auf Französisch schreibt. Ich will daran erinnern, daß dieser Austausch in Deutschland stattfand; in Frankreich wäre dieses Bedürfnis nach Aneignung sicher nicht auf solche Weise bei den französischen Schülern aufgetreten.
2.Situation « Aber, das ist doch ganz einfach, mit den Deutschen zu reden. Man braucht, nur Gesten zu machen ». Diese Schülerin wendet sich an ihren Lehrer und an mich. Das Beispiel folgt sofort: Ihr französischer Lehrer und ich wie aus einem Munde: "Und das hat er kapiert?" "Na klar, das ist doch einfach, man braucht ja nur Gesten zu machen", antwortet die Schülerin. Diese Situation erscheint mir als die humorvollste Satire für eine gewisse Grundstimmung des Programms. Laßt doch die Sprache weg bei der Kommunikation, macht Gesten, Pantomime, das Präverbale hat doch früher auch schon existiert! Das Mädchen ist sich dessen nicht bewußt geworden, daß sie allein schon durch die Tatsache, sprechen zu wollen, mitten in der Sprache als Institution, ihrer eigenen Sprache, steckte. Die Sprache ist "ein System von vokalen und eventuell graphischen Zeichen, das einer Gemeinschaft von Individuen eigen ist, die es benutzen, um sich auszudrücken und untereinander zu kommunizieren" (Grand Dictionnaire Encyclopédique Larousse, Bd. 6, Paris, 1984). Die Besonderheit der Sprache als System einer besonderen Gemeinschaft (in diesem Falle der Franzosen) ist ihr nicht deutlich. Für sie ist das System im Deutschen und im Französischen identisch. Eine Übersetzung Ausdruck für Ausdruck ist für sie möglich, daher ihre Idee eines Rebus, um das zu erklären, was sie sagen will. Wenn der junge Deutsche sie verstanden hat, so dann nur deshalb, weil die Begegnung dieser beiden Kinder in einer Beziehung zu dem gleichen Anlaß stattfand: in der Tat, sprachen alle davon, daß am Sonntag das Fest stattfinden sollte. Was sollte es dann auch noch, ob es nun Sonntag (dimanche) oder « zehn Ärmel » ( dix manches) sind, denn der wichtige Gegenstand war ja das Fest, von dem alle wußten, von dem alle sprachen. Der junge Deutsche wußte von vornherein, daß das, was sie ihm sagen wollte, ihn ansprechen würde, er erwartete es geradezu, sie teilte ihm nichts anderes mit als das, was er hören wollte und was er damit auch verstanden hat. Der Gebrauch der Sprache ist also in diesem Kontext etwas, was nur noch hinzukommt. Der Sinn geht nicht über die Wege, die er zu gehen scheint. Die Sprache dient hier zur Unterstützung der gemeinsamen Freude, einer gemeinsamen Erwartung, aber nicht als Werkzeug in der Vermittlung des eigentlichen Sinns. Fragt man denn nach der Übersetzung von "je t'aime", "ich liebe dich" oder "I love you"...
3. Situation Schülerin: "Sag mal, stimmt es, daß man deutsch sprechen muß, um Stewardeß zu werden?" L. Colin: "Ich weiß es nicht ganz genau, ich glaube aber, daß im Prinzip zwei Sprachen verlangt werden". Schülerin 2: "Englisch, Japanisch oder Deutsch, und du kannst aussuchen". L. Colin: "Ja, du kannst das aussuchen!" Schülerin 1: "Ihr vergeßt Französisch". Schülerin 2: "Ist das denn eine Sprache?" Schülerin 1: "Natürlich, vor allem für die Deutschen." L. Colin: "Und für die Franzosen?" Schülerin 1: "Ja auch. Aber zu Hause, da vergißt man das und außerdem lernt man Französisch von ganz allein, man braucht kein Wörterbuch". Schülerin 2: "Es gibt aber auch Wörterbücher für französische Wörter. Mein Cousin, der lernt ganz viele komplizierte Wörter, indem er das Wörterbuch liest" . Schülerin 2: "Ja, vielleicht; aber Mama, zu Trinken, ein Bonbon, all das hat er doch ganz alleine gelernt" . L. Colin: "Wie das, ganz alleine?" Schülerin 1: "Ganz allein, ja, man braucht dafür nicht in die Schule zu gehen, außer um Schreiben und Lesen zu lernen oder um komplizierte Wörter zu wissen". L. Colin: "Wenn also ein Baby, das gerade geboren ist, allein in einem Zimmer bliebe, dann spräche es Französisch?" Schülerin 1: "Wenn es in Frankreich ist, ja. Und mit Sicherheit, wenn seine Eltern