Arbeitstexte de travail

Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern
D
EUTSCH-FRANZÖSISCHE LANDSCHULHEIMAUFENTHALTE

Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz

Inhaltsverzeichnis

C. Zusammenfassung

Die Kinder lernen durch Erfahrung, daß man mit und trotz einer Reihe von Schwierigkeiten in einer bi-nationalen Gruppe leben kann. Viele der auftauchenden Probleme sind bearbeitbar, andere nicht.

Resigniert hat nach meinen Beobachtungen vor diesen Schwierigkeiten niemand.

 

1. Überlegungen zur Alterspruppe « Kinder »

Im Vergleich zu anderen Altersgruppen in deutsch-französischen Begegnungen ist mir bei den 9 -11jährigen vor allem folgendes aufgefallen :

  • Sie sind entdeckungsfreudig und allgemein interessiert bzw. schnell zu interessieren.
  • Sie sind neugierig, diskussionsfreudig, spontan, direkt, unverstellt.
  • Sie sind unternehmungslustig.
  • Die Mädchen-Jungenbeziehungen beschäftigen die meisten noch nicht so sehr, daß andere Interessen und Entdeckungsmöglichkeiten davon nachhaltig und durchgehend beeinflußt werden. Das bedeutet ein in diesem Alter noch weitgehendes Interesse an Gruppenaktivitäten, Disponibilität für vielfältigste Erfahrungen mit verschiedenen Personen, Offenheit gegenüber einer Vielzahl von möglichen Partnern beider Geschlechter.
  • Die Sozialisation in unseren rivalisierenden Leistungsgesellschaften hinein scheint in dieser Altersphase noch nicht soweit fortgeschritten zu sein, daß Geduld, Zeit-haben, Humor und Lachen verdrängt worden wären. Unter dem Forschungsgesichtspunkt "Sozialisation im Kindes- und Jugendalter" scheinen mir hier besonders bemerkenswerte Diskrepanzen zwischen Kindern und Jugendlichen einerseits und dem Verhalten von Erwachsenen andererseits aufzutreten. Nie habe ich unter Kindern dieser Altersgruppe so häufige, heftige und langandauernde Aggressionsäußerungen erlebt wie unter Erwachsenen. Selten habe ich Erwachsene erlebt, die z.B. mit vergleichbarer Geduld wie die 9-11jährigen erklärt, gewartet, herzlich gelacht und ihre Meinung revidiert haben, Qualitäten, die m.E. in interkulturellen Begegnungen von größter Bedeutung sind.
  • Kinder dieser Altersstufe scheinen in der Mehrzahl erheblich revidierfreudiger in Bezug auf Urteile und Vorurteile als viele Erwachsene in deutsch-französischen Begegnungen. Viele scheinen über erhebliche Kapazitäten zu verfügen, das Anders-sein anderer mit Interesse aufzunehmen und bestehen lassen zu können, bei gegebenen Möglichkeiten miteinander zu diskutieren, ohne sich zu verteidigen oder die anderen in ihren Eigenarten anzugreifen.

 

2. Überlegungen zum Stellenwert des "sich-vertraut-machen-mit", des "Erfahrungen machen mit Fremden und in der Fremde"

Soldaten haben im Kriegsfall ein striktes Verbot, dessen Übertretung u.U. mit dem Tod geahndet wird: Sie dürfen keine persönlichen Kontakte zu der als Feinde definierten Bevölkerung haben. Distanz erleichtert das Töten, sowie Unbekannten Schaden zuzufügen. Feinde werden propagandistisch grundsätzlich negativ interpretiert. Sie werden belegt mit bestialischen Bezeichnungen, die das Töten erleichtern sollen: Bestien müssen ausgerottet werden.

Weil die Feinde Bestien sind, muß man sie vernichten, um die Welt vor ihnen zu retten. Der Trainingsjargon der "Green Berets", der härtesten Militäreinsatztruppe der US-Armee, mag dafür als ein aktuelles Beispiel dienen. Differenzierung und persönliche Erfahrung mit den Feinden zersetzt die Moral der kämpfenden Truppe und ist grundsätzlich unerwünscht.

Wer keine Erfahrungen mit Fremden gemacht hat, wer Angst haben muß, von ihnen vernichtet zu werden oder seine bevorzugten kulturellen Eigenarten aufgeben zu müssen, weil er keine Vorstellung und keine Handhabe hat, wie und ob man mit Fremden, Unbekannten leben kann, unterliegt schneller der Gefahr, in Kriegszeiten nationalen Propagandaapparaten zum Opfer zu fallen, die, wie die Geschichte lückenlos zeigt, mit Leichtigkeit "Fremde" zu "Feinden" definieren - je nach politischen Interessen!

In diesem historischen Kontext scheint es mir ein Gebot der Stunde, das Forschungsinteresse auf die Altersgruppe « Kinder » auszuweiten.

 

3. Hypothesen

Meine Beobachtungen führen zu folgenden Hypothesen, die in weiteren Forschungsprojekten weiterentwickelt werden könnten; Begegnungen wie die hier beschriebenen ermöglichen den beteiligten Kindern:

1. die Erfahrung einer fortschreitenden Differenzierung von « Fremden » als eine fremd gegenüberstehende Gruppe, deren "Fremdheit" vorerst lediglich durch eine andere "Nationalität" beschrieben ist.

2. Angst vor dem Kontakt, dem Umgang und dem Zusammenleben mit fremden Menschen einer anderen Nation zu reduzieren.

3. durch vielfältige Erfahrungen und Erlebnisse Interesse an « Fremden », einer fremden Umgebung und an neuen, unbekannten Situationen zu entwickeln, besonders durch Erfahrungen von "Diskrepanzen", von "Anders-sein.

Diese Erfahrungsmöglichkeit kann durch Erwachsene, die sich imstande sehen, solche "Diskrepanzen" mit Kindern zu erforschen, erheblich intensiviert werden.

Die Erfahrung von Sicherheit, Spaß, Verläßlichkeit, Vertrauen, Zuneigung untereinander, Konflikt, Auseinandersetzung und Versuche der Bearbeitung in einer deutsch-französischen Kindergruppe ist in diesem Alter evtl. die entscheidende tragende Qualität bei den gemeinsamen Erlebnissen. Es sind zutiefst emotionale Erfahrungen, die Menschen untereinander verbinden oder trennen und weit in das Erwachsenenalter hinein wirksam bleiben können.

Auf dieser Erlebnisqualität baut m.E. die Motivation auf, sich wiederzusehen und irgendwie in Kontakt zu bleiben.

Aus derselben Quelle wird m.E. das Interesse gespeist, Deutsch bzw. Französisch als Fremdsprache zu lernen.

Nach ihrer Rückkehr in den Schulalltag wählten 65 - 70% der Schüler, die an einer Begegnung teilgenommen hatten, Deutsch bzw. Französisch als Fremdsprache.

retour

Inhaltsverzeichnis

weiter