Franzosen sind". L. Colin: "Und wenn es in Frankreich ist und seine Eltern Deutsche sind?" Schülerin 1: "Dann wird es deutsch sprechen. Die Eltern sind dabei wichtiger. Wir haben z.B. die gleichen Haare wie sie. Ich habe die Augen von meinem Vater". Schülerin 2: "Ich glaube, so ist das nicht. Ein Tauber kann nicht sprechen, weil er die Sätze nicht hören kann. Da er sie nicht wiederholen kann, spricht er nicht". L. Colin an Schülerin 1:"Was denkst Du darüber?" Schülerin 1: "Sie hat Recht. Man kann nicht sprechen, wenn man ganz allein in einem Zimmer bleibt. Man hat Glück, wenn man gesprächige Eltern hat, dann lernt man schnell sprechen"... Gelächter. "Und dann spricht man ja auch, weil man Sachen verlangt: ich bin hungrig, ich will meine Flasche. Man wird besser bedient, wenn man selbst was verlangt, na und zum Verlangen muß man eben sprechen". L. Colin: "Verstehst du den Begriff Muttersprache?" Schülerin 1: "Ja, das ist für uns Französisch. Ja, bei den Eltern, da müssen wir eben französisch sprechen, sonst verstünden sie uns nicht". Schülerin 2: "Wenn wir "Scheiße" (dtsch. i. Orig.) sagen würden, könnten sie uns nicht verstehen". Gelächter Schülerin 1: "Oh doch, sie würden das schnell verstehen. Wir haben das doch auch schnell verstanden". Schülerin 2: "Wenn ich das zu X sage und ihr dabei zulächele, dann wirst Du schon sehen, daß sie es nicht kapiert". Der Dialog geht noch einige Zeit in der gleichen Art weiter... Sie sprechen insbesondere über die Kameraden, denen sie Streiche spielen wollen. Die Situation 3 in ihrem Kontext: die Diskussion drehte sich um die Berufe, für deren Ausübung verlangt wird, daß man Deutsch sprechen kann. Vor dem Dialog, den ich mitgeschrieben habe, hatte die Schülerin 1 als einziges Beispiel den Beruf des Deutschlehrers genannt. Dann kam ihre Frage nach dem Beruf der Stewardeß. Meine Antwort auf die Frage ist verschwommen. Ich denke dabei an zwei lebendige Sprachen neben der Muttersprache, d.h. eine mehr als notwendig ist, um Deutschlehrerin zu werden. Diese Diskussion wird durch zwei Tatsachen interessant: Zunächst stellt die Schülerin 1 heraus, daß man das Französische mitrechnen muß, daß Französisch eine Sprache ist. Daraufhin meldet die Schülerin 2 Zweifel an, wobei sie weiter "Sprache" mit "lebendiger Fremdsprache" gleichsetzt, und fragt, ob man Französisch als Sprache bezeichnen könne. Dies ist bewundernswert und paradox, denn es ist gerade diese Schülerin, die in der Diskussion daran erinnert, daß es nicht selbstverständlich ist, Französisch zu sprechen (man muß auch als Franzose Französisch lernen: Beispiel ihres Cousins mit dem Wörterbuch), daß das Sprechen als solches auch nicht selbstverständlich ist (wobei die Version der Schülerin 1 durch das Beispiel des Taubstummen in Frage gestellt wird). Ihre diskreten Beiträge haben einen entscheidenden Einfluß auf die Aussagen der Schülerin 1. Hierzu will ich bemerken, daß die Schülerin 2 aus einem weitaus einfacheren sozialen Milieu kommt als die Schülerin 1 und daß sie eine nicht so gute Schülerin wie diese ist. Für die Schülerin 2 ist die Sprache der Schule als "komplizierte" Sprache nicht selbstverständlich. Diese kann im Vergleich zur gesprochenen Sprache, d.h. zur Sprache, die sie zu Hause spricht, genauso fremd sein wie eine Fremdsprache im eigentlichen Sinne. Meine Entscheidung, diese Gespräche mitzuschreiben, rührt ganz einfach daher, daß ich erstaunt darüber war, was für Fragen sich Kinder von neun Jahren über Sprache stellen. Dieses DFJW-Programm ist ein Untersuchungsfeld, aber es gibt auch die Möglichkeit ganz unterschiedlicher Situationen für den Schüler. Hier kommt mir eine außergewöhnliche Definition der Pädagogik in den Sinn, die zu Ehren von G. Lapassade geht: "Pädagogik ist die Wissenschaft ihrer Settings". Zu welchen Schlußfolgerungen führt diese Diskussion? Als wichtigste Punkte erscheinen mir:
Dann, nachdem die Schülerin 2 ihren Einwand vorbrachte und sich dabei auf das Beispiel des Taubstummen stützte, stellt die Schülerin 1 das Problem folgendermaßen: um zu sprechen, muß man hören, um zu sprechen, muß man motiviert sein. Sie bezieht sich auch auf den Wunsch, Subjekt zu sein: "Man wird besser bedient, wenn man selber was verlangt". Es wird sich auch auf den Wunsch der Eltern bezogen. Man spricht, weil die Eltern dies wünschen: "Die Eltern, die wollen, daß man Französisch spricht, sonst würden sie einen ja nicht verstehen". Diese immer feiner werdende Analyse muß meines Erachtens mit dem Status der französischen Schüler in Verbindung gebracht werden, die mit einer Gruppe deutscher Schüler in einem Land zusammenlebten, dessen Sprache sie nicht sprechen, in dem sie sich überhaupt nicht verständlich machen können; dies alles wirft Fragen nach dem Warum des Sprechens auf, nach dem Wunsch zu sprechen. Der Humor, der sich in den drei letzten Antworten zeigt, weist auf die Angst hin, bestimmte verbale Aggressionen nicht zu verstehen. Diese Angst wird durch die Rückversicherung: "Wir haben das schnell verstanden", zugedeckt. Verstehen zu wollen, bedeutet auch, sich verteidigen zu wollen. Die Schülerin 2 erzählt mir, ohne sich dabei auf ihre letzten Aussagen zu beziehen, einige Tage später eine Szene aus einem Film, dessen Titel ich vergessen habe. Der Film spielt während des 2. Weltkrieges unter der Besatzung. Ein Franzose geht scheinbar auf die Anfrage eines deutschen Soldaten ein, ihm Französisch beizubringen. Die Szene spielt - wenn ich mich recht erinnere - in einem Geschäft. Der erste Satz, den der Franzose dem deutschen Soldaten beibringt, ist: « Ich bin doof ». Diesen Satz wiederholt der deutsche Soldat mit größtem Vergnügen, weil er glaubt, damit etwas anderes auszusagen. Dies geschieht zur größten Freude der französischen Zuschauer, die gerade ihre Einkäufe tätigen. Die Schülerin sagt mir, daß sie selbst auch viel gelacht hätte, als sie sich den Film ansah. Ich kenne diesen Film leider nicht und kann deshalb wirklich nicht sagen, ob das, was sie berichtet, dem entspricht, was sie wirklich gesehen hat. Ich habe sie nur gefragt, ob sie schon einmal persönlich eine solche Situation erlebt hätte, sei es in der Rolle des Franzosen, sei es in der des deutschen Soldaten. Ich hatte dabei die Diskussion im Gedächtnis, von der ich eben berichtet habe. Ihre Antwort war negativ. Sie fügte sogar noch hinzu, daß es schlecht wäre, so wie der Franzose zu handeln. Sie milderte dies allerdings ab, indem sie sagte, er hätte dies trotzdem tun dürfen, weil die Deutschen während des Krieges auch böse gewesen wären. In Bezug auf die Tatsache, so wie der deutsche Soldat hereingelegt zu werden, sagte sie mir, daß sie dazu nicht bereit wäre und sehr aufpaßte, daß sie niemals ein deutsches Wort wiederholen würde, über dessen Bedeutung sie sich nicht ganz sicher wäre. Ich habe mir dann erlaubt, sie an das Spiel mit dem Wort "Scheiße" (dtsch. i. Orig.) zu erinnern, das sie mit dem französischen Mädchen, das sie kannte, treiben wollte. Aber das sei doch etwas anderes, sagte sie, das sei doch nur Spaß, und sie würde diesen Scherz auch sofort ihrer Freundin erklären. Aber die eine Frage kam immer wieder: kann die Situation aus dem Film wirklich passieren? Sie schien im Zweifel darüber zu sein, denn sie wollte es bei einer Freundin versuchen, aber diese Zweifel gingen nicht so weit, daß sie es akzeptieren würde, etwas x-beliebiges zu sagen, ein x-beliebiges deutsches Wort nachzusprechen. Das Wort ist in diesem Sinne wirklich eine dritte Instanz, die den Beziehungen in den Vorstellungswelten Konsistenz und Stabilität verleiht. Der Gegenstand existiert nur, wenn ich ihm Gegenstand verleihe, nur wenn ich ihn wahrnehme. Wenn ich ihn nicht wahrnehme, löst er sich auf: hierin liegt die Funktion des Blickes. Es gibt nur dann dauerhafte Gegenstände, wenn ich diese als solche bezeichne. Gewiß ist es auch wesentlich, wenn jemand anderes dies genauso sieht wie ich. |